{"id":214682,"date":"2025-11-14T07:00:31","date_gmt":"2025-11-14T06:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=214682"},"modified":"2025-11-14T11:53:33","modified_gmt":"2025-11-14T10:53:33","slug":"nachhaltige-textilien-hoffnungstraeger-und-knackpunkte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/11\/nachhaltige-textilien-hoffnungstraeger-und-knackpunkte\/","title":{"rendered":"Nachhaltige Textilien: Hoffnungstr\u00e4ger und Knackpunkte"},"content":{"rendered":"<p>Ob T-Shirt, Vorhang oder Spitalkittel \u2013 Textilien sind ein fester Bestandteil unseres Alltags. Doch ihre Herstellung und Entsorgung hat eine Kehrseite: hoher Ressourcenverbrauch (Wasser, Ackerland etc.), Umweltverschmutzung durch Chemikalien (z. B. Pestizide, D\u00fcnge- und F\u00e4rbemittel) und CO\u2082-Emissionen. Der Textilsektor verursacht weltweit etwa 10 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Die Schweiz setzt seit Jahrzehnten auf eine separate Sammlung von Alttextilien, um diese wiederzuverwenden oder zu recyceln. Es gibt jedoch Verbesserungspotenzial.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">100\u2019000 Tonnen Alttextilien pro Jahr<\/h2>\n<p>Allein in der Schweiz fallen j\u00e4hrlich rund 100\u2019000 Tonnen Alttextilien an. Davon werden rund 60\u2019000\u00a0Tonnen separat gesammelt. Sammelorganisationen wie Texaid, Tell Tex oder Caritas stellen dazu in den Gemeinden Sammelcontainer auf. Der Rest landet in der Kehrichtverbrennung und wird so mit Energier\u00fcckgewinnung thermisch verwertet.<\/p>\n<p>Die separat gesammelten Textilien werden fast ausschliesslich im Ausland sortiert. Etwa 60 Prozent (rund 36\u2019000 Tonnen) sind noch tragbar und werden als Secondhandkleidung weiterverwendet. Weitere 28 Prozent landen in der stofflichen Verwertung und werden beispielsweise als Putzlappen oder D\u00e4mmstoffe in der Bauindustrie eingesetzt. Nur ein kleiner Teil (weniger als 1 Prozent) wird tats\u00e4chlich zu neuem Garn verarbeitet. Der verbleibende Rest \u2013 rund 12 Prozent \u2013 ist nicht mehr brauchbar und wird vernichtet (siehe Abbildung).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">60 Prozent der gesammelten Alttextilien k\u00f6nnen noch getragen werden<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='ROTZETTER_11-2025b_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#ROTZETTER_11-2025b_de').highcharts({ \n\n      chart: {\n        plotBackgroundColor: null,\n        plotBorderWidth: null,\n        plotShadow: false,\n        type: 'pie'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '{series.name} <b>{point.percentage:.0f}%<\/b>'\n    },\n    accessibility: {\n        point: {\n            valueSuffix: '%'\n        }\n    },\n    plotOptions: {\n        pie: {\n        size: 250,\n        \n            allowPointSelect: true,\n            cursor: 'pointer',\n            dataLabels: {\n                enabled: true,\n                padding: 2,\n      style: {\n        fontSize: '10px'\n      },\n                format: '<b>{point.name}<\/b> <br>{point.y}%',\n            }\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: '',\n        colorByPoint: true,\n        data: [{\n            name: 'Secondhand',\n            y: 60,\n            sliced: false,\n            selected: false\n        }, {\n            name: 'Stoffliche Verwertung',\n            y: 28\n        }, {\n            name: 'Abfall',\n            y: 12\n          }]\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Quantis (2024) \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<p>Insbesondere bei j\u00fcngeren Personen liegt Secondhand im Trend. Neben klassischen Brockenh\u00e4usern und Flohm\u00e4rkten erfreuen sich auch Kleidertauschb\u00f6rsen und Onlineplattformen wachsender Beliebtheit. Der Nachhaltigkeitsaspekt von Secondhandkleidung ist f\u00fcr die Jugendlichen ein immer wichtigeres Kaufargument. Trotz dieses Trends \u00fcbersteigt das Angebot an gebrauchter Kleidung in der Schweiz jedoch deutlich die Nachfrage. Viele gut erhaltene St\u00fccke bleiben liegen oder werden ins Ausland exportiert.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Mechanisches Recycling nur begrenzt m\u00f6glich<\/h2>\n<p>Nicht mehr tragbare Textilien landen meist im mechanischen Recycling. Dabei werden sie im Ausland in sogenannten Reissanlagen in ihre Fasern zerlegt. Diese k\u00f6nnen, je nach Material und Qualit\u00e4t, zu neuem Garn versponnen oder als D\u00e4mm- beziehungsweise Vliesmaterial in der Bauindustrie eingesetzt werden. Doch das Verfahren hat auch seine Grenzen: Die Fasern werden bei jedem Reissvorgang k\u00fcrzer und verlieren an Qualit\u00e4t. Eine unendliche Wiederverwendung ist damit nicht m\u00f6glich \u2013 und f\u00fcr bestimmte Gewebearten eignet sich das Verfahren kaum.<\/p>\n<p>In der Schweiz gibt es bislang keine Reissanlage. Etwa 15 Prozent der Schweizer Alttextilien werden im Ausland auf diese Weise verarbeitet. Die Branche zeigt jedoch reges Interesse daran, eine Reissanlage im Inland aufzubauen, um die Wertsch\u00f6pfung in der Schweiz zu erwirtschaften und um die Kontrolle \u00fcber die Ressourcen zur\u00fcckzugewinnen. Heute ist es n\u00e4mlich so, dass nach der Sortierung oft unklar bleibt, wohin die Textilien tats\u00e4chlich gelangen und was letztlich mit ihnen geschieht.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Chemisches Recycling: Hoffnungstr\u00e4ger mit Risiken<\/h2>\n<p>Ein relativ neuer, aber vielversprechender Ansatz ist das chemische Recycling. Hierbei werden Textilien auf molekularer Ebene zerlegt und in neuwertige Fasern umgewandelt. Besonders f\u00fcr Mischgewebe wie Baumwolle-Polyester bietet dieses Verfahren neue M\u00f6glichkeiten \u2013 bisher galten diese als schwer recycelbar.<\/p>\n<p>In der Schweiz laufen derzeit Pilotprojekte f\u00fcr solche Technologien. Start-ups und etablierte Unternehmen forschen intensiv an marktf\u00e4higen L\u00f6sungen. Allerdings stehen viele Verfahren noch am Anfang: Nicht alle Materialien lassen sich chemisch recyceln, und der Energie- sowie Chemikalieneinsatz ist hoch. Die Umweltvertr\u00e4glichkeit und die Effizienz solcher Verfahren m\u00fcssen noch kritisch gepr\u00fcft und mit einer \u00d6kobilanz \u00fcber den gesamten Lebenszyklus der Produkte nachgewiesen werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Fehlende Sortierung als Knackpunkt<\/h2>\n<p>Ein entscheidender Engpass liegt in der unzureichenden Sortierung der Alttextilien. Derzeit fehlen in der Schweiz automatisierte Anlagen, die Materialien zuverl\u00e4ssig nach Zusammensetzung und Qualit\u00e4t trennen k\u00f6nnen. Eine solche Infrastruktur w\u00e4re jedoch essenziell, um hochwertiges Recycling \u2013 ob mechanisch oder chemisch \u2013 \u00fcberhaupt zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Zudem w\u00fcrde eine Sortieranlage im Inland die Transparenz in den Entsorgungswegen erh\u00f6hen und Arbeitspl\u00e4tze sowie Innovation f\u00f6rdern. Durch eine inl\u00e4ndische Sortierung liesse sich genau nachverfolgen, welche Mengen an Textilien in den Recyclingkreislauf zur\u00fcckgef\u00fchrt, weiterverwendet oder entsorgt werden. So w\u00e4re nachvollziehbar, wo die Materialien verbleiben, anstatt dass sie \u2013 wie bisher \u2013 nach der Sortierung ins Ausland gelangen, wo oft unklar ist, ob sie tats\u00e4chlich recycelt, verbrannt oder als Secondhandware weiterverkauft werden. Auch f\u00fcr die Umwelt w\u00e4re das ein Gewinn: Nicht verwertbare Textilien k\u00f6nnten gezielter und umweltgerechter entsorgt werden. Zurzeit ist die Sammelorganisation Tell Tex daran, eine Sortieranlage in der Schweiz aufzubauen.<\/p>\n<p>Auch international gewinnt das Thema Textilrecycling an Bedeutung. Die Europ\u00e4ische Union plant, verbindliche Quoten einzuf\u00fchren, wie viel Recyclingmaterialien k\u00fcnftig in neuen Textilprodukten eingesetzt werden m\u00fcssen. Das k\u00f6nnte die Nachfrage nach Recyclingfasern massiv ankurbeln \u2013 und auch der Schweizer Recyclingindustrie neue Impulse geben. Bislang ist der Markt f\u00fcr recycelte Fasern noch klein. Doch mit wachsenden regulatorischen Anforderungen und zunehmendem Bewusstsein in der Bev\u00f6lkerung d\u00fcrfte sich das bald \u00e4ndern.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der Weg in die Zukunft<\/h2>\n<p>Fest steht: Die Textilbranche steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Die Schweiz hat mit ihrem bew\u00e4hrten Sammelsystem eine gute Ausgangslage; doch um die Stoffkreisl\u00e4ufe tats\u00e4chlich zu schliessen, braucht es mehr. Neben technologischen Innovationen ist auch ein ver\u00e4ndertes Konsumverhalten gefragt. Statt kurzfristigen Modetrends zu folgen oder gar Billigmode zu kaufen, sollte Wert auf langlebige Produkte mit Reparaturm\u00f6glichkeiten sowie m\u00f6glichst wiederverwendbare Kleidung mit fairen Herstellungsbedingungen gelegt werden. Zudem sollte man sich vor dem Kauf auch fragen: Ist ein neues Kleidungsst\u00fcck wirklich n\u00f6tig? Weiter sollte der Fokus auf guter Qualit\u00e4t liegen. So werden Ressourcen geschont und Abfall reduziert.<\/p>\n<p>Gleichzeitig m\u00fcssen auch die Hersteller bereits bei der Produktion darauf achten, dass ihre Produkte recyclingf\u00e4hig sind und m\u00f6glichst einfach verwertet werden k\u00f6nnen. Eine Zukunft mit widerstandsf\u00e4higen, mehrfach nutzbaren und recycelbaren Textilien ist machbar \u2013 sie erfordert jedoch ein grundlegendes Umdenken des Einzelnen und der Gesellschaft. Nur so lassen sich die negativen Auswirkungen der Textilindustrie verringern und der Weg zu einer echten Kreislaufwirtschaft ebnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob T-Shirt, Vorhang oder Spitalkittel \u2013 Textilien sind ein fester Bestandteil unseres Alltags. Doch ihre Herstellung und Entsorgung hat eine Kehrseite: hoher Ressourcenverbrauch (Wasser, Ackerland etc.), Umweltverschmutzung durch Chemikalien (z. B. Pestizide, D\u00fcnge- und F\u00e4rbemittel) und CO\u2082-Emissionen. Der Textilsektor verursacht weltweit etwa 10 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. 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Studie im Auftrag des Bundesamts f\u00fcr Umwelt. 8.3. 2024.<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":"","serie_email":"","frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":"","korrektor":5357,"planned_publication_date":"2025-11-14 06:00:31","original_files":null,"external_release_for_author":"20251113","external_release_for_author_time":"23:10:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/68f6066012224"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/214682"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13760"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=214682"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/214682\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":215412,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/214682\/revisions\/215412"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13760"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/215398"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=214682"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=214682"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=214682"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=214682"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=214682"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=214682"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}