{"id":206939,"date":"2025-03-20T11:30:58","date_gmt":"2025-03-20T10:30:58","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=206939"},"modified":"2025-03-20T11:31:07","modified_gmt":"2025-03-20T10:31:07","slug":"tiefe-erwerbstaetigkeit-bei-gefluechteten-frauen-aus-der-ukraine-die-gruende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/03\/tiefe-erwerbstaetigkeit-bei-gefluechteten-frauen-aus-der-ukraine-die-gruende\/","title":{"rendered":"Tiefe Erwerbst\u00e4tigkeit bei gefl\u00fcchteten Frauen aus der Ukraine \u2013 die Gr\u00fcnde"},"content":{"rendered":"<p>Am 24. Februar dieses Jahres j\u00e4hrte sich die russische Invasion in die Ukraine zum dritten Mal. Seit 2022 hat der Krieg in der Ukraine erhebliche Fluchtbewegungen ausgel\u00f6st. Gem\u00e4ss UNO lebten Anfang 2025 rund 6,3 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer als Gefl\u00fcchtete in einem anderen europ\u00e4ischen Land, von ihnen rund 1 Prozent oder 68\u2019000 Personen mit Schutzstatus S in der Schweiz. Im Gegensatz zu Gefl\u00fcchteten aus anderen L\u00e4ndern sind es bei den Ukraine-Gefl\u00fcchteten grossmehrheitlich Frauen (62%).<\/p>\n<p>Den Schutzstatus S erhalten Menschen, die aus der Ukraine fl\u00fcchten, ohne Durchf\u00fchrung eines Asylverfahrens in der Schweiz. Zudem haben sie die M\u00f6glichkeit, ohne Wartefrist eine Arbeitsbewilligung zu beantragen und eine Erwerbst\u00e4tigkeit auszu\u00fcben, um so ihren Aufenthalt nach M\u00f6glichkeit eigenst\u00e4ndig finanzieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Voraussetzungen f\u00fcr einen raschen Einstieg von Ukrainerinnen und Ukrainern in den Schweizer Arbeitsmarkt schienen zun\u00e4chst also vielversprechend. Ausserdem verf\u00fcgen rund 70 Prozent von ihnen \u00fcber einen Universit\u00e4tsabschluss, und viele bringen Berufserfahrung in Branchen wie dem Gesundheits- oder dem Erziehungswesen mit, in denen in der Schweiz Arbeitskr\u00e4fteknappheit herrscht. Zudem ist die Arbeitsmotivation bei den Ukrainerinnen und Ukrainern gem\u00e4ss den befragten Fachpersonen, Arbeitgebern und Gefl\u00fcchteten hoch.<\/p>\n<p>Trotzdem wurde das ambitionierte Ziel des Bundesrats, dass bis Ende 2024 40 Prozent der ukrainischen Gefl\u00fcchteten berufst\u00e4tig sein sollten, verfehlt. Ende 2024 waren insgesamt 29,5 Prozent erwerbst\u00e4tig (zum Vergleich: Bei den Ukraine-Gefl\u00fcchteten, die bereits im Fr\u00fchling 2022 einreisten, sind es 37,7%). Bei den Frauen war die Erwerbst\u00e4tigenquote mit 28,2 Prozent tiefer als bei den M\u00e4nnern mit 32,0 Prozent.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Sprache ist eine der gr\u00f6ssten H\u00fcrden<\/h2>\n<p>Was sind die Gr\u00fcnde, weshalb insbesondere Ukrainerinnen weniger oft einer Erwerbsarbeit nachgehen? Im Auftrag des Bundes hat die Universit\u00e4t Neuenburg dies untersucht.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Dazu haben die Studienautoren unter anderem Gespr\u00e4che mit 25 Fachpersonen aus der Integrationsf\u00f6rderung, der Sozialhilfe, der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung, mit zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie mit 8 Arbeitgebenden und 34 ukrainischen Gefl\u00fcchteten gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Gem\u00e4ss den Antworten ist eine grosse H\u00fcrde etwa die Sprache. Dies betrifft insbesondere soziale Berufe, in denen mehrheitlich Frauen t\u00e4tig sind. Selbst sehr beflissene Ukrainerinnen brauchen Zeit, um Deutsch oder Franz\u00f6sisch zu lernen. Auch Englischkenntnisse helfen nur bedingt: In vielen KMU oder bei direktem Kundenkontakt ist Englisch oft weniger gefragt als die lokale Landessprache.<\/p>\n<p>Ein h\u00e4ufig thematisiertes Problem ist, dass Diplome nicht automatisch anerkennt werden. Davon betroffen sind insbesondere Frauen, weil sie \u00f6fter Berufe aus\u00fcben, in denen ein offizielles Diplom verlangt wird, etwa im Erziehungswesen als Sonderp\u00e4dagoginnen. Hinzu kommen laut den Arbeitgebenden ungewohnte Werdeg\u00e4nge mit Abschl\u00fcssen, die es in dieser Form in der Schweiz nicht gibt, oder mit Hochschuldiplomen, die nicht klar zur vorliegenden Berufserfahrung passen. Weiter fehlen Arbeitszeugnisse, die in der Ukraine wenig \u00fcblich sind.<\/p>\n<p>Ein wesentliches Hindernis f\u00fcr die Aufnahme einer Arbeit ist auch die Kinderbetreuung, die prim\u00e4r in der Verantwortung der Frauen liegt. Denn wer kleine oder schulpflichtige Kinder hat, ist meist auf externe Betreuung angewiesen, um einer Erwerbst\u00e4tigkeit nachgehen zu k\u00f6nnen. Gem\u00e4ss Angaben der befragten Ukrainerinnen und Fachpersonen ist eine externe Betreuung jedoch schwierig zu organisieren oder zu teuer. Noch gr\u00f6sser ist die Doppelbelastung der M\u00fctter, neben einer Erwerbst\u00e4tigkeit auch noch die Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen, wenn die Kinder zus\u00e4tzlich am ukrainischen Online-Schulsystem teilnehmen, um sp\u00e4ter nahtlos in das Bildungssystem der Ukraine zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Schutzstatus schafft Unsicherheiten<\/h2>\n<p>Der Schutzstatus S ist r\u00fcckkehrorientiert. Das heisst, er muss periodisch vom Bundesrat verl\u00e4ngert werden, womit eine Unsicherheit einhergeht, wie lange Personen mit Status S das Aufenthaltsrecht in der Schweiz behalten. Dies d\u00e4mpft auch gelegentlich die Motivation, in der Schweiz beruflich voranzukommen. Hinzu kommt, dass Weiterbildungen<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> oft teuer sind und den betroffenen Personen den Weg in die finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit kurzfristig erschweren oder gar verunm\u00f6glichen. Viele Gefl\u00fcchtete stehen stattdessen eher vor der Herausforderung, vor\u00fcbergehend einen Beruf auszu\u00fcben, f\u00fcr den sie \u00fcberqualifiziert sind, solange der Ausgang des Kriegs ungewiss bleibt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig schafft die R\u00fcckkehrorientierung auch Unsicherheit f\u00fcr Arbeitgebende, die Personen mit Status S einstellen und weiterqualifizieren m\u00f6chten. Denn manche sind nicht hinreichend dar\u00fcber informiert oder unsicher, wie lange Personen mit Status S in der Schweiz bleiben k\u00f6nnen. Gerade in Funktionen, die eine (betriebsinterne) Schulung erfordern, werden Kandidatinnen daher eher abgelehnt, wenn ihr Verbleib unsicher ist.<\/p>\n<p>Auch die je nach Kanton und Zeitpunkt unterschiedliche Dauer und der erh\u00f6hte administrative Aufwand, eine Arbeitsbewilligung zu beantragen, wurden von Arbeitgebenden und Fachpersonen als Hindernis genannt. Denn zwar sind Personen mit Schutzstatus S gegen\u00fcber anderen Asylsuchenden bei der Arbeitsaufnahme im Vorteil. Doch f\u00fcr andere Gefl\u00fcchtete ist der Prozess zurzeit noch einfacher. F\u00fcr sie gen\u00fcgt schon ein einfaches Meldeverfahren, weshalb Arbeitgeber solche Personen bei gleichen F\u00e4higkeiten gegen\u00fcber Personen mit Status S teilweise bevorzugen. Eine entsprechende Erleichterung ist inzwischen vorgesehen.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Engere Zusammenarbeit der Beh\u00f6rden<\/h2>\n<p>W\u00e4hrenddem viele Schutzbed\u00fcrftige unmittelbar nach ihrer Flucht in die Schweiz an die \u00f6ffentliche Arbeitsvermittlung (\u00d6AV) verwiesen wurden, hat sich rasch herausgestellt, dass die Bedingungen f\u00fcr einen erfolgreichen Einstieg in den Arbeitsmarkt oft nicht gegeben waren. Die Konsequenz: Viele Schutzbed\u00fcrftige meldeten sich nach kurzer Zeit wieder von der \u00d6AV ab und mussten zun\u00e4chst von anderen beteiligten Institutionen \u2013 insbesondere den Integrationsfachstellen oder der Sozialhilfe \u2013 unterst\u00fctzt werden. Damit ging ein Informations- und Koordinationsaufwand f\u00fcr die Abkl\u00e4rung der Zust\u00e4ndigkeiten durch die kantonalen Stellen einher. Und das gerade in der angespannten Lage des ersten Kriegsjahres.<\/p>\n<p>Der \u00dcbergang und die Zusammenarbeit zwischen spezifischer Integrationsf\u00f6rderung und der \u00d6AV haben sich inzwischen zwar verbessert, aber es besteht weiter Optimierungsbedarf. Fallstudien aus den Kantonen zeigen etwa, wie zentral es ist, sowohl auf der strategischen als auch auf der operativen Ebene f\u00fcr klare Abl\u00e4ufe zu sorgen. Erfahrungsaustausch und direkte Kommunikation zwischen den beteiligten Fachstellen erwiesen sich als unverzichtbar, um die Zusammenarbeit und die bestehenden Abl\u00e4ufe zu \u00fcberdenken und F\u00f6rdermassnahmen auf die Bed\u00fcrfnisse der Schutzbed\u00fcrftigen anzupassen.<\/p>\n<p>Interessanterweise bestehen auch drei Jahre nach Kriegsbeginn immer noch L\u00fccken in der Wissensvermittlung: Vorab fehlt es oft an klaren Informationen f\u00fcr Gefl\u00fcchtete selbst, beispielsweise zu kantonalen Eigenheiten oder zu Unterst\u00fctzungsangeboten bei der Arbeitssuche. Zudem fehlt an der Verbindungsstelle zwischen Integrationsf\u00f6rderung und \u00d6AV teilweise die \u00dcbersicht, wie genau auf der jeweils anderen Seite gearbeitet und entschieden wird. Erwartungen an die Gefl\u00fcchteten m\u00fcssen daher klarer formuliert, Zust\u00e4ndigkeiten definiert und die Kommunikation sowohl mit gefl\u00fcchteten Personen als auch innerhalb und zwischen den Institutionen verbessert werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der Weg stimmt<\/h2>\n<p>Zwar wurden viele der Herausforderungen bei der Arbeitsmarktintegration von Gefl\u00fcchteten aus der Ukraine inzwischen erkannt, doch es braucht f\u00fcr alle Beteiligten Zeit, um Anpassungen und Prozesse zu etablieren, Erfahrungen zu sammeln und aus positiven Beispielen zu lernen.<\/p>\n<p>Die berufliche Integration gefl\u00fcchteter Frauen aus der Ukraine schreitet insgesamt voran, wie die Zahlen zeigen: Ihre Erwerbst\u00e4tigkeit ist zwischen Juni 2022 und Ende 2024 von 6,1 Prozent kontinuierlich auf 28,2 Prozent gestiegen. Dennoch k\u00f6nnte die Arbeitsintegration durch eine konsequente interinstitutionelle Zusammenarbeit und den weiteren gezielten Abbau vermeidbarer Integrationshindernisse etwa mit Programmen, welche die Anerkennung von Diplomen erleichtern, oder gezielter Sprachf\u00f6rderung beschleunigt werden. Dazu bedarf es nicht nur der Bereitschaft von Integrationsf\u00f6rderung und \u00d6AV, offen zu bleiben und Abl\u00e4ufe kontinuierlich anzupassen. Auch die betroffenen Frauen sowie Arbeitgebende und zivilgesellschaftliche Akteure sollten m\u00f6glichst miteinbezogen werden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Efionayi-M\u00e4der D., D. Ruedin, S. Mandelbaum, J. Bobokova, G. D\u2019Amato (2025). <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/Publikationen_Dienstleistungen\/Publikationen_und_Formulare\/Arbeit\/Arbeitsmarkt\/Informationen_Arbeitsmarktforschung\/wp56.html\">Berufsintegration gefl\u00fcchteter Frauen aus der Ukraine<\/a>. Grundlagen f\u00fcr die Wirtschaftspolitik Nr. 56. Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft SECO, Bern, Schweiz.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Im Rahmen des Programm S werden Sprachkurse finanziert; Angebote gibt es auch von den Kantonen und Zivilgesellschaft.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Bundesrat (2025). <a href=\"https:\/\/www.admin.ch\/gov\/de\/start\/dokumentation\/medienmitteilungen\/bundesrat.msg-id-104292.html\">Bundesrat will Erwerbst\u00e4tigkeit von Personen mit Schutzstatus S und in der Schweiz ausgebildeten Drittstaatsangeh\u00f6rigen f\u00f6rdern<\/a>, Medienmitteilung vom 26.2. Bern.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 24. Februar dieses Jahres j\u00e4hrte sich die russische Invasion in die Ukraine zum dritten Mal. Seit 2022 hat der Krieg in der Ukraine erhebliche Fluchtbewegungen ausgel\u00f6st. 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