{"id":212158,"date":"2025-09-09T06:40:38","date_gmt":"2025-09-09T04:40:38","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=212158"},"modified":"2025-09-09T09:55:43","modified_gmt":"2025-09-09T07:55:43","slug":"das-goldene-zeitalter-der-medizin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/09\/das-goldene-zeitalter-der-medizin\/","title":{"rendered":"Das goldene Zeitalter der Medizin"},"content":{"rendered":"<p>Die schweizerische Gesundheitswirtschaft \u2013 also die Pharma- und die Medizinproduktebranche \u2013 erlebt seit L\u00e4ngerem ein goldenes Zeitalter: Die Ums\u00e4tze steigen, und die Nachfrage nach Gesundheitsprodukten wie Medikamenten oder Nahrungserg\u00e4nzungsmitteln ist ungebrochen. Die Medizin erfreut sich im Wesentlichen seit \u00fcber 200 Jahren einer ungebremsten Fortschrittseuphorie. Hierbei wird gern auf vergangene Perioden zur\u00fcckgeblickt mit einem gewissen Mitleid, dass moderne Errungenschaften nicht schon damals eingesetzt werden konnten.<\/p>\n<p>Die moderne Medizingeschichte fragt nicht nur nach Fortschritt, sondern zeigt, dass Medizin vom jeweiligen Zeitgeist gepr\u00e4gt ist. Von einem goldenen Zeitalter spricht man dann, wenn Medizin und Gesellschaft grosse Erwartungen an neue Entwicklungen kn\u00fcpfen. Je nachdem, wen man fragt, f\u00e4llt die Antwort anders aus. Der Historiker Ronald D. Gerste nennt die Jahre 1840 bis 1914 \u2013 eine Phase tiefgreifender Umbr\u00fcche in der wissenschaftlichen Medizin.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Er verweist auf bahnbrechende Entdeckungen wie Antisepsis, An\u00e4sthesie, R\u00f6ntgenstrahlung und Bakteriologie. In dieser Zeit wurden wichtige Weichen gestellt. Allerdings waren diese grossen Konzepte vorerst praktisch irrelevant: Man konnte etwa Keime erkennen, aber es gab noch keine Antibiotika und nur beschr\u00e4nkt Impfungen, um sie zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Der in Harvard lehrende Historiker Charles Rosenberg nannte ungef\u00e4hr dieselbe Phase das Zeitalter einer therapeutischen Revolution: Die verwissenschaftlichte Medizin in Verbindung mit den genannten Entdeckungen verhiess einen Siegeszug der modernen Medizin, was mit neuen Therapiekonzepten einherging.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Im Rahmen der therapeutischen Revolution r\u00fcckten krankheitsspezifische und objektiv nachweisbare Ursachen f\u00fcr die Behandlung von Krankheiten ins Zentrum. F\u00fcr Rosenberg lag der Umbruch aber nicht einfach in neuen Heilmethoden, sondern darin, dass sich eine naturwissenschaftlich gepr\u00e4gte Medizin durchsetzte \u2013 mit Fachbegriffen und Konzepten, die Laien kaum verstanden. Die neuen Fachbegriffe und Konzepte bedingten, dass die Menschen dieser neuen wissenschaftlichen Medizin vertrauten. Dieses Vertrauen bildet bis heute das Fundament: Auch wenn es alternative Heilans\u00e4tze gibt, dominiert weiterhin die spezialisierte, wissenschaftliche Medizin.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Sechzehn Meilensteile der Medizintechnologie<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_monat-25_CondrauDiener_DE-1.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-213689 size-large\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_monat-25_CondrauDiener_DE-1-1024x900.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"703\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_monat-25_CondrauDiener_DE-1-1024x900.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_monat-25_CondrauDiener_DE-1-300x264.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_monat-25_CondrauDiener_DE-1-768x675.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_monat-25_CondrauDiener_DE-1-1536x1350.png 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_monat-25_CondrauDiener_DE-1.png 1735w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Bundesverband Medizintechnologie (2024) \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Therapien blieben lange nutzlos<\/h2>\n<p>Der britische Sozialmediziner Thomas McKeown argumentierte, dass die meisten Therapien bis weit in das 20. Jahrhundert hinein kaum Einfluss auf die Lebenserwartung hatten, die in Europa damals enorm zunahm. Stattdessen sah er den Hauptgrund in gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen und dem wachsenden Lebensstandard.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> McKeown gilt damit als Vordenker des Konzepts der sozialen Determinanten von Gesundheit: Die soziale Lage \u2013 also beispielsweise Wohnverh\u00e4ltnisse und Ern\u00e4hrung \u2013 hat einen grossen Einfluss auf die Gesundheit des Einzelnen. Wie gross der Beitrag eines Gesundheitswesens zur Entwicklung der Lebenserwartung war, bleibt allerdings eine schwierig zu beantwortende medizinhistorische Frage.<\/p>\n<p>Ab 1945 gab es vermehrt Innovationen, etwa im Bereich der Pharmakotherapie \u2013 der medizinischen Behandlung mit Medikamenten: Zu den wichtigsten pharmazeutischen Innovationen geh\u00f6ren Antibiotika wie Penicillin oder der Einsatz von Cortison. Sp\u00e4ter aber auch in der technischen Entwicklung der Medizin: Zu den aufsehenerregenden Innovationen geh\u00f6ren beispielsweise der Herzschrittmacher oder das Cochlea-Implantat (siehe Abbildung).<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Dadurch wurden die Grundlagen des Kampfs gegen viele Krankheitsgruppen ganz neu aufgebaut. Selman Waksman, der Nobelpreistr\u00e4ger und Entdecker des Antibiotikums Streptomycin, sprach 1952 in seiner Nobelpreisrede von einer medizinischen Revolution. Auch in der Psychiatrie setzte damals ein Wandel ein. Neue Medikamente erm\u00f6glichten erstmals eine wirksame Behandlung und f\u00fchrten langfristig zum R\u00fcckgang grosser psychiatrischer Anstalten.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Moderne Medizin schafft Krankheiten<\/h2>\n<p>Man kann also sagen: Die 1950er- und 1960er-Jahre kamen der Vorstellung goldener Jahre in der Medizin recht nahe. Krankheiten, die man vorher kaum kannte oder die schlicht als unheilbar galten, wurden behandelbar. Auch die Lebenserwartung erh\u00f6hte sich noch einmal deutlich. Trotzdem blieb die Frage offen, wie dieser Fortschritt einzuordnen ist, besonders wenn man ihn nicht nur aus Sicht der Medizin, sondern auch gesellschaftlich betrachtet. Krankheiten waren n\u00e4mlich nie nur k\u00f6rperliche Ph\u00e4nomene, sondern immer mit gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen verbunden: Quecksilber galt lange als wirksames Heilmittel etwa gegen Syphilis oder als Entwurmungsmittel. Trotz seiner sch\u00e4dlichen Wirkung kam es bis ins 20. Jahrhundert bei vielen Krankheiten zum Einsatz. Es steht beispielhaft f\u00fcr eine Therapieform, die gesellschaftlich breit akzeptiert war, gleichzeitig aber auch krank machte.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Theologen und Medizinkritiker Ivan Illich war auch die moderne Medizin keineswegs ein goldenes Zeitalter, in dem allein das Wohl der Erkrankten im Zentrum stand.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Vielmehr sprach er in den 1970ern von einer Nemesis der modernen Medizin: Die moderne Medizin produziere mit all ihren diagnostischen und therapeutischen Mitteln immer mehr Krankheitsf\u00e4lle gleich selbst. Vor allem deshalb, weil sie immer mehr Lebensbereiche in den Gesundheitsmarkt einverleibe: Im Zuge einer umgreifenden Medikalisierung w\u00fcrden beispielsweise Geburt und Tod zunehmend medizinisch definiert und der pers\u00f6nlichen Bedeutungsebene entzogen. Illichs Reaktion auf die Fortschritte der Medizin in den Nachkriegsjahren stellt daher die wichtige Frage, aus wessen Perspektive die Definition eines goldenen Zeitalters zutrifft. Dies erinnert daran, dass die ungebremste Fortschrittseuphorie der modernen Medizin ein historisches Ph\u00e4nomen ist und damit gesellschaftlicher Verhandlung unterliegt.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Gerste (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Rosenberg (1977).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe McKeown (1979).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Siehe Greene, Condrau und Siegel Watkins (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Siehe Healy (1997).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Siehe Illich (2022).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die schweizerische Gesundheitswirtschaft \u2013 also die Pharma- und die Medizinproduktebranche \u2013 erlebt seit L\u00e4ngerem ein goldenes Zeitalter: Die Ums\u00e4tze steigen, und die Nachfrage nach Gesundheitsprodukten wie Medikamenten oder Nahrungserg\u00e4nzungsmitteln ist ungebrochen. 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Therapeutic Revolutions: Pharmaceuticals and Social Change in the Twentieth Century, Chicago: University of Chicago Press.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Healy, D. (1997). The Antidepressant Era, Harvard: University Press.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Illich, I. (2022). Die Nemesis der Medizin: Die Kritik der Medikalisierung des Lebens, M\u00fcnchen. 1975.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">McKeown, T.R. (1979). The Role of Medicine: Dream, Mirage, or Nemesis? Princeton University Press.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Rosenberg, C.E. (1977). The Therapeutic Revolution: Medicine, Meaning, and Social Change in Nineteenth-Century America, in: Perspectives in Biology and Medicine 20: 485\u2013506.<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":[213270,213274],"serie_email":"","frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[9757],"korrektor":5357,"planned_publication_date":"2025-09-09 04:40:38","original_files":null,"external_release_for_author":"20250908","external_release_for_author_time":"00:02:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/686be7a6d1a0a"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/212158"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5039"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=212158"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/212158\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":213693,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/212158\/revisions\/213693"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9757"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13442"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5039"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/213274"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/213270"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/213488"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=212158"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=212158"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=212158"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=212158"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=212158"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=212158"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}