{"id":211172,"date":"2025-07-22T05:00:10","date_gmt":"2025-07-22T03:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=211172"},"modified":"2025-07-22T05:00:24","modified_gmt":"2025-07-22T03:00:24","slug":"lateinamerika-vernetzt-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/07\/lateinamerika-vernetzt-sich\/","title":{"rendered":"Lateinamerika vernetzt sich"},"content":{"rendered":"<p>Lateinamerika hat grosses wirtschaftliches Potenzial. Die Region ist reich an Rohstoffen, und die Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst. Und sie gewinnt auf der Weltb\u00fchne zunehmend an Bedeutung. Doch der Handel innerhalb der Region ist seit Jahrzehnten schwach: Nur rund 22\u202fProzent der nationalen Exporte verbleiben in der Region. Zum Vergleich: In der EU sind es etwa 60\u202fProzent, im Verband S\u00fcdostasiatischer Nationen (Asean) rund 50\u202fProzent. Viele L\u00e4nder Lateinamerikas sind st\u00e4rker mit weit entfernten M\u00e4rkten verflochten als mit ihren direkten Nachbarn.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die geringe Handelsverflechtung sind vielf\u00e4ltig: Die geografischen Gegebenheiten wie die Anden oder der Amazonas erschweren Transporte, und die L\u00e4nder haben \u00e4hnliche oder gar konkurrierende Exportstrukturen mit Schwerpunkt auf Rohstoffen. Dazu kommen eine wenig ausgepr\u00e4gte Infrastrukturvernetzung sowie h\u00e4ufige Richtungswechsel aufgrund politischer Instabilit\u00e4t, welche langfristige Kooperationen erschweren, sowie anhaltender Protektionismus.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Viele Anl\u00e4ufe, gemischte Erfolge<\/h2>\n<p>Aber Lateinamerika blickt auf eine lange Geschichte wirtschaftlicher Integrationsversuche zur\u00fcck \u2013 von der Lateinamerikanischen Freihandelsassoziation (Alalc) in den 1960er-Jahren \u00fcber die Lateinamerikanische Integrationsvereinigung (Aladi) bis zu heutigen regionalen Zusammenschl\u00fcssen wie dem Gemeinsamen Markt des S\u00fcdens (Mercosur) und der Pazifik-Allianz. Beide Modelle zeigen die Vielfalt der Integrationsans\u00e4tze, spiegeln aber auch die politische Heterogenit\u00e4t der Region wider.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Mercosur als Zollunion einen gemeinsamen Aussenzoll verfolgt, wurden auch Handelsschranken innerhalb der Mitgliedsstaaten abgebaut. Doch protektionistische Tendenzen wie Binnenz\u00f6lle f\u00fcr sensible Produkte \u2013 beispielsweise Autoteile zwischen Argentinien und Brasilien oder nicht tarifarische Handelshemmnisse wie unterschiedliche Produktstandards f\u00fcr Lebensmittel \u2013 bremsen bis heute die volle Entfaltung einer konsequenten Markt\u00f6ffnung. Im Gegensatz dazu ist die Pazifik-Allianz keine Zollunion, sondern eine Freihandelszone und setzt auf marktwirtschaftliche Offenheit und eine gemeinsame Anbindung an globale M\u00e4rkte \u2013 etwa in Richtung Asien.<\/p>\n<p>Trotz aller Herausforderungen st\u00e4rken solche Zusammenschl\u00fcsse die Position Lateinamerikas im globalen Wettbewerb. Das Beispiel des Handelsabkommens zwischen den USA, Mexiko und Kanada (USMCA, vormals Nafta) zeigt, wie tiefgreifende wirtschaftliche Integration Wohlstand, Effizienz und Resilienz f\u00f6rdern kann.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Zeichen der Vernetzung<\/h2>\n<p>Drei aktuelle Entwicklungen geben Anlass zur Hoffnung auf eine st\u00e4rkere wirtschaftliche Integration: Erstens verbessern Infrastrukturprojekte wie der Bi-Ozeanische Korridor oder die Modernisierung des Panama-Kanals die physische Vernetzung. Zweitens beschleunigen geopolitische Spannungen und der Trend zum sogenannten Friendshoring die Suche nach verl\u00e4sslichen Partnern. Drittens w\u00e4chst das Interesse an regionalen Wertsch\u00f6pfungsketten, um robustere und regional verankerte Produktionsketten aufzubauen, die weniger abh\u00e4ngig von einzelnen Lieferanten und globalen Krisen sind. Dabei r\u00fccken vor allem kritische Rohstoffe in den Fokus, die f\u00fcr die Energiewende unerl\u00e4sslich sind und bei denen die Region eine zunehmend strategische Rolle einnimmt in globalen Lieferketten.<\/p>\n<p>Um die regionale Wertsch\u00f6pfung zu steigern, braucht es Koordination und abgestimmte Strategien. Und lateinamerikanische L\u00e4nder bem\u00fchen sich zunehmend, die vertikale Integration voranzutreiben. Sprich, Rohstoffe nicht nur abzubauen, sondern auch weiterzuverarbeiten und dann zu exportieren und somit mehr Wertsch\u00f6pfung im eigenen Wirtschaftsraum zu generieren. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die sogenannte Lithium-Opec zwischen Argentinien, Bolivien und Chile \u2013 den drei wichtigsten Lithium produzierenden L\u00e4ndern Lateinamerikas. Der Begriff ist informell und spielt auf die Erd\u00f6lorganisation Opec an. Anders als diese legt die Lithium-Opec bislang weder Preise noch F\u00f6rdermengen fest. Vielmehr geht es um den Austausch von Informationen, eine bessere Koordination und m\u00f6gliche gemeinsame Standards im Lithiumabbau und in der Weiterverarbeitung.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die Schweiz als wichtiger Rohstoffhandelsplatz ist diese Entwicklung in Lateinamerika bedeutend. Sie kann mit Know-how, spezialisierter Technologie und dem Umsetzen von umweltfreundlichen und sozialen Produktionsstandards dazu beitragen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Partnerschaft mit Potenzial<\/h2>\n<p>Lateinamerika ist ein wichtiger Wirtschaftspartner und ein relevanter Absatzmarkt f\u00fcr die Schweizer Exportwirtschaft. Das totale Handelsvolumen betrug im Jahr 2024 21 Milliarden Franken \u2013 ein historischer H\u00f6chstwert mit 10 Prozent Wachstum gegen\u00fcber dem Vorjahr. Das Volumen setzt sich zusammen aus Schweizer Exporten nach Lateinamerika und Schweizer Importen aus Lateinamerika. Die Schweiz exportiert haupts\u00e4chlich pharmazeutische und chemische Produkte (siehe Abbildung). Bei den Importen dominieren Gold und andere Rohstoffe. Bei den Direktinvestitionen geh\u00f6rt die Schweiz in vielen L\u00e4ndern Lateinamerikas zu den Top 10 oder sogar den Top 5. Diese schaffen viele lokale Arbeitspl\u00e4tze, im Jahr 2023 beispielsweise rund 234\u2019000 allein in Brasilien.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der Handel mit Lateinamerika nimmt zu (2014\u20132024)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"BIETENHADER-LOHR_07-2025_DE\"><\/div>\n<script>\n$(function () {\n    $('#BIETENHADER-LOHR_07-2025_DE').highcharts({     \n        chart: {\n            type: 'line'\n        },\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        subtitle: {\n            text: ''\n        },\n        xAxis: {\n            title: {\n                text: ''\n            },\n            categories: [2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023,2024]\n        },\n        yAxis: {\n            title: {\n                text: 'in Milliarden Franken'\n            },\n            labels: {\n                format: '{value}'\n            }\n        },\n        tooltip: {\n            headerFormat: '<b>{point.x}<\/b><br>',\n            valueSuffix: ' Mrd. 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Zus\u00e4tzlich dienen bilaterale Investitionsschutzabkommen mit mehr als 20 L\u00e4ndern in der Region dem Schutz von Direktinvestitionen, indem sie rechtliche Sicherheit und faire Rahmenbedingungen f\u00fcr Investoren in lateinamerikanischen L\u00e4ndern gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Solche Abkommen f\u00f6rdern nicht nur den bilateralen Handel, sondern st\u00e4rken auch die regelbasierte internationale Handelsordnung \u2013 ein Ziel, f\u00fcr das sich die Schweiz international einsetzt. In einer Welt, in der geopolitische Unsicherheiten und Protektionismus zunehmen, ist eine diversifizierte Handelspolitik umso wichtiger. Die k\u00fcrzlich abgeschlossene Modernisierung des Efta-Chile-Freihandelsabkommens und der soeben verk\u00fcndete Abschluss mit Mercosur zeigen das grosse Interesse der Schweiz, diese Beziehungen weiter auszubauen. Eine baldige Unterzeichnung mit Mercosur \u2013 nach acht Jahren Verhandlung \u2013 bringt f\u00fcr beide Seiten erhebliche Vorteile: Rund 95 Prozent der Schweizer Exporte w\u00e4ren mittelfristig vollst\u00e4ndig zollbefreit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lateinamerika hat grosses wirtschaftliches Potenzial. Die Region ist reich an Rohstoffen, und die Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst. Und sie gewinnt auf der Weltb\u00fchne zunehmend an Bedeutung. Doch der Handel innerhalb der Region ist seit Jahrzehnten schwach: Nur rund 22\u202fProzent der nationalen Exporte verbleiben in der Region. 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