{"id":199351,"date":"2024-06-11T07:02:02","date_gmt":"2024-06-11T05:02:02","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=199351"},"modified":"2024-06-11T12:21:29","modified_gmt":"2024-06-11T10:21:29","slug":"die-freiburger-schule-zwischen-laissez-faire-und-diktatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/06\/die-freiburger-schule-zwischen-laissez-faire-und-diktatur\/","title":{"rendered":"Die Freiburger Schule: Zwischen Laissez-faire und Diktatur"},"content":{"rendered":"<p>Im Fr\u00fchling 2009 kochte in deutschen Medien eine Auseinandersetzung um die Ausrichtung von Lehrst\u00fchlen in der Volkswirtschaftslehre auf. Die Ordnungspolitik wurde dabei vielfach als altert\u00fcmlich abgetan. \u00c4hnliches las man dann 2011 auch in angels\u00e4chsischen Medien im Zuge der Schuldenkrise im Euroraum, als die deutsche Politik auf eine ordnungspolitische Ausrichtung der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion pochte. Ordnungspolitik sei oldschool, hiess es, und man m\u00fcsse die regelgebundene Wirtschaftspolitik Europas beenden, um eine st\u00e4rker expansive Fiskalpolitik betreiben zu k\u00f6nnen. Die aktuelle Diskussion um die Schweizer und die deutsche Schuldenbremse \u2013 eine die Finanzpolitik z\u00fcgelnde Regel \u2013 verdeutlicht dies ebenfalls.<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass ein v\u00f6llig veralteter Ansatz wohl nicht diese Aufmerksamkeit in der politischen Debatte erhielte, stellt sich die Frage, was Ordnungspolitik \u00fcberhaupt ist, welche Urspr\u00fcnge sie hat und was sie heute bedeutet. Dies l\u00e4sst sich einerseits f\u00fcr die \u00d6konomie als Wissenschaft betrachten, andererseits f\u00fcr die politische Diskussion.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ordnungs\u00f6konomik ist liberal<\/h2>\n<p>Walter Eucken, Franz B\u00f6hm und der deutsche Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard sind die Begr\u00fcnder dieser Denkschule. Die Ordnungstheorie beschreibt und erkl\u00e4rt, wie Regeln entstehen und wirken. Es geht somit darum, welche (Kombinationen von) Institutionen welche Wirkungen auf Individuen und deren Interaktion haben und welche Konsequenzen sich hieraus auf die sich bildende Wirtschaftsordnung ergeben. Ordnungspolitik gestaltet Spielregeln in der Wirtschaftspolitik, zielt also auf generell w\u00fcnschenswerte Ergebnisse ab und nicht darauf, spezifische Ergebnisse f\u00fcr bestimmte Gruppen zu sichern.<\/p>\n<p>Politische Fragen sind naturgem\u00e4ss umstritten und selten unabh\u00e4ngig von den individuellen Wertvorstellungen derjenigen, die politische Vorschl\u00e4ge unterbreiten. Die eigentliche normative Grundlage, auf welche die Ordnungs\u00f6konomik abstellt, ist der normative Individualismus. Normativer Individualismus bedeutet, dass die ordnungs\u00f6konomische Analyse keine \u00fcbergeordnete Wertvorstellung akzeptiert \u2013 keine religi\u00f6s oder naturrechtlich motivierte und erst recht keine absolutistische oder ideologische Vorstellung einer Einheitspartei. Wertvorstellungen haben gem\u00e4ss dem normativen Individualismus nur die Individuen selbst. Dies ist eine urliberale Vorstellung, schon konsequent in der Aufkl\u00e4rung begr\u00fcndet, und akzeptiert den Menschen als m\u00fcndiges Individuum, so wie es ist. Insofern liegt die Bezeichnung Ordoliberalismus f\u00fcr die Ordnungs\u00f6konomik nahe.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Entstehung des Ordoliberalismus<\/h2>\n<p>Der Ordoliberalismus entstand, je nach gew\u00e4hlter Perspektive, zum Ende der 1920er- oder zum Beginn der 1930er-Jahre und ist wesentlich mit der Freiburger Schule verbunden. Im Jahr 1927 wechselte Walter Eucken von T\u00fcbingen auf eine Professur an der Universit\u00e4t Frei&shy;burg im Breisgau und gr\u00fcndete dort zusammen mit den Juristen Franz B\u00f6hm und Hans Grossmann-Doerth bald eine Forschungsgemeinschaft von Juristen und \u00d6konomen. Im Mittelpunkt ihres interdisziplin\u00e4ren Interesses stand die Frage der Macht: zun\u00e4chst der Vermachtung der deutschen Wirtschaft durch Kartelle, Monopole und marktbeherrschende Stellungen, dann die Rolle politischer Macht.<\/p>\n<p>Als Gr\u00fcndungsdokument wird vielfach ein Aufsatz Euckens mit dem Titel \u00abStaatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus\u00bb im Weltwirtschaftlichen Archiv von 1932 gesehen. Darin stellt Eucken auf die Bedeutung wirtschaftlicher Machtgruppen ab, die seit dem Kaiserreich in Deutschland einen immer st\u00e4rkeren Einfluss auf die Politik gewonnen hatten. Dies mache das Preissystem als Regulationsmechanismus der Wirtschaft zunehmend funktionsunf\u00e4hig, weil Monopolpreise Marktverzerrungen verursachten. Von diesem Einfluss der Interessengruppen m\u00fcsse der Staat sich frei machen, er m\u00fcsse \u00fcber den Partikularinteressen stehen. In diesem Sinne sei ein starker Staat erforderlich.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Regelbasierte Wirtschaftspolitik ist wegweisend<\/h2>\n<p>Eucken richtete sein Forschungsprogramm darauf aus, einen Grundkanon f\u00fcr eine regelbasierte Wirtschaft zu erarbeiten, der die Grundlage f\u00fcr die soziale Marktwirtschaft bildete. Dieser Grundkanon besteht aus sieben konstituierenden und vier regulierenden Prinzipien. Im Zentrum steht ein funktionsf\u00e4higes Preissystem bei vollst\u00e4ndiger Konkurrenz. Darin zeigt sich die Zielsetzung der Freiburger Schule, Marktmacht zu unterbinden. Dem folgt das Primat der W\u00e4h&shy;rungspolitik, bei dem Eucken Preisstabilit\u00e4t im Blick hatte. Drei weitere Prin&shy;zipien \u2013 offene M\u00e4rkte, Privateigentum, Vertragsfreiheit \u2013 sind dem klassischen Liberalis&shy;mus entlehnt, wobei die Wettbewerbspolitik in die Vertragsfreiheit eingreifen solle, um Marktmacht zu verhindern. Komplettiert wird dieser Teil des Kanons durch das Haftungsprinzip und die Konstanz der Wirtschaftspolitik. Das Haftungsprinzip soll sicherstellen, dass Entscheidungstr\u00e4ger, Nutzniesser und Kostentr\u00e4ger einer \u00f6konomischen Entscheidung nicht auseinanderfallen; die Konstanz der Wirtschaftspolitik zielt auf sta&shy;bile Rahmenbedingungen ab.<\/p>\n<p>Hinzu kommen die regulie&shy;renden Prinzipien: Monopol&shy;kontrolle, Korrektur externer Effekte (Wirtschaftsrechnung), Einkommenspolitik (Umvertei&shy;lung) und Vorkehrungen gegen anomales Angebotsverhalten, etwa wenn Arbeitnehmer ihr Arbeitsangebot bei sinkenden L\u00f6hnen ausweiten. Die regulierenden Prinzipien verdeutlichen jeweils Ansatzpunkte f\u00fcr wirtschaftspolitisches Handeln und somit die Abkehr des Ordoliberalismus vom klassischen (Laissez-faire-)Liberalismus des 19. Jahrhunderts. Zu&shy;gleich wendet sich Eucken damit aber gegen planwirtschaftliche Vorstellungen. Staatliche Lenkung, indem der Staat ins Markt&shy;geschehen eingreift, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen, lehnte er ab.<\/p>\n<p>Die Freiburger Schule war nicht die einzige, die regelbasierte Wirtschaftspolitik als weg&shy;weisend f\u00fcr die Wirtschaftsordnung betrachtete. In den USA ist in erster Linie die alte Chicago-Schule an der University of Chicago zu nennen. Vor allem Henry Simons entwickelte parallel zu Eucken \u00e4hnliche wettbewerbspolitische Vorstellungen und machte mit seinen Ideen zur regelbasierten Geldpolitik Furore. Bis heute zeigt sich somit in zwei Str\u00e4ngen \u00f6konomischer Forschung eine enge Verwandtschaft mit dem Ordoliberalismus \u2013 einerseits die fortw\u00e4hrende Debatte um Rules versus Discretion in der Makro\u00f6konomik und andererseits die Constitutional Economics\/Public Choice. Anwen&shy;dungs&shy;beispiele wie etwa die Architektur der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion mit dem Ziel der Trennung von Geld- und Finanzpolitik sowie deren Erg\u00e4nzung durch die europ\u00e4ischen Fiskal&shy;regeln, die Ausgestaltung von nationalen Fiskalregeln (Schuldenbremsen), die Wettbewerbs&shy;politik, die Industriepolitik zeugen von der Aktualit\u00e4t des Ordoliberalismus.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Fr\u00fchling 2009 kochte in deutschen Medien eine Auseinandersetzung um die Ausrichtung von Lehrst\u00fchlen in der Volkswirtschaftslehre auf. 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