{"id":198738,"date":"2024-06-11T07:15:58","date_gmt":"2024-06-11T05:15:58","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=198738"},"modified":"2024-06-11T13:41:17","modified_gmt":"2024-06-11T11:41:17","slug":"wo-beginnt-und-endet-der-sozialstaat-ein-historischer-rueckblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/06\/wo-beginnt-und-endet-der-sozialstaat-ein-historischer-rueckblick\/","title":{"rendered":"Wo beginnt und endet der Sozialstaat? Ein historischer R\u00fcckblick"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 1899 ver\u00f6ffentlichte der sozialistische Z\u00fcrcher Pastor Paul Pfl\u00fcger, eine der einflussreichsten Pers\u00f6nlichkeiten der Linken zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ein Buch mit dem Titel \u00abDer schweizerische Sozialstaat. Eine Umschau im Jahre 1950.\u00bb Darin erl\u00e4uterte Pfl\u00fcger seine Idealvorstellung f\u00fcr eine zuk\u00fcnftige Schweiz. Er war \u00fcberzeugt, dass der Sozialstaat innerhalb der n\u00e4chsten f\u00fcnfzig Jahre (also bis 1950) umfassende Sozialleistungen anbieten werde, die vom Bundesstaat oder allenfalls von nicht gewinnorientierten Gegenseitigkeitsversicherungen und Genossenschaften erbracht w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Pfl\u00fcgers Schriften zeugen von ausufernden und heftigen Debatten, die damals in der Schweiz gef\u00fchrt wurden. Man rang um Antworten auf die sogenannte soziale Frage, n\u00e4mlich die risikoreichen Auswirkungen der Lohnabh\u00e4ngigkeit in einer vom industriellen Kapitalismus dominierten Gesellschaft. Die Industrialisierung brachte einen noch nie da gewesenen Reichtum und ein rasantes Wachstum, aber auch zahlreiche Probleme: Nicht nur soziale Ungleichheit und Armut, sondern auch neue soziale Risiken waren entstanden, wenn infolge von Unfall, Invalidit\u00e4t, Krankheit oder Arbeitslosigkeit der Lohn wegfiel. Dazu kam die dr\u00e4ngende Frage, wer f\u00fcr die \u00e4lteren Arbeitnehmenden zust\u00e4ndig sei, wenn diese aufgrund ihres Alters nicht mehr arbeiten k\u00f6nnen und keinen Lohn mehr erhalten.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Weitgehend private Organisation der Sozialversicherungen<\/h2>\n<p>Die verschiedenen Sozialversicherungen, die im 20. Jahrhundert in der Schweiz eingef\u00fchrt wurden, sollten alle diese Probleme l\u00f6sen. Doch weder ihre Funktionsweise noch ihre Finanzierung entsprachen der etatistischen und solidaristischen Vision von Paul Pfl\u00fcger. Nat\u00fcrlich erliess der Bundesstaat Gesetze, die in diesen Teilbereichen den Rahmen vorgeben und ihre Finanzierungsquellen festlegen, doch die f\u00fcr die Sozialversicherungen zust\u00e4ndigen Institutionen sind alles andere als staatlich.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Da ist beispielsweise die Unfallversicherung: Obwohl die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) eine Organisation ist, die Arbeitgeber, Gewerkschaften und die Eidgenossenschaft umfasst, verbleiben doch grosse Teile der Unfallversicherung in den H\u00e4nden der kommerziellen Versicherungsgesellschaften wie Z\u00fcrich, AXA Winterthur, Helsana oder Generali. Letztere sind seit einem Jahrhundert, zusammen mit den von den Arbeitgebern verwalteten Pensionskassen, ebenfalls im Bereich der Altersvorsorge t\u00e4tig, der heutigen zweiten S\u00e4ule. Die Krankenversicherungen, die urspr\u00fcnglich gem\u00e4ss dem nicht kommerziellen Gegenseitigkeitsprinzip organisiert waren, geh\u00f6ren nun dem Sektor der Privatversicherungen an. Letztendlich sind die Arbeitslosenkassen die einzigen Institutionen, in denen die Gewerkschaften noch den Ton angeben. Die Finanzfl\u00fcsse der Sozialversicherungen im Bereich der Altersvorsorge (Alters- und Hinterlassenenversicherung, AHV), der Invalidit\u00e4t (IV) oder des Erwerbsersatzes (EO) f\u00fcr Soldaten, M\u00fctter oder von der Covid-19-Pandemie betroffene Selbstst\u00e4ndigerwerbende laufen \u00fcber die weitgehend von den Arbeitgeberorganisationen gegr\u00fcndeten und kontrollierten Ausgleichskassen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Wir sind also meilenweit vom schweizerischen Sozialstaat entfernt, wie ihn sich Paul Pfl\u00fcger 1899 vorgestellt hatte. Gem\u00e4ss der Definition des Bundesamts f\u00fcr Sozialversicherungen (BSV) deckt das aktuelle Sozialversicherungssystem sieben Bereiche ab: Altersvorsorge, Versicherungsschutz bei Krankheit, Invalidit\u00e4t und Unfall, Erwerbsausfallentsch\u00e4digungen f\u00fcr Dienstleistende und werdende M\u00fctter, Arbeitslosenversicherung und Familienzulagen. Es stellt die Gesamtheit der Massnahmen \u00f6ffentlicher und privater Institutionen dar mit dem Ziel, Personen oder Haushalte vor sozialen Risiken zu sch\u00fctzen und deren Existenz zu sichern. Das st\u00e4ndige Ringen um die Festlegung der Grenzen zwischen Staat und Privatsektor ist somit eine Konstante in der Geschichte der Sozialpolitik. Angesichts ihrer entscheidenden Rolle in der Schweizer Politik haben die Arbeitgeberschaft und private Interessen also die soziale Sicherheit massgeblich gepr\u00e4gt.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Stabilisierung der sozialen Ausgaben seit Beginn des 21. Jahrhunderts (1925\u20132021)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"Leimgruber-2024-6_de\"><\/div>\n<script>\n$(function () {\n    $('#Leimgruber-2024-6_de').highcharts({\n   chart: {\n        type: 'area'\n    },\n    title: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    subtitle: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            useHTML: true,\n            text: 'Ausgaben der wichtigsten Sozialversicherungszweige in Prozent des BIP'\n        }, \n        labels: {format: '{value}%'},\n    },\n    \n    tooltip: {\n        shared: true,\n        valueSuffix: '%',\n        headerFormat: '<span style=\"font-size:12px\"><b>{point.key}<\/b><\/span><br>'\n    },\n    plotOptions: {\n        series: {\n            pointStart: 1925\n        },\n        area: {\n            stacking: 'normal',\n            lineColor: '#666666',\n            lineWidth: 0,\n            marker: {\n                enabled: false\n            }\n        }\n    },\n    legend: {\nreversed: false\n},\n    series: [{\n        name: 'AHV (1. 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ber\u00fccksichtigt.<\/h6>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) \/ Gesamtrechnung der Sozialversicherungen \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Soziale Ausgaben sind hoch, aber nicht staatlich<\/h2>\n<p>Das schweizerische System der sozialen Sicherheit ist ein komplexes Gef\u00fcge, das sehr viel kostet. Die Gesamtausgaben der verschiedenen Bereiche der sozialen Sicherheit sind im Verlauf des 20. Jahrhunderts stark angestiegen (siehe Abbildung). Ihr prozentualer Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) hat sich seit 1925 mit jeder Generation verdoppelt, zwischen 1950 und 1975 gar verdreifacht. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich die Situation allerdings ge\u00e4ndert: Mit Ausnahme eines Ausreissers, der sich in j\u00fcngster Vergangenheit aufgrund der \u00fcber die Arbeitslosenversicherung und den Erwerbsersatz w\u00e4hrend der Corona-Pandemie ausgesch\u00fctteten Nothilfe ergab, pendelten sich die Ausgaben der Sozialversicherungen auf einem Stand von rund 20 bis 25 Prozent des BIP ein. Seit Jahrzehnten fliessen vier F\u00fcnftel dieser Ausgaben in die erste und die zweite S\u00e4ule der Altersvorsorge (AHV und berufliche Vorsorge) sowie in die obligatorische Krankenpflegeversicherung.<\/p>\n<p>Wer finanziert also die sozialen Ausgaben in der Schweiz? Es ist jedenfalls nicht der Staat, da die eidgen\u00f6ssischen Beitr\u00e4ge zu allen diesen Versicherungszweigen seit 1987 nur rund 14\u00a0Prozent der Gesamtausgaben ausmachen, w\u00e4hrend 13\u00a0Prozent aus Kapitalertr\u00e4gen stammen \u2013 ein wesentliches Element bei der Finanzierung der zweiten S\u00e4ule \u2013 und \u00fcber 70\u00a0Prozent durch Lohnbeitr\u00e4ge finanziert werden.<\/p>\n<p>Vor zwanzig Jahren machte sich Peter Hasler, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, Sorgen angesichts der hohen sozialen Ausgaben in der Schweiz. Er spielte auf eine alles verschlingende Gottheit an, als er vom \u00abSozialmoloch Schweiz\u00bb sprach, der einen immer gr\u00f6sseren Anteil des erwirtschafteten Reichtums vernichte und den Wohlstand des Landes in Gefahr bringe, w\u00fcrde man ihn nicht stoppen.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Diese heftige Kritik eines liberalen Autors an den Exzessen des sogenannten Sozialstaats beruht auf einer \u00fcberspitzten Vorstellung von sozialer Sicherheit. Die wiederholten Klagen betreffend die unertr\u00e4gliche Belastung durch die sozialen Ausgaben verleugnen nicht nur die Schl\u00fcsselrolle der Sozialversicherungen bei der Eingrenzung und Abfederung des fortschreitenden Kapitalismus. Sie kehren auch die Tatsache unter den Tisch, dass wesentliche Teile der sozialen Sicherheit, wie beispielsweise die Altersvorsorge oder die Krankenversicherung, auch profitable privatwirtschaftliche M\u00e4rkte sind.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe die Website \u00ab<a href=\"https:\/\/www.geschichtedersozialensicherheit.ch\/home\">Geschichte der sozialen Sicherheit<\/a>\u00bb f\u00fcr weitere Informationen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Eichenberger (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Leimgruber (2008) sowie Eichenberger und Leimgruber (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Siehe Hasler (2004).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 1899 ver\u00f6ffentlichte der sozialistische Z\u00fcrcher Pastor Paul Pfl\u00fcger, eine der einflussreichsten Pers\u00f6nlichkeiten der Linken zu Beginn des 20. 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(2004). <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/article9GWGM-ld.294319\">Sozialpolitik im Kreuzfeuer. Diskussion grundlegender Fragen zur Zukunft<\/a>. Neue Z\u00fcrcher Zeitung (NZZ), 18. M\u00e4rz.\r\n\r\nLeimgruber, M. (2008). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1017\/CBO9780511497094\">Solidarity Without the State?<\/a> Business and the Shaping of the Swiss Welfare State, 1890\u20132000, Cambridge: Cambridge University Press.","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":[199217,199215],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[9757],"korrektor":5357,"planned_publication_date":"2024-06-11 05:15:58","original_files":null,"external_release_for_author":null,"external_release_for_author_time":"","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/6633bc03a2fe5"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198738"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11989"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=198738"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198738\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":199957,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198738\/revisions\/199957"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9757"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11989"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/199215"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/199217"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/199926"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=198738"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=198738"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=198738"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=198738"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=198738"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=198738"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}