{"id":198418,"date":"2024-09-26T07:00:13","date_gmt":"2024-09-26T05:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=198418"},"modified":"2024-09-26T11:20:31","modified_gmt":"2024-09-26T09:20:31","slug":"fachkraeftemangel-das-kann-die-schweiz-von-anderen-laendern-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/09\/fachkraeftemangel-das-kann-die-schweiz-von-anderen-laendern-lernen\/","title":{"rendered":"Fachkr\u00e4ftemangel: Das kann die Schweiz von anderen L\u00e4ndern lernen"},"content":{"rendered":"<p>Die Covid-Krise war gerade vorbei, da stand schon eine neue Herausforderung vor der T\u00fcr: der Fachkr\u00e4ftemangel. Ende 2023 gaben 77 Prozent der Unternehmen in der EU an, dass sie Schwierigkeiten haben, passende Fachkr\u00e4fte zu finden. Besonders drastisch ist dieser Mangel in der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). Bis 2030 will die EU die vorhandenen Fachkr\u00e4fte in diesem Bereich um 20 Millionen zus\u00e4tzliche Fachpersonen erh\u00f6hen. Zum Vergleich: Heute arbeiten in dieser Branche 9,8 Millionen Arbeitnehmende. In der Schweiz ist die Situation etwas weniger angespannt. So berichteten Ende letzten Jahres 40 Prozent der Unternehmen, dass sie Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Fachkr\u00e4ften haben.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Gleichzeitig gibt es aktuell in Europa 8 Millionen junge Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren, die weder erwerbst\u00e4tig noch in einer Aus- oder Weiterbildung sind (NEET). Diese Diskrepanz zwischen offenen Stellen und Stellensuchenden deutet darauf hin, dass die W\u00fcnsche und Kompetenzen von jungen Menschen teilweise nicht mit der Nachfrage am Arbeitsmarkt \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Vier Ziele<\/h2>\n<p>Die EU will dem entgegenwirken. Um den Engpass an Fachpersonen anzugehen, hat sie 2023 das \u00ab<a href=\"https:\/\/germany.representation.ec.europa.eu\/das-europaische-jahr-der-kompetenzen-2023_de#:~:text=Ein%20Jahr%20im%20Zeichen%20von,helfen%2C%20den%20Fachkr%C3%A4ftemangel%20zu%20beheben.\">Europ\u00e4ische Jahr der Kompetenzen<\/a>\u00bb ausgerufen, das im Mai 2024 endete. Auch verschiedene europ\u00e4ische L\u00e4nder, die nicht Mitglied der EU sind, darunter die Ukraine, Norwegen und die Schweiz, waren eingeladen und haben an den Veranstaltungen teilgenommen.<\/p>\n<p>Mit dem \u00abJahr der Kompetenzen\u00bb wollte die EU vor allem vier Ziele erreichen. Erstens sollen die Investitionen in die Aus- und Weiterbildung erh\u00f6ht und gleichzeitig wirksamer und inklusiver werden, um insbesondere auch Personen mit niedrigem Qualifikationsniveau und mit geringem Einkommen einzuschliessen. Zweitens soll das Qualifikationsangebot verst\u00e4rkt an die Erfordernisse der Arbeitgeber angeglichen werden. Auch die Aus- und Weiterbildungsw\u00fcnsche und -ziele sowie die zu erwerbenden Kompetenzen sollen drittens besser auf die Nachfrage am Arbeitsmarkt abgestimmt werden \u2013 etwa vermittelt \u00fcber Beratungsangebote. Und viertens sollen Fachkr\u00e4fte aus Drittstaaten angeworben werden, beispielsweise kombiniert mit geeigneten Ausbildungsangeboten, Programmen zur F\u00f6rderung von Mobilit\u00e4t oder der erleichterten Anerkennung von Abschl\u00fcssen. Besonders wichtig bei der Erreichung dieser vier Ziele ist gem\u00e4ss der EU der Dialog zwischen den Sozialpartnern auf nationaler und EU-Ebene.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Was tut die Schweiz?<\/h2>\n<p>Auch in der Schweiz ist die Erh\u00f6hung der Anzahl Berufsabschl\u00fcsse f\u00fcr Erwachsene eine wichtige bildungs- und arbeitsmarktpolitische Zielsetzung. Die Verbundpartner in der Berufsbildung sowie die \u00f6ffentliche Arbeitsvermittlung (\u00d6AV) finanzieren hierzu vielf\u00e4ltige Massnahmen und Projekte. Ein Projekt aus dem Kanton Waadt etwa hat zum Ziel, die Anzahl der Berufsabschl\u00fcsse mittels optimal auf die Bed\u00fcrfnisse von Erwachsenen zugeschnittener Berufsbildungsangebote zu erh\u00f6hen und so mehr Fachkr\u00e4fte zu gewinnen.<\/p>\n<p>Zudem will die Schweiz die Grund- sowie die digitalen Kompetenzen f\u00f6rdern. Insbesondere die Digitalkompetenzen haben angesichts des technologischen Wandels eine besonders kurze Halbwertszeit und m\u00fcssen daher in regelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden aktualisiert werden. Doch diese M\u00f6glichkeit ist nicht \u00fcberall gegeben, sondern variiert je nach Betrieb und Sektor. Deshalb bieten die Kantone Genf und Neuenburg sogenannte Digitalpraktika an. Damit k\u00f6nnen als arbeitslos registrierte Personen w\u00e4hrend drei bis sechs Monaten und unterst\u00fctzt durch einen Coach digitale Projekte in einem Unternehmen realisieren und dadurch einen Leistungsausweis erhalten, der ihre Kompetenzen belegt und ihnen bei der Stellensuche hilft.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Von anderen L\u00e4ndern lernen<\/h2>\n<p>Die Beispiele zeigen: Die Schweiz tut einiges. Aber sie k\u00f6nnte noch mehr. Verbesserungspotenzial gibt es etwa bei der Finanzierung und der Flexibilit\u00e4t von Weiterbildungsangeboten f\u00fcr Erwachsene. Auch bei der Validierung von Berufserfahrung anhand national einheitlicher Standards besteht noch Potenzial nach oben.<\/p>\n<p>Auch wenn die diesbez\u00fcglichen Ans\u00e4tze anderer L\u00e4nder nat\u00fcrlich nicht direkt mit der Schweiz verglichen werden k\u00f6nnen, hat das Europ\u00e4ische Jahr die Vielfalt an Massnahmen und das Engagement und Commitment der L\u00e4nder in Europa aufgezeigt. Andere Teilnehmerl\u00e4nder entwickeln typischerweise die Berufsbildung weiter, bieten Lehrg\u00e4nge zum Erwerb von Mikrozertifikaten an, f\u00f6rdern digitale Kompetenzen und finanzieren individuelle Lernguthaben.<\/p>\n<p>Viele L\u00e4nder verfolgen dabei einen lenkenden Ansatz. Der im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen eingesetzte Bildungsscheck beispielsweise legt den Schwerpunkt auf die berufliche Qualifizierung sowie den Erwerb fachlicher Kompetenzen und von Schl\u00fcsselqualifikationen. \u00c4hnlich finanziert der portugiesische Cheque forma\u00e7\u00e3o Ausbildungsprogramme, die auf die j\u00e4hrlich vom Institut f\u00fcr Besch\u00e4ftigung und Ausbildung festgelegten Priorit\u00e4tsbereiche abgestimmt sind. Und Erwerbspersonen in Frankreich k\u00f6nnen auf Basis des franz\u00f6sischen Compte Personnel de Formation (CPF) j\u00e4hrlich Weiterbildungsguthaben in H\u00f6he von 500 Euro abrufen \u2013 insgesamt zehn Mal im Verlauf ihres Erwerbslebens. Arbeitskr\u00e4fte mit geringen Qualifikationen k\u00f6nnen dabei sogar 800 Euro beanspruchen.<\/p>\n<p>Interessant ist auch ein schwedischer Pilotversuch in der h\u00f6heren Berufsbildung. Dabei wurde vor dem eigentlichen Ausbildungsbeginn individuell bewertet, \u00fcber welche Kompetenzen eine Person bereits verf\u00fcgt. Danach wurden die Lernmodule festgelegt, welche die Lernenden noch absolvieren mussten.<\/p>\n<p>Mit dem Pilotversuch hat Schweden gute Erfahrungen gemacht. Insbesondere sch\u00e4tzen die Teilnehmenden die Zeitersparnis und die verbesserte Work-Life-Balance, die durch den flexibel ausgerichteten Lernplan erm\u00f6glicht wurde. Die Hoffnung ist, dass durch die punktuelle und verk\u00fcrzte Ausbildung mehr Arbeitnehmende eine Weiterbildung in Betracht ziehen. Seit einigen Jahren k\u00f6nnen Erwerbst\u00e4tige in Schweden, die in den vergangenen 14 Jahren mindestens 8 Jahre erwerbst\u00e4tig waren, zudem ein staatliches Weiterbildungsstipendium in H\u00f6he von 80 Prozent des Vorjahresgehalts beziehen \u2013 ein Faktor, der die Inanspruchnahme von Weiterbildung (auch durch bisher unterrepr\u00e4sentierte Gruppen) positiv beeinflussen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf IKT-Berufe zeigte der Austausch in den Arbeitsgruppen ein noch verbleibendes Potenzial f\u00fcr die Schweiz auf. Etwa in Finnland und Estland ist der Anteil dieser Berufe an der Gesamtbesch\u00e4ftigung vergleichsweise hoch. Gleichzeitig gelingt es den L\u00e4ndern auch in st\u00e4rkerem Masse als der Schweiz, Frauen als Fachkr\u00e4fte f\u00fcr den IKT-Sektor zu attrahieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Berufsbildung muss sich Realit\u00e4ten anpassen<\/h2>\n<p>Knapp jede zweite in der Schweiz lebende Person zwischen 25 und 74 Jahren hat sich 2021 weitergebildet.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Dieser Anteil ist zwar hoch, doch das f\u00fcr das Jahr 2030 angestrebte Ziel der EU liegt noch h\u00f6her, n\u00e4mlich bei 60 Prozent. Bei entsprechendem Bedarf gibt es in der Arbeitslosenversicherung (ALV) bereits heute M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Weiterbildung, Ausbildung und Umschulung. Diese M\u00f6glichkeiten sollen in der Umsetzung der \u00ab<a href=\"https:\/\/www.arbeit.swiss\/secoalv\/de\/home\/menue\/institutionen-medien\/projekte-massnahmen\/strategie-arbeitsvermittlung.html\">Strategie \u00d6AV 2030<\/a>\u00bb, die im Juni 2023 in Kraft getreten ist, allerdings noch markant verbessert werden.<\/p>\n<p>Um den demografischen, technologischen und gr\u00fcnen Wandel zu meistern, muss sich auch das Berufsbildungssystem wandeln. Immer wichtiger werden deshalb Konzepte wie Lebenslanges Lernen, die Flexibilisierung von Bildungsangeboten und die Erh\u00f6hung der Effizienz insbesondere im Hinblick auf die Zielsetzungen der gr\u00fcnen Transition.<\/p>\n<p>Nicht nur die Schweiz kann von anderen L\u00e4ndern lernen. Auch die schweizerischen Ans\u00e4tze zur F\u00f6rderung von Kompetenzen und Abschl\u00fcssen stossen anderswo auf Interesse. Das Europ\u00e4ische Jahr der Kompetenzen bot Gelegenheit, diesen Austausch weiter zu pflegen. Nat\u00fcrlich gen\u00fcgt es nicht, w\u00e4hrend nur eines Jahres die Kompetenzen in den Vordergrund zu stellen. Vielmehr gilt es, die Bedeutung von Aus- und Weiterbildung f\u00fcr die gesellschaftliche, wirtschaftliche und \u00f6kologische Entwicklung nachhaltig im Bewusstsein aller zu verankern. Und gleichzeitig offen zu bleiben f\u00fcr die Perspektiven und L\u00f6sungsans\u00e4tze der europ\u00e4ischen Partner.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Daten: Bundesamt f\u00fcr Statistik.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Anteil in Prozent der 25- bis 74-j\u00e4hrigen st\u00e4ndigen Wohnbev\u00f6lkerung in der Schweiz, die in den vier Wochen vor der Befragung an einer Weiterbildung (nicht formale Bildung) teilgenommen hat.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Covid-Krise war gerade vorbei, da stand schon eine neue Herausforderung vor der T\u00fcr: der Fachkr\u00e4ftemangel. 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