{"id":204086,"date":"2024-12-27T07:00:50","date_gmt":"2024-12-27T06:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=204086"},"modified":"2024-12-27T07:01:01","modified_gmt":"2024-12-27T06:01:01","slug":"energiewende-ein-index-misst-die-wirtschaftlichen-auswirkungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2024\/12\/energiewende-ein-index-misst-die-wirtschaftlichen-auswirkungen\/","title":{"rendered":"Energiewende: Ein Index misst die wirtschaftlichen Auswirkungen"},"content":{"rendered":"<p>Der Klimawandel ist eine globale Herausforderung mit substanziellen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Bis 2050 k\u00f6nnten die wirtschaftlichen Kosten der globalen Erw\u00e4rmung auf 15\u00a0Prozent des globalen BIP steigen. Zu dieser Einsch\u00e4tzung kommt das Network for Greening the Financial System (NGFS) \u2013 eine renommierte Stelle f\u00fcr \u00f6konomische Analysen \u00fcber Klimarisiken \u2013 in einem <a href=\"https:\/\/www.ngfs.net\/sites\/default\/files\/medias\/documents\/ngfs_scenarios_main_presentation.pdf\">Bericht<\/a> von November 2024. Hinzu kommen die Kosten, die bereits durch die extremen Wetterereignisse der letzten 40 Jahre verursacht wurden. In Europa belaufen sich diese finanziellen Einbussen gem\u00e4ss Sch\u00e4tzungen auf <a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/de\/infographics\/climate-costs\/\">\u00fcber 487\u00a0Milliarden<\/a> Euro.<\/p>\n<p>Verschiedene L\u00e4nder weltweit wollen deshalb mit ihrer Klimapolitik den Ausstoss von Treibhausgasen reduzieren und so die Erderw\u00e4rmung eind\u00e4mmen. In Europa beispielsweise ist seit der Einf\u00fchrung eines Emissionshandelssystems der Ausstoss in den beteiligten Sektoren um 47 Prozent zur\u00fcckgegangen. Gleichzeitig k\u00f6nnen diese Massnahmen auch zu Transitionsrisiken f\u00fcr die globale Wirtschaft f\u00fchren, die noch weitgehend von fossilen Brennstoffen abh\u00e4ngig ist. Solche Transitionsrisiken bezeichnen die Kosten, um die Wirtschaft zu dekarbonisieren. Verursacht werden diese Kosten durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Klimapolitik (z. B. CO<sub>2<\/sub>-Abgaben), die Einf\u00fchrung neuer Technologien in Unternehmen sowie Ver\u00e4nderungen im Konsumverhalten. \u00dcberdies k\u00f6nnen Verm\u00f6genswerte, die von fossilen Brennstoffen abh\u00e4ngig sind, stark an Wert verlieren. Man spricht dann von sogenannten gestrandeten Verm\u00f6genswerten oder Stranded Assets.<\/p>\n<p>Da fast 80\u00a0Prozent der weltweit verbrauchten Energie nach wie vor aus fossilen Quellen stammen, erfordert die gr\u00fcne Wende eine tiefgreifende Transformation von Sektoren, die f\u00fcr das reibungslose Funktionieren der Wirtschaft zentral sind. Dazu geh\u00f6ren insbesondere Energie, Industrie und Verkehr. Voraussetzung daf\u00fcr ist somit eine rasch umzusetzende industrielle und technologische Revolution, damit die globale Erw\u00e4rmung und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Kosten nicht aus dem Ruder laufen.<\/p>\n<p>Wer die wirtschaftlichen Auswirkungen der \u00f6kologischen Transition m\u00f6glichst treffend antizipieren will, muss die Transitionsrisiken messen k\u00f6nnen. Genau dies erm\u00f6glicht ein neuer Index, der auf der Auswertung von Millionen von Presseartikeln basiert, die in der Schweiz ver\u00f6ffentlicht wurden. Er misst die Entwicklung der wirtschaftlichen und finanziellen Risiken im Zusammenhang mit der Klimapolitik in Echtzeit.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Die Ergebnisse dieser Studie wurden im \u00abSwiss Journal of Economics and Statistics\u00bb ver\u00f6ffentlicht (siehe Kasten).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Echtzeitmessung von Transitionsrisiken<\/h2>\n<p>Dieses innovative Tool registriert laufend, wie viel Aufmerksamkeit die Medien bestimmten Klimarisiken schenken, und erm\u00f6glicht so eine systematische Beurteilung der wirtschaftlichen Folgen. So l\u00e4sst sich beispielsweise absch\u00e4tzen, wie sich eine h\u00f6here Wahrscheinlichkeit, dass eine Klimapolitik verabschiedet wird, auf die Wirtschaft und die M\u00e4rkte auswirkt. Zwischen 2000 und 2022 verzeichnete der Index die h\u00f6chste mediale Aufmerksamkeit anl\u00e4sslich der Unterzeichnung des \u00dcbereinkommens von Paris im Jahr 2015 oder der \u00abgr\u00fcnen Welle\u00bb bei den nationalen Parlamentswahlen von 2019 in der Schweiz, als die \u00f6kologischen Parteien im Aufwind waren. Der Index zeigt auch ein deutlich h\u00f6heres Medieninteresse f\u00fcr Klimafragen ab 2018. Das d\u00fcrfte eine gr\u00f6ssere Sensibilisierung der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr das Thema widerspiegeln (siehe Abbildung 1).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Das Interesse der Medien an Klimafragen hat seit 2018 zugenommen<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='BERTHOLD_12-2024_Abb1_DE'>\n\n<\/div>\n\n\n<script>\n\n$(function () \n{\nHighcharts.setOptions({\n    lang : {\n      months: \"Januar,Februar,M\u00e4rz,April,Mai,Juni,Juli,August,September,Oktober,November,Dezember\".split(\",\"),\n        shortMonths : [ 'Jan', 'Feb', 'M\u00e4rz', 'Apr', 'Mai', 'Jun', 'Jul',\n                'Aug', 'Sep', 'Okt', 'Nov', 'Dez' ]\n    }\n});\n\nvar chart = new\n    $('#BERTHOLD_12-2024_Abb1_DE').highcharts({\n\n    chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n   \n   xAxis: {\n        type: 'datetime',\n         title: {\n            text: ''\n        },\n        plotLines: [{\n                color: '#333333',\n                dashStyle: 'dot', \/\/ Spline = Linie, Dot = gepunktete Linie\n                width: 1,\n                value: Date.UTC(2007,1,1), \/\/ Wert, wo vertikale Linie eingeblendet werden soll\n                label: {\n                    rotation: 90,\n\n                y: 5,\n                    text: '4. 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       ],\n        showInLegend: true,\n    }\n    ]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Berthold (2024) \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<div><\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Konjunkturverlangsamung als Preis f\u00fcr weniger CO<sub>2<\/sub><\/h2>\n<p>Der Studie zeigt: Wenn das Transitionsrisiko zunimmt \u2013 zum Beispiel aufgrund der Erwartung, dass neue Klimamassnahmen eingef\u00fchrt werden \u2013, folgt in der Regel ein R\u00fcckgang der CO<sub>2<\/sub>-Emissionen von b\u00f6rsenkotierten Schweizer Unternehmen. Dies k\u00f6nnte darauf hindeuten, dass die Unternehmen ihre Verfahren anpassen, wenn sie entsprechende Klimamassnahmen antizipieren (siehe Abbildung 2). Zur Best\u00e4tigung dieser Hypothese m\u00fcsste allerdings gepr\u00fcft werden, ob die Unternehmen ihre CO<sub>2<\/sub>-Emissionen tats\u00e4chlich reduziert oder lediglich in andere L\u00e4nder verlagert haben (\u00abCarbon Leakage\u00bb).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Der CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss der Unternehmen geht tendenziell zur\u00fcck, wenn neue Klimamassnahmen zu erwarten sind<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/12\/DV_12-24_Berthold_01_DE.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-206028\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/12\/DV_12-24_Berthold_01_DE-1024x746.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"583\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/12\/DV_12-24_Berthold_01_DE-1024x746.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/12\/DV_12-24_Berthold_01_DE-300x218.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/12\/DV_12-24_Berthold_01_DE-768x559.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/12\/DV_12-24_Berthold_01_DE-1536x1118.png 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2024\/12\/DV_12-24_Berthold_01_DE.png 1725w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Berthold (2024) \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<div><\/div>\n<p>Die Studie weist auch darauf hin, dass ein ansteigendes Transitionsrisiko mit einer Konjunkturabk\u00fchlung einhergehen kann. Ein Grund daf\u00fcr ist, dass Unternehmen ihre Produktionsprozesse umstellen m\u00fcssen, wenn sie ihre Emissionen reduzieren und so die finanziellen Auswirkungen einer CO<sub>2<\/sub>-Steuer mildern wollen. Das verursacht Mehrkosten und kann die Produktion kurzfristig belasten. Die Studie zeigt jedoch, dass diese wirtschaftliche Verlangsamung in der Schweiz mit durchschnittlich rund \u20130,1 Prozent relativ gering ist. Dieses Ergebnis deckt sich mit anderen aktuellen Studien. Diese sch\u00e4tzen, dass ein durchschnittlicher Anstieg des CO<sub>2<\/sub>-Preises in Europa einen BIP-R\u00fcckgang von \u20130,2 bis \u20130,4 Prozent nach sich zieht.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Volatile Finanzm\u00e4rkte<\/h2>\n<p>F\u00fcr eine effiziente Ressourcenallokation an den Finanzm\u00e4rkten ist es zentral, dass die Preise von Verm\u00f6genswerten die tats\u00e4chlichen Klimarisiken widerspiegeln. Theoretisch k\u00f6nnte die Einf\u00fchrung einer sehr strengen Klimapolitik dazu f\u00fchren, dass Unternehmen, deren Gesch\u00e4ftsmodell auf der Nutzung fossiler Brennstoffe beruht, schlagartig neu bewertet werden. Diese Volatilit\u00e4t k\u00f6nnte sich negativ auf die Finanzstabilit\u00e4t auswirken, vor allem wenn die Klimarisiken vom Markt zuvor untersch\u00e4tzt wurden.<\/p>\n<p>Die Studie kommt jedoch zum Schluss, dass die Anleger bei der Bewertung der b\u00f6rsenkotierten Schweizer Unternehmen zunehmend auch Klimafragen einbeziehen: Nach der Ank\u00fcndigung einer versch\u00e4rften Klimapolitik schneiden die Aktien von Unternehmen mit geringem CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss tendenziell besser ab als Aktien von CO<sub>2<\/sub>-intensiven Unternehmen. Der Performanceunterschied betr\u00e4gt \u00fcber einen Zeithorizont von zw\u00f6lf Monaten durchschnittlich 3 Prozent. Es ist jedoch schwer zu beurteilen, ob die Klimarisiken damit realistisch bewertet sind.<\/p>\n<p>Die Energiewende ist notwendig, sie erfordert jedoch einen tiefgreifenden wirtschaflichen Wandel. Dieser Prozess birgt Risiken. F\u00fcr eine wirksame und ausgewogene Politik ist es daher zentral, diese Risiken richtig einzusch\u00e4tzen und zu antizipieren.<\/p>\n<p>Auch den Finanzm\u00e4rkten kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Wenn sie eine effektive Ressourcenallokation sicherstellen und eine \u00fcberm\u00e4ssige Volatilit\u00e4t an den Finanzm\u00e4rkten vermeiden sollen, sind sie jedoch auf aussagekr\u00e4ftige Informationen angewiesen. Da die Risiken einer Einf\u00fchrung neuer Klimamassnahmen k\u00fcnftig zunehmen k\u00f6nnten, d\u00fcrften die Anleger in den n\u00e4chsten Jahren vermehrt auch \u00f6kologische \u00dcberlegungen in ihre Entscheide mit einbeziehen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Berthold (2024).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe K\u00e4nzig (2023) sowie Berthold et al. (2023).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Klimawandel ist eine globale Herausforderung mit substanziellen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Bis 2050 k\u00f6nnten die wirtschaftlichen Kosten der globalen Erw\u00e4rmung auf 15\u00a0Prozent des globalen BIP steigen. Zu dieser Einsch\u00e4tzung kommt das Network for Greening the Financial System (NGFS) \u2013 eine renommierte Stelle f\u00fcr \u00f6konomische Analysen \u00fcber Klimarisiken \u2013 in einem Bericht von November 2024. 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Haberis (2023). <a href=\"https:\/\/www.bankofengland.co.uk\/working-paper\/2024\/the-heterogeneous-effects-of-carbon-pricing-macro-and-micro-evidence\">The Heterogeneous Effects of Carbon Pricing:<\/a><a href=\"https:\/\/www.bankofengland.co.uk\/working-paper\/2024\/the-heterogeneous-effects-of-carbon-pricing-macro-and-micro-evidence\"> Macro and Micro Evidence<\/a>. Staff Working Paper No. 1076.<\/li>\r\n \t<li>K\u00e4nzig, D. R. (2023). <a href=\"https:\/\/www.nber.org\/papers\/w31221\">The Unequal Economic Consequences of Carbon Pricing<\/a> (No. w31221). 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