{"id":201550,"date":"2024-10-04T07:10:47","date_gmt":"2024-10-04T05:10:47","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=201550"},"modified":"2024-10-04T16:21:33","modified_gmt":"2024-10-04T14:21:33","slug":"wie-erfolgreich-sind-kleine-banken-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/10\/wie-erfolgreich-sind-kleine-banken-in-der-schweiz\/","title":{"rendered":"Wie erfolgreich sind kleine Banken in der Schweiz?"},"content":{"rendered":"<p>Wie gross darf eine Bank sein? Das ist ein viel diskutiertes Thema in der Finanzwelt. H\u00e4ufig wird dabei die Zukunftsf\u00e4higkeit von kleineren Banken infrage gestellt. Denn Gr\u00f6sse bringt Vorteile in Form von Skaleneffekten mit sich: Die Kosten einer einzelnen Transaktion sinken, wenn die Gesamtkosten auf eine h\u00f6here Anzahl Transaktionen verteilt werden k\u00f6nnen. In der Theorie sind grosse Banken daher effizienter und profitabler. Zudem haben gr\u00f6ssere Banken mehr M\u00f6glichkeiten, ihre Ertr\u00e4ge zu diversifizieren und dadurch ihr Risiko zu mindern.<\/p>\n<p>So einleuchtend diese Argumente klingen \u2013 zahlreiche empirische Studien belegen, dass sie f\u00fcr die Schweizer Retailbanken in den meisten Bereichen nicht zutreffen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Trotz der fehlenden Skalierungsm\u00f6glichkeiten gibt es viele Klein- und Regionalbanken, die in ihren M\u00e4rkten erfolgreich operieren. Diese Institute zeichnen sich oft durch eine enge Kundenbindung und sehr gute Kenntnisse der lokalen M\u00e4rkte aus. Ihre geringe Gr\u00f6sse und die flachen Hierarchien erm\u00f6glichen es, Entscheidungen schnell(er) zu treffen und zeitnah auf die Bed\u00fcrfnisse der Kunden zu reagieren.<\/p>\n<p>Zwar sind kleinere Banken bis zu einer Bilanzsumme von weniger als 1,5 Milliarden Schweizer Franken weniger profitabel und weniger effizient als gr\u00f6ssere Banken. Wenn man aber nebst dem Aufwand-Ertrag-Verh\u00e4ltnis und der Gesamtkapitalrentabilit\u00e4t weitere Kennzahlen ber\u00fccksichtigt, zeigt sich, dass auch kleine Banken sehr gut positioniert sind: Sie haben tendenziell eine h\u00f6here Zinsmarge, mehr Eigenkapital und eine h\u00f6here Liquidit\u00e4t. Grunds\u00e4tzlich unterscheiden sich die finanziellen Kennzahlen von Kleinbanken aber nicht fundamental von denjenigen von gr\u00f6sseren Banken (siehe Tabelle).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Kleine Banken sind gut positioniert (2023)<\/h2>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-203221 size-full\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_2_DE-1.png\" alt=\"\" width=\"2362\" height=\"791\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_2_DE-1.png 2362w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_2_DE-1-300x100.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_2_DE-1-1024x343.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_2_DE-1-768x257.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_2_DE-1-1536x514.png 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_2_DE-1-2048x686.png 2048w\" sizes=\"(max-width: 2362px) 100vw, 2362px\" \/><\/p>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Die Zahlen basieren auf der Untersuchung der 91 Schweizer Retailbanken. Die Leverage Ratio ist eine Eigenmittelkennzahl, die Liquidity Coverage Ratio eine Liquidit\u00e4tskennzahl.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Dietrich et al. (2024) \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Starke Abh\u00e4ngigkeit vom Zinsdifferenzgesch\u00e4ft<\/h2>\n<p>Vor grossen Herausforderungen stehen kleine Banken aber, wenn es um die Ertragsdiversifikation geht. Breit abgest\u00fctzte Ertragsquellen sind wichtig f\u00fcr die Stabilit\u00e4t und den langfristigen Erfolg einer Bank. Gr\u00f6ssere Banken haben in der Regel mehr M\u00f6glichkeiten, ihre Gesch\u00e4ftsaktivit\u00e4ten zu diversifizieren, da sie \u00fcber mehr Ressourcen verf\u00fcgen und in einer breiteren Palette von M\u00e4rkten und Produkten t\u00e4tig sind. Kleinbanken hingegen haben oft einen eingeschr\u00e4nkten geografischen Wirkungsbereich, fokussieren lediglich auf bestimmte Kundengruppen und konzentrieren sich h\u00e4ufig auf eine begrenzte Anzahl von Dienstleistungen. Zudem sind die Kleinbanken oft sehr stark abh\u00e4ngig vom Zinsdifferenzgesch\u00e4ft, also dem Verleihen und der Entgegennahme von Geldern. Diese Fokussierung kann zwar Vorteile in Bezug auf lokale Marktkenntnisse und Kundenn\u00e4he bieten, bringt jedoch auch erhebliche Risiken mit sich, wenn sich wirtschaftliche Bedingungen \u00e4ndern oder spezifische Marktsegmente unter Druck geraten.<\/p>\n<p>Wie die Retail-Banking-Studie 2023 aufzeigt, l\u00e4sst sich ein Zusammenhang zwischen der Gr\u00f6sse einer Bank, gemessen an der Bilanzsumme, und dem Diversifikationsgrad feststellen. Dieser misst den Anteil des zinsindifferenten Gesch\u00e4fts am Betriebserfolg. Die 15 von 90 untersuchten Schweizer Retailbanken mit dem tiefsten Diversifikationsgrad hatten im Durchschnitt eine Bilanzsumme von 1,29 Milliarden Schweizer Franken. Im Gegensatz dazu verf\u00fcgten die 15 Banken mit dem h\u00f6chsten Diversifikationsgrad im Durchschnitt \u00fcber eine Bilanzsumme von rund 41 Milliarden (siehe Abbildung). Trotzdem gelang es aber auch einigen kleinen Banken mit einer Bilanzsumme von weniger als 5 Milliarden, beachtliche Werte zu erzielen. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel die Acrevis Bank, die Alpha Rheintal Bank oder die DC Bank Deposito-Cassa der Stadt Bern.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Auch kleine Banken k\u00f6nnen gut diversifiziert sein (2022)<\/h2>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-202494 size-full\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_1_DE-e1728038919926.png\" alt=\"\" width=\"1735\" height=\"809\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_1_DE-e1728038919926.png 1735w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_1_DE-e1728038919926-300x140.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_1_DE-e1728038919926-1024x477.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_1_DE-e1728038919926-768x358.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/10\/DV_09-24_Dietrich_1_DE-e1728038919926-1536x716.png 1536w\" sizes=\"(max-width: 1735px) 100vw, 1735px\" \/><\/p>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Der Diversifikationsgrad misst den Anteil des zinsindifferenten Gesch\u00e4fts am Betriebserfolg. Je h\u00f6her der Wert, desto diversifizierter die Bank (n=87).<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Dietrich et al. (2023) \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Digitalisierung stellt kleine Banken vor Herausforderungen<\/h2>\n<p>Auch die Innovationskraft und der Stand der Digitalisierung sind wichtige Faktoren daf\u00fcr, ob Kleinbanken und Regionalbanken in Zukunft bestehen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend gr\u00f6ssere Banken erhebliche Mittel investieren, um neue Technologien zu entwickeln und zu implementieren, stehen Kleinbanken oft vor der Herausforderung, mit begrenzten Ressourcen Schritt halten zu m\u00fcssen. Neue Technologien zu implementieren, erfordert nicht nur finanzielle Investitionen, sondern auch die richtigen Mitarbeitenden. Viele Kleinbanken haben Schwierigkeiten, qualifizierte IT-Fachkr\u00e4fte zu finden und an sich zu binden, was es zus\u00e4tzlich erschwert, Digitalisierungsstrategien umzusetzen. Eine Untersuchung des Instituts f\u00fcr Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern und des Schweizer Thinktanks E-Foresight (2024) zeigt, dass insgesamt eine positive Korrelation zwischen der Unternehmensgr\u00f6sse und dem Grad der Digitalisierung besteht.<\/p>\n<p>Gleichzeitig bietet die Digitalisierung Kleinbanken auch Chancen zur Zusammenarbeit mit anderen Finanzinstituten und Fintech-Unternehmen. Zum einen k\u00f6nnen sie dadurch ihr Produktangebot erweitern. Zum anderen k\u00f6nnen sie durch die Auslagerung von Prozessen, die durch die Digitalisierung tendenziell erleichtert wird, Skaleneffekte generieren. Unsere Untersuchungen zeigen zudem, dass auch kleinere Institute in der Lage sind, moderne Technologien effektiv zu nutzen und innovativ zu sein.<\/p>\n<p>Was ist also die optimale Gr\u00f6sse einer Bank? Das h\u00e4ngt von verschiedenen Faktoren ab, einschliesslich der F\u00e4higkeit, Skaleneffekte zu nutzen, zu diversifizieren und flexibel auf Marktver\u00e4nderungen zu reagieren. W\u00e4hrend gr\u00f6ssere Banken tendenziell effizienter und besser diversifiziert sind, k\u00f6nnen Kleinbanken durch ihre N\u00e4he zur Kundschaft und ihre Flexibilit\u00e4t Wettbewerbsvorteile erzielen. Dies zeigt sich auch im Kennzahlenranking der j\u00e4hrlich erscheinenden IFZ-Retail-Banking-Studie: Basierend auf insgesamt neun Kennzahlen aus den Bereichen Rentabilit\u00e4t, Risiko und Struktur ist seit vielen Jahren die Caissed\u2019Epargne d\u2019Aubonne Soci\u00e9t\u00e9 Coop\u00e9rative die aus Kennzahlensicht beste Retailbank der Schweiz. Die Bank hat lediglich elf Mitarbeitende und eine Bilanzsumme von 655 Millionen Schweizer Franken per 31. Dezember 2023. Auch auf den R\u00e4ngen zwei und drei des Rankings folgen mit der Ersparniskasse Affoltern i. E. und der Clientis Spar- und Leihkasse Thayngen Kleinstbanken. Insgesamt ist es f\u00fcr Kleinbanken und Regionalbanken von entscheidender Bedeutung, ihre spezifischen St\u00e4rken zu nutzen, um im Wettbewerb mit gr\u00f6sseren Banken bestehen zu k\u00f6nnen. Nur so k\u00f6nnen sie ihre Marktstellung sichern und langfristig erfolgreich sein.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe <a href=\"https:\/\/www.hslu.ch\/de-ch\/hochschule-luzern\/forschung\/projekte\/detail\/?pid=80\">IFZ-Retail-Banking-Studien 2015\u20132023<\/a> und PWC (2023).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie gross darf eine Bank sein? Das ist ein viel diskutiertes Thema in der Finanzwelt. H\u00e4ufig wird dabei die Zukunftsf\u00e4higkeit von kleineren Banken infrage gestellt. 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