{"id":202865,"date":"2024-11-04T17:00:34","date_gmt":"2024-11-04T16:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=202865"},"modified":"2024-11-04T17:10:13","modified_gmt":"2024-11-04T16:10:13","slug":"ich-vertraue-also-bin-ich-verletzlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/11\/ich-vertraue-also-bin-ich-verletzlich\/","title":{"rendered":"Ich vertraue \u2013 also bin ich verletzlich"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich Dir vertraue, mache ich mich verletzlich, da ich Dir ein Gut anvertraue und davon ausgehe, dass Du dieses Gut meinen Erwartungen gem\u00e4ss behandelst. Denn dieses Gut ist wertvoll f\u00fcr mich, es k\u00f6nnte sich etwa um ein wichtiges Geheimnis handeln, um ein Projekt oder um einen Gegenstand, an dem ich h\u00e4nge. Ich \u00fcberwache nicht, wie Du mit dem Gut umgehst. Ich gew\u00e4hre Dir auf diese Weise Freir\u00e4ume und definiere keine Regeln. Im Vertrauen lasse ich los, ich r\u00e4ume einen Ermessensspielraum ein, den Du so oder anders ausf\u00fcllen kannst.<\/p>\n<p>Als Vertrauender verzichte ich auf Kontrolle, ich will keine absolute Sicherheit \u2013 genau das ist es, was mich verletzlich macht. Vertraue ich Dir nicht, werde ich mein Geheimnis nicht mit Dir teilen, \u00fcbergebe Dir nicht das Projekt, \u00fcberlasse Dir nicht den wertvollen Gegenstand. Oder ich tue es voller Zweifel und versuche, den Prozess zu kontrollieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Vertrauensketten in Gesellschaften<\/h2>\n<p>Vertrauen ist ein Anerkennungsverh\u00e4ltnis: Vertraue ich Dir, erkenne ich Dich als vertrauensw\u00fcrdig an. Ich muss das nicht tun, aber wenn doch, mache ich es, weil ich Dich kenne und Du mir vertraut bist oder weil ich jemanden kenne, dem ich vertraue, der wiederum Dich kennt und dem Du vertraut bist. Vertrauen kann sich \u00fcber Personen hinweg \u00fcbertragen, wenn die einzelnen Glieder der Kette einander vertrauen \u2013 so entstehen Vertrauensketten. In un\u00fcbersichtlichen Gesellschaften kann das sehr wichtig sein. Auch das bestimmt die Verletzlichkeit des Vertrauens, wir haben die Kette nie ganz im Blick. Wann hat das zweite Glied der Kette das dritte Glied der Kette zuletzt gesehen, wann das vierte das f\u00fcnfte?<\/p>\n<p>Als Anerkennungsverh\u00e4ltnis ver\u00e4ndert Vertrauen eine Beziehung. Sp\u00fcre ich das Vertrauen eines anderen, kann das ein Anreiz f\u00fcr mich sein, das Vertrauen nicht zu entt\u00e4uschen, ein Anreiz, der erst mit dem Vertrauen entsteht. So schafft Vertrauen die Gr\u00fcnde, die es rechtfertigen, diese Gr\u00fcnde sind nicht immer schon da. Deswegen ist es eine Ressource, die im Gebrauch w\u00e4chst und sich nicht verbraucht. Wer anderen vertraut, motiviert die Bereitschaft, das geschenkte Vertrauen nicht zu entt\u00e4uschen, die wiederum Vertrauen schafft \u2013 ein produktiver Zirkel!<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Misstrauen kann Vertrauen erzeugen<\/h2>\n<p>Oft sagen wir: Wir <em>m\u00fcssen<\/em> anderen oder einer Institution vertrauen, aber das ist nicht ganz korrekt. Nur weil es einen Bedarf an Vertrauen gibt, bedeutet es nicht, dass man automatisch vertraut. Ich bin nicht mit einer Vertrauensf\u00e4higkeit ausgestattet wie mit einem Seh- oder Geruchssinn. Vertrauen muss man sich verdienen, man kann es verlieren und muss es dann neu gewinnen.<\/p>\n<p>In politischen Zusammenh\u00e4ngen ist die Frage, wie hoch oder niedrig das Vertrauen in die Politik ist, sicherlich wichtig, aber sie muss richtig verstanden werden.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Wof\u00fcr steht das gemessene Vertrauen oder Misstrauen? F\u00fcr die Vertrauensbildung d\u00fcrfte das wichtig sein, was man Unterschiedsgef\u00fchl nennen kann. Wird meine Stimme politisch geh\u00f6rt? In diesem Sinne kann sogar Misstrauen auf paradoxe Weise Vertrauen in das politische System erzeugen. Bewirkt es etwas, nimmt man es ernst? Man k\u00f6nnte von einem produktiven Misstrauen sprechen, das auf einem Vertrauen in das politische System beruht.<\/p>\n<p>Wird Politik dagegen als schicksalhaft oder als von Sachzw\u00e4ngen dominiert wahrgenommen, kann sich ein echtes politisches Vertrauen kaum aufbauen. S\u00e4tze wie \u00abDie machen eh, was sie wollen\u00bb oder \u00abDie sind nicht wirklich frei in ihren Entscheidungen\u00bb verraten dann eher ein demokratisch destruktives Misstrauen, dem das Vertrauen abhandengekommen ist. Dieses Misstrauen gilt dann oft nicht einmal einzelnen Personen, sondern den Strukturen, die das Entstehen des Unterschiedsgef\u00fchls blockieren. Anders gesagt: Man kann sich noch so sehr um das Vertrauen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger bem\u00fchen \u2013 wenn sie den politischen Strukturen misstrauen, wird selbst vorhandene Vertrauensw\u00fcrdigkeit einzelner Personen kaum wahrgenommen. Niedriges Vertrauen ist ein Problem, aber eine Vertrauensw\u00fcrdigkeit, die niemand mehr wahrnimmt und die ins Leere l\u00e4uft, ist auch eins.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Das Unterschiedsgef\u00fchl ist entscheidend<\/h2>\n<p>Die Vertrauenswerte der Schweizer Politik sind auch deswegen h\u00f6her als in anderen L\u00e4ndern, weil die M\u00f6glichkeit, \u00fcber Abstimmungen regelm\u00e4ssig Einfluss zu nehmen, das Unterschiedsgef\u00fchl am Leben h\u00e4lt. Niedrige Vertrauenswerte oder hohe Misstrauenswerte sind keine Bedrohung, wenn sich in diesen Werten eine konstruktive demokratische Einstellung verbirgt, die auf einem Gef\u00fchl der Einflussnahme beruht.<\/p>\n<p>Das Problem der nackten Zahlen vieler Umfragen ist, dass sie immer h\u00e4ufiger medienwirksam als Krise der Demokratie verpackt werden. Aber niedrige Vertrauenswerte sind nur dann ein Problem f\u00fcr die Demokratie, wenn sich in ihnen eine tiefe Frustration \u00fcber den Wert und den Einfluss der eigenen politischen Stimme verbirgt. Diese tiefere Schicht politischer Frustration l\u00e4sst sich in Umfragen nur schwer einfangen, weswegen man die Zahlen als Aufforderung zum Nachdenken verstehen und nicht so tun sollte, als w\u00fcrden sie uns selbst schon alles Relevante \u00fcber sie verraten.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Bereitschaft zu vertrauen schwindet<\/h2>\n<p>Folglich sollte man der Demokratie, zum Beispiel im Nachgang zur Abstimmung \u00fcber die BVG-Reform, nicht vorschnell einen Totenschein ausstellen. Vertrauen ist mehr als ein Fragebogenph\u00e4nomen. In Demokratien ist das Gut, das anvertraut wird, politische Gestaltungsmacht. Aber es zeichnet Demokratien aus, dass ich die Macht, die ich abgebe oder \u00fcbertrage, indem ich etwa einen Abgeordneten w\u00e4hle, nie ganz verliere. John Locke (1632\u20131704) hat in seinem Werk \u00abZwei Abhandlungen \u00fcber die Regierung\u00bb mit Blick auf das politische Vertrauen deswegen von einem Treuhandverh\u00e4ltnis gesprochen. Indem wir uns an Wahlen und Abstimmungen beteiligen, \u00fcberlassen wir anderen ein Gut, das sie gleichsam f\u00fcr uns pflegen, damit wir uns anderen Dingen widmen k\u00f6nnen. Gef\u00e4llt uns nicht, wie mit diesem Gut umgegangen wird, k\u00f6nnen wir das Vertrauen entziehen und geben damit zu verstehen, dass wir unsere eigene Gestaltungsmacht nie ganz verloren haben. Auch in diesem Sinne ist Misstrauen in den demokratischen Prozess integriert und muss nicht per se als bedrohlich gesehen werden.<\/p>\n<p>Damit sollen Probleme und Gefahren nicht geleugnet werden. Weil Vertrauen mit Verletzlichkeit und Ungewissheit einhergeht, weicht man ihm aus und sucht nach starker Gewissheit oder fordert Formen vollkommener Sicherheit, die es nicht geben kann.<\/p>\n<p>Vertrauen durch Sicherheit \u2013 das ist mittlerweile nicht nur in der Werbung ein beliebter Slogan. Die Bereitschaft, sich verletzlich zu machen, geht zur\u00fcck. Damit schwindet auch die Bereitschaft, anderen zu vertrauen. Man kann das daran erkennen, dass Fehler kaum verziehen werden. Gerade im Politischen werden sie schnell als schweres pers\u00f6nliches Vergehen gedeutet, so, als w\u00e4ren die politischen Vertreter isolierte Handelnde, die ihre Entscheidungen allein treffen und auch ganz allein in der Lage sind, die Folgen ihres Handelns genau zu \u00fcberblicken. Die vielen Skandale in Politik und Gesellschaft verraten auf diese Weise immer auch etwas \u00fcber die Erwartungen derer, die fehlerhaftes Verhalten entlarven und gleichzeitig suggerieren, es sei vermeidbar.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Schaffen Anw\u00e4lte Vertrauen?<\/h2>\n<p>Hinzu kommen die wachsende Bereitschaft, Konflikte rechtlich zu bearbeiten, und die im Management beliebte Annahme, Vertrauensprozesse seien steuerbar. Die Berufung auf das Recht als L\u00f6sungsinstanz politischer und sozialer Konflikte will die Ermessensspielr\u00e4ume beschneiden, die Vertrauen gew\u00e4hren und das Verhalten anderer festlegen \u2013 sollen doch die Anw\u00e4lte f\u00fcr uns regeln, was wir selbst nicht mehr regeln k\u00f6nnen. Auch das ist ein Versuch, sich weniger verletzlich zu machen und den Austausch mit anderen klar definierbaren Regeln zu unterwerfen.<\/p>\n<p>Umgekehrt r\u00e4umen viele Managementtheorien zwar ein, wie relevant Vertrauen f\u00fcr das F\u00fchren eines Unternehmens ist, aber sie legen nahe, man k\u00f6nne Vertrauen durch bestimmte Massnahmen herbeif\u00fchren. Auch das verkennt die spezifische Dynamik des Vertrauens. Es braucht seine eigene Zeit und seine eigenen R\u00e4ume, es kann nicht von oben verordnet werden. So wollen wir Vertrauen, wir suchen es, wir vermissen es, wir beklagen seinen Verlust, aber wir tun auch viel, damit es sich nicht entwickeln und entfalten kann. Das ist, wenn man so will, die tragische Schizophrenie, in der wir uns etwas ungem\u00fctlich eingerichtet haben.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe auch Hartmann M. (2011). Die Praxis des Vertrauens. Suhrkamp-Verlag.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich Dir vertraue, mache ich mich verletzlich, da ich Dir ein Gut anvertraue und davon ausgehe, dass Du dieses Gut meinen Erwartungen gem\u00e4ss behandelst. Denn dieses Gut ist wertvoll f\u00fcr mich, es k\u00f6nnte sich etwa um ein wichtiges Geheimnis handeln, um ein Projekt oder um einen Gegenstand, an dem ich h\u00e4nge. 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