{"id":214920,"date":"2025-12-11T06:45:09","date_gmt":"2025-12-11T05:45:09","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=214920"},"modified":"2025-12-11T10:20:00","modified_gmt":"2025-12-11T09:20:00","slug":"fehlt-der-landwirtschaft-bald-das-wasser-zum-bewaessern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/12\/fehlt-der-landwirtschaft-bald-das-wasser-zum-bewaessern\/","title":{"rendered":"Fehlt der Landwirtschaft bald das Wasser zum Bew\u00e4ssern?"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweiz wird kaum mit Wasserknappheit in Verbindung gebracht. Doch niedrige Wasserst\u00e4nde in kleinen und mittleren Fl\u00fcssen und Seen haben sich in den letzten Jahren geh\u00e4uft. Nach dem legend\u00e4ren Extremsommer 2003 waren auch die Jahre 2011, 2015, 2018, 2022 und 2023 durch Hitze und Trockenheit gepr\u00e4gt. Besonders das Jahr 2022 ist sicher vielen noch in Erinnerung. Damals gab es bereits im Juni eine ungew\u00f6hnlich fr\u00fch einsetzende Hitzeperiode, gefolgt von zwei weiteren Trockenperioden im Juli und im August. Als Folge mussten viele Kantone wie Freiburg, Jura, Thurgau und Aargau ein teilweises Entnahmeverbot f\u00fcr die Landwirte verh\u00e4ngen, die ihre Felder mit Wasser aus B\u00e4chen und Fl\u00fcssen bew\u00e4ssern.<\/p>\n<p>Der Grund, weshalb Landwirte mit diesem Problem immer h\u00e4ufiger konfrontiert sind, ist der Klimawandel \u2013 und zwar aus zwei Gr\u00fcnden: Einerseits nehmen n\u00e4mlich die Niederschlagsmengen im Sommer und somit auch die Abflussmengen in den Fliessgew\u00e4ssern ab. Andererseits nimmt dieser Wasserbedarf mit dem Klimawandel noch zu, weil h\u00f6here Temperaturen die Atmosph\u00e4re \u00abdurstiger\u00bb machen und bewirken, dass Pflanzen mehr Wasser brauchen \u2013 eben genau zu der Zeit, wenn Bodentrockenheit und Niedrigwasser besonders h\u00e4ufig sind.<\/p>\n<p>Um die Flora und Fauna in den bereits trockenen Bach- und Flussl\u00e4ufen vor den Folgen von extremem Niedrigwasser zu sch\u00fctzen, haben sich in den vergangenen Jahren auch die Verbote f\u00fcr die Landwirtschaft, Wasser zu entnehmen, geh\u00e4uft.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Landwirte suchen sichere Quellen<\/h2>\n<p>In der Schweiz entnehmen viele Landwirte das Wasser zur Bew\u00e4sserung ihrer Kulturen aus B\u00e4chen, Fl\u00fcssen, Seen oder aus dem Grundwasser. Um dieses Wasser nutzen zu k\u00f6nnen, beantragen Landwirte Konzessionen bei den zust\u00e4ndigen kantonalen \u00c4mtern. Solche Konzessionen werden in der Regel \u00fcber j\u00e4hrliche Pauschalen abgegolten, die sich an den Pumpleistungen orientieren. Diese sind deutlich g\u00fcnstiger als Wasser aus dem Versorgungsnetz. Bei Wasserknappheit k\u00f6nnen die kantonalen \u00c4mter aber Einschr\u00e4nkungen oder Verbote f\u00fcr Wasserentnahmen erheben. In aller Regel sind kleine und mittlere Fliessgew\u00e4sser davon betroffen, in Einzelf\u00e4llen aber auch Grundwasserentnahmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Landwirte, die von einem solchen Verbot betroffen sind, sind die Folgen einschneidend. Sie m\u00fcssen Ertragsverluste in Kauf nehmen, sofern sie nicht auf alternative Wasserquellen wie gr\u00f6ssere Fl\u00fcsse, Seen, Grundwasser oder Wasser aus dem Versorgungsnetz ausweichen k\u00f6nnen. Folglich investieren viele Bauern in die Erschliessung \u00absicherer\u00bb Wasserressourcen.<\/p>\n<p>Eine M\u00f6glichkeit dazu ist, sich mit anderen Landwirten in Bew\u00e4sserungsgenossenschaften zu organisieren, um auch gr\u00f6ssere Infrastrukturprojekte stemmen zu k\u00f6nnen und beispielsweise Wasser aus grossen Seen oder Fl\u00fcssen zu nutzen, die kaum von Verboten betroffen sind. Daf\u00fcr braucht es meist Leitungen und starke Pumpen, die das Wasser \u00fcber weite Strecken transportieren k\u00f6nnen. Auch die Wasserentnahme aus gr\u00f6sseren Grundwasservorkommen ist zuverl\u00e4ssiger nutzbar. Wo weder gr\u00f6ssere Gew\u00e4sser noch m\u00e4chtige Grundwasservorkommen nutzbar sind, kann das Anlegen von Wasserspeichern helfen, bei Wassermangellagen Ertragsverluste abzufedern. Um die Speicher zu f\u00fcllen, kann zum Beispiel Regenwasser gesammelt oder Wasser aus Fl\u00fcssen gepumpt werden, w\u00e4hrend die Pegelst\u00e4nde hoch sind.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Kommt es k\u00fcnftig zu Konflikten?<\/h2>\n<p>Die Landwirte begegnen dem wachsenden Problem der Wasserknappheit meist proaktiv und pragmatisch. F\u00fcr die \u00c4mter, die mit dem \u00fcbergeordneten Management der Wasserressourcen betraut sind, stellen sich durch die zunehmenden Knappheiten verschiedene neue Fragen: Muss die landwirtschaftliche Wassernutzung neu koordiniert werden? Und k\u00f6nnte die sich \u00e4ndernde Wassernutzung in der Landwirtschaft zu Konflikten mit anderen Wassernutzern f\u00fchren?<\/p>\n<p>Bislang war das selten ein Problem. In Zukunft k\u00f6nnte es aber eines werden. Deshalb ist es wichtig, den Wasserverbrauch f\u00fcr landwirtschaftliche Bew\u00e4sserung in der Schweiz genauer zu beziffern, als das bislang m\u00f6glich ist. Das w\u00fcrde es erlauben, im Vorfeld abzusch\u00e4tzen, wann und wo in Zukunft Wassernutzungskonflikte auftreten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aktuell werden die Wasserverbrauchsmengen f\u00fcr die landwirtschaftliche Bew\u00e4sserung aber nur in wenigen Kantonen erhoben. Die Konzessionen f\u00fcr Wasserentnahmen definieren meist nur eine Maximalmenge, sodass der tats\u00e4chliche Wasserverbrauch f\u00fcr die landwirtschaftliche Bew\u00e4sserung in der Schweiz weitgehend unbekannt ist.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wasserverbrauch sch\u00e4tzen \u2013 aber wie?<\/h2>\n<p>Weil genauere Erhebungen zum Wasserverbrauch f\u00fcr die landwirtschaftliche Bew\u00e4sserung aufwendig, kostspielig und vor allem nicht von heute auf morgen machbar sind, hat das Bundesamt f\u00fcr Umwelt (Bafu) Agroscope, das Forschungsinstitut des Bundes f\u00fcr die Land- und Ern\u00e4hrungswirtschaft, beauftragt, den Wasserverbrauch auf Basis national verf\u00fcgbarer Geodaten zu sch\u00e4tzen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Kern der Methode ist ein biophysikalisches Modell, das den Bew\u00e4sserungsbedarf unterschiedlicher Kulturpflanzen in Abh\u00e4ngigkeit von Klima und Boden prognostiziert. Um aus dem Bew\u00e4sserungsbedarf den Verbrauch abzuleiten, werden im Algorithmus Regeln implementiert, die die g\u00e4ngige Bew\u00e4sserungspraxis repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Obwohl das tats\u00e4chliche Bew\u00e4sserungsverhalten der Landwirte sehr variabel ist und von den festgelegten Regeln im Algorithmus h\u00e4ufig abweicht, konnte mit der Agroscope-Methode in den Trockenjahren 2022 und 2023 eine gute Sch\u00e4tzgenauigkeit erreicht werden \u2013 zumindest dort, wo regionsspezifische Informationen zu bew\u00e4sserten Kulturfl\u00e4chen vorhanden waren. Dies zeigt der Vergleich mit den tats\u00e4chlichen Bew\u00e4sserungsmengen in diesen Regionen. Anders f\u00fcr das feuchte Jahr 2021. Hier wurden die Wasserverbrauchsmengen wesentlich untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Industrie und Gewerbe verbrauchen mehr Wasser<\/h2>\n<p>Wie genau die Sch\u00e4tzungen f\u00fcr die gesamte Schweiz sind, l\u00e4sst sich aufgrund bislang mangelnder Daten kaum sagen. Aufgrund des regionalen Vergleichs gehen wir auch bei der gesamtschweizerischen Sch\u00e4tzung davon aus, dass die gesch\u00e4tzten 9,5 Millionen Kubikmeter f\u00fcr das feuchte Jahr 2021 weit unter dem tats\u00e4chlichen Wasserverbrauch in diesem Jahr liegen. Die gesamtschweizerischen Sch\u00e4tzungen f\u00fcr die warm-trockenen Jahre 2022 und 2023 von 41 bzw. 31 Millionen Kubikmetern sind dagegen deutlich realistischer. Das deshalb, weil sich die Ergebnisse gr\u00f6sstenteils decken mit den Sch\u00e4tzungen<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> des Bundesamts f\u00fcr Statistik f\u00fcr das Jahr 2023.<\/p>\n<p>Diese Menge entspricht etwa der H\u00e4lfte der Wasserabgaben aus dem \u00f6ffentlichen Netz an Industrie und Gewerbe. Die Kulturen mit dem gr\u00f6ssten Wasserverbrauch gem\u00e4ss unseren Sch\u00e4tzungen sind Gem\u00fcse, Obst und Gr\u00fcnland, wobei die Gr\u00fcnlandbew\u00e4sserung vor allem im Wallis eine grosse Rolle spielt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Unsicherheiten sind noch sehr gross<\/h2>\n<p>Obwohl unsere Sch\u00e4tzwerte teilweise schon ganz gut mit den erhobenen Daten \u00fcbereinstimmen, sind die Modellsch\u00e4tzungen insgesamt noch zu ungenau f\u00fcr ein zukunftsf\u00e4higes Wasserressourcenmanagement. Um die Sch\u00e4tzgenauigkeit zu verbessern, braucht es genauere Informationen dar\u00fcber, welche Fl\u00e4chen mit einer Kultur bepflanzt und bew\u00e4ssert werden, sowie zus\u00e4tzliche Informationen zu Bew\u00e4sserungs- und Entnahmemengen.<\/p>\n<p>Aktuell erhebt das Bafu zusammen mit Kollegen der <a href=\"https:\/\/www.bfh.ch\/hafl\/de\/\">Hochschule f\u00fcr Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften<\/a> solche Informationen in ausgew\u00e4hlten Teilregionen der Schweiz. Dabei wird erfasst, welche Kulturen auf welchen Parzellen wann bew\u00e4ssert werden. Gleichzeitig werden auch die Wasserverbrauchsmengen mittels Wasserz\u00e4hler erfasst.<\/p>\n<p>Diese Informationen werden helfen, unsere Modellsch\u00e4tzungen zu verbessern. Dar\u00fcber hinaus soll festgestellt werden, welche Datenerhebungen in Kombination mit der Sch\u00e4tzmethode in Zukunft am besten Aufschluss \u00fcber den tats\u00e4chlichen landwirtschaftlichen Wasserverbrauch geben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>L\u00e4sst sich der landwirtschaftliche Wasserbedarf und -verbrauch auf regionaler Ebene hinreichend genau sch\u00e4tzen und antizipieren, kann er zusammen mit den Bedarfsanspr\u00fcchen aus anderen Sektoren der Ressourcenverf\u00fcgbarkeit gegen\u00fcbergestellt werden. Damit soll der landwirtschaftliche Nutzungsanspruch im Rahmen einer integralen Wassermanagementstrategie Ber\u00fccksichtigung finden. Wassernutzungskonflikte fr\u00fchzeitig zu erkennen, hilft, rechtzeitig Massnahmen zu finden, welche die Anspr\u00fcche aller Interessengruppen ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Baumgartner et al. (2025).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Bundesamt f\u00fcr Statistik (2024).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweiz wird kaum mit Wasserknappheit in Verbindung gebracht. Doch niedrige Wasserst\u00e4nde in kleinen und mittleren Fl\u00fcssen und Seen haben sich in den letzten Jahren geh\u00e4uft. Nach dem legend\u00e4ren Extremsommer 2003 waren auch die Jahre 2011, 2015, 2018, 2022 und 2023 durch Hitze und Trockenheit gepr\u00e4gt. 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November.<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":[215506,215508],"serie_email":"","frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[4306],"korrektor":5357,"planned_publication_date":"2025-12-11 05:45:09","original_files":null,"external_release_for_author":"20251211","external_release_for_author_time":"00:05:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/69035b0646247"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/214920"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13793"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=214920"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/214920\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":216256,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/214920\/revisions\/216256"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4306"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13793"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/215508"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/215506"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/216142"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=214920"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=214920"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=214920"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=214920"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=214920"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=214920"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}