{"id":212136,"date":"2025-09-09T06:45:04","date_gmt":"2025-09-09T04:45:04","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=212136"},"modified":"2025-09-09T09:55:41","modified_gmt":"2025-09-09T07:55:41","slug":"hoehere-franchise-fuehrt-zu-tieferen-gesundheitsausgaben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/09\/hoehere-franchise-fuehrt-zu-tieferen-gesundheitsausgaben\/","title":{"rendered":"H\u00f6here Franchise f\u00fchrt zu tieferen Gesundheitsausgaben"},"content":{"rendered":"<p>Die Obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) bietet Vertr\u00e4ge mit unterschiedlich hoher Kostenbeteiligung an. W\u00e4hlen Versicherte die ordentliche Franchise, betr\u00e4gt die Kostenbeteiligung 300 Franken pro Jahr. Alternativ stehen f\u00fcnf h\u00f6here vom Gesetzgeber vorgegebene Franchisen zur Auswahl: von 500 bis 2500 Franken. Je h\u00f6her die Franchise, desto tiefer die Pr\u00e4mie. Zus\u00e4tzlich beteiligen sich Versicherte mit 10 Prozent an ihren Gesundheitsausgaben bis maximal 700 Franken. Insgesamt reicht die maximale Kostenbeteiligung also von 1000 Franken (300 + 700) bis 3200 Franken (2500 + 700). Was sagt die Wahl der Franchise \u00fcber Versicherte aus? Und wie wirkt sie sich auf die Gesundheitsausgaben aus?<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Einkommen und die Wahl der Franchise<\/h2>\n<p>Wir haben Daten von 1,3 Millionen Versicherten der Krankenversicherung Helsana mit der Statistik der Bev\u00f6lkerung und der Haushalte, dem Rentenregister der AHV\/IV sowie dem Familienzulagenregister kombiniert.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Um die Einkommen von unterschiedlich grossen Haushalten vergleichbar zu machen, berechneten wir das sogenannte \u00c4quivalenzeinkommen nach der Methodik der Schweizerischen Konferenz f\u00fcr Sozialhilfe (Skos)<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>. Die Analyse zeigt (siehe Abbildung): Die oberste Einkommensklasse w\u00e4hlt im Vergleich zur tiefsten viel h\u00e4ufiger eine Franchise von 2500 Franken: 47,5 Prozent gegen\u00fcber 17,4 Prozent, ein Unterschied von 30,1 Prozentpunkten. Wenn wir jedoch nach Faktoren wie Alter, Geschlecht, individuelle Pr\u00e4mienverbilligung, Risikoausgleichszahlung, Pr\u00e4mienregion und Vorjahresausgaben der Versicherten bereinigen, betr\u00e4gt der Unterschied zwischen der tiefsten und der h\u00f6chsten Einkommensgruppe nur noch 12,9 Prozentpunkte. Bei den anderen Einkommensgruppen ist der Einkommenseffekt nur gering.<\/p>\n<p>Warum w\u00e4hlen Versicherte mit hohem Einkommen eine h\u00f6here Franchise? Sie k\u00f6nnen das Risiko h\u00f6herer Gesundheitsausgaben bei der h\u00f6chsten Franchise f\u00fcr g\u00fcnstigere Pr\u00e4mien in Kauf nehmen. Haushalte mit geringem Einkommen entscheiden sich oft f\u00fcr tiefere Franchisen, weil sie keinen finanziellen Puffer haben, um die Kosten im Krankheitsfall zu zahlen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Je h\u00f6her das Einkommen, desto h\u00e4ufiger w\u00e4hlen Versicherte die 2500-Franken-Franchise<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"FELDER_09-2025_DE\"><\/div>\n<script>\n$(function () {\n    $('#FELDER_09-2025_DE').highcharts({     \n\n        chart: {\n            type: 'column',\n            backgroundColor: '#ffffff'\n        },\n\n        title: {\n            text: ''\n        },\n\n        xAxis: {\n            categories: [\n                \"bis 2000\",\n                \"2001 \u2013 3500\",\n                \"3501 \u2013 5000\",\n                \"5001 \u2013 6500\",\n                \"6501 \u2013 8000\",\n                \"mehr als 8000\"\n            ],\n            crosshair: true,\n            title: {\n                text: \"\u00c4quivalenzeinkommen (in Franken)\"\n            }\n        },\n\n        yAxis: {\n            min: 0,\n            max: 50,\n            tickInterval: 10,\n            title: {\n                text: \"Prozentualer Anteil, der die 2500-Franken-Franchise w\u00e4hlt\"\n            },\n            labels: {\n                formatter: function () {\n                    return this.value + '%';\n                },\n                style: {\n                    color: '#000000'\n                }\n            }\n        },\n\n        tooltip: {\n            useHTML: true,\n            formatter: function () {\n                return this.x + '<br\/>' +\n       Highcharts.numberFormat(this.y, 1, ',', '') + '%';\n\n            }\n        },\n\n        legend: {\n            enabled: false\n        },\n\n        plotOptions: {\n            column: {\n                pointPadding: 0.2,\n                borderWidth: 0,\n                color: '#327775',\n                dataLabels: {\n                    enabled: true,\n                    formatter: function () {\n                        return this.y.toFixed(1).replace('.', ',') + '%';\n                    },\n                    style: {\n                        color: '#000000',\n                        fontWeight: 'bold'\n                    }\n                }\n            }\n        },\n\n        series: [{\n            name: 'Anteil',\n            data: [17.4, 23.6, 32.0, 35.9, 38.7, 47.5]\n        }]\n    });\n});\n<\/script>\n\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Eigene Berechnungen, Universit\u00e4t Basel \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<p>Warum wirkt sich die Pr\u00e4mienverbilligung auf die Wahl der Franchise aus? Personen mit tiefem Einkommen und von Bund und Kantonen finanzierter Pr\u00e4mienverbilligung entscheiden sich deutlich seltener f\u00fcr die Maximalfranchise. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 26,2 Prozent gegen\u00fcber 37,6 Prozent bei Versicherten ohne Pr\u00e4mienverbilligung. Das ist ein Unterschied von 11,4 Prozentpunkten. Wer keine oder nur eine sehr geringe Krankenkassenpr\u00e4mie zahlt, spart mit einer hohen Franchise nichts, geht aber ein zus\u00e4tzliches Kostenrisiko ein. Deshalb w\u00e4hlen diese Personen bewusst die 300-Franken-Franchise, um die finanzielle Belastung im Krankheitsfall niedrig zu halten.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wirken die Franchisen?<\/h2>\n<p>Bundesrat und Parlament haben in der Fr\u00fchlingssession 2025 beschlossen, die ordentliche Franchise von 300 auf 500 Franken zu erh\u00f6hen. Ziel dieser Massnahme ist es, den stetigen Anstieg der Gesundheitskosten zu d\u00e4mpfen. Der Franchisenanstieg schafft Spielraum f\u00fcr Pr\u00e4miensenkungen, erh\u00f6ht aber gleichzeitig das Kostenrisiko f\u00fcr die Versicherten. Das Sparpotenzial entsteht allerdings nicht durch die h\u00f6here Franchise an sich, sondern durch die damit ausgel\u00f6ste Verhaltens\u00e4nderung der Versicherten: Wer mehr aus der eigenen Tasche zahlen muss, beansprucht weniger Leistungen.<\/p>\n<p>Von den 1,3 Millionen Versicherten, die wir in der Analyse ber\u00fccksichtigten, w\u00e4hlten rund 400\u2019000 die 300-Franken-Franchise und 100\u2019000 die 500-Franken-Franchise. Die Bruttoleistungen \u2013 also die individuellen Ausgaben f\u00fcr medizinische Behandlungen \u2013 lagen bei der Gruppe mit der 500-Franken-Franchise um 1200 Franken tiefer. Davon sind 200 Franken auf die Verhaltens\u00e4nderung der Versicherten aufgrund der h\u00f6heren Franchise zur\u00fcckzuf\u00fchren. Dieser Wert ist unabh\u00e4ngig vom Einkommensniveau der Versicherten. Die \u00fcbrigen 1000 Franken lassen sich durch Faktoren wie Alter, Geschlecht, fr\u00fchere Gesundheitskosten und Pr\u00e4mienregion erkl\u00e4ren. Die Selbstbeteiligung der Versicherten steigt um 160 Franken. Somit k\u00f6nnten die Krankenkassen im Durchschnitt die Pr\u00e4mie insgesamt um 360 Franken reduzieren. Hochgerechnet auf alle Personen in der Schweiz mit einer Franchise von 300 Franken, ergeben sich Einsparungen bei den Krankenkassen von rund 1,16 Milliarden Franken. Das entspricht einer monatlichen Pr\u00e4mienreduktion bei allen Versicherten um rund 13.50 Franken.<\/p>\n<p>Diese Beispielrechnung macht den Zielkonflikt deutlich: Eine h\u00f6here Selbstbeteiligung der Versicherten f\u00fchrt zu Einsparungen und damit auch zu Pr\u00e4mienreduktionen. Gleichzeitig erh\u00f6ht sich die finanzielle Belastung von Versicherten im Krankheitsfall. Im vorliegenden Beispiel bleibt sie mit maximal 200 Franken pro Versicherten und Jahr eher gering.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Felder, St., Meyer, St., und K. Schmidheiny (2024). <a href=\"https:\/\/reports.helsana.ch\/einkommen-praemien\/\">Einkommen, Vertragswahl und Pr\u00e4mienbelastung in der OKP<\/a>, Helsana-Report, September 2024.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Nach dieser <a href=\"https:\/\/rl.skos.ch\/lexoverview-home\/lex-RL_C_3_1\">Methodik<\/a> wird das Einkommen mit der Gr\u00f6sse des Haushalts geteilt, wobei die erste Person mit 1, die zweite Person mit 0,53, die dritte Person mit 0,33 und jede weitere Person eines Haushalts mit 0,28 gewichtet wird.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) bietet Vertr\u00e4ge mit unterschiedlich hoher Kostenbeteiligung an. 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