{"id":199794,"date":"2024-07-15T07:00:38","date_gmt":"2024-07-15T05:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=199794"},"modified":"2024-07-15T11:06:47","modified_gmt":"2024-07-15T09:06:47","slug":"wachstumskraefte-in-deutschland-schwinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/07\/wachstumskraefte-in-deutschland-schwinden\/","title":{"rendered":"Wachstumskr\u00e4fte in Deutschland schwinden"},"content":{"rendered":"<p>Deutschlands Wirtschaft schw\u00e4chelt. Untersuchen Konjunkturforscher den kr\u00e4nkelnden Mann Europas, unterscheiden sie zwischen zwei Komponenten: erstens strukturelle Probleme, die das Wachstum betreffen, also die Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Produktionsm\u00f6glichkeiten bei normal ausgelasteten Kapazit\u00e4ten. Die um zyklische Einfl\u00fcsse bereinigte Entwicklung der Produktionsm\u00f6glichkeiten nennt man auch Potenzialpfad. Zweitens eine tempor\u00e4re, konjunkturelle Schw\u00e4che \u2013 die schwankende Kapazit\u00e4tsauslastung um diesen Potenzialpfad herum.<\/p>\n<p>Schaut man sich die zweite Komponente an, war der Gegenwind in Deutschland zuletzt stark: Die Inflation f\u00fchrte dazu, dass die Kaufkraft und damit der private Konsum zur\u00fcckgingen. Der deutliche R\u00fcckgang um die Jahreswende 2022\/23 wurde bislang nicht wettgemacht. Die weltweit schw\u00e4chelnde Industrieproduktion drosselte die Warenexporte, die erst zum Auftakt dieses Jahres nach f\u00fcnf r\u00fcckl\u00e4ufigen Quartalen wieder zulegen konnten, und die Zinswende zog nach zuvor stark gestiegenen Baupreisen die Bauaktivit\u00e4t runter. Eine hohe Politikunsicherheit n\u00e4hrte den Investitionsattentismus \u2013 Unternehmen halten sich mit Investitionen zur\u00fcck. Hinzu kam eine aussergew\u00f6hnlich hohe Zahl an Krankheitstagen, welche die gew\u00f6hnliche Arbeitsleistung um bis zu 1,5 Prozent schm\u00e4lerte. Insgesamt blieb die deutsche Wirtschaft damit unter ihren M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Die meisten dieser Belastungsfaktoren d\u00fcrften sich nun aber nach und nach aufl\u00f6sen. Die deutlich anziehende Massenkaufkraft wird demn\u00e4chst die konsumnahen Wirtschaftsbereiche st\u00fctzen, eine weiter anziehende Weltkonjunktur st\u00fctzt die Exporte, und die zu erwartenden Zinssenkungen d\u00fcrften nach und nach auch die Bauwirtschaft beleben \u2013 wenn auch erst im kommenden Jahr. Umso bedeutender wird in der mittleren Frist, dass die andere Komponente, die Produktionsm\u00f6glichkeiten selbst, tats\u00e4chlich zum Hemmschuh der wirtschaftlichen Entwicklung wird.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Das Produktionspotenzial Deutschlands geht zur\u00fcck (2000\u20132028)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='07_2024_Kooths-Hoffmann_Abb_1_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#07_2024_Kooths-Hoffmann_Abb_1_de').highcharts({\n\n chart: {\n        zoomType: 'xy'\n    },\n    title: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    subtitle: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    xAxis: [{\n        categories: [2000,2001,2002,2003,2004,2005,2006,2007,2008,2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023,2024,2025,2026,2027,2028\t\n],\n        crosshair: true\n    }],\n    plotOptions: {\n        series: {\n            marker: {\n                enabled: false,\n                states: {\n                    hover: {\n                        enabled: false\n                    }\n                }\n            }\n        }\n    },\n    yAxis: [{ \/\/ Primary yAxis\n         labels: {\n            format: '{value}',\n          \n        },\n        title: {\n            text: 'Wachstumsbeitrag in Prozentpunkten',\n            \n        },\n        opposite: false\n\n    }, { \/\/ Secondary yAxis\n        gridLineWidth: 0,\n        title: {\n            text: '',\n          \n        },\n        \n         labels: {\n                formatter: function () {\n            return Highcharts.numberFormat(this.value, 0);\n        }}\n\n    }, ],\n    tooltip: {\n        shared: false\n\n    },\n       plotOptions: {\n        column: {\n            stacking: 'normal',\n            dataLabels: {\n                enabled: false,\n   },\nline: {\n            marker: {\n                enabled: false,\n\n}\n            }\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: 'Kapital',\n        type: 'column',\n\n        data: [0.84,0.78,0.65,0.55,0.51,0.47,0.49,0.53,0.53,0.45,0.39,0.42,0.43,0.41,0.40,0.42,0.43,0.44,0.46,0.46,0.43,0.34,0.34,0.32,0.29,0.30,0.31,0.31,0.31\n\n],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ' Prozentpunkte'\n        }\n    }, {\n\n        name: 'Arbeit',\n        type: 'column',\n\n        data: [-0.08,-0.07,-0.02,-0.01,0.04,0.07,0.14,0.17,0.16,0.05,0.09,0.29,0.43,0.46,0.46,0.38,0.31,0.41,0.34,0.17,0.09,0.02,0.41,0.37,0.02,-0.10,-0.22,-0.34,-0.45\n\t\n],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ' Prozentpunkte'\n        }\n    }, {\nname: 'Produktivit\u00e4t',\n        type: 'column',\n\n        data: [0.92,0.92,0.80,0.67,0.60,0.55,0.53,0.47,0.40,0.28,0.45,0.51,0.52,0.56,0.62,0.62,0.63,0.62,0.53,0.48,0.36,0.28,0.20,0.13,0.15,0.23,0.30,0.35,0.41\n\n],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ' Prozentpunkte'\n        }\n    }, {\n       \n        name: 'Potenzial (Ver\u00e4nderung gegen\u00fcber Vorjahr, in %)',\n        type: 'line',\n    color: '#bcd3d3',\n\n        data: [1.69,1.64,1.44,1.21,1.15,1.10,1.17,1.17,1.09,0.78,0.93,1.22,1.39,1.44,1.48,1.42,1.38,1.48,1.34,1.12,0.88,0.65,0.94,0.82,0.47,0.42,0.38,0.32,0.27\n],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: '%'\n        }\n\n    }],\n    \n});\n\n});\n\n\n\n<\/script>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Boysen-Hogrefe et al. (2024) \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abnehmendes Arbeitsvolumen<\/h2>\n<p>Der Trend des deutschen Produktionspotenzials, das sich an der Entwicklung der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Produktivit\u00e4t bemisst, ist weiterhin aufw\u00e4rtsgerichtet. Er flacht sich jedoch infolge struktureller Probleme deutlich ab (siehe Abbildung 1). Lag das Wachstum im langj\u00e4hrigen Durchschnitt seit der Wiedervereinigung Deutschlands bis vor wenigen Jahren noch bei 1,3 Prozent, d\u00fcrfte es sich im laufenden Jahr auf nur noch rund 0,5 Prozent belaufen.<\/p>\n<p>Das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange: Mittelfristig schrumpft die Rate weiter. F\u00fcr das Jahr 2028 rechnen wir mit nur noch 0,3 Prozent. Das tiefere Wachstum ist vor allem dem Faktor Arbeit geschuldet. Ab dem Jahr 2025 d\u00fcrfte das verf\u00fcgbare Arbeitsvolumen abnehmen und f\u00fcr sich genommen die Wirtschaftsleistung d\u00e4mpfen (siehe Abbildung 2).<\/p>\n<p>Im letzten Jahrzehnt wurde das potenzielle Arbeitsvolumen durch zwei Komponenten gest\u00fctzt: zum einen durch die zunehmende Bev\u00f6lkerung im erwerbsf\u00e4higen Alter. Zum anderen durch den steigenden Trend der Partizipationsquote, der auf eine gestiegene Erwerbsbeteiligung von \u00e4lteren Arbeitnehmern und Frauen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Zwischen den Jahren 1996 und 2023 legte sie um rund 7 Prozentpunkte auf rund 75 Prozent zu. Die Erwerbsbev\u00f6lkerung stieg haupts\u00e4chlich aufgrund von Migration, vor allem durch die Fl\u00fcchtlingskrise 2015 sowie die Aufnahme ukrainischer Fl\u00fcchtlinge im Jahr 2022. Dar\u00fcber hinaus liess eine sinkende strukturelle Erwerbslosenquote das Arbeitsvolumen steigen, was vor allem durch die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 (\u00abHartz-Reformen\u00bb) sowie die gem\u00e4ssigten Lohnabschl\u00fcsse \u00a0seitens der Tarifparteien bewirkt wurde.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Das Arbeitsvolumen in Deutschland geht k\u00fcnftig zur\u00fcck (2000\u20132028)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='07_2024_Kooths-Hoffmann_Abb_2_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#07_2024_Kooths-Hoffmann_Abb_2_de').highcharts({\n\n  chart: {\n        zoomType: 'xy'\n    },\n    title: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    subtitle: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    xAxis: [{\n        categories: [2000,2001,2002,2003,2004,2005,2006,2007,2008,2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023,2024,2025,2026,2027,2028\t\n],\n        crosshair: true\n    }],\n    plotOptions: {\n        series: {\n            marker: {\n                enabled: false,\n                states: {\n                    hover: {\n                        enabled: false\n                    }\n                }\n            }\n        }\n    },\n    yAxis: [{ \/\/ Primary yAxis\n         labels: {\n            format: '{value}',\n          \n        },\n        title: {\n            text: 'Wachstumsbeitrag in Prozentpunkten',\n            \n        },\n        opposite: false\n\n    }, { \/\/ Secondary yAxis\n        gridLineWidth: 0,\n        title: {\n            text: '',\n          \n        },\n         labels: {\n                formatter: function () {\n            return Highcharts.numberFormat(this.value, 0);\n        }}\n\n    }, ],\n    tooltip: {\n        shared: false\n\n    },\n       plotOptions: {\n        column: {\n            stacking: 'normal',\n            dataLabels: {\n                enabled: false,\n   },\nline: {\n            marker: {\n                enabled: false,\n\n}\n            }\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: 'Partizipationsquote',\n        type: 'column',\n       \n        data: [0.29,0.21,0.16,0.15,0.16,0.16,0.15,0.15,0.17,0.20,0.24,0.30,0.37,0.42,0.45,0.22,0.34,0.67,0.46,0.32,0.24,0.16,-0.02,-0.07,-0.01,-0.09,-0.14,-0.20,-0.25\n],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ' Prozentpunkte'\n        }\n    }, {\n\n        name: 'Arbeitszeit',\n        type: 'column',\n\n        data: [-0.39,-0.35,-0.32,-0.28,-0.25,-0.22,-0.20,-0.20,-0.21,-0.22,-0.23,-0.23,-0.24,-0.25,-0.26,-0.27,-0.28,-0.28,-0.28,-0.26,-0.23,-0.18,-0.12,-0.09,-0.06,-0.04,-0.03,-0.02,-0.01\t\n],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ' Prozentpunkte'\n        }\n    }, {\nname: 'Erwerbsbev\u00f6lkerung',\n        type: 'column',\n\n        data: [0.09,0.13,0.18,0.13,0.06,0.04,0.00,-0.04,-0.10,-0.23,-0.27,-0.15,-0.03,-0.01,-0.02,0.23,0.17,-0.03,0.04,-0.01,0.01,0.06,0.47,0.48,0.08,0.04,0.00,-0.04,-0.08\n],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ' Prozentpunkte'\n        }\n    }, {\n       name: 'strukturelle Erwerbslosigkeit',\n        type: 'column',\n\n        data: [-0.07,-0.06,-0.04,-0.01,0.06,0.08,0.19,0.25,0.30,0.30,0.35,0.37,0.34,0.31,0.29,0.21,0.08,0.06,0.13,0.13,0.07,-0.03,0.09,0.04,0.01,-0.01,-0.06,-0.08,-0.11\n],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ' Prozentpunkte'\n        }\n    }, {\n        name: 'Arbeitsvolumen (Ver\u00e4nderung gegen\u00fcber Vorjahr, in %)',\n        type: 'line',\n    color: '#bcd3d3',\n        data: [-0.08,-0.07,-0.02,-0.01,0.04,0.07,0.14,0.17,0.16,0.05,0.09,0.29,0.43,0.46,0.46,0.38,0.31,0.41,0.34,0.17,0.09,0.02,0.41,0.37,0.02,-0.10,-0.22,-0.34,-0.45\n],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: '%'\n        }\n\n    }],\n    \n});\n\n\n});\n\n\n\n<\/script>\n<h6 class=\"content-copy\">Quelle: Boysen-Hogrefe et al. (2024) \/ Die Volkswirtschaft<\/h6>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Sinkende Erwerbsbev\u00f6lkerung<\/h2>\n<p>Mittelfristig d\u00fcrfte die erwerbsf\u00e4hige Bev\u00f6lkerung allerdings alterungsbedingt sinken, selbst wenn, wie von uns angenommen, die Nettozuwanderung ohne Fl\u00fcchtlinge mit rund 230\u2019000 Personen pro Jahr positiv bleibt. Alle Komponenten des Arbeitsvolumens tragen dazu bei: Die Partizipationsquote hat im Jahr 2021 bereits ihren Zenit \u00fcberschritten und ist seitdem im Zuge des demografischen Wandels r\u00fcckl\u00e4ufig. Zwar nehmen die Partizipationsquoten \u00fcber alle Altersgruppen hinweg zu, jedoch steigt das Gewicht derjenigen mit niedriger Erwerbsbeteiligung. Die Arbeitszeit je Erwerbst\u00e4tigen sinkt seit dem Jahr 1996 im Trend und d\u00fcrfte im Prognosezeitraum bis 2028 weiter zur\u00fcckgehen, wenngleich mit abnehmendem Tempo.<\/p>\n<p>F\u00fcr den stetigen R\u00fcckgang der Arbeitszeit je Erwerbst\u00e4tigen sind ein Anstieg der Teilzeitquoten der Erwerbst\u00e4tigen und ein sinkender Anteil der Selbstst\u00e4ndigen verantwortlich. Die strukturelle Erwerbslosenquote ist seit dem Jahr 2003 von rund 8 Prozent auf rund 3 Prozent stetig gesunken \u2013 hier ist das Potenzial nahezu ausgesch\u00f6pft.<\/p>\n<p>Das Arbeitsvolumen ger\u00e4t damit im Projektionszeitraum insgesamt unter Druck. Dieser demografische Effekt k\u00f6nnte durch unerwartet grosse Migrationswellen \u2013 wie bereits 2015 und 2022 \u2013 und die damit verbundene gr\u00f6ssere Erwerbsbev\u00f6lkerung erneut gemildert werden. Dies d\u00fcrfte allerdings den demografisch bedingten negativen Wachstumsbeitrag nur schm\u00e4lern und nicht neutralisieren, da sich dieser mit der Zeit beschleunigt. Zudem kann Fluchtmigration die Erwerbsbev\u00f6lkerung nicht qualit\u00e4ts\u00e4quivalent ersetzen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Kapital bringt Wachstum, Dekarbonisierung kostet<\/h2>\n<p>Der Faktor Kapital liefert im Gegensatz zur Arbeit weiterhin positive Beitr\u00e4ge zum Wachstum. Allerdings k\u00f6nnten die \u00f6konometrischen Sch\u00e4tzverfahren f\u00fcr das Produktionspotenzial diesen Effekt \u00fcbersch\u00e4tzen, weil die Dekarbonisierung nicht durchg\u00e4ngig modelliert wurde. Zwar erfordert die energetische Transformation massive Investitionen, diese f\u00fchren aber nicht in gewohntem Masse zu zus\u00e4tzlichen Produktionskapazit\u00e4ten. Denn bei der energetischen Transformation geht es vor allem darum, bestehende Produktionskapazit\u00e4ten umzubauen, und nicht darum, neue aufzubauen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Prognostisch bewegt man sich hier auf sehr unsicherem Gel\u00e4nde, denn die Ergebnisse reagieren hochsensibel auf die jeweiligen Annahmen.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Klar aber ist: Dekarbonisierung kostet Wachstum.<\/p>\n<p>Die totale Faktorproduktivit\u00e4t, die gemein als technischer Fortschritt interpretiert wird, tr\u00e4gt wie in den vergangenen Jahren positiv zum Wachstum bei. Der Wachstumsbeitrag steigt nach Einbussen in den Krisenjahren 2019 bis 2023 stetig bis zum Ende des Projektionszeitraums, bleibt jedoch unter seinem langj\u00e4hrigen Mittel. Es ist also aktuell wohl auch kein Wachstumsschub \u00fcber die Produktivit\u00e4t zu erwarten.<\/p>\n<p>Im Vergleich zur Projektion im Herbst 2019 \u2013 also vor Pandemie und Energiekrise \u2013 wurde der Wachstumsbeitrag der Produktivit\u00e4t ausschliesslich abw\u00e4rts und am st\u00e4rksten von allen drei Wachstumsfaktoren revidiert. Die Dauerkrisen scheinen also einen Schaden am Niveau des Produktionspotenzials hinterlassen zu haben. Die Potenzialsch\u00e4tzung erkennt diese Sch\u00e4den erst dadurch, dass sie sich in einer \u00fcber l\u00e4ngere Zeit schwachen \u00f6konomischen Leistung zeigen, und weist sie \u00fcber eine geringere Produktivit\u00e4t aus. Im Wesentlichen aus diesem Grund veranschlagen wir im Vergleich zur Herbstprojektion 2019 das Produktionspotenzial nunmehr um rund 90 Milliarden Euro niedriger.<\/p>\n<p>Alles in allem sind die Wachstumsperspektiven f\u00fcr die deutsche Wirtschaft in der mittleren Frist sehr d\u00fcnn. Dadurch versch\u00e4rfen sich Verteilungskonflikte, denn weniger \u00f6konomisch Aktive m\u00fcssen k\u00fcnftig f\u00fcr mehr Ruhest\u00e4ndler aufkommen, was die sozialen Sicherungssysteme unter Druck setzt. Hinzu kommen die Kosten der Dekarbonisierung. Im Ergebnis bleibt von der Wirtschaftsleistung zuk\u00fcnftig weniger f\u00fcr private und \u00f6ffentliche Konsumzwecke \u00fcbrig. Umso wichtiger werden angebotspolitische Massnahmen, die die Standortqualit\u00e4ten st\u00e4rken, wie zum Beispiel Deregulierung, Entb\u00fcrokratisierung, Infrastrukturausbau, Verbesserung der Bildungssysteme und mehr Leistungsanreize im Steuertransfersystem. Dies w\u00fcrde die Produktivit\u00e4t der heimischen Produktionsfaktoren erh\u00f6hen und das Land zugleich attraktiver machen f\u00fcr qualifizierte Zuwanderung.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Boysen-Hogrefe et al. (2024).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose (2023a).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose (2023b).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschlands Wirtschaft schw\u00e4chelt. Untersuchen Konjunkturforscher den kr\u00e4nkelnden Mann Europas, unterscheiden sie zwischen zwei Komponenten: erstens strukturelle Probleme, die das Wachstum betreffen, also die Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Produktionsm\u00f6glichkeiten bei normal ausgelasteten Kapazit\u00e4ten. Die um zyklische Einfl\u00fcsse bereinigte Entwicklung der Produktionsm\u00f6glichkeiten nennt man auch Potenzialpfad. 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