{"id":213092,"date":"2025-09-10T07:00:27","date_gmt":"2025-09-10T05:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=213092"},"modified":"2025-09-10T14:38:33","modified_gmt":"2025-09-10T12:38:33","slug":"schweizer-unternehmen-auf-dem-weg-zur-kreislaufwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/09\/schweizer-unternehmen-auf-dem-weg-zur-kreislaufwirtschaft\/","title":{"rendered":"Schweizer Unternehmen auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Unsere Wirtschaft ist aufs Wegwerfen ausgerichtet. Rohstoffe werden abgebaut, Produkte produziert und nach ihrem Gebrauch entsorgt, teilweise recycelt. Doch Ressourcen werden knapper, Abfallberge wachsen, und die Umweltbelastung nimmt zu. Hier setzt die Kreislaufwirtschaft an: Sie zielt darauf ab, verarbeitete Materialien m\u00f6glichst lange im Umlauf zu halten und so den Bedarf an neuen Ressourcen zu minimieren.<\/p>\n<p>Damit dies gelingt, braucht es Innovationen entlang der gesamten Wertsch\u00f6pfungskette \u2013 von der Beschaffung \u00fcber die Produktion bis zur Nutzung (siehe Abbildung 1). Drei Prinzipien stehen dabei im Mittelpunkt: Ressourceneffizienz steigern, indem in Produktion und Konsum weniger Material eingesetzt wird. Ressourcenkreisl\u00e4ufe verlangsamen, beispielsweise durch l\u00e4ngere Produktnutzung und bessere Reparaturm\u00f6glichkeiten. Und Ressourcenkreisl\u00e4ufe schliessen, indem Materialien und Produktteile wiederverwendet oder recycelt werden.<\/p>\n<p>Unternehmen spielen dabei eine Schl\u00fcsselrolle, da sie Produktionsprozesse und Produktdesigns beeinflussen. Um Fortschritte auf Unternehmensebene sichtbar zu machen, haben die Berner Fachhochschule und die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Z\u00fcrich 2024 unter anderem mit Unterst\u00fctzung des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) zum zweiten Mal Unternehmen befragt.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Grundlage ist das KOF-Unternehmenspanel mit \u00fcber 10\u2019000 Firmen. Die R\u00fccklaufquote betrug rund ein Viertel.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Kreislaufwirtschaft entlang der Wertsch\u00f6pfungskette<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_09-25_Meili_01_DE.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-213622 size-large\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_09-25_Meili_01_DE-1024x751.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"587\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_09-25_Meili_01_DE-1024x751.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_09-25_Meili_01_DE-300x220.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_09-25_Meili_01_DE-768x563.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_09-25_Meili_01_DE-1536x1127.png 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2025\/09\/DV_09-25_Meili_01_DE.png 1735w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Meili et al. (2025). Statusbericht der Schweizer Kreislaufwirtschaft 2024. Bern, Z\u00fcrich, September 2025 \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Verankerung der Kreislaufwirtschaft auf Unternehmensebene<\/h2>\n<p>Vier Indikatoren zeigen, wieweit Unternehmen die Kreislaufwirtschaft schon umsetzen. Erstens: Wie fest haben Unternehmen zirkul\u00e4re Gesch\u00e4ftsaktivit\u00e4ten in ihrem Gesch\u00e4ftsmodell verankert? Zweitens: Wie hoch ist der Anteil der Investitionen in zirkul\u00e4re Aktivit\u00e4ten an den Gesamtinvestitionen? Drittens: Wie viele von insgesamt 37 identifizierten Aktivit\u00e4ten im Bereich der Kreislaufwirtschaft haben Unternehmen im Untersuchungszeitraum 2022\u20132023 umgesetzt? Und viertens: Wie hoch ist der Anteil am Umsatz, der mit zirkul\u00e4ren Produkten und Dienstleistungen erzielt wird?<\/p>\n<p>Die Analyse zeigt, dass Vorreiterunternehmen bei drei der vier Indikatoren Fortschritte gemacht haben (siehe Abbildung 2). Insbesondere verankerten mehr Unternehmen die Kreislaufwirtschaft im Gesch\u00e4ftsmodell. Der Anteil stieg von 11 auf 27 Prozent. Dies deutet auf ein wachsendes Bewusstsein der Unternehmen hin sowie auf eine m\u00f6gliche zuk\u00fcnftige Ausweitung der Kreislaufwirtschaft. Ebenso stieg der Anteil an Unternehmen mit mehr als zehn Aktivit\u00e4ten im Bereich der Kreislaufwirtschaft (von 8 auf 10 Prozent) sowie der Anteil des Umsatzes aus zirkul\u00e4ren Produkten (von 12 auf 15 Prozent). R\u00fcckl\u00e4ufig hingegen ist der Anteil jener Unternehmen, die mehr als 10 Prozent ihrer Gesamtinvestitionen in die Kreislaufwirtschaft stecken (von 9 auf 7 Prozent).<\/p>\n<p>Die Befragung macht deutlich: Selbst bei den Vorreitern ist die Kreislaufwirtschaft noch nicht fest im Kerngesch\u00e4ft verankert. Zwar w\u00e4chst das Bewusstsein, aber die konkrete Umsetzung bleibt bislang begrenzt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Unternehmen verankern die Kreislaufwirtschaft heute h\u00e4ufiger in ihrem Gesch\u00e4ftsmodell<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"MEILI-ET-AL_09-2025_DE\"><\/div>\n<script>\n$(function () {\n  Highcharts.chart('MEILI-ET-AL_09-2025_DE', {\n    chart: { type: 'bar' },\n    title: { text: '' },\n\n    xAxis: {\n      categories: [\n        'Zirkul\u00e4re Gesch\u00e4ftsaktivit\u00e4ten substanziell im Gesch\u00e4ftsmodell verankert',\n        'Investitionen in zirkul\u00e4re Gesch\u00e4ftsaktivit\u00e4ten betragen mehr als 10% der Gesamtinvestitionen',\n        'Mehr als zehn Aktivit\u00e4ten im Bereich Kreislaufwirtschaft umgesetzt',\n        'Mehr als 10% des Umsatzes mit zirkul\u00e4ren Produkten oder Dienstleistungen erzielt'\n      ]\n    },\n\n    yAxis: {\n      min: 0,\n      title: { text: 'Anzahl Unternehmen in %' },\n      labels: { format: '{value}%' }\n    },\n\n    legend: { enabled: true },\n\n    tooltip: {\n      shared: true,\n      pointFormat: '<span style=\"font-weight:600\">{series.name}<\/span>: <b>{point.y}%<\/b><br\/>'\n    },\n\n    plotOptions: {\n      series: {\n        \/\/ kein colorByPoint\n        dataLabels: {\n          enabled: true,\n          format: '{y}%'\n        },\n        borderWidth: 0,\n        pointPadding: 0.05,\n        groupPadding: 0.1\n      }\n    },\n\n    series: [\n      {\n        name: '2017\u20132019',\n        color: '#327775',\n        data: [11, 8, 9, 12]\n      },\n      {\n        name: '2022\u20132023',\n        color: '#655c99',\n        data: [27, 10, 7, 15]\n      }\n    ]\n  });\n});\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Meili et al. (2025) \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<p>Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen der Umsetzung von Kreislaufwirtschaftsaktivit\u00e4ten und der Umweltbelastung der Unternehmen auf. Regressionsanalysen weisen darauf hin, dass die Umsetzung von Kreislaufwirtschaftsaktivit\u00e4ten im Durchschnitt mit einer geringeren Umweltbelastung verbunden ist \u2013 insbesondere geringeren CO<sub>2<\/sub>-Emissionen in Produktion, Beschaffung und Konsum sowie einem geringeren Abfallvolumen. Jede zus\u00e4tzliche Kreislaufwirtschaftsaktivit\u00e4t erh\u00f6ht die Wahrscheinlichkeit tieferer Umweltbelastung deutlich. Lediglich beim Energieverbrauch gibt es keinen signifikanten Zusammenhang. Das ist vermutlich darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Kreislaufwirtschaftsaktivit\u00e4ten sich derzeit prim\u00e4r auf Materialeinsparung konzentrieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Nur in Einstiegsphase attraktiv<\/h2>\n<p>In einer weiterf\u00fchrenden Analyse wird untersucht, ob Unternehmen mit vielen Kreislaufwirtschaftsaktivit\u00e4ten wirtschaftlich erfolgreicher sind. Als Massstab dient die Umsatzproduktivit\u00e4t, also wie viel Umsatz ein Unternehmen pro Mitarbeitenden erwirtschaftet. Das Ergebnis: Es gibt einen positiven Zusammenhang zwischen Kreislaufwirtschaftsaktivit\u00e4ten und Umsatzproduktivit\u00e4t \u2013 jedoch nur bei wenigen Aktivit\u00e4ten. Besonders Effizienzsteigerungen durch Kreislaufwirtschaftsaktivit\u00e4ten stehen in einem positiven Zusammenhang mit der Produktivit\u00e4t. Je mehr Aktivit\u00e4ten ein Unternehmen jedoch umsetzt, desto schw\u00e4cher wird dieser Zusammenhang, bis er statistisch nicht mehr signifikant ist. Aktivit\u00e4ten zur Kreislaufschliessung zeigen meist keine Wirkung. Aktivit\u00e4ten zur Verl\u00e4ngerung der Lebensdauer stehen zum Teil sogar in einem negativen Verh\u00e4ltnis zur Umsatzproduktivit\u00e4t, da die Aktivit\u00e4ten vermutlich kurzfristig zu h\u00f6heren Kosten f\u00fchren.<\/p>\n<p>Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Kreislaufwirtschaftsaktivit\u00e4ten aktuell wirtschaftlich nur in der Einstiegsphase attraktiv sind. Vor allem, wenn sie direkt Effizienzgewinne erm\u00f6glichen. Bei einer h\u00f6heren Anzahl an umgesetzten Aktivit\u00e4ten oder st\u00e4rkerem Fokus auf echte Kreislaufprozesse sind keine positiven Produktivit\u00e4tseffekte nachweisbar. Umfassendere Aktivit\u00e4ten sind daher eher langfristige Investitionen, deren Nutzen sich erst entfaltet, wenn die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen g\u00fcnstiger sind. Im Moment fehlen daf\u00fcr die Anreize. Beispielsweise melden \u00fcber 30 Prozent der Unternehmen, dass es an qualifiziertem Personal fehle und dass die Investitionskosten zu hoch seien. Ausserdem ist f\u00fcr mehr als ein F\u00fcnftel der Unternehmen die Marktunsicherheit noch zu hoch. Derartige Faktoren verteuern derzeit einen intensiven Einstieg in die Kreislaufwirtschaft oder machen diesen riskant.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wirtschaftliches Potenzial<\/h2>\n<p>Die Schweiz befindet sich noch in einer fr\u00fchen Phase der Transformation zur Kreislaufwirtschaft. Die Investitionen, Aktivit\u00e4ten und Ums\u00e4tze im Bereich der Kreislaufwirtschaft sind bislang gering und kaum gestiegen, obwohl das Thema strategisch an Bedeutung gewonnen hat. Langfristig k\u00f6nnte sich das \u00e4ndern: Steigende Umweltkosten und knapper werdende Ressourcen er\u00f6ffnen wirtschaftliches Potenzial \u2013 besonders f\u00fcr die innovationsstarke Schweiz mit ihren hochwertigen, langlebigen Produkten. Um dieses Potenzial m\u00f6glichst auszusch\u00f6pfen, gibt es F\u00f6rderprogramme, beispielsweise stehen den KMU im Rahmen der Neuen Regionalpolitik mit den <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/Standortfoerderung\/Regional_Raumordnungspolitik\/nrp\/industrie_ris.html\">Regionalen Innovationssystemen <\/a>Coachs und Plattformen f\u00fcr die Vernetzung und den Wissensaustausch unterst\u00fctzend zur Seite.<\/p>\n<p>Umweltpolitisch ist die Kreislaufwirtschaft zentral, um Emissionen entlang der Lieferketten zu senken. Politische Massnahmen wie die Revision des Umweltschutzgesetzes und des Bundesgesetzes \u00fcber das \u00f6ffentliche Beschaffungswesen schaffen neue Rahmenbedingungen, unter anderem f\u00fcr ressourcenschonendes Bauen und nachhaltige \u00f6ffentliche Beschaffung.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Weitere Finanzierungspartner des Berichts sind das Bundesamt f\u00fcr Umwelt (Bafu) und die Kantone Aargau, Basel-Stadt, Bern und Z\u00fcrich.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Wirtschaft ist aufs Wegwerfen ausgerichtet. Rohstoffe werden abgebaut, Produkte produziert und nach ihrem Gebrauch entsorgt, teilweise recycelt. Doch Ressourcen werden knapper, Abfallberge wachsen, und die Umweltbelastung nimmt zu. 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