{"id":214472,"date":"2025-11-28T07:00:34","date_gmt":"2025-11-28T06:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=214472"},"modified":"2025-12-02T12:32:24","modified_gmt":"2025-12-02T11:32:24","slug":"trotz-weniger-unfaellen-arbeitsabsenzen-nehmen-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/11\/trotz-weniger-unfaellen-arbeitsabsenzen-nehmen-zu\/","title":{"rendered":"Trotz weniger Unf\u00e4llen: Arbeitsabsenzen nehmen zu"},"content":{"rendered":"<p>Das reale BIP pro Kopf stieg in der Schweiz seit 1990 um 27 Prozent.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Dieser zunehmende Wohlstand ging auch einher mit einer besseren Gesundheit.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> In der gleichen Zeitspanne stieg die Lebenserwartung hierzulande um 9 Prozent.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Dank medizinischer sowie sicherheitstechnischer Fortschritte sank die Sterblichkeit durch Krankheiten wie Krebs sowie Unf\u00e4lle deutlich.<\/p>\n<p>Zwischen Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit besteht ein enges, wechselseitiges Verh\u00e4ltnis. Die bessere Gesundheit hat n\u00e4mlich wiederum einen positiven Effekt auf die Erwerbst\u00e4tigkeit: Wir leben nicht nur l\u00e4nger, sondern bleiben auch l\u00e4nger gesund und damit \u00abarbeitsf\u00e4hig\u00bb. Das ist f\u00fcr den Arbeitsmarkt eine Chance. Denn mit Krankheiten, die noch vor einigen Jahrzehnten fast sicher zum vorzeitigen Austritt aus dem Arbeitsleben f\u00fchrten, kann man heute dank medizinischem Fortschritt oft noch Jahre \u2013 auch \u00fcber das Pensionsantrittsalter hinaus \u2013 weiterarbeiten. Die bessere Gesundheit ist zwar nicht der einzige Grund f\u00fcr die steigende Erwerbsquote bei den \u00fcber 55- und auch bei den \u00fcber 65-J\u00e4hrigen. Dennoch ist die Gesundheit eine notwendige Bedingung.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Arbeiten wird sicherer<\/h2>\n<p>Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark ver\u00e4ndert \u2013 und damit auch die Gesundheitsrisiken. Als Folge von Strukturwandel, technologischem Fortschritt, sinkender Arbeitszeit und wirksamer Pr\u00e4vention hat sich die Arbeitssicherheit verbessert. Gem\u00e4ss der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) hat sich die Zahl der registrierten Unf\u00e4lle am Arbeitsplatz seit den 1980er-Jahren nahezu halbiert; sie lag 2023 bei 59 F\u00e4llen pro 1000 Vollzeitbesch\u00e4ftigten. Im Gegensatz dazu ist bei den Freizeitunf\u00e4llen kein Abw\u00e4rtstrend zu beobachten (siehe Abbildung 1). Als Folge der ver\u00e4nderten Arbeitswelt hat sich der Fokus zunehmend von der Arbeitssicherheit weg und hin zu einem umfassenden gesundheitlichen Arbeitsschutz verschoben, der auch psychische Risiken ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Unf\u00e4lle am Arbeitsplatz nehmen ab (1984\u20132023)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"HOFER-FREI-M\u00dcLLER-ZOBRIST-KN\u00d6PFEL_ABB1_11-2025_DE\"><\/div>\n\n\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#HOFER-FREI-M\u00dcLLER-ZOBRIST-KN\u00d6PFEL_ABB1_11-2025_DE').highcharts({     \n\n chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n \n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: [\n        \n1984,1985,1986,1987,1988,1989,1990,1991,1992,1993,1994,1995,1996,1997,1998,1999,2000,2001,2002,2003,2004,2005,2006,2007,2008,2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023\n\n\n\n],\n\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Anerkannte F\u00e4lle pro 1000 Vollbesch\u00e4ftigte'\n        },\n        labels: {\n                formatter: function () {\n            return Highcharts.numberFormat(this.value, 0);\n        }\n            },\n       \n    },\n     tooltip: {\n     headerFormat: '<b>{point.x} <\/b><br>',\n     valueSuffix: ''\n   \n   \n        },\n    plotOptions: {\n        line: {\n    \n\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n            enableMouseTracking: true\n        },\n        series: {\nmarker: {\nenabled: false\n}\n}\n    },\n    series: [{\n        name: 'Berufsunf\u00e4lle',\n        data: [\n       106.4,114.2,115.2,113.8,111,110.6,109.6,106.4,101.5,95.2,95.3,94.8,89,85.4,85.3,83.2,81,79,77,75.5,73.7,73.6,73.5,70.7,70.2,68.9,69.5,67.6,66.3,66,64.5,63.9,63,62.9,63.2,63.2,59.2,60.5,61.8,59\n\n\n], color: '#649795'\n    }, {\n        name: 'Nicht-Berufsunf\u00e4lle',\n        data: [\n       123.9,138,135.8,134.1,134.4,134.8,132.7,141.1,143.9,137.5,138.4,139.8,134.8,134.4,132.5,129,129.1,127.2,131.8,140.1,131.4,130,129.6,122.8,126,132.5,130.1,127.3,125.5,127.8,124.8,127.5,127.1,129.5,132.2,131.9,120.7,120.6,132,130\n\n\n],color: '#655c99'\n       \n           },  \n          \n           \n           \n           \n           ]\n});\n\n\n\n\n});\n\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Suva (UVG) \/ Darstellung: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Steigende Absenzen<\/h2>\n<p>Doch trotz des R\u00fcckgangs bei den Unf\u00e4llen am Arbeitsplatz: Die gesundheitsbedingten Absenzen vom Arbeitsplatz sind in der Schweiz zwischen 2010 und 2024 um mehr als ein Drittel gestiegen, von 6,3 auf 8,5 Tage pro Jahr und Vollzeitstelle. Unter der Annahme, dass der Lohn der Produktivit\u00e4t der Arbeit entspricht, beliefen sich im Jahr 2024 die volkswirtschaftlichen Kosten aufgrund von krankheits- und unfallbedingten Absenzen auf rund 12 Milliarden Franken in Form von Produktionsverlusten.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Das sind rund 1,5 Prozent des BIP (siehe Abbildung 2). Gegen\u00fcber 2010 sind das 4,4 Milliarden Franken mehr pro Jahr oder gemessen am BIP eine prozentuale Zunahme von 25 Prozent.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind die Kosten aber noch h\u00f6her. Denn noch nicht in den 12 Milliarden Franken enthalten ist der organisatorische Mehraufwand f\u00fcr die Unternehmen im Falle solcher Absenzen. Mitarbeitende m\u00fcssen einspringen und Mehrarbeit leisten, was f\u00fcr diese eine zus\u00e4tzliche Belastung bedeutet. Ausserdem versch\u00e4rfen die Absenzen den Arbeitskr\u00e4ftemangel, und sie k\u00f6nnen dazu f\u00fchren, dass Projekte oder auch Innovationen aus Kapazit\u00e4tsgr\u00fcnden zur\u00fcckgestellt werden m\u00fcssen. Ist eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt nicht m\u00f6glich, resultiert f\u00fcr sie gar ein Verlust an Humankapital.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Absenzen wegen Krankheit oder Unfall verursachen hohe volkswirtschaftliche Kosten<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='HOFER-FREI-M\u00dcLLER-ZOBRIST-KN\u00d6PFEL_11-2025_ABB2_de'><\/div>\n\n\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#HOFER-FREI-M\u00dcLLER-ZOBRIST-KN\u00d6PFEL_11-2025_ABB2_de').highcharts({\n\n  chart: {\n        zoomType: 'xy'\n    },\n    title: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    subtitle: {\n        text: '',\n        align: 'left'\n    },\n    xAxis: [{\n        categories: [2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023,2024\t\n],\n        crosshair: true\n    }],\n    plotOptions: {\n        series: {\n            marker: {\n                enabled: false,\n                states: {\n                    hover: {\n                        enabled: false\n                    }\n                }\n            }\n        }\n    },\n    yAxis: [{ \/\/ Primary yAxis\n         labels: {\n        formatter: function () {\n            return Highcharts.numberFormat(this.value, 1) + '%';\n        }\n    },\n        title: {\n            text: 'Produktionsverluste infolge Absenzen wegen Krankheit oder Unfall, in % des BIP (zu Preisen 2023)',\n            \n        },\n        opposite: true\n\n    }, { \/\/ Secondary yAxis\n        gridLineWidth: 0,\n        title: {\n            text: 'Kosten infolge Absenzen wegen Krankheit oder Unfall, in Mrd. 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Laut Auswertungen<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> sind bei Krankentaggeldversicherungen die Fallzahlen mit der Diagnose \u00abPsychische Erkrankung\u00bb im Verh\u00e4ltnis zum Versicherungsbestand innerhalb von zehn Jahren um rund 60 Prozent gestiegen. Eine \u00e4hnliche Entwicklung l\u00e4sst sich bei der Invalidenversicherung (IV) beobachten: Jede zweite IV-Neurente wird heute aufgrund einer psychischen Erkrankung zugesprochen. Besonders auff\u00e4llig ist die Zunahme bei den jungen Generationen. Herausforderungen am Arbeitsplatz k\u00f6nnen dabei eine Rolle spielen, aber auch gesellschaftliche Entwicklungen wie die Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen k\u00f6nnten einen Einfluss haben. Krankschreibungen aufgrund von psychischen Problemen f\u00fchren zu \u00fcberdurchschnittlich langen Absenzen und oft zu einem Verlust der Arbeitsstelle.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Zweitens k\u00f6nnte die Zunahme der Absenzen auch damit zu tun haben, dass sich das Verhalten seit der Coronapandemie ge\u00e4ndert hat: Um Ansteckungen zu vermeiden, bleibt man heute unter Umst\u00e4nden eher krankheitsbedingt zu Hause, statt gesundheitlich angeschlagen zur Arbeit zu gehen. \u00dcbereinstimmend mit dieser m\u00f6glichen Erkl\u00e4rung zeigen die Zahlen der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake) des Bundesamts f\u00fcr Statistik, dass der Anteil der Erwerbst\u00e4tigen, die in den vergangenen vier Wochen eine gesundheitsbedingte Absenz von mindestens einem halben Tag hatten, zugenommen hat: Er stieg von 12 Prozent (2010) auf 18 Prozent (2024).<a href=\"#footnote_8\" id=\"footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor\">[8]<\/a> Hingegen hat die mittlere Absenzendauer abgenommen von 4,2 (2010) auf 3,7 Tage (2024). Das zeigt: Ein gr\u00f6sserer Anteil der Erwerbst\u00e4tigen ist h\u00e4ufiger krank \u2013 wenn auch im Schnitt weniger lang.<\/p>\n<p>Drittens spielt auch das Alter eine Rolle. Wie zu Beginn des Artikels dargestellt sind \u00e4ltere Personen heute zwar ges\u00fcnder als fr\u00fchere Generationen. Dennoch nehmen chronische Erkrankungen insgesamt zu. Der Grund liegt in der demografischen Entwicklung: Das mittlere Alter der Erwerbsbev\u00f6lkerung steigt und damit auch der Anteil von Erwerbspersonen mit chronischen Erkrankungen. Das heisst: \u00c4ltere Erwerbst\u00e4tige, die einen immer gr\u00f6sseren Anteil an der Arbeitsbev\u00f6lkerung ausmachen, fehlen zwar seltener krankheitshalber \u2013 etwa nur halb so h\u00e4ufig wie ihre j\u00fcngsten Kolleginnen und Kollegen \u2013, daf\u00fcr dauern ihre Absenzen im Krankheitsfall aber oft l\u00e4nger, was insgesamt zu mehr Absenzen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Unter dem Strich l\u00e4sst sich also sagen: Die Arbeitswelt ist zwar sicherer geworden, was sich in weniger Unf\u00e4llen zeigt. Gleichzeitig haben jedoch krankheitsbedingte Absenzen und die damit verbundenen Kosten zugenommen. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Zunahme der Absenzen sind vief\u00e4ltig und nicht zuletzt durch gesellschaftliche Entwicklungen gepr\u00e4gt. Die Ursache einzig bei der Arbeit selbst zu suchen, greift sicher zu kurz. Gleichwohl tragen letztlich die Unternehmen einen wesentlichen Anteil an den Kosten zunehmender Absenzen. Sie haben daher ein grosses Interesse an gesunden Mitarbeitenden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">BAK Economics, BFS.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Pritchett und Summers (1996).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Quelle: BFS.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Medianlohn (Quelle: BAK) multipliziert mit dem Absenzenvolumen aufgrund von Krankheit oder Unfall (Quelle: BFS\/Sake).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Quelle f\u00fcr Absenzen ist die Schweizerische Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Fallzahlen von Swica und PK R\u00fcck.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Siehe Baer et al. (2022).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_8\" class=\"footnote--item\">Siehe Sake, BFS. Die Frage lautete: Haben Sie in den letzten vier Wochen aufgrund von Krankheit oder Unfall bei der Arbeit gefehlt?&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das reale BIP pro Kopf stieg in der Schweiz seit 1990 um 27 Prozent. Dieser zunehmende Wohlstand ging auch einher mit einer besseren Gesundheit. In der gleichen Zeitspanne stieg die Lebenserwartung hierzulande um 9 Prozent. Dank medizinischer sowie sicherheitstechnischer Fortschritte sank die Sterblichkeit durch Krankheiten wie Krebs sowie Unf\u00e4lle deutlich. 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Z\u00fcrcher Wirtschaftsmonitoring, Juni 2025. 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