{"id":209392,"date":"2025-06-10T07:04:06","date_gmt":"2025-06-10T05:04:06","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=209392"},"modified":"2025-06-10T14:05:06","modified_gmt":"2025-06-10T12:05:06","slug":"schweizer-zollgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/06\/schweizer-zollgeschichte\/","title":{"rendered":"Schweizer Zollgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Z\u00f6lle spielten in der Wirtschaftsgeschichte der Schweiz eine zentrale Rolle.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Von der Zugeh\u00f6rigkeit zum R\u00f6mischen Reich bis in die Neuzeit waren sie ein wesentlicher Bestandteil der Finanzpolitik des Landes. Sie dienten nicht nur als Einnahmequelle f\u00fcr die Machthaber, sondern auch als Instrument ihrer Wirtschaftspolitik, um Handelsstr\u00f6me zu lenken und die heimische Produktion zu sch\u00fctzen und zu f\u00f6rdern. F\u00fcr die Finanzierung des Gemeinwesens \u2013 insbesondere in der Zeit vor der Gr\u00fcndung des Bundesstaats \u2013 war die Erhebung von Z\u00f6llen von besonders grosser Bedeutung.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">R\u00f6misches Reich: Zweckgebundene Z\u00f6lle<\/h2>\n<p>Bereits in der R\u00f6merzeit wurden im Gebiet der heutigen Schweiz Z\u00f6lle erhoben, etwa in Genf, Saint-Maurice oder Z\u00fcrich. Die sogenannte Quadragesima Galliarum, die Vierzigstelsteuer von 2,5 Prozent, diente der Finanzierung von Infrastruktur und Sicherheitsleistungen \u2013 wie Br\u00fcckenunterhalt oder der Marktaufsicht. Die Zweckbindung der Z\u00f6lle war damals zentral.<\/p>\n<p>Im Mittelalter (ca. 500\u20131500 n. Chr.) waren Z\u00f6lle ein wichtiges Herrschaftsinstrument. Lokale M\u00e4chte \u2013 St\u00e4dte, Kl\u00f6ster oder Adelige \u2013 nutzten sie zur Finanzierung ihrer Aufgaben. Es entstanden zahlreiche Binnenz\u00f6lle, die auf M\u00e4rkten, Wegen, Br\u00fccken und Fl\u00fcssen erhoben wurden. Urspr\u00fcnglich waren reine Passierz\u00f6lle ohne konkrete Gegenleistung unzul\u00e4ssig. Z\u00f6lle dienten somit eindeutig fiskalischen Zwecken und waren Teil der \u00f6ffentlichen Grundversorgung.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Mittelalter: Die Entdeckung der Schutzz\u00f6lle<\/h2>\n<p>Ab dem Hochmittelalter um 1000 n. Chr. gewannen fiskalische Motive weiter an Gewicht. Z\u00f6lle wurden differenzierter gestaltet: Tarife richteten sich nun nach Warengattung, Gewicht und Route. Gleichzeitig begann sich der Gedanke durchzusetzen, \u00fcber die Zollpolitik auch wirtschaftliche Ziele zu verfolgen \u2013 etwa den Schutz lokaler Produzenten vor ausl\u00e4ndischer Konkurrenz. St\u00e4dte wie Luzern erhoben gezielt h\u00f6here Z\u00f6lle auf bestimmte G\u00fcter, um den lokalen Handel zu lenken. Der \u00e4lteste bekannte Zolltarif, den die Stadt Luzern selbst erliess, datiert von 1390 und f\u00fchrte zu einer h\u00f6heren Belastung der Handelswaren, \u00fcber die sich insbesondere die Mail\u00e4nder Kaufleute beschwerten.<\/p>\n<p>Im 15. und 16. Jahrhundert wuchs die Bedeutung der Z\u00f6lle in vielen St\u00e4dten auf dem Gebiet der heutigen Schweiz stark. In Luzern etwa entstanden neue Zoll\u00e4mter, und die Einnahmen wurden zentral erfasst. Auch in Uri oder Schaffhausen machten die Z\u00f6lle einen erheblichen Anteil an den Staatseinnahmen aus \u2013 sie dienten damit prim\u00e4r der Finanzierung. Gleichzeitig beeinflussten sie aber auch die Routenwahl von Kaufleuten: Hohe Z\u00f6lle f\u00fchrten zur Verlagerung des Verkehrs \u00fcber andere P\u00e4sse, etwa jene in Graub\u00fcnden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Fr\u00fche Neuzeit<\/h2>\n<p>In der fr\u00fchen Neuzeit zwischen 1500 und 1800 wurden die Z\u00f6lle \u2013 als Folge kameralistischer Anschauungen, wonach Ausgaben- und Verkehrssteuern pers\u00f6nlichen Ertrags- und Verm\u00f6gensabgaben vorzuziehen sind \u2013 zu einem R\u00fcckgrat der indirekten Besteuerung. In Stadtstaaten wie Luzern stieg ihr Anteil zeitweise auf \u00fcber 30 Prozent der Gesamteinnahmen. Z\u00f6lle blieben damit ein zentrales Finanzierungsinstrument. Gleichzeitig nahm ihre steuernde Wirkung zu: Sie wurden gezielt genutzt, um regionale M\u00e4rkte zu sch\u00fctzen oder Einnahmen auf dem Land zu erh\u00f6hen. Dies f\u00fchrte zu Protesten und wachsendem Schmuggel.<\/p>\n<p>Von der Helvetik bis zur Regenerationszeit (1798\u20131848) scheiterten verschiedene Anl\u00e4ufe zur Vereinheitlichung des Zollwesens \u2013 meist an den Eigeninteressen der Kantone. Z\u00f6lle dienten weiterhin vor allem fiskalischen Zwecken \u2013 sie waren f\u00fcr viele Kantone, Gemeinden und sogar Privatpersonen eine unverzichtbare Einnahmequelle. \u00dcber 400 unterschiedliche Zollstationen existierten in der Schweiz \u2013 ein Flickenteppich, der den Binnenhandel erschwerte. Steuerungsfunktionen traten gegen\u00fcber dem reinen Einnahmezweck deutlich in den Hintergrund.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Bund hebt Binnenz\u00f6lle auf<\/h2>\n<p>Mit der Entstehung des Bundesstaats 1848 \u00fcbernahm der Schweizer Bund zunehmend die Verantwortung f\u00fcr die Erhebung von Z\u00f6llen, was zu einer Vereinheitlichung der Zollpolitik f\u00fchrte: Die Eidgenossenschaft wurde berechtigt, Z\u00f6lle an den Landesgrenzen einzuziehen; f\u00fcr die Aufhebung der Binnenz\u00f6lle wurden die Kantone vollumf\u00e4nglich entsch\u00e4digt. Trotz der Entsch\u00e4digungen stiegen die Zolleinnahmen, beg\u00fcnstigt durch die gute Konjunktur im In- und Ausland, deutlich an. Dies hatte zur Folge, dass die finanzielle Handlungsf\u00e4higkeit des Bundes gest\u00e4rkt wurde. In der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts machten die Z\u00f6lle rund drei Viertel der Bundeseinnahmen aus. Um die steigenden Ausgaben (beispielsweise f\u00fcr Verteidigung und Strassen) zu decken, erh\u00f6hte der Bund folglich die Z\u00f6lle.<\/p>\n<p>Obwohl w\u00e4hrend der internationalen Wirtschaftsdepression der 1870er-Jahre die meisten Nachbarstaaten bereits 1878 die zollpolitische Kehrtwende zum Protektionismus vollzogen hatten, hielt die Schweiz weiterhin am Grundsatz des Freihandels und damit auch an tendenziell niedrigen Zolls\u00e4tzen fest. Nur allm\u00e4hlich wurden die Tarife 1884, 1887 und 1891 kontinuierlich erh\u00f6ht, womit der Wechsel zu einer protektionistischen Zollpolitik auch in der Schweiz eingel\u00e4utet wurde.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der Abbau der Z\u00f6lle ab den 1960er-Jahren<\/h2>\n<p>Bis in die 1960er-Jahre waren Z\u00f6lle eine der bedeutendsten Einnahmequellen der Schweiz. Im Jahr 1961 machten die Zolleinnahmen immer noch fast 24 Prozent der gesamten Bundesfinanzen aus (siehe Abbildung). Diese hohe Abh\u00e4ngigkeit von Zolleinnahmen war jedoch nicht nachhaltig, da sich die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zunehmend ver\u00e4nderten. In den 1960er-Jahren begannen sich die internationalen Handelsbeziehungen zu intensivieren, und die Schweiz trat 1966 dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen Gatt (heute WTO) bei, was in der Folge zu einer schrittweisen Reduktion der Z\u00f6lle f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Was fr\u00fcher ein wichtiges Schutzinstrument f\u00fcr die heimische Wirtschaft war, galt nun zunehmend als Hemmnis f\u00fcr den freien Handel und die wirtschaftliche Entwicklung. Der R\u00fcckgang der Zolleinnahmen in den folgenden Jahrzehnten spiegelte die Ver\u00e4nderungen in der internationalen Wirtschaftsordnung wider.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Bundeskasse: Z\u00f6lle verlieren an Bedeutung (1950\u20132028)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='Zimmermann_12-2023_Abb1_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Zimmermann_12-2023_Abb1_de').highcharts({\n\n  chart: {\n        zoomType: 'xy'\n    },\n    title: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    subtitle: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    xAxis: [{\n        categories: [1950,1951,1952,1953,1954,1955,1956,1957,1958,1959,1960,1961,1962,1963,1964,1965,1966,1967,1968,1969,1970,1971,1972,1973,1974,1975,1976,1977,1978,1979,1980,1981,1982,1983,1984,1985,1986,1987,1988,1989,1990,1991,1992,1993,1994,1995,1996,1997,1998,1999,2000,2001,2002,2003,2004,2005,2006,2007,2008,2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023,2024,2025,2026,2027,2028\t\n],\n        crosshair: true\n    }],\n    plotOptions: {\n        series: {\n            marker: {\n                enabled: false,\n                states: {\n                    hover: {\n                        enabled: false\n                    }\n                }\n            }\n        }\n    },\n    yAxis: [{ \/\/ Primary yAxis\n         labels: {\n            format: '{value}%',\n          \n        },\n        title: {\n            text: '',\n            \n        },\n        opposite: true\n\n    }, { \/\/ Secondary yAxis\n        gridLineWidth: 0,\n        title: {\n            text: 'in Mio. 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Sie beinhalten ab 2024 nur noch Zolleinnahmen auf Agrarimporte.<br \/>\nQuelle: 1990\u20132028: <a href=\"https:\/\/www.data.finance.admin.ch\/superset\/dashboard\/startseite\/\">Datenportal der EFV<\/a>, Datenreihen \u00ab1.1.7 Z\u00f6lle\u00bb und \u00ab1. Laufende Einnahmen\u00bb; 1950\u20131989: <a href=\"https:\/\/hsso.ch\/de\/2012\/u\/18\">Historische Statistik der Schweiz (HSSO)<\/a>, Datenreihe U.18 \u00abEinnahmen des Bundes nach Sachgruppen 1950\u20131989 in Mio. CHF\u00bb \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<div>\n<p>Ab den 1960er-Jahren setzte die Schweiz verst\u00e4rkt auf Freihandel und Marktliberalisierung. 1960 war die Schweiz eines der sieben Gr\u00fcndungsmitglieder der Europ\u00e4ischen Freihandelsassoziation (Efta). In der Folge schloss die Schweiz mit zahlreichen Staaten Freihandelsabkommen ab. Vereinzelt tat sie dies bilateral wie beim Freihandelsabkommen mit der Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft (heute EU) von 1972, meist aber im Rahmen der Efta. Insgesamt umfasst das Freihandelsnetz der Schweiz heute \u00fcber 30 Abkommen, darunter die wichtigsten Handelsm\u00e4rkte wie etwa die EU oder China. All dies f\u00fchrte zu einer kontinuierlichen Senkung der Z\u00f6lle, mit entsprechend sp\u00fcrbarem R\u00fcckgang der Einnahmen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Auswirkungen des Abbaus der Z\u00f6lle<\/h2>\n<p>Der Abbau der Z\u00f6lle seit den 1960er-Jahren hatte weitreichende Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft. Einer der wichtigsten Aspekte war die Senkung der Kosten f\u00fcr Unternehmen, die auf importierte G\u00fcter angewiesen waren. Insbesondere f\u00fcr Unternehmen, die industrielle Vorprodukte aus dem Ausland bezogen, bedeutete der Wegfall der Z\u00f6lle signifikant tiefere Produktionskosten und verbesserte so die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Schweiz.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wurden die administrativen Aufwendungen f\u00fcr die Zollabfertigung reduziert, was die Effizienz des Schweizer Wirtschaftssystems weiter steigerte. Auch f\u00fcr die Konsumenten f\u00fchrte der Abbau der Z\u00f6lle zu einer Entlastung, da importierte Waren zu g\u00fcnstigeren Preisen angeboten werden konnten.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Das Ende der Industriez\u00f6lle<\/h2>\n<p>2024 ging die Schweiz noch weiter.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Der Bund hat als eines von wenigen L\u00e4ndern weltweit die Einfuhrz\u00f6lle auf alle Industrieprodukte auf null herabgesetzt. Die Abschaffung f\u00fchrte zu einer j\u00e4hrlichen Entlastung von rund 600 Millionen Franken f\u00fcr Wirtschaft und Konsumierende.<\/p>\n<p>Der Abbau der Z\u00f6lle auf Industrieg\u00fcter in der Schweiz war ein strategischer Schritt, der die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Schweizer Wirtschaft st\u00e4rkte und sowohl Unternehmen als auch Konsumenten zugutekam. Auch wenn die Z\u00f6lle auf Agrarprodukte weiterhin bestehen bleiben, wird der Abbau der Industriez\u00f6lle als Meilenstein in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte angesehen.<\/p>\n<\/div>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel basiert auf dem <a href=\"https:\/\/hls-dhs-dss.ch\/de\/articles\/013765\/2015-02-03\/\">ausf\u00fchrlichen Eintrag<\/a> des Autors im Historischen Lexikon der Schweiz.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Zimmermann, Thomas A. (2023). <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/12\/wie-die-schweiz-vom-abbau-der-industriezoelle-profitiert\/\">Wie die Schweiz vom Abbau der Industriez\u00f6lle profitiert<\/a>. Die Volkswirtschaft, 4. Dezember.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Z\u00f6lle spielten in der Wirtschaftsgeschichte der Schweiz eine zentrale Rolle. Von der Zugeh\u00f6rigkeit zum R\u00f6mischen Reich bis in die Neuzeit waren sie ein wesentlicher Bestandteil der Finanzpolitik des Landes. 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