{"id":197590,"date":"2024-05-07T07:00:11","date_gmt":"2024-05-07T05:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=197590"},"modified":"2024-05-07T09:26:29","modified_gmt":"2024-05-07T07:26:29","slug":"wohnungsknappheit-die-raumentwicklung-ist-teil-der-loesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/05\/wohnungsknappheit-die-raumentwicklung-ist-teil-der-loesung\/","title":{"rendered":"Wohnungsknappheit: Die Raumentwicklung ist Teil der L\u00f6sung"},"content":{"rendered":"<p>In der Debatte um die Wohnungsknappheit scheint eine der Schuldigen klar zu sein: die Raumplanung, genauer gesagt das Raumplanungsgesetz (RPG). Es schr\u00e4nke \u2013 so lautet zuweilen die Kritik \u2013 das Bauen zu stark ein. Um diese Kritik einzuordnen, lohnt es sich, zur\u00fcckzublenden.<\/p>\n<p>Vor ziemlich genau zehn Jahren, am 1. Mai 2014, trat die <a href=\"https:\/\/www.are.admin.ch\/are\/de\/home\/raumentwicklung-und-raumplanung\/raumplanungsrecht\/revision-des-raumplanungsgesetzes--rpg-.html\">erste Teilrevision des Raumplanungsgesetzes<\/a> (RPG1) in Kraft. Ihr Ziel ist es, die Zersiedelung in der Schweiz zu stoppen. Mehr Bauland einzuzonen und gr\u00fcne Wiesen zu \u00fcberbauen, geh\u00f6rt seither der Vergangenheit an. Die neue Politik lautet, die Siedlungen in der Schweiz nach innen zu entwickeln. Mit anderen Worten: Statt intakte Landschaften zu verbauen, soll dort gebaut werden, wo schon Geb\u00e4ude stehen und die Verkehrserschliessung bereits vorhanden ist.<\/p>\n<p>Das ist nicht zuletzt ein \u00f6konomischer Ansatz. Einerseits ist der Raum in der Schweiz eine knappe und darum sehr wertvolle Ressource; wir sollten sie so effizient wie m\u00f6glich nutzen. Andererseits tr\u00e4gt unsere unverbaute nat\u00fcrliche Landschaft wesentlich zur Attraktivit\u00e4t des Landes bei.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Zersiedelung wird gebremst<\/h2>\n<p>Mit der Einf\u00fchrung des RPG1 trat ein Bauzonenmoratorium in Kraft: Solange die Kantone ihren Richtplan nicht an das RPG1 angepasst und der Bundesrat diese Anpassung genehmigt hatte, durften sie ihre Bauzonenfl\u00e4che nicht vergr\u00f6ssern. Mit dem Richtplan legt der jeweilige Kanton fest, wie er sich r\u00e4umlich entwickeln will. Der letzte revidierte Richtplan \u2013 derjenige des Kantons Tessin \u2013 wurde im Herbst 2022 vom Bundesrat genehmigt. Nun ist es an den Gemeinden, ihre Nutzungspl\u00e4ne gem\u00e4ss RPG1 zu \u00fcberarbeiten und lebenswerten Wohnraum durch Innenentwicklung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Dass die Innenentwicklung angesichts der Wohnungsknappheit bei einigen \u00d6konomen auf Kritik st\u00f6sst, ist nicht erstaunlich. Um zus\u00e4tzlichen Wohnraum zu schaffen, scheint es auf den ersten Blick einfacher zu sein, im grossen Stil neu einzuzonen und auf dem freien Feld die Bagger auffahren zu lassen.<\/p>\n<p>Aber erstens ist es nicht die Aufgabe der Raumplanung, kurzfristig und einseitig auf einzelne Bed\u00fcrfnisse zu reagieren. Und zweitens ist erkennbar, dass das RPG1 greift.<\/p>\n<p>Die j\u00fcngsten Zahlen der <a href=\"https:\/\/www.are.admin.ch\/are\/de\/home\/raumentwicklung-und-raumplanung\/grundlagen-und-daten\/bauzonenstatistik-schweiz.html\">Bauzonenstatistik<\/a> des Bundesamts f\u00fcr Raumentwicklung (ARE) zeigen, dass der Trend zur weiteren Zersiedelung gebremst wird \u2013 auch dank des Bauzonenmoratoriums. Die Gesamtfl\u00e4che der Bauzonen ist stabil geblieben, obwohl die Bev\u00f6lkerungszahl in derselben Zeitspanne zugenommen hat. Die Bauzonenfl\u00e4che pro Kopf ist dementsprechend von 2012 bis 2022 von 309 auf 282 Quadratmeter gesunken (siehe Abbildung).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Bauzonenfl\u00e4che pro Kopf ist in der Schweiz von 2012 bis 2022 gesunken<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"LEZZI-2024-5_de\"><\/div>\n<script>\n$(function () {\n    $('#LEZZI-2024-5_de').highcharts({\n   chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n     plotOptions: {\n        line: {\n            marker: {\n                enabled: false\n            }\n        }\n    },\n     tooltip: {\n           \n                       valueSuffix: '',\n\n\n        },\n   \n    xAxis: {\n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: [\n        \n'2012','2017','2022'\n\n\n\n],\n\n\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        labels: {\n                format: ''\n            },\n            \n                   \n    },\n     tooltip: {\n     headerFormat: '<b>{point.x} <\/b><br>',\n     valueSuffix: ''\n   \n   \n        },\n    \n    series: [\n     {\n        name: 'Bauzonenfl\u00e4che pro Kopf in m2',\n        data: [\n      309,291,282\n\n\t\n\n\n\n]\n       \n           },  \n           \n           \n          \n           \n           \n           \n           ]\n});\n});\n<\/script>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Bauzonenstatistik ARE \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Das Potenzial ist riesig<\/h2>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die Innenentwicklung anspruchsvoll. Denn wer in bestehendem Siedlungsgebiet bauen will, muss mit Hindernissen rechnen: mehr Verkehr, weniger Aussicht und ein ver\u00e4ndertes Quartierbild. Solche Gr\u00fcnde werden in Nachbarschaftsversammlungen oder in Einsprachen gegen Bauvorhaben oft genannt. Grenzabst\u00e4nde oder andere Vorschriften machen bauliche Verdichtungen zus\u00e4tzlich kompliziert. M\u00f6glicherweise sind einige unserer Baugesetze noch von vorgestern, das heisst: noch zu stark auf den Neubau auf der gr\u00fcnen Wiese angelegt.<\/p>\n<p>Doch trotz dieser Schwierigkeiten ist das Potenzial riesig, und die Anzahl guter Beispiele f\u00fcr eine gelungene Innenentwicklung nimmt laufend zu. Sie zeigen auch, welche Faktoren zum Erfolg gef\u00fchrt haben. Wer beispielsweise die betroffene Bev\u00f6lkerung von Anfang an mit einbezieht und ihr nicht erst gegen Ende des Planungsprozesses alibim\u00e4ssig eine Anh\u00f6rung einr\u00e4umt, hat es einfacher. Bauen kann man nicht an den Menschen vorbei. Und wer zus\u00e4tzlich sch\u00f6ne, nutzbare Freir\u00e4ume wie Gr\u00fcnanlagen oder Spiel- und Begegnungsorte schafft oder L\u00e4rmprobleme l\u00f6st, gewinnt doppelt.<\/p>\n<p>Ein weiterer Vorteil der Innenentwicklung: Bauen verbraucht sehr viele Ressourcen. Statt Geb\u00e4ude abzureissen, ist es oft weitaus effizienter, sie umzunutzen, zu renovieren, aufzustocken oder an sie anzubauen. Ausserdem kann man viele Baumaterialien wiederverwenden oder -verwerten. Das tun wir noch zu wenig.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Kreative L\u00f6sungen sind gefragt<\/h2>\n<p>Schwierige Bedingungen f\u00fchren h\u00e4ufig zu innovativen Ideen und kreativen, mutigen L\u00f6sungen. Warum soll uns das nicht auch im Bereich des Wohnbaus gelingen? Architektinnen haben beispielsweise gezeigt, wie man bestehende Mehrfamilienh\u00e4user um ein weiteres Stockwerk erweitern kann. Und in letzter Zeit wurde dar\u00fcber diskutiert, wie leer stehende B\u00fcrogeb\u00e4ude in Wohnraum umgenutzt werden k\u00f6nnen. Wie w\u00e4re es zum Beispiel, wenn der Bund als Vorbild handeln und einen Teil seiner unternutzten B\u00fcrogeb\u00e4ude in Wohnungen umwandeln w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Ideen wie diese tragen dazu bei, die Innenentwicklung konsequent umzusetzen. Das ist ein zentraler Punkt des <a href=\"https:\/\/www.admin.ch\/gov\/de\/start\/dokumentation\/medienmitteilungen.msg-id-100019.html\">Aktionsplans<\/a>, den der runde Tisch zur Wohnungsknappheit am 13. Februar 2024 verabschiedet hat. Ein weiterer Punkt, an dem die Raumentwicklung ansetzen kann: die Planungs- und Bewilligungsverfahren, wo immer m\u00f6glich, beschleunigen. Wir sind derzeit daran, zu ermitteln, wie und wie stark Einsprachen und Beschwerden die Wohnbaut\u00e4tigkeit beeinflussen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die ganze Schweiz im Blick<\/h2>\n<p>Der verfassungsm\u00e4ssige Auftrag der Raumentwicklung ist, f\u00fcr eine zweckm\u00e4ssige und haush\u00e4lterische Nutzung des Raums zu sorgen. Daf\u00fcr nimmt das ARE eine gesamtheitliche Sicht ein. Der Platz zum Wohnen ist zwar ein zentrales Bed\u00fcrfnis, aber wir als Gesellschaft brauchen auch Raum f\u00fcr die Wirtschaft, die Natur, den Verkehr, Erholung und Freizeit, die Energieversorgung und die Nahrungsmittelproduktion, um nur die wichtigsten Aspekte zu nennen.<\/p>\n<p>Die ganzheitliche Sicht gilt auch f\u00fcr unseren Blick auf die Verschiedenartigkeit der Schweiz. Zwar leben drei Viertel der Menschen in der Schweiz in urbanem Gebiet. Und in den grossen St\u00e4dten ist die Wohnungssituation zweifellos angespannt; wir gehen derzeit auch davon aus, dass diese Anspannung weiter zunehmen wird.<\/p>\n<p>Doch zur Schweiz geh\u00f6ren auch Randgebiete von Agglomerationen, landwirtschaftlich oder industriell gepr\u00e4gte Regionen, Tourismusorte, Regionalzentren und wenig erschlossene Regionen in den Berggebieten. Sie alle haben ebenfalls Bed\u00fcrfnisse an den Raum. Auch ihre Bev\u00f6lkerung und ihre Unternehmen m\u00fcssen eine Zukunftsperspektive haben. Die Raumentwicklung hat deshalb sicherzustellen, dass unser Land geordnet besiedelt wird. Die Innenentwicklung sorgt daf\u00fcr. Die Raumentwicklung ist daher nicht Teil des Problems Wohnungsknappheit, sondern Teil der L\u00f6sung.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Debatte um die Wohnungsknappheit scheint eine der Schuldigen klar zu sein: die Raumplanung, genauer gesagt das Raumplanungsgesetz (RPG). 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