{"id":215049,"date":"2025-12-09T06:50:10","date_gmt":"2025-12-09T05:50:10","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=215049"},"modified":"2025-12-09T11:41:22","modified_gmt":"2025-12-09T10:41:22","slug":"wasserkraft-garant-fuer-stabilitaet-in-der-energiewende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2025\/12\/wasserkraft-garant-fuer-stabilitaet-in-der-energiewende\/","title":{"rendered":"Wasserkraft: Garant f\u00fcr Stabilit\u00e4t in der Energiewende"},"content":{"rendered":"<p>Die Voraussetzungen f\u00fcr die Nutzung der Wasserkraft sind in der Schweiz sehr gut. In den Voralpen und Alpen fallen im Jahr durchschnittlich 2000 mm Niederschlag. Das bedeutet: W\u00fcrde das Wasser nicht abfliessen oder verdunsten, st\u00fcnde in dieser Region das Wasser nach einem Jahr 2 Meter hoch. In einzelnen Gebieten wie dem bernischen Oberhasli, zu dem auch der Grimselpass geh\u00f6rt, sind es sogar 3000 mm.<\/p>\n<p>Schon lange wurden Gew\u00e4sser in der Schweiz zum Betrieb von M\u00fchlen oder S\u00e4gereien genutzt. In der fr\u00fchen Phase der Industrialisierung im 19. Jahrhundert war die Wasserkraft wichtig f\u00fcr die Textilindustrie. Sie diente dem Antrieb von Spinnereien und Webereien, beispielsweise im Kanton Glarus. Die Produktionsbetriebe lagen dabei direkt am Wasser, um die Wasserkraft mit einem Wasserrad mechanisch zu nutzen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Strom aus Wasserkraft<\/h2>\n<p>Der elektrische Generator \u00e4nderte das. Die Wasserenergie wurde fortan zur Stromerzeugung genutzt und die Maschinen mit Strom betrieben. Das erm\u00f6glichte, dass die Firmen nicht mehr zwingend am Wasser gebaut werden mussten. In der Grossindustrie fand der elektrische Generator gegen Ende des 19. Jahrhunderts breitere Anwendung und f\u00fchrte massgeblich zur weitgehenden Elektrifizierung des Landes. 1914 gab es in der Schweiz bereits 6860 Wasserkraftanlagen \u2013 einige lieferten noch mechanische Energie, andere erzeugten schon Elektrizit\u00e4t. Doch mit rund 700 Megawatt (MW) erreichten sie nicht einmal 10 Prozent der Gesamtleistung heutiger Wasserturbinen.<\/p>\n<p>Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs wurde eine mittlere Jahresproduktion aus der Wasserkraft von rund 10\u2019000 Gigawattstunden (GWh) erreicht. Das Wachstum zog in den 1950er- und 1960er-Jahren noch st\u00e4rker an, denn in dieser Zeit wurden die meisten der grossen Hochgebirgsspeicherkraftwerke gebaut \u2013 darunter etwa der Grande-Dixence-Staudamm im Wallis. So erreichte die Wasserkraft 1967 eine mittlere Jahresproduktion von circa 28\u2019000 GWh und war f\u00fcr 97 Prozent der landesweiten Stromerzeugung verantwortlich. Schweizer Strom wurde somit fast ausschliesslich mit Wasserkraft produziert. Mit der Inbetriebnahme der ersten Kernkraftwerke Beznau I\/II und M\u00fchleberg sank der Anteil in den 1970er-Jahren auf rund 75 Prozent, und in den 1980er-Jahren, als G\u00f6sgen und Leibstadt ans Netz gingen, auf knapp 60 Prozent. Dieser Produktionsmix blieb bis heute stabil.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Stark schwankende Stromproduktion<\/h2>\n<p>Allerdings konnten und k\u00f6nnen die j\u00e4hrlichen Schwankungen betr\u00e4chtlich sein, je nachdem, wie \u00abnass\u00bb ein Jahr ist. So war 2024 mit einer Wasserkraftproduktion von 48\u2019337 GWh ein absolutes Rekordjahr, wohingegen im trockenen Jahr 2022 nur 33\u2019501 GWh produziert wurden.<\/p>\n<p>Seit 2009 stehen im Energiegesetz langfristige Zielvorgaben f\u00fcr die Produktion aus Wasserkraft. Im neuen Energiegesetz, liegen die Zielwerte f\u00fcr das Jahr 2035 bei 37\u2019900 GWh und f\u00fcr das Jahr 2050 bei 39\u2019200 GWh. Anfang 2025 lag der Monitoringwert bei 36\u2019901 GWh aus 704 grossen und mittelgrossen Anlagen. Bis 2035 m\u00fcsste dieser Wert demnach um 1000 GWh steigen. Ein solcher Zubau in zehn Jahren erscheint auf den ersten Blick als machbar. Jedoch wurden als Folge der tiefen Strommarktpreise in den 2010er-Jahren relativ wenige Projekte entwickelt, sodass die Wasserkraft in den n\u00e4chsten Jahren voraussichtlich kaum ausgebaut wird.<\/p>\n<p>Seit der Einf\u00fchrung der Kostendeckenden Einspeiseverg\u00fctung im Jahr 2009 haben vor allem Kleinwasserkraftwerke zum Ausbau der Wasserkraft beigetragen. Seit 2018 gibt es erstmals auch eine F\u00f6rderung von Grosswasserkraftwerken mittels <a href=\"https:\/\/www.bfe.admin.ch\/bfe\/de\/home\/foerderung\/erneuerbare-energien\/foerderung-wasserkraft.html#:~:text=Ab%202025%20besteht%20f%C3%BCr%20Wasserkraftanlagen,beim%20Bundesamt%20f%C3%BCr%20Energie%20einzureichen.\">Investitionsbeitr\u00e4gen<\/a>. Das Ziel ist, dass die Wasserkraft weiterhin zum Ausbau der inl\u00e4ndischen Stromproduktion beitr\u00e4gt, jedoch weniger stark als andere erneuerbare Energien, da ihr Ausbaupotenzial relativ beschr\u00e4nkt ist. Um die Produktion der Kernkraftwerke zu ersetzen sowie den zus\u00e4tzlichen Strombedarf infolge der Dekarbonisierung des Energiesystems, des Bev\u00f6lkerungswachstums und der zunehmenden Digitalisierung abzudecken, soll die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2050 auf 45\u2019000 GWh steigen. Der Anteil der Erneuerbaren (ohne Wasser) am Strommix w\u00fcrde somit von heute 10 auf \u00fcber 50 Prozent steigen. Die Wasserkraft w\u00fcrde dann weniger als die H\u00e4lfte der Gesamtproduktion ausmachen (siehe Abbildung).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Strommix Schweiz: Anteil Wasserkraft nimmt bis 2050 ab<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='Dupraz_12-2025_DE'><\/div>\n\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Dupraz_12-2025_DE').highcharts({\n\n    chart: {\n        type: 'pie',\n        events: {\n            load: function () {\n                const chart = this;\n\n                \/\/ Titel \u00fcber linkem Kreis\n                chart.renderer.text(\n                    'Anteile 2025',\n                    chart.plotLeft + chart.plotWidth * 0.25,   \/\/ x-Position (\u00fcber Center 25 %)\n                    chart.plotTop + 10                          \/\/ y-Position knapp \u00fcber Plot\n                )\n                .css({\n                    fontSize: '14px',\n                    fontWeight: 'bold'\n                })\n                .attr({\n                    align: 'center'\n                })\n                .add();\n\n                \/\/ Titel \u00fcber rechtem Kreis\n                chart.renderer.text(\n                    'Anteile 2050',\n                    chart.plotLeft + chart.plotWidth * 0.75,   \/\/ x-Position (\u00fcber Center 75 %)\n                    chart.plotTop + 10\n                )\n                .css({\n                    fontSize: '14px',\n                    fontWeight: 'bold'\n                })\n                .attr({\n                    align: 'center'\n                })\n                .add();\n            }\n        }\n    },\n\n    title: { text: '' },\n\n    tooltip: {\n        pointFormat: '{series.name}: <b>{point.y} GWh<\/b>'\n    },\n\n    plotOptions: {\n        pie: {\n            allowPointSelect: true,\n            cursor: 'pointer',\n            showInLegend: true,\n            dataLabels: {\n                enabled: true,\n                distance: 25,   \/\/ au\u00dferhalb der Kreise\n                formatter: function () {\n                    \/\/ 0-Werte komplett ausblenden (kein Text, kein Connector)\n                    if (this.y === 0) {\n                        return '';\n                    }\n                    const pct = (this.y \/ this.series.total * 100).toFixed(1);\n                    return pct + '%';\n                },\n                style: {\n                    color: 'black',\n                    textOutline: 'none',\n                    fontSize: '11px'\n                }\n            }\n        }\n    },\n\n    series: [{\n        name: '2025',\n        size: '60%',\n        center: ['25%', '55%'],\n        data: [{\n            name: 'Wasserkraft',\n            y: 37350,\n            color: '#327775'\n        }, {\n            name: 'Kernkraft',\n            y: 22983,\n            color: '#666666'\n        }, {\n            name: 'Erneuerbare (ohne Wasserkraft)',\n            y: 7204,\n            color: '#655c99'\n        }, {\n            name: 'Thermische Kraftwerke',\n            y: 2530,\n            color: '#9bbcbc'\n        }]\n    }, {\n        name: 'Anteile 2050',\n        size: '60%',\n        center: ['75%', '55%'],\n        showInLegend: false,\n        data: [{\n            name: 'Wasserkraft',\n            y: 39200,\n            color: '#327775'\n        }, {\n            name: 'Kernkraft',\n            y: 0,\n            color: '#666666',\n            dataLabels: { enabled: false },   \/\/ kein Label, kein Connector\n            enableMouseTracking: false        \/\/ kein Tooltip, kein Hover\n        }, {\n            name: 'Erneuerbare (ohne Wasserkraft)',\n            y: 45000,\n            color: '#655c99'\n        }, {\n            name: 'Thermische Kraftwerke',\n            y: 1200,\n            color: '#9bbcbc'\n        }]\n    }]\n});\n});\n\n\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: BFE, Statistik der Wasserkraftanlagen der Schweiz (2024), Schweizerische Gesamtenergiestatistik (2024) \/ Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Speicherseen st\u00fctzen die Systemstabilit\u00e4t<\/h2>\n<p>Auch wenn die Wasserkraft nicht wesentlich ausgebaut wird \u2013 ihre Bedeutung f\u00fcr das Energiesystem wird trotzdem zunehmen. Denn zum einen sorgt die Laufwasserkraft f\u00fcr eine kontinuierliche Stromproduktion. Zum anderen ist die Flexibilit\u00e4t der Speicherwasserkraft entscheidend f\u00fcr die Systemstabilit\u00e4t. Die installierte Leistung von 16,5 Gigawatt (GW) \u00fcbersteigt zurzeit deutlich die inl\u00e4ndischen Verbrauchsspitzen, welche momentan bei etwa 8 GW liegen.<\/p>\n<p>Mit ihren flexibel einsetzbaren Kapazit\u00e4ten sorgt die Speicherwasserkraft bei ungeplanter Stromnachfrage daf\u00fcr, dass die Netzfrequenz stabil bleibt und es keine Blackouts gibt. F\u00fcr diese Flexibilit\u00e4t ist die Wasserkraft auf Wasserspeicher angewiesen. Die grossen alpinen Speicherseen k\u00f6nnen mit 8900 GWh Energiespeicherung fast ein Viertel der Jahresproduktion einlagern. Sie werden bis im Herbst mit dem Schmelzwasser des Fr\u00fchjahrs und den Niederschl\u00e4gen des Sommers gef\u00fcllt, um im Winter nach und nach f\u00fcr die Stromproduktion entleert zu werden.<\/p>\n<p>Damit sie Ende Winter nicht komplett leer sind, f\u00fchrte das Parlament mit dem \u00fcberarbeiteten Stromversorgungsgesetz (StromVG) eine Speicherreserve ein. Das Stimmvolk hat das Gesetz im Juni 2024 deutlich angenommen. Das Gesetz sieht auch den Ausbau der Speicherwasserkraft um mindestens 2000 GWh bis ins Jahr 2040 vor. Damit soll die Versorgungssicherheit im Winter, auch nach Ausserbetriebnahme der Kernkraftwerke, stabil bleiben. Das Gesetz bezeichnet dazu 16 konkrete Projekte, 15 davon stammen aus der gemeinsamen Erkl\u00e4rung des Runden Tischs Wasserkraft. Die wichtigsten Akteure im Bereich der Wasserkraft haben sich an einem runden Tisch ausgetauscht, der 2020 von der damaligen Bundesr\u00e4tin Simonetta Sommaruga initiiert wurde. Themen waren die Herausforderungen der Wasserkraft bei der Energiestrategie 2050, das Netto-null-Klimaziel, die Versorgungssicherheit und der Erhalt der Biodiversit\u00e4t. Herausgekommen ist dabei eine Liste mit Wasserkraftprojekten, welche weiterverfolgt werden sollen. Doch im August 2025 informierte der Bundesrat, dass mit diesen 16 Projekten bis 2040 voraussichtlich nur 1100 GWh erreicht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Viele Neukonzessionierungen stehen an<\/h2>\n<p>Neben dem Ausbau stellt auch der Erhalt der bestehenden Wasserkraftanlagen eine Herausforderung dar. Wasserkraftanlagen werden auf der Grundlage von Konzessionen betrieben, die maximal 80 Jahre laufen. In den n\u00e4chsten Jahren m\u00fcssen viele Konzessionen erneuert werden. Die Konzessionsgeber sind die Kantone und Gemeinden. Sie entscheiden dann \u00fcber den Weiterbetrieb, die Umweltauflagen sowie \u00fcber die Eigent\u00fcmerschaft.<\/p>\n<p>Viele Kantone streben an, noch st\u00e4rker direkt an den Kraftwerken beteiligt zu sein. Bislang profitieren sie vor allem von den Wasserzinsen, welche die Kraftwerkbetreiber den Kommunen und Kantonen als Entsch\u00e4digung f\u00fcr die Nutzung der \u00f6ffentlichen Gew\u00e4sser bezahlen m\u00fcssen. Das bingt j\u00e4hrlich \u00fcber 500 Millionen Franken in die Kassen von Kantonen und Berggemeinden. Die Konzessionserneuerung ist gleichzeitig eine Chance, um die Anlagen zu modernisieren, damit sie f\u00fcr weitere Jahrzehnte im Dienst der Versorgungssicherheit stehen k\u00f6nnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Voraussetzungen f\u00fcr die Nutzung der Wasserkraft sind in der Schweiz sehr gut. In den Voralpen und Alpen fallen im Jahr durchschnittlich 2000 mm Niederschlag. 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