{"id":209484,"date":"2025-06-10T07:25:44","date_gmt":"2025-06-10T05:25:44","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=209484"},"modified":"2025-06-24T17:11:36","modified_gmt":"2025-06-24T15:11:36","slug":"globaler-handelskonflikt-chance-fuer-die-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/06\/globaler-handelskonflikt-chance-fuer-die-eu\/","title":{"rendered":"Globaler Handelskonflikt: Chance f\u00fcr die EU"},"content":{"rendered":"<p>Die Weltwirtschaft befindet sich im Umbruch. Einerseits haben die USA so hohe Z\u00f6lle eingef\u00fchrt, wie es sie seit den 1930er-Jahren nicht mehr gab, und es gibt Anzeichen f\u00fcr finanzielle Instabilit\u00e4t, welche die Rolle des Dollars im internationalen W\u00e4hrungssystem schw\u00e4chen k\u00f6nnte. Andererseits verst\u00e4rkt China seine staatlich gelenkte merkantilistische Politik und scheint nicht in der Lage oder nicht willens zu sein, sein Wachstumsmodell zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Als unabh\u00e4ngiger europ\u00e4ischer Thinktank ver\u00f6ffentlicht Bruegel Studien zur Reform des regelbasierten <a href=\"https:\/\/www.bruegel.org\/keyword\/trade-policy\">Welthandelssystems<\/a> und zu den <a href=\"https:\/\/www.bruegel.org\/keyword\/transatlantic-relations\">transatlantischen Beziehungen<\/a>. Die Europ\u00e4ische Union und viele andere L\u00e4nder haben ein gemeinsames Interesse an einem regelbasierten Wirtschaftssystem, auch wenn dieses grundlegend umgestaltet werden muss. Sie sind besorgt \u00fcber die Gefahr eines bipolaren Systems mit den zwei Polen China und USA. Doch eine geschlossene Koalition f\u00fcr den regelbasierten Handel hat sich bisher nicht formiert. Der Grund: unterschiedliche wirtschaftliche Interessen, protektionistischer Druck aufgrund von Wettbewerbsbedenken und die Notwendigkeit, unmittelbar auf Trumps Z\u00f6lle zu reagieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Antwort der EU<\/h2>\n<p>Im M\u00e4rz 2025 hat die US-Administration Z\u00f6lle auf Stahl und Aluminium verh\u00e4ngt. Anfang April folgten ein 25-Prozent-Zoll auf Autos sowie sogenannte reziproke Z\u00f6lle. Letztere sind inzwischen tempor\u00e4r ausgesetzt, mit Ausnahme eines pauschalen Zollsatzes von 10 Prozent auf alle Importe. Die USA haben seither begrenzte \u00abEinigungen\u00bb mit gewissen L\u00e4ndern verk\u00fcndet und f\u00fchren mit vielen Handelspartnern bilaterale Verhandlungen.<\/p>\n<p>Neben den bilateralen Verhandlungen versucht die EU die Widerstandsf\u00e4higkeit ihrer Wirtschaft zu st\u00e4rken. Im Bereich des Handels reagiert die EU, indem sie ihr Netz von Handelsabkommen st\u00e4rkt. Damit sie dabei glaubw\u00fcrdig bleibt, muss sie das Abkommen mit der Mercosur-Staatengemeinschaft rasch ratifizieren. Gleichzeitig sollte sie proaktiv strategischere Handelsbeziehungen mit dem Vereinigten K\u00f6nigreich und der Schweiz aufbauen sowie neue und teils schon l\u00e4nger laufende Verhandlungen \u00fcber Freihandelsabkommen abschliessen \u2013 unter anderem mit Indien, Australien und wichtigen L\u00e4ndern des Verbands S\u00fcdostasiatischer Nationen (Asean)<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>. Auch Afrika sollte wieder st\u00e4rker in den Fokus r\u00fccken: Den Anfang machen k\u00f6nnte der Abschluss der Verhandlungen \u00fcber eine Partnerschaft f\u00fcr sauberen Handel und Investitionen mit S\u00fcdafrika.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Allianz f\u00fcr den regelbasierten Handel<\/h2>\n<p>Doch die EU k\u00f6nnte mehr tun. Das Ziel k\u00f6nnte der Aufbau einer starken Allianz sein, die sich zum regelbasierten Handel und zu einer ehrgeizigen Reform der WTO bekennt.<\/p>\n<p>Den Auftakt machen k\u00f6nnte ein Treffen der EU und der Mitgliedsstaaten der Comprehensive and Progressive Transpacific Partnership (CPTPP)<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>. Das CPTPP entstand 2018 als Antwort auf das Austreten der USA aus der Transpazifischen Partnerschaft (TPP) unter Trump. <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/09\/warteschlange-vor-der-transpazifischen-freihandelszone\/\">Gleichgesinnte L\u00e4nder<\/a> wie Norwegen oder die Schweiz k\u00f6nnten sich anschliessen mit dem unmittelbaren Ziel gemeinsamer Grunds\u00e4tze, wie man auf die US-Z\u00f6lle und auf die neue Situation durch die Verhandlungen zwischen den USA und China reagiert. Entscheidend ist, dass die WTO-Regeln eingehalten werden. Die verschiedenen Handelsminister k\u00f6nnten auch darauf hinarbeiten, dass die WTO-Handelsministerkonferenz im n\u00e4chsten Jahr in Kamerun ein Erfolg wird.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Vorarbeit am WTO-Ministertreffen<\/h2>\n<p>Die 14. WTO-Ministerkonferenz w\u00e4re eine Gelegenheit f\u00fcr die Politik, grundlegende Reformen zu diskutieren, welche die Stabilit\u00e4t des globalen Handelssystems wiederherstellen. Neben den CPTPP-Mitgliedern k\u00f6nnte die EU dort auch auf wichtige Akteure wie Brasilien, Indien und S\u00fcdafrika zugehen.<\/p>\n<p>Im Idealfall konzentrieren sich die Verhandlungen auf Themen, bei denen eine Zusammenarbeit mit China und den USA m\u00f6glich ist und die den Anliegen der besonders gef\u00e4hrdeten Entwicklungsl\u00e4nder entsprechen. Denn sie sind von den aktuellen geopolitischen Spannungen am st\u00e4rksten betroffen. Ein solches Verhandlungspaket k\u00f6nnte vier Ziele anstreben:<\/p>\n<ul>\n<li>Zoll- und kontingentfreier Zugang f\u00fcr die am wenigsten entwickelten L\u00e4nder und die Befreiung dieser L\u00e4nder vom 10-prozentigen Einfuhrzuschlag der USA.<\/li>\n<li>Unterst\u00fctzung der wirtschaftlichen Integration der afrikanischen L\u00e4nder \u2013 etwa eine gewisse Flexibilit\u00e4t bei Massnahmen, die afrikanischen L\u00e4ndern helfen, die Wertsch\u00f6pfung in Sektoren zu steigern, die f\u00fcr die Dekarbonisierung und die Diversifizierung gr\u00fcner Wertsch\u00f6pfungsketten zentral sind (z. B. Verarbeitung kritischer Rohstoffe, Investitionen in erneuerbare Energien oder saubere Stahlproduktion).<\/li>\n<li>Die WTO-Integration des bereits abgeschlossenen plurilateralen Abkommens \u00fcber Investitionserleichterungen f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder.<\/li>\n<li>Ausweitung der <a href=\"https:\/\/www.wto.org\/english\/tratop_e\/agric_e\/factsheet_agng_e.htm\">\u00dcbergangsl\u00f6sung f\u00fcr \u00f6ffentliche Lagerhaltung<\/a> auf die am wenigsten entwickelten L\u00e4nder und die Entwicklungsl\u00e4nder, welche mehr Lebensmittel importieren als exportieren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Ministerkonferenz k\u00f6nnte zudem anerkennen, dass neue Ans\u00e4tze zur Verbesserung und Klarstellung der Vorschriften f\u00fcr Agrar- und Industriesubventionen n\u00f6tig sind, sowie ein Arbeitsprogramm zur Ausarbeitung von Empfehlungen f\u00fcr die n\u00e4chste WTO-Ministerkonferenz lancieren. Weitere m\u00f6gliche Themen w\u00e4ren der Abschluss der Verhandlungen \u00fcber die zweite Phase des Abkommens \u00fcber Fischereisubventionen und eine Verl\u00e4ngerung des Moratoriums f\u00fcr den elektronischen Handel.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Umfassende Reformen sind n\u00f6tig<\/h2>\n<p>Langfristig muss der Boden f\u00fcr grundlegende Reformen geebnet werden. Die derzeitige US-Regierung scheint zwar entschlossen, internationale Handelsregeln zu ignorieren. Doch ein R\u00fcckzug aus der wirtschaftlichen Integration der letzten 80 Jahre h\u00e4tte enorme wirtschaftliche Kosten und steigerte das Risiko einer milit\u00e4rischen Konfrontation zwischen geopolitischen Rivalen dramatisch. Eine k\u00fcnftige US-Regierung, die teilweise als Reaktion auf die negativen wirtschaftlichen Folgen der Handelspolitik von Trump gew\u00e4hlt wird, k\u00f6nnte offener sein f\u00fcr eine ehrgeizige Reform der multilateralen Wirtschaftsordnung.<\/p>\n<p>Bis zum Abschluss der Verhandlungen \u00fcber multilaterale Reformen k\u00f6nnten die EU und die CPTPP-L\u00e4nder einen strukturierten Rahmen f\u00fcr die Zusammenarbeit schaffen. Dieser sollte auch die M\u00f6glichkeit enthalten, plurilaterale Abkommen auszuhandeln, denen weitere L\u00e4nder beitreten k\u00f6nnen. Zu den m\u00f6glichen Verhandlungspunkten geh\u00f6ren ein Abkommen \u00fcber den digitalen Handel, Grunds\u00e4tze zur F\u00f6rderung resilienter und nachhaltiger Wertsch\u00f6pfungsketten sowie \u2013 vorbehaltlich weiterer Analysen \u2013 ein gemeinsames Protokoll \u00fcber Ursprungsregeln.<\/p>\n<p>Die aktuelle Zollkrise ist deshalb auch eine Chance. Es ist nicht zu erwarten, dass die USA oder China solche Reformen anf\u00fchren werden. Deshalb braucht es eine Koalition, die sich verpflichtet, die Regeln einzuhalten und zu Reformen bereit ist. Wichtig ist: Die Reformen m\u00fcssen den legitimen Bedenken Rechnung tragen, die zum R\u00fcckzug der USA aus dem regelbasierten Handel f\u00fchrten. Dazu geh\u00f6ren in erster Linie die Ungleichgewichte, die durch die merkantilistische Politik und das Wachstumsmodell Chinas entstanden sind.<\/p>\n<p>Die EU k\u00f6nnte eine solche Koalition anf\u00fchren. Sie sollte zwar zu bilateralen Verhandlungen mit den USA bereit sein, aber WTO-widrige Ans\u00e4tze entschieden ablehnen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Mitgliedsstaaten sind: Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Australien, Brunei, Kanada, Chile, Japan, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Peru, Singapur und Vietnam.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Weltwirtschaft befindet sich im Umbruch. 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