{"id":206463,"date":"2025-02-03T06:50:07","date_gmt":"2025-02-03T05:50:07","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=206463"},"modified":"2025-02-03T09:47:07","modified_gmt":"2025-02-03T08:47:07","slug":"selbstverrat-in-raten-die-handelspolitische-kehrtwende-des-westens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/02\/selbstverrat-in-raten-die-handelspolitische-kehrtwende-des-westens\/","title":{"rendered":"Selbstverrat in Raten: Die handelspolitische Kehrtwende des Westens"},"content":{"rendered":"<p>Zu den komplexen Voraussetzungen unseres guten Lebens geh\u00f6rt jene multilaterale, handelsliberale Ordnung, welche die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg federf\u00fchrend schufen.\u00a0Ihr v\u00f6lkerrechtliches Fundament fand diese Ordnung im Prinzip der Unverletzlichkeit von Grenzen.<\/p>\n<p>In der Wirtschaft orientierte man sich \u2013 in nat\u00fcrlicher Abkehr vom grassierenden Protektionismus der Zwischenkriegszeit \u2013 am Prinzip des freien Handels. Im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt) von 1947 wurde etwa die Technik der Meistbeg\u00fcnstigung als zentrale Regel etabliert. Gem\u00e4ss dieser Regel m\u00fcssen Handelsvorteile, die einem Handelspartner gew\u00e4hrt werden, auch allen anderen Partnerl\u00e4ndern gew\u00e4hrt werden.\u00a0Der Reigen von Zollsenkungen nahm damit seinen Anfang.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Das Ende der Geschichte?<\/h2>\n<p>Diese in Anlage und Ausrichtung offene Ordnung wurde schrittweise verfestigt und selektiv erweitert. Ihre globale Dimension fand sie nach dem Ende des Kalten Kriegs. Der Beitrag \u00abDas Ende der Geschichte\u00bb des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama gab Anfang der 1990er-Jahre einer Wahrnehmung Ausdruck, die heute fast schon naiv erscheinen mag, damals aber weit \u00fcber Washington hinaus verbreitet war. Seine These: In mittlerer und l\u00e4ngerer Frist werde sich der politische Liberalismus offener Gesellschaften ebenso durchsetzen wie der wirtschaftliche Liberalismus mit offenen M\u00e4rkten und internationaler Arbeitsteilung.<\/p>\n<p>Westliche Hoffnungen auf eine globale Konvergenz im Anschluss an den Fall der Mauer erkl\u00e4ren den \u00dcbergang vom Primat der Politik zum Primat der Wirtschaft. Russland kam, so schien es damals, auf Europa zu. 2001 wurde China Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO). Es begann die Bl\u00fctezeit der Globalisierung.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Alle konnten profitieren<\/h2>\n<p>Die liberale Welthandelsordnung hat \u00fcber viele Jahrzehnte hinweg auch und gerade kleinere Gesellschaften vorangebracht. Zum Beispiel die Schweiz: W\u00e4re sie tats\u00e4chlich zur <a href=\"https:\/\/www.imf.org\/external\/datamapper\/NGDPD@WEO\/OEMDC\/ADVEC\/WEOWORLD\">zwanzigstgr\u00f6ssten Volkswirtschaft<\/a> der Welt geworden, wenn sie die engen Grenzen ihres Heimmarkts nicht \u00fcber Handel h\u00e4tte kompensieren k\u00f6nnen \u2014 zun\u00e4chst in Europa und sp\u00e4ter in der ganzen Welt?<\/p>\n<p>Tatsache ist, dass die prinzipielle Offenheit der handelsliberalen Weltordnung aber nicht nur Singapur oder die Schweiz beg\u00fcnstigte, sondern auch die T\u00fcrkei, Brasilien und den Rest der Welt. Gerade die vom Westen induzierte fortschreitende Diffusion von Wissen und K\u00f6nnen hat die Emanzipation des Globalen S\u00fcdens beschleunigt. Die Zahlen zeigen es: Der Anteil westlicher Staaten an der globalen Wirtschaftsleistung nimmt seit 60 Jahren stetig ab (siehe Abbildung). Neue aufstrebende L\u00e4nder werden nicht nur wirtschaftlich st\u00e4rker, sondern auch politisch selbstbewusster, lauter, fordernder.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der Anteil westlicher Staaten nimmt seit Jahren ab (1980\u20132024)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class=\"chart chart--normal\" id=\"FREI_2-2025_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#FREI_2-2025_DE').highcharts({     \n\n chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: [\n        \n1980,1981,1982,1983,1984,1985,1986,1987,1988,1989,1990,1991,1992,1993,1994,1995,1996,1997,1998,1999,2000,2001,2002,2003,2004,2005,2006,2007,2008,2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023,2024],\n\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Anteil am globalen BIP (kaufkraftbereinigt)'\n        },\n        labels: {\n                format: '{value}%'\n            },\n       \n    },\n     tooltip: {\n     headerFormat: '<b>{point.x} <\/b><br>',\n     valueSuffix: '%'\n   \n   \n        },\n    plotOptions: {\n        line: {\n    \n\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n            enableMouseTracking: true\n        },\n        series: {\nmarker: {\nenabled: false\n}\n}\n    },\n    series: [{\n        name: 'Industriel\u00e4nder',\n        data: [64.77,64.61,64.41,64.78,64.95,65,65,64.91,65.11,65.34,64.83,64.39,59.32,59.12,59.4,59.47,59.04,58.73,58.81,58.86,58.33,57.87,57.24,56.35,55.33,54.38,53.3,52.05,50.8,49.4,48.45,47.5,46.55,45.74,45.15,44.72,44.15,43.64,42.88,42.51,42.03,41.56,41.34,40.71,40.17],color: '#887db1'\n    }, {\n        name: 'Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder',\n        data: [35.23,35.39,35.59,35.22,35.05,35,35.01,35.09,34.89,34.66,35.18,35.61,40.68,40.88,40.6,40.53,40.96,41.27,41.19,41.14,41.67,42.13,42.76,43.66,44.67,45.62,46.7,47.95,49.2,50.6,51.55,52.5,53.45,54.26,54.86,55.28,55.85,56.36,57.12,57.49,57.97,58.44,58.66,59.29,59.83],color: '#649795'\n       \n           }\n           \n           \n           \n           \n           ]\n});\n\n\n\n});\n\n<\/script>\n<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: <a href=\"https:\/\/www.imf.org\/external\/datamapper\/PPPSH@WEO\/OEMDC\/ADVEC\/WEOWORLD\">IWF, World Economic Outlook (Oktober 2024)<\/a> \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Neue Zeiten<\/h2>\n<p>Es knirscht im Geb\u00e4lk der Global Governance. Das strukturell verankerte \u00dcbergewicht westlicher Staaten etwa im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, in der Weltbank oder beim W\u00e4hrungsfonds wird nicht l\u00e4nger hingenommen. Wer bel\u00e4chelt heute noch die Brics-Staaten, wo sich inzwischen Dutzende L\u00e4nder um eine Mitgliedschaft bem\u00fchen und die Relativierung des Dollars als Leitw\u00e4hrung zumindest beschleunigen wollen? Die Zeichen sind klar: Die westliche Pr\u00e4gung der Welt soll verblassen. Mit China ist uns ein Gigant erwachsen, der vielleicht noch nicht f\u00e4hig, sicher aber willens ist, den Vereinigten Staaten auf der grossen B\u00fchne die Stirn zu bieten.<\/p>\n<p>Sind geopolitische Herausforderungen also schuld daran, dass westliche Regierungen heute wieder vermehrt auf Z\u00f6lle zur\u00fcckgreifen, dass sie die Weiterverbreitung von Technologien verhindern und den freien Kapitalverkehr unterbinden? Nicht nur. Auch nicht antizipierte, politisch aber wirkungsm\u00e4chtige Folgen der Globalisierung spielen eine Rolle \u2013 selbst innerhalb offener Gesellschaften des Westens. Gr\u00f6sser gewordene Ungleichheiten, Verlust- und Abstiegs\u00e4ngste breiter Mittelschichten n\u00e4hren politische Kr\u00e4fte, die Schutz und Sicherheit versprechen und Nationalismen befeuern.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">My country first<\/h2>\n<p>Die schrittweise Abkehr von Prinzipen des Multilateralismus sind nicht einfach Donald Trump zuzuschreiben.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> In zentralen Bereichen der amerikanischen Aussen- und Sicherheitspolitik begann sie mit jenem \u00abunilateral turn\u00bb, den die Administration von George W. Bush im Gefolge des 11. September 2001 auf den Weg brachte. In anderen Bereichen wie der Wirtschafts- und Handelspolitik ist die Abkehr von klassisch liberalen Prinzipien in erster Linie auf protektionistische Reflexe zur\u00fcckzuf\u00fchren, wie sie innerhalb von Gesellschaften mit den oben angesprochenen Wahrnehmungen und \u00c4ngsten einhergehen.<\/p>\n<p>Auch in Europa hat die Globalisierung Pers\u00f6nlichkeiten und Parteien hervorgebracht, die wuchtig in die Gegenrichtung ziehen. Wahlergebnisse zeigen, dass selbst sozio\u00f6konomische Gewinner der Globalisierung nicht l\u00e4nger bereit sind, f\u00fcr offene Handelsr\u00e4ume einzustehen. \u00dcber die Hintergr\u00fcnde l\u00e4sst sich spekulieren. Tatsache ist, dass kaum jemand sich heute noch an eine Zeit erinnern kann, in der Handelsschranken das Angebot oder die Kaufkraft erheblich reduzierten.<\/p>\n<p>Stehen uns solche Zeiten bevor? Im Namen der nationalen Sicherheit rufen die einen nach Industriepolitik, zur Sicherung von Arbeitspl\u00e4tzen rufen andere nach Z\u00f6llen. Zum Schutz des Klimas werden nicht tarif\u00e4re Handelshemmnisse en masse verf\u00fcgt, von Vorgaben zu Produktionsverfahren \u00fcber das Beibringen von Nachhaltigkeitszertifikaten bis hin zu b\u00fcrokratischen H\u00fcrden. Satte 26 Prozent des Welthandels waren 2022 von klimabedingten nicht tarif\u00e4ren Handelshemmnissen betroffen. Insgesamt werden unterdessen rund 70 Prozent des globalen Handels durch nicht tarif\u00e4re Handelshemmnisse erschwert, wie die Konferenz der Vereinten Nationen f\u00fcr Handel und Entwicklung (Unctad) vermeldet.<\/p>\n<p>Auch wenn die Formen des Protektionismus unterschiedlich sind, f\u00fchren sie letztlich zum gleichen Resultat. Seit geraumer Zeit erleben wir die fortschreitende, um nicht zu sagen \u00fcberschiessende R\u00fcckkehr zum Primat der Politik. Die Wirtschaft muss sich beugen. Noch steigt das weltweite Handelsvolumen weiter an \u2013 f\u00fcr 2025 prognostiziert die WTO ein Wachstum von 3,3 Prozent<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> \u2013 das normative Fundament aber br\u00f6ckelt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ohne festen Kompass<\/h2>\n<p>Weit \u00fcber Donald Trump hinaus verr\u00e4t der Westen jene Werte und Prinzipien, die seinen Wohlstand, seine Innovationskraft erst begr\u00fcnden. Oder w\u00e4re der Schutz nicht wettbewerbsf\u00e4higer Strukturen pl\u00f6tzlich eine gute Sache? Meint der wunderbar hinterh\u00e4ltige Begriff des \u00abFriendshoring\u00bb anderes als eine politisch motivierte R\u00fcckkehr zu Handelsbl\u00f6cken? Sind die neuen Formen von Industriepolitik nicht immer noch eine Repolitisierung wirtschaftlicher Entscheidungen, die Anreize nachhaltig verzerrt?<\/p>\n<p>Wer sind wir, wof\u00fcr stehen wir im Westen? Bei der Weltbank fahren wir munter fort, die alten Rezepte zu predigen: keine Z\u00f6lle hier, weniger Subventionen dort. Selber schielen wir in eine andere Richtung, ohne den Richtungswechsel offen anzusprechen.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Unter dem Primat der Politik formatieren wir das Reich der Mitte zur grossen Gefahr. Dabei m\u00fcssten wir China und Indien, Brasilien und Nigeria aus vielen, auch eigenn\u00fctzigen Gr\u00fcnden ein gutes Fortkommen w\u00fcnschen \u2013 und jene offene, kompetitive Ordnung bestm\u00f6glich sch\u00fctzen, die uns alle weiter bringt als jede bekannte Alternative.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Walker, William (2007). Nuclear Enlightenment and Counter-Enlightenment. International Affairs 83 (3): 431\u201353.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Welthandelsorganisation (2024). <a href=\"https:\/\/www.wto.org\/english\/res_e\/booksp_e\/trade_outlook24_e.pdf\">Global Trade Outlook and Statistics<\/a>. April.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Zum Verlust eines koh\u00e4renten wirtschaftspolitischen Narrativs und zur wirtschaftspolitischen Orientierungslosigkeit des Westens siehe Branko Milanovics Kommentar vom 8. Januar 2025: \u00ab<a href=\"https:\/\/branko2f7.substack.com\/p\/how-the-mainstream-has-abandoned\">How the Mainstream Abandoned Universal Economic Principles<\/a>\u00bb.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den komplexen Voraussetzungen unseres guten Lebens geh\u00f6rt jene multilaterale, handelsliberale Ordnung, welche die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg federf\u00fchrend schufen.\u00a0Ihr v\u00f6lkerrechtliches Fundament fand diese Ordnung im Prinzip der Unverletzlichkeit von Grenzen. In der Wirtschaft orientierte man sich \u2013 in nat\u00fcrlicher Abkehr vom grassierenden Protektionismus der Zwischenkriegszeit \u2013 am Prinzip des freien Handels. 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