{"id":200664,"date":"2024-09-09T07:15:07","date_gmt":"2024-09-09T05:15:07","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=200664"},"modified":"2024-09-09T11:02:47","modified_gmt":"2024-09-09T09:02:47","slug":"kurzgeschichten-zweier-ungleicher-freunde-schweiz-und-indien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/09\/kurzgeschichten-zweier-ungleicher-freunde-schweiz-und-indien\/","title":{"rendered":"Kurzgeschichten zweier ungleicher Freunde: Schweiz und Indien"},"content":{"rendered":"<p>Was haben Indien und die Schweiz gemeinsam? Auf den ersten Blick eigentlich nicht sehr viel. Als bev\u00f6lkerungsreichstes Land der Welt mit hohen BIP-Wachstumsraten befindet sich Indien in einer ganz anderen Entwicklungsphase als die Schweiz. Schaut man aber genauer hin, erkennt man ein dichtes Geflecht von menschlichen, kulturellen und nat\u00fcrlich wirtschaftlichen Beziehungen, die \u00fcber viele Jahre hinweg entstanden sind.<\/p>\n<p>Als frisch unabh\u00e4ngiger Staat unterzeichnete Indien 1948 das erste Friedens- und Freundschaftsabkommen seines Bestehens mit der Schweiz. Dieses Abkommen sollte sich als positives Omen erweisen, denn es sah bereits den Abschluss von Handelsvertr\u00e4gen vor, die damals als Treaties of Establishment and Commerce bezeichnet wurden.<\/p>\n<p>75 Jahre sp\u00e4ter wurde dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt: Indien und die Efta-Staaten, zu denen auch die Schweiz geh\u00f6rt, unterzeichneten im M\u00e4rz 2024 das Trade and Economic Partnership Agreement (Tepa). Der Vertragsabschluss ist nicht nur ein historischer Moment, sondern auch ein Ausdruck der tiefen Freundschaft zwischen den beiden L\u00e4ndern. Die Schweizer Botschaft in Delhi und das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) zeigen diese schweizerisch-indische Freundschaft anhand von f\u00fcnf Beispielen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ein St\u00fcck Indien im Portemonnaie<\/h2>\n<p>Von 1997 bis 2017 trugen die Schweizerinnen und Schweizer meist ahnungslos ein St\u00fcck Indien im Portemonnaie mit sich herum: Auf der R\u00fcckseite der alten Zehnernote war n\u00e4mlich ein Ausschnitt einer Bauskizze der indischen Stadt Chandigarh zu sehen, die im Norden des Landes liegt. Wie kommt das?<\/p>\n<p>Kurz nach der Unabh\u00e4ngigkeit Indiens im Jahr 1947 erhielt der schweizerisch-franz\u00f6sische Stararchitekt Le Corbusier den Auftrag, eine Hauptstadt f\u00fcr den neu entstandenen Gliedstaat Punjab zu entwerfen. Seine Vision einer gut organisierten und funktional gebauten Stadt sollte Indiens Eintritt in die Moderne symbolisieren. Le Corbusier teilte die Stadt in verschiedene Zonen f\u00fcr Wohnen, Handel, Arbeit und Freizeit auf. Das rechtwinklige Strassennetz zeichnet sich auch heute noch durch zahlreiche Gr\u00fcnfl\u00e4chen und Spielpl\u00e4tze aus. Die schweizerische Zehnernote mit dem Portr\u00e4t von Le Corbusier und seiner Bauskizze wurde zwar 2017 aus dem Verkehr gezogen, doch seine Architektur hat Chandigarh nachhaltig gepr\u00e4gt: Die von ihm entworfenen Verwaltungsgeb\u00e4ude aus Sichtbeton geh\u00f6ren zum Unesco-Weltkulturerbe. In Indien wird Chandigarh \u00abCity Beautiful\u00bb (sch\u00f6ne Stadt) genannt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Bollywood am Lauenensee<\/h2>\n<p>Umgekehrt hat Indien auch die Schweizer Geografie gepr\u00e4gt. Der Lauenensee im Berner Oberland tr\u00e4gt n\u00e4mlich den \u00dcbernamen \u00abLake Yash Chopra\u00bb nach einem ber\u00fchmten Bollywood-Regisseur, der zahlreiche Filmszenen in dieser Region gedreht hat. Sein ikonisches Werk \u00abDie Beherzten werden die Braut mitnehmen\u00bb<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> von 1995 wurde in der Gegend um Interlaken gefilmt und l\u00e4uft auch heute noch in den indischen Kinos. Indische Filmstars, die sich vor den verschneiten Berggipfeln und glitzernden Seen der Berner Alpen in die Arme fallen, haben zu einem starken Anstieg des indischen Tourismus in der Schweiz gef\u00fchrt. 2023 wurden hierzulande 602\u2019000 \u00dcbernachtungen von indischen G\u00e4sten verzeichnet \u2013 Tendenz steigend. Das macht Indien zum zweitgr\u00f6ssten Herkunftsmarkt f\u00fcr den Schweizer Tourismus. Diese Begeisterung f\u00fcr unser Land f\u00fchrte zu einer fast industriellen Visumsproduktion: Zwischen 25 und 35 Prozent aller Visa, welche die Schweiz jedes Jahr weltweit ausstellt, gehen an indische Touristen. 2023 wurden fast 200\u2019000 Visa vergeben \u2013 ein Rekord, der 2024 wahrscheinlich erneut \u00fcbertroffen wird.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Heilige K\u00fche<\/h2>\n<p>Im s\u00fcdindischen Bundesstaat Kerala st\u00f6sst man auf einen nachhaltigen Beweis der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der Schweiz. Von 1963 bis 1996 unterst\u00fctzte die Schweiz dort Milchgenossenschaften, um im Rahmen des Indo-Swiss Kerala Project die Produktivit\u00e4t kleiner Betriebe zu verbessern. Ein weiteres, \u00e4hnliches Projekt namens North Kerala Dairy Development Project lief von 1987 bis 2002.<\/p>\n<p>Dank der schweizerischen Unterst\u00fctzung konnte die Milchproduktion seit 1966 um das 30-Fache erh\u00f6ht werden! Und auch nach dem Ende des Programms blieb die Initiative erfolgreich: Heute profitieren knapp 1200 Genossenschaften mit \u00fcber 100\u2019000 Mitgliedern von den damals geschaffenen Strukturen. Zudem konnte auch der \u00f6kologische Fussabdruck der Milchwirtschaft reduziert werden. Der gr\u00f6sste Teil der Milch ist f\u00fcr den inl\u00e4ndischen Verbrauch bestimmt. Ein Teil wird jedoch auch in Form von Butter oder Eiscreme exportiert. Die Milchwirtschaft ist somit ein fester Bestandteil sowohl der indischen wie auch der schweizerischen Kultur. K\u00fche gelten im Hinduismus als heilig. Sind uns Schweizern die K\u00fche nicht auch ein wenig heilig?<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Indischer Champion auf Schweizer Ski<\/h2>\n<p>Heilig ist uns Schweizern sicher eines: das Skifahren. Dieses Hobby haben Schweizer Touristen nicht unbedingt im Kopf, wenn sie Indien bereisen \u2013 obwohl sich im Himalaja die h\u00f6chsten Gipfel der Welt befinden. Und doch hat Indien einen Skichampion hervorgebracht: Arif Khan. Sein Vater, Besitzer eines Gesch\u00e4fts f\u00fcr Skizubeh\u00f6r, brachte ihm diese in Indien kaum verbreitete Sportart bei, als er vier Jahre alt war. Mit zw\u00f6lf Jahren gewann Arif Khan seine erste nationale Goldmedaille.<\/p>\n<p>Der aus der Region Kashmir stammende Sportler trainiert seit 2008 auch in der Schweiz und verbessert hier seine Technik. Er wird dabei vom Schweizerischen Skiverband und von der Marke St\u00f6ckli unterst\u00fctzt. Im November 2023 gewann er in Dubai als erster indischer Skifahrer einen internationalen Wettbewerb. Heute setzt er sich an seinem Geburtsort Gulmarg f\u00fcr die Ausbildung der n\u00e4chsten Generation indischer Skil\u00e4ufer ein und bereitet sich gleichzeitig auf die Olympischen Spiele 2026 in Italien vor.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Yoga \u2013 T\u00fcr\u00f6ffner f\u00fcr eine Kultur<\/h2>\n<p>Es ist aber \u2013 metaphorisch gesprochen \u2013 nicht zwingend n\u00f6tig, in eine Luftseilbahn zu steigen, um in h\u00f6here Sph\u00e4ren vorzudringen. Yoga ist heute in der Schweiz fast ebenso verbreitet und beliebt wie in Indien, wo es beheimatet ist. Mit Yoga ist auch die traditionelle ayurvedische Medizin eng verkn\u00fcpft. Sie vertritt einen ganzheitlichen Ansatz und befasst sich mit der Krankheitspr\u00e4vention und nat\u00fcrlichen Heilmethoden.<\/p>\n<p>Das Interesse der Schweizerinnen und Schweizer f\u00fcr diese alternative Medizin wird insbesondere durch die Anzahl an Suchanfragen belegt, die im vergangenen Jahr im Internet zu Ayurveda gemacht wurden: Die Schweiz h\u00e4lt dabei den Rekord unter allen westlichen Staaten. Die meisten ayurvedischen Behandlungen werden von der schweizerischen Grundversicherung zwar nicht \u00fcbernommen, doch viele Krankenkassen decken diese \u00fcber Zusatzversicherungen ab. Diese Tatsache sowie die schweizerische Tradition der Kur- und Wellnessangebote erkl\u00e4ren, weshalb in der Schweiz zahlreiche Einrichtungen entstehen, die Ayurveda-Behandlungen anbieten. Zudem zieht es viele Schweizer Touristen nach S\u00fcdindien, das auf ayurvedische Kuren spezialisiert ist.<\/p>\n<p>Yoga machte nicht nur Ayurveda popul\u00e4r, sondern sorgte auch daf\u00fcr, dass indische Instrumente in der Schweiz immer beliebter werden, darunter vor allem das Harmonium, welches in Yoga-Studios den Gesang begleitet. Ein weiteres indisches Musikinstrument, der Ghatam, inspirierte wiederum die beiden Schweizer Instrumentenbauer Felix Rohner und Sabina Sch\u00e4rer. Der indische Ghatam ist ein bauchiger Tontopf, der sitzend mit beiden H\u00e4nden gespielt wird. Aufgrund der runden Form des Instruments kamen sie auf die Idee, zwei Halbkugeln aus Stahlblech aufeinanderzulegen. So entwickelten sie im Jahr 2000 das Hang, ein Perkussionsinstrument, das sich inzwischen auf der ganzen Welt verbreitet hat.<\/p>\n<p>Es sind diese pers\u00f6nlichen Verflechtungen, die grossen und kleinen, und die symboltr\u00e4chtigen Geschichten, die einen fruchtbaren Boden bilden, auf dem die bilateralen Beziehungen gedeihen. Das Tepa entstand aus dieser intensiven Freundschaft, die weiterhin sehr viel Potenzial f\u00fcr k\u00fcnftige, noch unbekannte Projekte der Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Indien aufweist. Das Abkommen wird diese Dynamik zus\u00e4tzlich befeuern und die Schweiz und Indien noch viele weitere gemeinsame Erfolgsgeschichten schreiben lassen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Originaltitel: \u00abDilwale Dulhania Le Jayenge\u00bb.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was haben Indien und die Schweiz gemeinsam? Auf den ersten Blick eigentlich nicht sehr viel. Als bev\u00f6lkerungsreichstes Land der Welt mit hohen BIP-Wachstumsraten befindet sich Indien in einer ganz anderen Entwicklungsphase als die Schweiz. 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