{"id":211698,"date":"2025-09-09T07:00:08","date_gmt":"2025-09-09T05:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=211698"},"modified":"2025-09-09T09:54:27","modified_gmt":"2025-09-09T07:54:27","slug":"gute-noten-fuer-das-schweizer-gesundheitssystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/09\/gute-noten-fuer-das-schweizer-gesundheitssystem\/","title":{"rendered":"Gute Noten f\u00fcr das Schweizer Gesundheitssystem"},"content":{"rendered":"<p>Gesundheitssysteme sollten nicht danach beurteilt werden, wie viele Leistungen sie erbringen oder wie alt Menschen werden. Viel wichtiger ist, wie Gesundheitssysteme die Lebensqualit\u00e4t beeinflussen. Genau hier setzt der Patient-Reported-Indicator-Survey (Paris) der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) an.<\/p>\n<p>Die Paris-Befragung wurde 2023\/2024 zum ersten Mal durchgef\u00fchrt. Rund 110\u2019000 Personen aus 19 L\u00e4ndern nahmen daran teil. In der Schweiz wurden \u00fcber 4000 Patientinnen und Patienten befragt, die \u00fcber 45 Jahre alt sind, zu Hause leben und w\u00e4hrend der Erhebung mindestens einmal einen Kontakt zur Haus\u00e4rztin oder zum Hausarzt hatten. Die Resultate basieren nur auf den Antworten der Befragten, die mindestens eine chronische Erkrankung haben \u2013 darunter fallen zum Beispiel Bluthochdruck, chronische R\u00fccken- oder Gelenkschmerzen, Diabetes oder auch Depressionen.<\/p>\n<p>Die Umfrage erhebt unter anderem zehn Indikatoren, die f\u00fcr chronisch kranke Personen besonders wichtig sind: f\u00fcnf zum Gesundheitszustand, etwa zur k\u00f6rperlichen und psychischen Gesundheit, zum Wohlbefinden und zur sozialen Teilhabe. Die f\u00fcnf anderen Indikatoren betreffen individuelle Erfahrungen mit der Grundversorgung. Dazu geh\u00f6rt, wie gut die Versorgung unter den beteiligten \u00c4rzten und Praxen abgestimmt ist (Versorgungskoordination), ob die individuellen Bed\u00fcrfnisse bei der Behandlung ber\u00fccksichtigt werden (patientenorientierte Versorgung), wie die Qualit\u00e4t der Grundversorgung eingesch\u00e4tzt wird und wie hoch das Vertrauen in das System ist.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Hohes Vertrauen in das Schweizer Gesundheitssystem<\/h2>\n<p>Das Schweizer Gesundheitssystem wird dem Ruf des Landes gerecht: Es ist \u2013 wie die ber\u00fchmten Schweizer Uhren und Taschenmesser \u2013 solide, gut strukturiert und Ausdruck einer Kultur, in der Qualit\u00e4t eine grosse Rolle spielt. Bei allen zehn Indikatoren liegt die Schweiz \u00fcber dem OECD-Durchschnitt (siehe Abbildung 1). Besonders sticht sie bei der patientenorientierten Versorgung und der Versorgungskoordination hervor \u2013 zwei Aspekte, die eng mit besseren Behandlungsergebnissen verkn\u00fcpft sind. Nahezu alle Personen mit chronischen Erkrankungen gaben an, dass ihre Bed\u00fcrfnisse bei der Gesundheitsversorgung ber\u00fccksichtigt wurden. Fast 90 Prozent fanden, dass die Hausarztpraxen, in denen sie betreut wurden, gut organisiert sind.<\/p>\n<p>Schweizerinnen und Schweizer vertrauen dem Gesundheitssystem, M\u00e4nner etwas mehr als Frauen (74 resp. 68 Prozent). Ebenfalls hohe Werte erzielt die Schweiz bei der k\u00f6rperlichen und psychischen Gesundheit. \u00dcberdurchschnittlich schnitt auch die soziale Teilhabe ab \u2013 Personen k\u00f6nnen trotz chronischer Erkrankung gut am sozialen Leben teilnehmen.<\/p>\n<p>Das Schweizer System \u00fcberzeugt also sowohl bei der medizinischen Versorgung als auch beim Umgang mit den Patientinnen und Patienten. In einer Welt, in der immer mehr Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen gleichzeitig leben, ist das nicht selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Die Schweiz schneidet beim Paris-Survey \u00fcberdurchschnittlich gut ab<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='VAN-DEN-BERG_09-2025_ABB1'><\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n  Highcharts.chart('VAN-DEN-BERG_09-2025_ABB1', {\n    chart: {\n      polar: true,\n      type: 'line'\n    },\n    title: {\n      text: '',\n      align: 'left'\n    },\n    pane: {\n      size: '80%'\n    },\n    xAxis: {\n      categories: [\n        'K\u00f6rperliche Gesundheit',\n        'Psychische Gesundheit',\n        'Soziale Teilhabe',\n        'Wohlbefinden',\n        'Allgemeine Gesundheit',\n        'Vertrauen ins eigene Gesundheitsmanagement',\n        'Erlebte Versorgungskoordination',\n        'Patientenorientierte Versorgung',\n        'Erlebte Qualit\u00e4t',\n        'Vertrauen in das Gesundheitssystem'\n      ],\n      tickmarkPlacement: 'on',\n      lineWidth: 0\n    },\n    yAxis: {\n      gridLineInterpolation: 'polygon',\n      lineWidth: 0,\n      min: 0,\n      max: 100,\n      tickPositions: [0, 25, 50, 75, 100],\n      labels: {\n        format: '{value}\u202f%',\n        style: {\n          fontSize: '10px'\n        }\n      }\n    },\n    tooltip: {\n      shared: true,\n      pointFormat: '<span style=\"color:{series.color}\">\u25cf<\/span> {series.name}: <b>{point.y}%<\/b><br\/>'\n    },\n    legend: {\n      align: 'center',\n      verticalAlign: 'bottom',\n      layout: 'horizontal'\n    },\n    series: [{\n      name: 'H\u00f6chster Wert',\n      data: [81.9, 93.1, 93.1, 79.6, 92.7, 92.3, 81.4, 97.0, 97.1, 88.6],\n      pointPlacement: 'on',\n      color: '#655c99',\n      lineWidth: 2\n    }, {\n      name: 'Schweiz',\n      data: [81.9, 90.9, 90.4, 79.6, 78.5, 67.0, 81.4, 97.0, 97.1, 70.6],\n      pointPlacement: 'on',\n      color: '#327775',\n      lineWidth: 2\n    }, {\n      name: 'Tiefster Wert',\n      data: [52.3, 67.3, 73.2, 59.1, 42.0, 34.5, 21.9, 63.2, 69.3, 36.2],\n      pointPlacement: 'on',\n      color: '#666666',\n      lineWidth: 2\n    }]\n  });\n});\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Prozentualer Anteil an Patientinnen und Patienten mit einer oder mehreren chronischen Erkrankungen, die von positiven Ergebnissen oder Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem berichten. Zum Beispiel, dass sie ihren allgemeinen Gesundheitszustand als gut, sehr gut oder ausgezeichnet einsch\u00e4tzen. Die h\u00f6chsten (bzw. niedrigsten) Werte entsprechen den jeweils besten (bzw. schlechtesten) Ergebnissen unter den beteiligten L\u00e4ndern.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: OECD (2025b) \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Es liegt nicht nur am Geld<\/h2>\n<p>Es ist naheliegend, die guten Ergebnisse der Schweiz mit ihrem hohen Wohlstand zu erkl\u00e4ren: Die Schweiz geh\u00f6rt zu jenen OECD-Mitgliedern mit dem h\u00f6chsten Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf und gibt deutlich mehr f\u00fcr Gesundheit aus als andere L\u00e4nder. Doch die Paris-Daten zeigen: Geld allein garantiert keine besseren Ergebnisse. Wichtig ist auch, wie das Gesundheitssystem organisiert ist \u2013 etwa in Bezug auf Versorgungskontinuit\u00e4t oder die Beziehung zwischen \u00c4rztinnen und Patienten.<\/p>\n<p>So liegen etwa Norwegen und Luxemburg \u2013 zwei L\u00e4nder mit \u00e4hnlich hohem oder sogar h\u00f6herem BIP pro Kopf als die Schweiz \u2013 nur im Mittelfeld. Dagegen schneiden L\u00e4nder wie Tschechien und Slowenien trotz deutlich niedrigerer Gesundheitsausgaben relativ gut ab (siehe Abbildung 2).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Auch mit wenig Geld gelingt manchen L\u00e4ndern eine gute Gesundheitsversorgung<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='UTZ_4-2024_Abb2_DE' style=\"max-width: 800px; margin: 0 auto;\"><\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n\nHighcharts.wrap(Highcharts.Axis.prototype, 'getPlotLinePath', function(proceed) {\n    var path = proceed.apply(this, Array.prototype.slice.call(arguments, 1));\n    if (path) {\n        path.flat = false;\n    }\n    return path;\n});\n\nHighcharts.chart('UTZ_4-2024_Abb2_DE', {\n    chart: {\n        type: 'scatter',\n        zoomType: 'xy',\n        plotBorderWidth: 1,\n        width: 800  \/\/ explizit breite Darstellung\n    },\n    credits: { enabled: false },\n    legend: { enabled: false },\n    title: { text: '' },\n\n    xAxis: {\n        title: {\n            text: 'Gesundheitsausgaben pro Kopf (relativ zum Durchschnitt)'\n        },\n        gridLineWidth: 1,\n        plotLines: [{\n            value: 1,\n            color: '#000000',\n            width: 2,\n            zIndex: 5\n        }]\n    },\n\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Versorgungsqualit\u00e4t (relativ zum Durchschnitt)'\n        },\n        startOnTick: true,\n        endOnTick: true,\n        maxPadding: 0.2,\n        plotLines: [{\n            value: 1,\n            color: '#000000',\n            width: 2,\n            zIndex: 5\n        }]\n    },\n\n    tooltip: {\n        useHTML: true,\n        headerFormat: '<b>{series.name}<\/b>',\n        pointFormat:\n            '<tr><h3>{point.country}<\/h3><\/tr>' +\n            '<tr><th>Gesundheitsausgaben-Index: <\/th><td>{point.x:.2f}<\/td><\/tr><br>' +\n            '<tr><th>Versorgungsqualit\u00e4ts-Index: <\/th><td>{point.y:.2f}<\/td><\/tr>',\n        followPointer: true\n    },\n\n    plotOptions: {\n        series: {\n            dataLabels: {\n                enabled: true,\n                format: '{point.name}',\n                allowOverlap: false,\n                style: {\n                    fontSize: '10px'\n                }\n            }\n        }\n    },\n\n    series: [{\n        name: 'L\u00e4nder',\n        data: [\n            { x: 1.05, y: 1.08, name: 'Australien', country: 'Australien', color: '#4b8684' },\n            { x: 1.09, y: 1.10, name: 'Belgien', country: 'Belgien', color: '#4b8684' },\n            { x: 1.05, y: 1.08, name: 'Kanada', country: 'Kanada', color: '#4b8684' },\n            { x: 0.75, y: 1.10, name: 'Tschechien', country: 'Tschechien', color: '#4b8684' },\n            { x: 1.10, y: 1.05, name: 'Frankreich', country: 'Frankreich', color: '#4b8684' },\n            { x: 0.50, y: 0.85, name: 'Griechenland', country: 'Griechenland', color: '#4b8684' },\n            { x: 0.88, y: 0.85, name: 'Island', country: 'Island', color: '#4b8684' },\n            { x: 1.06, y: 1.07, name: 'Luxemburg', country: 'Luxemburg', color: '#4b8684' },\n            { x: 1.11, y: 1.06, name: 'Niederlande', country: 'Niederlande', color: '#4b8684' },\n            { x: 1.29, y: 1.06, name: 'Norwegen', country: 'Norwegen', color: '#4b8684' },\n            { x: 0.69, y: 0.80, name: 'Portugal', country: 'Portugal', color: '#4b8684' },\n            { x: 0.16, y: 0.92, name: 'Rum\u00e4nien', country: 'Rum\u00e4nien', color: '#4b8684' },\n            { x: 0.24, y: 1.02, name: 'Saudi-Arabien', country: 'Saudi-Arabien', color: '#4b8684' },\n            { x: 0.68, y: 1.02, name: 'Slowenien', country: 'Slowenien', color: '#4b8684' },\n            { x: 0.73, y: 0.98, name: 'Spanien', country: 'Spanien', color: '#4b8684' },\n            { x: 1.33, y: 1.11, name: 'Schweiz', country: 'Schweiz', color: '#655c99' },\n            { x: 0.91, y: 0.82, name: 'Wales (UK)', country: 'Wales (UK)', color: '#4b8684' },\n            { x: 0.71, y: 0.90, name: 'Italien', country: 'Italien', color: '#4b8684' },\n            { x: 2.08, y: 1.07, name: 'USA', country: 'USA', color: '#4b8684' }\n        ]\n    }]\n});\n});\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Wert von 1 entspricht dem OECD-Durchschnitt. Werte dar\u00fcber bzw. darunter zeigen entsprechend bessere oder schlechtere Werte.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: OECD Data Explorer \/ WHO Global Health Observatory \/ OECD Paris 2024 Database \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wenige digitale Hilfsmittel<\/h2>\n<p>Trotz insgesamt sehr guter Ergebnisse kann sich die Schweiz in einigen Bereichen noch verbessern. Zum Beispiel hinkt die Schweiz bei den digitalen Hilfsmitteln hinterher. Nur 3 Prozent der Befragten gaben an, Zugang zu ihrer elektronischen Krankenakte zu haben. In den Niederlanden waren es 53 Prozent. Auch Videosprechstunden werden in der Schweiz kaum genutzt: Nur 4 Prozent der chronisch Erkrankten hatten schon einmal ein solches Gespr\u00e4ch \u2013 im Vergleich zu 11 Prozent in Frankreich und 34 Prozent in Australien. Dabei k\u00f6nnten Videogespr\u00e4che gerade f\u00fcr weniger mobile Personen den Zugang zu Gesundheitsleistungen verbessern.<\/p>\n<p>Zudem weist Paris auf bestehende Ungleichheiten hin: Personen mit niedrigerem Einkommen oder einem tieferen Bildungsstand geht es gesundheitlich schlechter. In der Schweiz sind diese Ungleichheiten kleiner als in anderen L\u00e4ndern, aber gross genug, um aufzufallen. Wichtig ist auch, was die Umfrage nicht misst: Wer erhebliche Zugangsh\u00fcrden zum Gesundheitssystem hat \u2013 etwa wegen Kosten, Sprachbarrieren oder Aufenthaltsstatus \u2013 und deswegen nicht bei der Haus\u00e4rztin oder beim Hausarzt war, wurde in der Umfrage nicht ber\u00fccksichtigt. In der Schweiz tragen Patientinnen und Patienten einen grossen Teil der Gesundheitskosten mit hohen Franchisen und Selbstbehalten selbst. Es kann daher sein, dass manche aus Kostengr\u00fcnden auf notwendige Behandlungen verzichten. Deshalb ist es besonders wichtig, sicherzustellen, dass niemand aus Kostengr\u00fcnden auf notwendige Behandlungen verzichten muss.<\/p>\n<p>Die guten Resultate der Schweiz stimmen optimistisch. Das Land scheint in vielen Bereichen erfolgreicher zu sein als andere L\u00e4nder. Gleichzeitig macht die Auswertung deutlich, dass einfache Erkl\u00e4rungen wie hohe Gesundheitsausgaben zu kurz greifen. Entscheidend f\u00fcr ein gutes Gesundheitssystem ist nicht nur, wie viel Geld ausgegeben wird, sondern auch, wof\u00fcr und wie: Zeit f\u00fcr Gespr\u00e4che, eine kontinuierliche Betreuung und patientenorientierte Ans\u00e4tze bringen wom\u00f6glich mehr als ein reiner Ausbau der Leistungen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe OECD (2025a).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesundheitssysteme sollten nicht danach beurteilt werden, wie viele Leistungen sie erbringen oder wie alt Menschen werden. Viel wichtiger ist, wie Gesundheitssysteme die Lebensqualit\u00e4t beeinflussen. Genau hier setzt der Patient-Reported-Indicator-Survey (Paris) der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) an. Die Paris-Befragung wurde 2023\/2024 zum ersten Mal durchgef\u00fchrt. 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