{"id":208928,"date":"2025-05-13T07:00:53","date_gmt":"2025-05-13T05:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=208928"},"modified":"2025-05-13T09:41:12","modified_gmt":"2025-05-13T07:41:12","slug":"schweiz-frankreich-zusammenarbeit-staerkt-die-energiesicherheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/05\/schweiz-frankreich-zusammenarbeit-staerkt-die-energiesicherheit\/","title":{"rendered":"Schweiz &#8211; Frankreich: Zusammenarbeit st\u00e4rkt die Energiesicherheit"},"content":{"rendered":"<p>Die Verflechtung der Energieinfrastruktur zwischen Frankreich und der Schweiz ist ein unauff\u00e4lliger, aber wichtiger Pfeiler der europ\u00e4ischen Energielandschaft. Die beiden L\u00e4nder teilen somit nicht nur eine geografische Grenze, sondern auch ein gut ausgebautes Netz f\u00fcr den Austausch von Strom und in geringerem Ausmass auch mit Erdgas und Erd\u00f6l. Die Zusammenarbeit zwischen den franz\u00f6sischen und den schweizerischen Akteuren st\u00e4rkt die Energieversorgung und -sicherheit und f\u00f6rdert die Infrastrukturentwicklung. Das bringt sowohl wirtschaftliche als auch \u00f6kologische Vorteile mit sich.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Strom: Ein leistungsf\u00e4higes Netz \u00fcber die Grenze hinweg<\/h2>\n<p>Der Stromsektor ist ein gutes Beispiel f\u00fcr die intensive Zusammenarbeit der beiden Nationen: Mehrere grenz\u00fcberschreitende Verbindungsleitungen gew\u00e4hrleisten einen kontinuierlichen Stromaustausch mit Frankreich. Interkonnektoren \u2013 Hochspannungsleitungen, die die beiden Stromnetze verbinden \u2013 erm\u00f6glichen es, die Produktionskapazit\u00e4ten zu optimieren und Nachfragespitzen zu bew\u00e4ltigen. Diese Infrastruktur wird auf der Schweizer Seite vom nationalen \u00dcbertragungsnetzbetreiber Swissgrid und auf franz\u00f6sischer Seite vom R\u00e9seau de Transport d&#8217;\u00c9lectricit\u00e9 (RTE) betrieben. Sie sorgt daf\u00fcr, dass die Stromversorgung stabil bleibt, auch wenn die Energieproduktion aus erneuerbaren Quellen stark schwankt.<\/p>\n<p>Die beiden L\u00e4nder erg\u00e4nzen sich in ihrer Stromproduktion: Frankreich hat mehr Kapazit\u00e4t in Kernkraftwerken, die Schweiz einen hohen Anteil an Wasserkraft. Mit 6,5 Milliarden Terawattstunden im Jahr 2023 war Frankreich das Land, aus dem die Schweiz am meisten Elektrizit\u00e4t importierte (Import-Export-Saldo, siehe Abbildung). Dieser Trend setzte sich 2024 fort. Besonders in Erinnerung blieb der Winter 2022. Neben geopolitischen Unsicherheiten trug auch die technisch bedingte Stilllegung eines Teils der franz\u00f6sischen Kernkraftwerke dazu bei, dass die Unsicherheit hinsichtlich der Stromversorgung in der Schweiz stieg.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">2023 importierte die Schweiz am meisten Strom aus Frankreich (Import-Export-Saldo in Terawattstunden)<\/h2>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-209916 size-full\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/05\/DV_05-25_Cassaigneau_Dolivo_01_DE_neu.png\" alt=\"\" width=\"1680\" height=\"1380\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/05\/DV_05-25_Cassaigneau_Dolivo_01_DE_neu.png 1680w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/05\/DV_05-25_Cassaigneau_Dolivo_01_DE_neu-300x246.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/05\/DV_05-25_Cassaigneau_Dolivo_01_DE_neu-1024x841.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/05\/DV_05-25_Cassaigneau_Dolivo_01_DE_neu-768x631.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/05\/DV_05-25_Cassaigneau_Dolivo_01_DE_neu-1536x1262.png 1536w\" sizes=\"(max-width: 1680px) 100vw, 1680px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Bundesamt f\u00fcr Energie, Schweizerische Elektrizit\u00e4tsstatistik 2023 \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<p>Das Pumpspeicherkraftwerk Nant-de-Drance im Wallis geh\u00f6rt zu den imposantesten grenz\u00fcberschreitenden Infrastrukturen. Die Anlage speichert \u00fcbersch\u00fcssigen Strom und gibt ihn bei hoher Nachfrage wieder ab. Sie hat eine Speicherkapazit\u00e4t von rund <a href=\"https:\/\/www.alpiq.com\/de\/energie\/anlagen\/wasserkraft\/pumpspeicherkraftwerk-nant-de-drance\">400\u2019000 Elektroauto-Batterien<\/a>. So gleicht das Kraftwerk die Stromfl\u00fcsse zwischen der Schweiz und Frankreich aus und tr\u00e4gt damit zur Stabilit\u00e4t der Stromnetze der beiden L\u00e4nder bei.<\/p>\n<p>Auch im Stromabkommen zwischen der Schweiz und der Europ\u00e4ischen Union (EU) zielt eine Klausel darauf ab, die grenz\u00fcberschreitenden Stromfl\u00fcsse optimal zu steuern und damit zur Versorgungssicherheit beider L\u00e4nder beizutragen. Die materiellen Verhandlungen zum Abkommen wurden im Dezember 2024 abgeschlossen. Die Paraphierung der restlichen Elemente des Pakets Schweiz &#8211; EU durch die Chefunterh\u00e4ndler sowie seitens der Schweiz auch durch die Co-Verhandlungsf\u00fchrenden aus den zust\u00e4ndigen \u00c4mtern ist f\u00fcr Mai 2025 in Bern vorgesehen und die Er\u00f6ffnung der Vernehmlassung durch den Bundesrat vor dem Sommer.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Erdgas: Versorgungssicherheit und Transit<\/h2>\n<p>Frankreich ist ein wichtiger Akteur im europ\u00e4ischen Gasmarkt und spielt eine zentrale Rolle bei der Erdgasversorgung der Schweiz. Ein Teil der Bev\u00f6lkerung im franz\u00f6sischen Jura ist wiederum direkt auf das Schweizer Gasnetz angewiesen. 2009 vereinbarten die beiden L\u00e4nder, dass Schweizer Unternehmen Zugang zu den Erdgasreserven in den unterirdischen Speichern Frankreichs erhalten. Eine wichtige Klausel des Abkommens gew\u00e4hrleistet die gegenseitige Solidarit\u00e4t der beiden L\u00e4nder bei Engp\u00e4ssen in der Gasversorgung. Die Transitgas-Pipeline wiederum ist ein zentrales Bindeglied f\u00fcr die Bef\u00f6rderung von Erdgas aus Frankreich nach Italien und Deutschland. Das internationale Gastransportnetz erstreckt sich in der Schweiz \u00fcber 292 Kilometer und durchquert die Alpen in 14 Tunneln. \u00dcber das Netz k\u00f6nnen mehr als 25 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportiert werden. Zum Vergleich: Das ist mehr, als vom Kaspischen Meer nach Europa exportiert wird. Dadurch tr\u00e4gt die Schweiz zum Handel und zur Energiesicherheit in der gesamten Region bei.<\/p>\n<p>K\u00fcnftig k\u00f6nnte auch Wasserstoff eine wichtige Rolle spielen, um das Energiesystem zu dekarbonisieren. Denn Wasserstoff wird in Frankreich aus erneuerbaren Energien und Atomstrom hergestellt. Mehrere grenz\u00fcberschreitende Projekte von regionalen Akteuren, Unternehmen und Beh\u00f6rden sind bereits in Planung. Diese sollen k\u00fcnftige Wasserstofftransportnetze verbinden, zum Beispiel das Projekt Rhine Hydrogen Network (RHYn) zwischen Frankreich, dem Bundesland Baden-W\u00fcrttemberg und der Region Basel.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Erd\u00f6l: Vom Strassenverkehr bis zu internationalen Unternehmen<\/h2>\n<p>F\u00fcr die Deckung des Erd\u00f6lbedarfs \u2013 ein Kernelement der Energieversorgung \u2013 ist die Schweiz vollst\u00e4ndig auf Importe angewiesen. 2023 importierte sie rund 9,5 Millionen Tonnen Erd\u00f6lprodukte. Etwa 29 Prozent entfielen auf Roh\u00f6l, das haupts\u00e4chlich auf dem Weltmarkt eingekauft wurde \u2013 unter anderem in Nigeria, den USA und Kasachstan. Fertigprodukte wie Benzin, Diesel oder Heiz\u00f6l stammen \u00fcberwiegend aus Raffinerien in den Nachbarl\u00e4ndern. Der Transport erfolgt haupts\u00e4chlich \u00fcber Pipelines und mit Schiffen auf dem Rhein. Diese Abh\u00e4ngigkeit zeigt, wie wichtig stabile Handelsbeziehungen mit den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern f\u00fcr die Energiesicherheit der Schweiz sind.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung in der Schweiz und in Frankreich profitiert indirekt \u00fcber die Zulieferer von dieser Infrastruktur, ist aber auch selbst Teil des grenz\u00fcberschreitenden Handels. So fahren Personen in den Grenzregionen h\u00e4ufig zum Tanken ins Nachbarland, wenn die Preise dort g\u00fcnstiger sind. Dieses individuelle wirtschaftliche Verhalten orientiert sich an den Marktpreisen und am Wechselkurs zwischen Schweizer Franken und Euro.<\/p>\n<p>Die Schweiz hat zudem attraktive internationale Rohstoffhandelszentren wie Genf, insbesondere im Energiesektor. Franz\u00f6sische Konzerne haben dort seit Jahrzehnten Niederlassungen und profitieren unter anderem von den spezifischen Fachkompetenzen der lokalen Wirtschaft und den guten Bahnverbindungen nach Paris. In den letzten Jahren hat beispielsweise der franz\u00f6sische Energieriese Total Energies seine Pr\u00e4senz in Genf ausgebaut, haupts\u00e4chlich \u00fcber die Tochtergesellschaft Trading &amp; Shipping.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">\u00c4hnliche staatliche Politik<\/h2>\n<p>Der Austausch von Strom, Erdgas und Erd\u00f6lprodukten zwischen der Schweiz und Frankreich ist das Ergebnis einer staatlichen Politik, bei der sich die beiden L\u00e4nder erg\u00e4nzen und die \u00fcber reine Handelsgesch\u00e4fte hinausgeht. H\u00e4ufige politische Kontakte auf hoher Ebene sprechen f\u00fcr eine Ann\u00e4herung der Energiepolitik, sowohl in Bezug auf die Dekarbonisierung als auch auf die Energieeffizienz. So unterzeichnete die Schweiz 2023 im Rahmen des <a href=\"https:\/\/www.benelux.int\/fr\/info-citoyen\/benelux-plus\/forum-pentalateral-de-lenergie\/\">Pentalateralen Energieforums (Penta)<\/a><a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> zusammen mit sechs europ\u00e4ischen L\u00e4ndern \u2013 darunter auch Frankreich \u2013 eine <a href=\"https:\/\/www.news.admin.ch\/de\/nsb?id=99485\">Ministererkl\u00e4rung<\/a>. Diese f\u00f6rdert die Dekarbonisierung des Stromsystems der Unterzeichnerstaaten, indem die fossilen Energietr\u00e4ger bis 2035 durch erneuerbare Energien ersetzt werden sollen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Energiewende auf lokaler Ebene zunehmend konkretisiert, schafft die Energievernetzung zwischen der Schweiz und Frankreich gute Rahmenbedingungen f\u00fcr die Entwicklung innovativer L\u00f6sungen und den Ausbau der gemeinsamen Infrastruktur. Innovative grenz\u00fcberschreitende Projekte wie das im September 2024 lancierte <a href=\"https:\/\/www.interreg-francesuisse.eu\/les-projets-aides\/electrivert\">Electrivert<\/a> konzentrieren sich auf die Produktion von gr\u00fcnem Strom durch Biogas, st\u00e4rken so lokale Synergien und tragen zu einer nachhaltigen Energiewende bei. Dank enger Beziehungen auf verschiedenen Ebenen k\u00f6nnen die beiden L\u00e4nder gemeinsam die k\u00fcnftigen Herausforderungen im Energiebereich angehen und gleichzeitig zum Aufbau eines robusten und nachhaltigen europ\u00e4ischen Energienetzes beitragen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Am 18. Dezember 2023 nahmen Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande, \u00d6sterreich und die Schweiz am Pentalateralen Energieforum teil.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verflechtung der Energieinfrastruktur zwischen Frankreich und der Schweiz ist ein unauff\u00e4lliger, aber wichtiger Pfeiler der europ\u00e4ischen Energielandschaft. Die beiden L\u00e4nder teilen somit nicht nur eine geografische Grenze, sondern auch ein gut ausgebautes Netz f\u00fcr den Austausch von Strom und in geringerem Ausmass auch mit Erdgas und Erd\u00f6l. 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