{"id":201207,"date":"2024-09-10T07:10:55","date_gmt":"2024-09-10T05:10:55","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=201207"},"modified":"2024-09-10T12:14:55","modified_gmt":"2024-09-10T10:14:55","slug":"freihandel-aus-der-sicht-indiens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/09\/freihandel-aus-der-sicht-indiens\/","title":{"rendered":"Freihandel aus der Sicht Indiens"},"content":{"rendered":"<p>Indien will sich immer mehr in die globale Wirtschaft integrieren. Freihandelsabkommen sollen dem Land dabei helfen. Indiens Freihandelsstrategie hat sich in den letzten drei Jahrzehnten st\u00e4ndig weiterentwickelt. Die ersten Freihandelsabkommen hat Indien Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre mit seinen Nachbarl\u00e4ndern in der s\u00fcdasiatischen Region ausgehandelt. Sie umfassten ausschliesslich den Abbau der Warenz\u00f6lle.<\/p>\n<p>Die zweite Phase begann Mitte der 2000er-Jahre und war Teil der indischen \u00abLook East\u00bb-Politik. Sie umfasste Singapur, Malaysia, Japan, Korea und den Verband S\u00fcdostasiatischer Nationen (Asean), zu dem auch L\u00e4nder wie Indonesien, Vietnam und Thailand geh\u00f6ren. Die abgeschlossenen Abkommen waren ehrgeiziger und beinhalteten zudem Vereinbarungen zum Dienstleistungshandel und zu technischen Handelshemmnissen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Grosse Abkommen scheitern<\/h2>\n<p>Im Anschluss an diese zweite Phase nahm Indien Verhandlungen mit der EU und der Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP) auf. Letztere ist die gr\u00f6sste Freihandelszone der Welt und umfasst neben den Asean-Staaten auch China, Japan, S\u00fcdkorea, Australien und Neuseeland. Allerdings kamen die Verhandlungen zu keinem Abschluss. Die Verhandlungen mit der EU gerieten aufgrund grundlegender Differenzen zwischen den beiden Seiten ins Stocken. Bei der RCEP beschloss Indien, sich zur\u00fcckzuziehen, weil es ernsthafte Bedenken hatte, ein Freihandelsabkommen abzuschliessen, das China mit einschliesst. In der dritten Phase ab 2018\/2019 hat das Land Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (2022) und der Efta (2024) abgeschlossen, zu der neben Norwegen, Liechtenstein und Island auch die Schweiz geh\u00f6rt. Auch einen ersten Teil (\u00abEarly Harvest\u00bb) des Abkommens mit Australien konnte Indien 2022 finalisieren und in Kraft setzen.<\/p>\n<p>Derzeit verhandelt Indien mit dem Vereinigten K\u00f6nigreich, der EU, Oman und Peru. Zudem arbeitet das Land am Abschluss des Abkommens mit Australien. Diese Abkommen neuerer Generation sind hinsichtlich des Umfangs und der Tiefe weitaus umfassender als die bisherigen. Neben Waren, Dienstleistungen und technischen Handelshemmnissen enthalten sie auch Kapitel \u00fcber den digitalen Handel, Umwelt- und Sozialfragen sowie Handelserleichterungen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus engagiert sich Indien auch im Indo-Pacific Economic Framework for Prosperity (IPEF), an dem sich unter anderem auch die USA beteiligen. Hier geht es um themenspezifische Abkommen zu widerstandsf\u00e4higen Lieferketten, sauberer Energie und fairer Wirtschaft. Auch wenn dies keine Freihandelsabkommen im herk\u00f6mmlichen Sinne sind, nehmen solche alternativen themenspezifischen Abkommen in Zukunft wahrscheinlich zu, um gemeinsame Standards und Regeln zwischen gleichgesinnten L\u00e4ndern zu entwickeln.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die indische Perspektive<\/h2>\n<p>Indien ist ein Land der Gegens\u00e4tze. Kaufkraftbereinigt haben fast 60 Millionen der insgesamt 1,4 Milliarden Inder und Inderinnen einen Lebensstandard, der mit dem Durchschnitt Italiens vergleichbar ist \u2013 wohlgemerkt einer der grossen europ\u00e4ischen Volkswirtschaften und eines Mitglieds der G-7 und der G-20. Gleichzeitig leben in Indien fast 200 Millionen Menschen mit weniger als 2,15 Dollar pro Tag. Das entspricht der H\u00e4lfte der Menschen, die in Subsahara-Afrika unterhalb der Armutsgrenze leben. Auch wenn es in Indien absolut betrachtet sehr viele Menschen in allen Einkommenskategorien gibt, z\u00e4hlt die grosse Mehrheit immer noch zu den Geringverdienenden.<\/p>\n<p>Ausserdem ist Indien gem\u00e4ss dem US-Magazin \u00abFortune\u00bb Sitz der acht weltweit umsatzst\u00e4rksten Unternehmen und von mehr als 600 Unternehmen mit einem Umsatz von fast 100 Millionen Dollar. Gleichzeitig gibt es etwa 7 Millionen Kleinstunternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als 0,6 Millionen Dollar, wobei die meisten von ihnen weniger als 0,3 Millionen Dollar erwirtschaften. In diesen Zahlen sind mehrere Millionen informeller Einzelunternehmen nicht enthalten.<\/p>\n<p>Indien ist eine offene und transparente Demokratie. Interessengruppen sind bereits seit Langem aktiv, um ihre Forderungen auf verschiedenen Regierungsebenen durchzusetzen. Bei jeder politischen Entscheidung m\u00fcssen deshalb verschiedene Interessen gegeneinander abgewogen werden. Es gibt kein anderes Entwicklungsland mit einer solchen Vielfalt an Einkommensniveaus und industriellen Kapazit\u00e4ten, das gleichzeitig eine f\u00f6derale Demokratie ist.<\/p>\n<p>Die politischen Entscheidungstr\u00e4ger m\u00fcssen sich dar\u00fcber im Klaren sein, welche Sektoren einer Handels\u00f6ffnung besonders betroffen sind. In einigen Sektoren gibt es sehr viele Kleinstunternehmen oder Arbeitnehmende aus sozio\u00f6konomisch schw\u00e4cheren Schichten. In anderen F\u00e4llen kann ein Wirtschaftssektor politisch sensibel sein, da er f\u00fcr eine bestimmte Provinz extrem wichtig ist. Diese Komplexit\u00e4t zwingt Indien, mindestens 15 bis 20 Prozent seiner Zolltarifpositionen in den Verhandlungen zu sch\u00fctzen. Das heisst, die indischen Entscheidungstr\u00e4ger sind nicht generell protektionistisch, sondern: Sie sind pragmatisch.<\/p>\n<p>Auch bei Rechten f\u00fcr geistiges Eigentum m\u00fcssen die indischen Politiker die Bed\u00fcrfnisse der \u00f6ffentlichen Gesundheit Indiens priorisieren. Damit Medikamente auch f\u00fcr die weniger wohlhabende Bev\u00f6lkerung zug\u00e4nglich bleiben, m\u00fcssen sie die Versuche von Pharmaunternehmen abwehren, welche die Dauer des Patentschutzes verl\u00e4ngern wollen. Zudem muss Indien darauf achten, dass Umwelt- und Arbeitsrechte nicht als protektionistische Instrumente von der Gegenseite missbraucht werden. Das alles bedeutet: Ein Abkommen mit Indien setzt voraus, dass die Verhandlungspartner Indiens einzigartige Komplexit\u00e4t verstehen und zu sch\u00e4tzen wissen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Indien &#8211; Efta: Ein gutes Gleichgewicht<\/h2>\n<p>In dieser Hinsicht ist das Handels- und Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (Trade and Economic Partnership Agreement, Tepa) zwischen Indien und der Efta ein bemerkenswerter Erfolg. Das Tepa ist generell ein Vorbild f\u00fcr Freihandelsabkommen zwischen grossen Entwicklungsl\u00e4ndern und reichen Industrienationen. Da die Z\u00f6lle in den Industriel\u00e4ndern in der Regel sehr niedrig sind, bringen Freihandelsabkommen den Warenexporteuren aus Entwicklungsl\u00e4ndern keinen grossen Mehrwert. Die Schweiz beispielsweise erhebt seit 2024 keine Einfuhrz\u00f6lle auf Industrieg\u00fcter.<\/p>\n<p>Das Abkommen zwischen Indien und der Efta schafft dennoch ein Gleichgewicht: Auf der einen Seite gew\u00e4hrt Indien Zollsenkungen. Auf der anderen Seite verpflichten sich die wohlhabenden Industriel\u00e4nder, l\u00e4ngerfristig Investitionen und Arbeitspl\u00e4tze zu f\u00f6rdern. Ungeachtet der Kritik, ob diese Verpflichtung tats\u00e4chlich wirksam ist, stellt sie sicher eine radikale Neuerung dar.<\/p>\n<p>Mit derzeit rund 42 Millionen Studierenden im indischen Hochschulsystem wird Indien bis 2040 wahrscheinlich die gr\u00f6sste Anzahl an hoch qualifizierten Fachkr\u00e4ften der Welt haben. Anders die wohlhabenderen Volkswirtschaften in Europa und Nordamerika: Aufgrund der \u00dcberalterung der Bev\u00f6lkerung fehlen dort qualifizierte Fachkr\u00e4fte immer mehr. Das Tepa zwischen Indien und der Efta erm\u00f6glicht es Efta-Firmen, das grosse Angebot an technisch qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften in Indien selbst zu nutzen \u2013 insbesondere bei digitalen Dienstleistungen. Zus\u00e4tzliche Verpflichtungen erleichtern zum Beispiel die Einreise in die Efta-L\u00e4nder f\u00fcr bestimmte Kategorien von indischen Gesch\u00e4ftsreisenden oder Wartungspersonal.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Indiens k\u00fcnftiger Kurs<\/h2>\n<p>Indien wird sich auch in Zukunft weiter bem\u00fchen, seine Freihandelsabkommen mit der EU, dem Vereinigten K\u00f6nigreich und der Eurasischen Wirtschaftsunion voranzutreiben. Zu Letzterer geh\u00f6ren beispielsweise Russland, Kasachstan und Armenien. Es wird wahrscheinlich auch Freihandelsabkommen mit den Mitgliedsl\u00e4ndern der RCEP und der transpazifischen CPTPP anstreben, mit denen Indien noch kein Abkommen hat. Damit w\u00fcrde Indiens Freihandelsnetz ganz Europa und Asien mit Ausnahme Chinas abdecken.<\/p>\n<p>Eine weitere Priorit\u00e4t w\u00e4ren Freihandelsabkommen mit afrikanischen und lateinamerikanischen L\u00e4ndern. Bei all diesen Freihandelsabkommen best\u00fcnde die Herausforderung f\u00fcr Indien darin, seine oben beschriebenen besonderen Empfindlichkeiten zu ber\u00fccksichtigen. Angesichts der wachsenden geopolitischen Spannungen und der zunehmenden Tendenz, bevorzugt Handels- und Investitionsbeziehungen mit geopolitischen Verb\u00fcndeten einzugehen, werden vermutlich auch neue Abkommen an Bedeutung gewinnen \u2013 beispielsweise das IPEF mit den USA und Australien.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Indien will sich immer mehr in die globale Wirtschaft integrieren. Freihandelsabkommen sollen dem Land dabei helfen. Indiens Freihandelsstrategie hat sich in den letzten drei Jahrzehnten st\u00e4ndig weiterentwickelt. 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