{"id":200689,"date":"2024-09-06T07:05:41","date_gmt":"2024-09-06T05:05:41","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=200689"},"modified":"2024-09-06T09:49:12","modified_gmt":"2024-09-06T07:49:12","slug":"zwischen-ost-und-west-indiens-geopolitischer-spagat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/09\/zwischen-ost-und-west-indiens-geopolitischer-spagat\/","title":{"rendered":"Zwischen Ost und West: Indiens geopolitischer Spagat"},"content":{"rendered":"<p>Als \u00abgr\u00f6sste Demokratie der Welt\u00bb, \u00abnat\u00fcrlicher Verb\u00fcndeter des Westens\u00bb und zunehmend als \u00abwichtiger Handelspartner\u00bb \u2013 so wird Indien wahlweise vorgestellt. Doch seine Rolle auf der globalen B\u00fchne ist weitaus vielschichtiger: Seit 1947 \u2013 dem Jahr der Unabh\u00e4ngigkeit von der britischen Kolonialherrschaft \u2013 verfolgt Indien eine Politik der strategischen Autonomie, die entgegen westlichen Erwartungen oft eigene Wege geht.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat sich Indiens Engagement in der Weltwirtschaft und der Aussenpolitik im Laufe der Geschichte immer wieder gewandelt: von Jawaharlal Nehru, dem ersten Premierminister der jungen, unabh\u00e4ngigen Nation, \u00fcber die wirtschaftliche Liberalisierung um die Jahrtausendwende bis zur heutigen hindunationalistischen Politik Narendra Modis. Immer wieder lavierte das Land zwischen wirtschaftlicher \u00d6ffnung und dem Schutz eigener Interessen; zwischen der Ann\u00e4herung an westliche Verb\u00fcndete und der Pflege der Beziehungen zu autorit\u00e4ren Regimes. Dieser Balanceakt dauert bis heute an und pr\u00e4gt Indiens Position in der Welt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">1947\u20131991: Nehrus neutrale Selbstversorgung<\/h2>\n<p>Nach der Unabh\u00e4ngigkeit 1947 pr\u00e4gte Jawaharlal Nehru Indiens Wirtschafts- und Aussenpolitik nach zwei Prinzipien: der Selbstversorgung und der Blockfreiheit. Die Blockfreien-Bewegung, der auch \u00c4gypten und das damalige Jugoslawien angeh\u00f6rten, wollte sich im Kalten Krieg neutral verhalten. Wirtschaftlich \u00fcbersetzten sich diese beiden Prinzipien in eine Strategie der Importsubstitution, gekennzeichnet durch hohe Z\u00f6lle, strenge Importquoten und eine starke staatliche Kontrolle von Schl\u00fcsselindustrien wie der Stahlindustrie, dem Maschinenbau, der Chemieindustrie und der Automobilproduktion. Ziel war es, eine vielf\u00e4ltige industrielle Basis aufzubauen und die Abh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen Importen zu verringern.<\/p>\n<p>Auf diesem Weg versuchte Indien seine politische Unabh\u00e4ngigkeit w\u00e4hrend des Kalten Kriegs zu wahren. Diese Haltung des \u00abNon-Interventionismus\u00bb erm\u00f6glichte es Indien, sich aus internationalen Konflikten herauszuhalten und sich auf seine eigenen Entwicklungsziele zu konzentrieren. Gleichzeitig vermied es so eine Verstrickung in die Rivalit\u00e4ten der Superm\u00e4chte. Doch die wirtschaftlichen Herausforderungen der 1980er-Jahre \u2013 insbesondere die hohe Verschuldung, steigende Inflationsraten und ein wachsendes Handelsdefizit \u2013 f\u00fchrten in Indien zu einem Umdenken und l\u00e4uteten eine neue \u00c4ra der wirtschaftlichen Reformen und der \u00d6ffnung gegen\u00fcber internationalen M\u00e4rkten ein.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">1991\u20132014: Indien \u00f6ffnet sich der Welt<\/h2>\n<p>Eine schwere Zahlungsbilanzkrise im Jahr 1991 zwang Indien zu einer Neuausrichtung seiner Wirtschaftspolitik. Damals stand das Land kurz vor dem finanziellen Kollaps und war gezwungen, beim Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) um Hilfe zu bitten. Unter der F\u00fchrung des damaligen Finanzministers Manmohan Singh, der sp\u00e4ter auch Premierminister wurde, leitete Indien weitreichende Wirtschaftsreformen ein. Dazu geh\u00f6rten die Liberalisierung des Handels, die \u00d6ffnung f\u00fcr ausl\u00e4ndische Investitionen und die Deregulierung verschiedener Sektoren wie etwa der Telekommunikation, der Luftfahrt und der Versicherungswirtschaft.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen dieser Reformen waren tiefgreifend. Indiens Anteil am Welthandel und die ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen stiegen deutlich an. Das Land erlebte in den 2000er-Jahren ein beschleunigtes Wirtschaftswachstum mit Raten von \u00fcber 8 Prozent (siehe Abbildung). Die Liberalisierung brachte jedoch auch Herausforderungen mit sich. Sie machte Indien anf\u00e4lliger f\u00fcr globale Wirtschaftsschocks und versch\u00e4rfte die sozio\u00f6konomischen Ungleichheiten. Die rasche Urbanisierung und wirtschaftliche Umstrukturierung f\u00fchrten zu sozialen Spannungen und regionalen Disparit\u00e4ten. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die zunehmende Kluft zwischen den prosperierenden IT-Zentren wie Bangalore und den l\u00e4ndlichen Regionen, die zunehmend von der wirtschaftlichen Entwicklung abgeh\u00e4ngt wurden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Indiens wirtschaftlicher Aufstieg (1960\u20132023)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='07_2024_Kooths-Hoffmann_Abb_2_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#07_2024_Kooths-Hoffmann_Abb_2_de').highcharts({\n\n  chart: {\n        zoomType: 'xy'\n    },\n    title: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    subtitle: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    xAxis: [{\n        categories: [1960,1961,1962,1963,1964,1965,1966,1967,1968,1969,1970,1971,1972,1973,1974,1975,1976,1977,1978,1979,1980,1981,1982,1983,1984,1985,1986,1987,1988,1989,1990,1991,1992,1993,1994,1995,1996,1997,1998,1999,2000,2001,2002,2003,2004,2005,2006,2007,2008,2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023\t\n],\n        crosshair: true\n    }],\n    plotOptions: {\n        series: {\n            marker: {\n                enabled: false,\n               \n            }\n        }\n    },\n    yAxis: [{ \/\/ Primary yAxis\n         labels: {\n            format: '{value} $',\n          \n        },\n        title: {\n            text: '',\n            \n        },\n        opposite: true\n\n    }, { \/\/ Secondary yAxis\n        gridLineWidth: 0,\n        title: {\n            text: '',\n          \n        },\n         labels: {\n         format: '{value} Mrd. $',\n          \n        },\n\n    }, ],\n    tooltip: {\n        shared: false\n\n    },\n       \n    series: [{\n        name: 'G\u00fcter- und Dienstleistungsexporte',\n        type: 'column',\n       yAxis: 1,\n        data: [1.65,1.69,1.76,2.07,2.1,1.97,1.89,2.02,2.14,2.17,2.36,2.47,2.88,3.6,4.81,5.56,6.87,7.75,8.67,10.33,11.44,11.49,12.01,12.74,13.33,12.22,12.94,15.64,17.9,20.77,22.64,22.94,25.49,27.47,32.36,39.07,40.8,44.46,46.43,52.54,60.88,60.96,73.45,90.84,126.65,160.84,199.97,253.08,288.9,273.75,375.35,447.38,448.4,472.18,468.35,416.79,439.64,498.26,538.64,529.25,499.73,677.77,778.02,777.14\n\n],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ' Mrd. 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Indiens zunehmende Integration in die Weltwirtschaft f\u00fchrte zu engeren Beziehungen zum Westen, insbesondere zu den Vereinigten Staaten. Ein Beispiel ist das Indien-USA-Nuklearabkommen von 2008, das eine bedeutende Verschiebung von Indiens aussenpolitischer Orientierung markierte. Indien, das seit 1974 offiziell eine Atommacht ist, wurde zunehmend zum strategischen Verb\u00fcndeten des Westens.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Modis autorit\u00e4rer Nationalismus<\/h2>\n<p>Mit Narendra Modis Wahlsieg 2014 begann eine neue \u00c4ra in Indiens Wirtschafts- und Aussenpolitik. Einerseits verfolgte die Regierung unter der F\u00fchrung der rechtskonservativen BJP-Partei mit Initiativen wie \u00abMake in India\u00bb einen nationalistischeren Kurs, um die heimische Produktion und Besch\u00e4ftigung zu st\u00e4rken und Importe zu reduzieren. Andererseits trieb Modi die Liberalisierung voran, etwa durch Sonderwirtschaftszonen (SEZ), die Investitionen und Exporte ankurbeln sollten. In den SEZ werden keine\u00a0Z\u00f6lle\u00a0erhoben. Die dortigen Unternehmen haben freien Zugang zum indischen Binnenmarkt und profitieren von tempor\u00e4ren Steuerverg\u00fcnstigungen sowie weiteren Ausnahmeregelungen.<\/p>\n<p>Diese Massnahmen zeigten Wirkung: Das Wirtschaftswachstum beschleunigte sich von durchschnittlich 4,5 Prozent in den Jahren 2000 bis 2013 auf durchschnittlich 5,76 Prozent zwischen 2014 und 2022. Doch diese Politik ist umstritten: Kritiker beanstanden Landenteignungen, eine Aufweichung von Arbeits- und Umweltstandards sowie eine Beg\u00fcnstigung von Industriemagnaten wie Gautam Adani. Sie argumentieren, diese Bevorzugung einiger weniger Konzerne k\u00f6nnte den Wettbewerb verzerren, Monopole schaffen und den Wohlstand in den H\u00e4nden einer kleinen Elite konzentrieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ein Gegenpol zu China<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend die \u00c4ra der Liberalisierung der fr\u00fchen 2000er-Jahre Indien n\u00e4her an den Westen heranf\u00fchrte, ist die geopolitische Strategie unter Modi komplexer geworden. Die zunehmende Integration in die Weltwirtschaft und die engeren Beziehungen zum Westen bilden zwar weiterhin wichtige Pfeiler der indischen Aussenpolitik. Doch das zunehmend selbstbewusste Auftreten Chinas in der Region wird immer zentraler. Indien positioniert sich verst\u00e4rkt als Gegenpol zu China und strebt eine wichtigere Rolle im Indo-Pazifik-Raum an. Beide L\u00e4nder konkurrieren dort um Einfluss \u2013 sei es durch Infrastrukturinitiativen oder verst\u00e4rktes Engagement in Afrika oder S\u00fcdostasien. Der anhaltende Grenzkonflikt und die Handelsstreitigkeiten mit China haben die Beziehungen zus\u00e4tzlich belastet.<\/p>\n<p>In diesem komplexen geopolitischen Kontext verfolgt Indien eine vielschichtige Strategie: Einerseits sucht es die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China in Bereichen des gemeinsamen Interesses. Beispielsweise kooperieren die beiden L\u00e4nder im Rahmen der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) und bei Projekten zur Verbesserung der erneuerbaren Energien. Andererseits baut es die strategischen Partnerschaften mit westlichen L\u00e4ndern wie den USA, Japan und Australien weiter aus, um ein Gegengewicht zu Chinas Einfluss zu schaffen, so etwa beim quadrilateralen Sicherheitsdialog \u2013 kurz Quad.<\/p>\n<p>Gleichzeitig st\u00e4rkt Indien als Brics-Mitglied seine Beziehungen zu anderen aufstrebenden M\u00e4chten und h\u00e4lt trotz des Angriffskriegs in der Ukraine an seiner traditionellen Partnerschaft mit Russland fest. Dies zeigt sich etwa in fortgesetzten \u00d6limporten und der Zusammenarbeit in der Waffenproduktion. Diese multidimensionale Aussenpolitik reflektiert Indiens Bestreben, seine Rolle als strategischer Verb\u00fcndeter des Westens mit seiner historischen Blockfreiheit und dem Wunsch nach strategischer Autonomie in Einklang zu bringen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Kritik an Modis Politik<\/h2>\n<p>Trotz wirtschaftlicher und geopolitischer Erfolge hat Modis Amtszeit auch wachsende Bedenken hinsichtlich autorit\u00e4rer Tendenzen hervorgerufen. Kritiker verweisen auf Einschr\u00e4nkungen der Pressefreiheit, den problematischen Umgang mit religi\u00f6sen Minderheiten und die zunehmende Zentralisierung der Macht. Die Aufhebung des Sonderstatus f\u00fcr den Bundesstaat Jammu und Kashmir im Jahr 2019 wurde als Schritt zur Unterdr\u00fcckung der mehrheitlich muslimischen Bev\u00f6lkerung gesehen. Diese Entwicklungen beeintr\u00e4chtigen Indiens internationales Ansehen als Demokratie und unterstreichen die Komplexit\u00e4t von Indiens Aufstieg.<\/p>\n<p>F\u00fcr L\u00e4nder, die mit Indien interagieren, einschliesslich der Schweiz und anderer Efta-Staaten, ist das Verst\u00e4ndnis dieser komplexen Natur Indiens entscheidend. Es erm\u00f6glicht ihnen, die Chancen und Risiken in den Beziehungen zu Indien besser einzusch\u00e4tzen und eine ausgewogene Strategie zu entwickeln, die sowohl wirtschaftliche Interessen als auch demokratische Werte ber\u00fccksichtigt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als \u00abgr\u00f6sste Demokratie der Welt\u00bb, \u00abnat\u00fcrlicher Verb\u00fcndeter des Westens\u00bb und zunehmend als \u00abwichtiger Handelspartner\u00bb \u2013 so wird Indien wahlweise vorgestellt. 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