{"id":211157,"date":"2025-07-14T06:45:06","date_gmt":"2025-07-14T04:45:06","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=211157"},"modified":"2025-07-14T12:52:33","modified_gmt":"2025-07-14T10:52:33","slug":"arbeitsmarkt-profifussball-dynamisch-mobil-und-transparent","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/07\/arbeitsmarkt-profifussball-dynamisch-mobil-und-transparent\/","title":{"rendered":"Arbeitsmarkt Profifussball: Dynamisch, mobil und transparent"},"content":{"rendered":"<p>Der europ\u00e4ische Profifussball ist einer der am schnellsten wachsenden M\u00e4rkte. Im Jahr 2023 stiegen die Einnahmen der Topligen im M\u00e4nnerfussball gegen\u00fcber dem Vorjahr um knapp 3 Milliarden auf 26,8 Milliarden Euro.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Das ist ein Wachstum von gut 12 Prozent.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Grossteil dieser Einnahmen ist eine vergleichsweise geringe Zahl von Arbeitskr\u00e4ften verantwortlich. Einen wesentlichen Anteil am Umsatz der Clubs haben die Spieler, welche zwar oft nur 25 bis 30 Personen des gesamten Clubpersonals, aber durchschnittlich 47 Prozent der gesamten Einnahmen ausmachen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Sie sind der Grund, weshalb die Zuschauer ins Stadion kommen, Fanartikel kaufen oder Medienanbieter hohe Summen f\u00fcr \u00dcbertragungsrechte zahlen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Hohe Transparenz, wenig Arbeitsplatzsicherheit<\/h2>\n<p>Eine Besonderheit ist der Profifussball auch als Arbeitsmarkt. Kaum ein anderer Arbeitsmarkt ist so transparent: Spielerkarrieren, Transferbewegungen, Marktwerte und individuelle Leistungsdaten sind \u00f6ffentlich dokumentiert und erm\u00f6glichen detaillierte Analysen.<\/p>\n<p>Auch die Arbeitsplatzsicherheit ist geringer als in anderen Branchen. Befristete Vertr\u00e4ge sind der Standard. Spielerwechsel, im Fussball als Transfers bezeichnet, erfolgen innerhalb klar definierter Zeitfenster: des Wintertransferfensters zur Saisonh\u00e4lfte und des Sommertransferfensters nach Saisonende. Im Fall eines laufenden Vertrags wird in der Regel eine Abl\u00f6sesumme zwischen den Clubs vereinbart, andernfalls erfolgt der Wechsel abl\u00f6sefrei.<\/p>\n<p>Der Fussball-Arbeitsmarkt weist damit Parallelen zu anderen wettbewerbsintensiven M\u00e4rkten auf, etwa dem Finanz- oder dem Technologiesektor. In allen F\u00e4llen handelt es sich um sogenannte High-Stakes-M\u00e4rkte, in denen vergleichsweise wenige Stellen mit sehr hohen Anforderungen und potenziell grossem Ertrag existieren. Die besten Talente erzielen entsprechend hohe Verg\u00fctungen, w\u00e4hrend ein Grossteil der Besch\u00e4ftigten deutlich niedrigere Einkommen erh\u00e4lt. Eine ausgepr\u00e4gte Leistungs- und Ergebnisorientierung ist typisch f\u00fcr diese M\u00e4rkte.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Hohe Arbeitsmobilit\u00e4t<\/h2>\n<p>Gleichzeitig ist der Fussball-Arbeitsmarkt, wie andere Arbeitsm\u00e4rkte auch, von institutionellen Rahmenbedingungen gepr\u00e4gt. Innerhalb der EU sowie im EWR-Raum und in der Schweiz profitieren Spielerinnen und Spieler seit dem Bosman-Urteil von 1995 beziehungsweise seit dem Inkrafttreten der bilateralen Abkommen im Jahr 2002 von der Personenfreiz\u00fcgigkeit, wie sie auch f\u00fcr andere Arbeitnehmer gilt. F\u00fcr Talente aus Drittstaaten bestehen jedoch weiterhin Zugangsbeschr\u00e4nkungen, etwa durch Kontingente f\u00fcr Nicht-EU-Spieler.<\/p>\n<p>Die Personenfreiz\u00fcgigkeit hat die Arbeitsmobilit\u00e4t erh\u00f6ht und die Wettbewerbsintensit\u00e4t zwischen den Clubs weiter versch\u00e4rft. Spieler durchlaufen in ihrer Karriere meist mehrere Stationen und wechseln h\u00e4ufig auch ins Ausland \u2013 ein Zeichen f\u00fcr die globale Reichweite und Dynamik des Markts.<\/p>\n<p>Diese Mobilit\u00e4t erm\u00f6glicht es Vereinen, gezielt Talente anzuwerben und ihre Kader strategisch zu gestalten. Die Profiklubs konkurrieren laufend um die besten Arbeitskr\u00e4fte und sind bereit, f\u00fcr Topspieler neunstellige Transfersummen zu bezahlen, um sie aus bestehenden Arbeitsvertr\u00e4gen herauszukaufen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Deutlich mehr Geld im M\u00e4nnerfussball<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend der professionelle M\u00e4nnerfussball ein etabliertes Milliardengesch\u00e4ft mit langj\u00e4hriger Tradition und bekannter Markenreputation ist, gleicht der professionelle Frauenfussball bislang eher einem attraktiven Start-up, das in vielerlei Hinsicht noch in den Kinderschuhen steckt. Am deutlichsten zeigt sich das bei einem Vergleich der Transferm\u00e4rkte: Die bislang h\u00f6chste Abl\u00f6sesumme im M\u00e4nnerfussball liegt \u2013 umgerechnet zum damaligen Eurokurs \u2013 bei rund 250 Millionen Franken. So viel bezahlte Paris Saint-Germain im August 2017 an den FC Barcelona f\u00fcr den Wechsel des brasilianischen Fussballers Neymar. Im Frauenfussball liegt die Rekordabl\u00f6sesumme bei lediglich knapp 1 Million Franken. Diesen Betrag bezahlte der Londoner Verein FC Chelsea 2025 f\u00fcr die US-Verteidigerin Naomi Girma.<\/p>\n<p>Aus \u00f6konomischer Sicht spiegeln diese Abl\u00f6sesummen den erwarteten sportlichen und kommerziellen Wert eines Spielers wider. Sie stellen eine Investition in vertraglich gebundenes Humankapital dar \u2013 oft mit spekulativem Charakter.<\/p>\n<p>Dass der Transfermarkt im Frauenfussball noch wenig monetarisiert ist, zeigt ein Vergleich der f\u00fcnf wichtigsten europ\u00e4ischen M\u00e4nner- und Frauenligen: England, Spanien, Italien, Deutschland und Frankreich.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Von der Saison 2018\/19 bis zur Saison 2021\/22 wurden in diesen Ligen insgesamt 2564 Transfers bei den M\u00e4nnern und 2253 Transfers bei den Frauen durchgef\u00fchrt. Bei den M\u00e4nnern waren hiervon knapp 70 Prozent mit einer Abl\u00f6sezahlung verbunden, bei den Frauen waren es nur knapp 2 Prozent. Die durchschnittliche Abl\u00f6sesumme betrug bei den M\u00e4nnern \u2013 umgerechnet zum aktuellen Eurokurs \u2013 9\u2019189\u2019382 Franken und damit rund 80-mal so viel wie bei den Frauen mit durchschnittlich 113\u2019856 Franken.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnliches Ungleichgewicht zeigt ein Vergleich der gesch\u00e4tzten Marktwerte von Frauen und M\u00e4nnern in diesen Topligen. Sowohl bei den M\u00e4nnern als auch bei den Frauen gelten die englischen Ligen, die Premier League und die Barclays Women\u2019s Super League, als die wirtschaftlich st\u00e4rksten M\u00e4rkte. W\u00e4hrend die Premier League auf einen kumulierten Marktwert von \u00fcber 3,4 Milliarden Franken kommt, betr\u00e4gt dieser in der Women\u2019s Super League gerade nur rund 18,5 Millionen Franken (siehe Abbildung).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Total Marktwerte im M\u00e4nner- und im Frauenfussball nach Liga (Saison 2019\/20\u20132021\/22)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\"><span style=\"color: #333300;\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/span><\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='Pereira-Gomez-Gonzalez-Dietl-Clochard_7-2025_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Pereira-Gomez-Gonzalez-Dietl-Clochard_7-2025_de').highcharts({\n\n chart: {\n                type: 'column'\n            },\n    \n            title: {\n                text: ''\n            },\n    \n            xAxis: {\n                categories: ['England','Italien','Spanien','Deutschland','Frankreich'], \n                 \n         \n                     labels: {\n         \n          style: {\n          \n            fontSize: '12px',\n            fontFamily: 'Helvetica'\n          }\n        }\n                     \n          },\n    \n            yAxis: {\n                allowDecimals: false,\n                title: {\n                    text: ''\n                    },\nlabels: {format: '{value} Mio. 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Die Marktwerte wurden \u00fcber alle drei Saisons addiert. Der Marktwert wurde zum aktuellen Eurokurs umgerechnet.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Transfermarkt.de, Soccerdonna.de \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Eine Branche im Wandel<\/h2>\n<p>In der Saison 2023\/24 betrug die weltweite Summe der Abl\u00f6sesummen im M\u00e4nnerfussball erstmals mehr als 10 Milliarden Euro.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Diese Entwicklung geht einher mit wachsenden TV-Einnahmen, zunehmender Internationalisierung und einer immer wichtigeren Rolle von Datenanalysen bei der Auswahl der Spieler.<\/p>\n<p>Allein f\u00fcr die vier Jahre zwischen 2023 und 2026 erwartet der Weltfussballverband (Fifa) Gesamteinnahmen in H\u00f6he von rund 11 Milliarden Dollar, wobei ein erheblicher Teil aus dem Verkauf von Medienrechten stammt. Parallel dazu sind die Zuschauerzahlen im Profifussball in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Besonders in den grossen Ligen zeigt sich diese Entwicklung eindr\u00fccklich: So erreichte die englische Premier League in der Saison 2022\/23 mit durchschnittlich 40\u2019291 Zuschauenden pro Spiel einen neuen H\u00f6chstwert. Die daraus resultierenden Einnahmen stiegen um 14 Prozent auf <a href=\"https:\/\/www.deloitte.com\/uk\/en\/services\/consulting\/research\/annual-review-of-football-finance-premier-league-clubs.html\">867 Millionen Pfund je Spieltag<\/a>, was gem\u00e4ss heutigem Kurs rund 940 Millionen Franken entspricht.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Starkes Wachstum beim Frauenfussball<\/h2>\n<p>Noch dynamischer als der M\u00e4nnerfussball entwickelt sich der Frauenfussball. Hier haben in den letzten f\u00fcnf Jahren sowohl die Zahl der Transfers als auch die Infrastrukturinvestitionen markant zugenommen. Zwar erfolgen die meisten Transfers abl\u00f6sefrei, wie wir bereits gesehen haben. Doch in einigen Ligen wie der englischen Women\u2019s Super League (WSL) oder der US-amerikanischen National Women\u2019s Soccer League (NWSL) investieren mittlerweile viele Teams gr\u00f6ssere Millionenbetr\u00e4ge in Stadien, Geh\u00e4lter, Nachwuchsf\u00f6rderung und professionelle Rahmenbedingungen.<\/p>\n<p>Treiber dieser Entwicklung sind gezielte Strategien von Vereinen, Sponsoren und Medienpartnern. Durch verst\u00e4rkte mediale Pr\u00e4senz, Promotionskampagnen und neue Formate zur Fanbindung sollen Aufmerksamkeit, Reichweite und letztlich die Einnahmen gesteigert werden. In der Saison 2023\/24 z\u00e4hlten die Spiele der englischen WSL insgesamt erstmals mehr als eine Million Zuschauende. Die durchschnittliche Zuschauerzahl pro Spiel stieg in dieser einen Saison um 41 Prozent auf 7363 Personen.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Gleichzeitig gab es neue Zuschauerrekorde in grossen Stadien wie dem Emirates Stadium in London, wo sich 60\u2019704 Zuschauer das Spiel Arsenal gegen Manchester United ansahen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Uefa will Frauenfussball st\u00e4rker f\u00f6rdern<\/h2>\n<p>Das gestiegene \u00f6ffentliche Interesse zeigte sich auch an der Fifa-Frauen-Weltmeisterschaft 2023 in Australien und Neuseeland: Diese verzeichnete eine durchschnittliche Besucherzahl von 30\u2019911 pro Spiel. Dies war ein neuer H\u00f6chstwert und ein deutlicher Anstieg gegen\u00fcber dem Zuschauerdurchschnitt von 21\u2019756 bei der WM 2019.<\/p>\n<p>Auch die diesj\u00e4hrige Uefa-Frauen-Europameisterschaft in der Schweiz wird zu mehr Sichtbarkeit und Professionalisierung beitragen. Die Uefa hat sich zudem verpflichtet, anl\u00e4sslich der diesj\u00e4hrigen Frauen-WM rund eine Milliarde Euro in den europ\u00e4ischen Frauenfussball zu investieren, um das Wachstum weiter zu f\u00f6rdern. Wenn sich die bisherige Entwicklung fortsetzt, wird der Frauenfussball in K\u00fcrze zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Uefa (2025).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Uefa (2025), S. 32.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Daten M\u00e4nnerligen von Transfermarkt.de, Daten Frauenligen von Soccerdonna.de.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Siehe Transfermarkt.us (2024).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Siehe Womensleagues.thefa.com (2024).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der europ\u00e4ische Profifussball ist einer der am schnellsten wachsenden M\u00e4rkte. 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