{"id":205958,"date":"2025-01-28T07:00:31","date_gmt":"2025-01-28T06:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=205958"},"modified":"2025-01-28T12:03:44","modified_gmt":"2025-01-28T11:03:44","slug":"die-finanzmarktaufsicht-geht-gegen-unserioese-versicherungsvermittler-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/01\/die-finanzmarktaufsicht-geht-gegen-unserioese-versicherungsvermittler-vor\/","title":{"rendered":"Die Finanzmarktaufsicht geht gegen unseri\u00f6se Versicherungsvermittler vor"},"content":{"rendered":"<p>Es ist halb sieben. Die Familie sitzt am Tisch und freut sich auf das gemeinsame Abendessen. Da klingelt das Telefon. \u00abGuten Abend\u00bb, sagt eine unbekannte Stimme, \u00abich habe ein unglaubliches Angebot f\u00fcr Sie. Ich arbeite f\u00fcr die Tellsana, die gr\u00f6sste Krankenversicherung der Schweiz. Ihre bisherige Krankenversicherung wird n\u00e4chstes Jahr 20 Prozent teurer. Wechseln Sie zu uns und profitieren Sie vom g\u00fcnstigsten Angebot mit vielen Zusatzleistungen.\u00bb<\/p>\n<p>Das Beispiel ist fiktiv, aber nicht aus der Luft gegriffen. Auch in diesem Jahr wurden in der Schweiz zahlreiche Personen mit \u00e4hnlichen Anrufen bel\u00e4stigt. Die Anrufer erfinden oft Vorw\u00e4nde, um ihre Gespr\u00e4chspartner zu einem Beratungstermin zu dr\u00e4ngen. Dabei wird auch mit Unwahrheiten argumentiert. Denn der Anrufer arbeitet nicht f\u00fcr einen Schweizer Krankenversicherer, sondern sitzt in einem Callcenter. Sein Name oder die gemachten Angaben zur bestehenden Versicherungspolice und zu neuen Produkten sind erfunden. Der Termin wird nicht mit der Person am Telefon vereinbart, sondern \u00fcber eine Art Terminb\u00f6rse an einen Vermittler verkauft. Dieser Vermittler wiederum versucht dann, ein Beratungsgespr\u00e4ch abzuschliessen, und vermittelt im Erfolgsfall den Versicherungsvertrag an einen Krankenversicherer, der ihm daf\u00fcr eine Provision zahlt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Mit neuer Regulierung Missbrauch verhindern<\/h2>\n<p>Um der missbr\u00e4uchlichen Vermittlert\u00e4tigkeit wie im Beispiel einen Riegel zu schieben, hat der Gesetzgeber im Jahr 2024 verschiedene \u00c4nderungen eingef\u00fchrt. Vermittlerinnen und Vermittler im Privatversicherungsbereich werden neu von der Eidgen\u00f6ssischen Finanzmarktaufsicht (Finma) beaufsichtigt.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Sie m\u00fcssen bei der Aufnahme ihrer T\u00e4tigkeit bestimmte Voraussetzungen erf\u00fcllen. Zum Beispiel m\u00fcssen sie eine obligatorische Aus- und Weiterbildung gem\u00e4ss dem vom Berufsbildungsverband der Versicherungswirtschaft (VBV) ausgearbeiteten Mindeststandard vorweisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zudem m\u00fcssen sie \u00fcber einen guten Ruf verf\u00fcgen und Gew\u00e4hr f\u00fcr die Einhaltung der Gesetze bieten. CV, Straf- und Betreibungsregisterauszug werden gepr\u00fcft. Dar\u00fcber hinaus gibt es besondere Anforderungen an die Durchf\u00fchrung von Beratungsgespr\u00e4chen. So ist etwa bei der Vermittlung von Krankenversicherungen ein Beratungsprotokoll zwingend zu erstellen, welches die Zustimmung des Kunden sowie der Beratungsperson zu den wichtigsten Punkten des Gespr\u00e4chs enth\u00e4lt. Auch ist im Bereich Krankenversicherung die sogenannte Kaltakquise verboten.<\/p>\n<p>Von einer Kaltakquise spricht man bei unaufgeforderter und unerw\u00fcnschter telefonischer Kontaktaufnahme durch Versicherungsunternehmen oder -vermittler wie im einleitenden Beispiel. Erlaubt sind Anrufe nur, wenn bereits eine Gesch\u00e4ftsbeziehung besteht, wenn die Kunden bis vor weniger als drei Jahren bei der entsprechenden Krankenkasse versichert waren oder wenn der Anruf auf Empfehlung einer dem Angerufenen bekannten Drittperson erfolgt.<\/p>\n<p>Bei Gesetzesverst\u00f6ssen kann die Finma Massnahmen gegen die fehlbaren Institute und Privatpersonen ergreifen. Sie kann das Gesch\u00e4ftsmodell stoppen oder den Beteiligten die Bewilligung entziehen. Dazwischen gibt es verschiedene weitere Massnahmen, welche die Finma anordnen kann. Bei Verletzung von Informationspflichten (siehe Kasten), bei unbewilligter T\u00e4tigkeit und bei Missachtung der besonderen Bestimmungen in der Krankenversicherung erstattet die Finma zudem Strafanzeige.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Missbr\u00e4uchliche Vermittler aufdecken<\/h2>\n<p>Die Strukturen von missbr\u00e4uchlichen Vermittlerkonstrukten sind oft komplex und mehrstufig aufgebaut. Teilweise sind auch im Ausland wohnhafte Personen beteiligt, was die Untersuchungen noch komplizierter macht. Entscheidend f\u00fcr eine erfolgreiche Intervention der Finma ist, dass gen\u00fcgend Anhaltspunkte vorliegen, die zu den am Konstrukt beteiligten Personen f\u00fchren. So muss etwa anhand der Geldfl\u00fcsse (bezahlte Provisionen und andere Entsch\u00e4digungen) festgestellt werden k\u00f6nnen, wer die Hauptverantwortung f\u00fcr die missbr\u00e4uchliche Vermittlert\u00e4tigkeit tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die Finma hat deshalb die Versicherungsunternehmen aufgefordert<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>, ihre Gesch\u00e4ftspartner mit entsprechenden Governance-Regeln und wirksamen Kontrollen zu einer nachhaltigen Verbesserung der Situation anzuhalten. Mit den von ihnen bezahlten Provisionen haben die Versicherungen einen direkten Einfluss auf die Gesch\u00e4ftspraktiken im Vermittlermarkt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Erste Untersuchungen laufen<\/h2>\n<p>Die Finma hat bereits zahlreiche Hinweise auf unbewilligte oder missbr\u00e4uchliche Vermittlert\u00e4tigkeit erhalten und in rund 100 F\u00e4llen vertiefte Abkl\u00e4rungen er\u00f6ffnet. Dabei wurden \u00fcber 350 Vermittlerinnen und Vermittler identifiziert, welche ohne Bewilligung der Finma t\u00e4tig waren. In einzelnen F\u00e4llen sind mehrere unbewilligte Partner aufgeflogen, die gemeinsam kooperiert haben. Da die Finma auf m\u00f6glichst viele und fundierte externe Hinweise von Betroffenen angewiesen ist, um ein Verfahren gegen fehlbare Marktteilnehmer f\u00fchren zu k\u00f6nnen, hat sie auf ihrer Website ein <a href=\"https:\/\/www.finma.ch\/de\/finma-public\/meldung-erstatten\/meldeformular-f%C3%BCr-m%C3%B6gliche-finanzmarktrechtsverletzungen\/\">allgemeines Meldeformular<\/a> sowie ein spezifisches <a href=\"https:\/\/www.finma.ch\/de\/finma-public\/meldung-erstatten\/meldung-unerlaubter-telefonischer-kaltakquise\/\">Formular zur Meldung von Kaltakquise<\/a> aufgeschaltet.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">F\u00fcr die obligatorische Krankenversicherung ist das Bundesamt f\u00fcr Gesundheit nach dem Bundesgesetz \u00fcber die Krankenversicherung (KVG) zust\u00e4ndig.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe <a href=\"https:\/\/www.finma.ch\/de\/~\/media\/finma\/dokumente\/dokumentencenter\/myfinma\/4dokumentation\/finma-aufsichtsmitteilungen\/20240717-finma-aufsichtsmitteilung-05-2024.pdf?sc_lang=de&hash=A59B5CF6605490F4FEFC96A4865B6C3E\">Aufsichtsmitteilung 05\/2024<\/a> vom 17. Juli 2024.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist halb sieben. Die Familie sitzt am Tisch und freut sich auf das gemeinsame Abendessen. Da klingelt das Telefon. \u00abGuten Abend\u00bb, sagt eine unbekannte Stimme, \u00abich habe ein unglaubliches Angebot f\u00fcr Sie. Ich arbeite f\u00fcr die Tellsana, die gr\u00f6sste Krankenversicherung der Schweiz. Ihre bisherige Krankenversicherung wird n\u00e4chstes Jahr 20 Prozent teurer. 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Bei Krankenversicherungen ist es zwingend.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;\r\n\r\nWeitere Informationen zu den Rechten und M\u00f6glichkeiten zum Schutz der Versicherungsnehmerinnen und -nehmer hat die Eidgen\u00f6ssische Finanzmarktaufsicht (Finma) in einem <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/1005398480\">kurzen Video<\/a> zusammengestellt."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":"","serie_email":"","frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[4306],"korrektor":5357,"planned_publication_date":"2025-01-28 06:00:31","original_files":null,"external_release_for_author":"20250128","external_release_for_author_time":"00:05:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/677baa5b308d9"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/205958"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12879"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=205958"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/205958\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":206567,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/205958\/revisions\/206567"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4306"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12879"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/206584"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=205958"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=205958"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=205958"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=205958"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=205958"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=205958"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}