{"id":215546,"date":"2026-01-22T07:00:00","date_gmt":"2026-01-22T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=215546"},"modified":"2026-02-24T10:02:47","modified_gmt":"2026-02-24T09:02:47","slug":"wettbewerb-die-produktive-provokation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/01\/wettbewerb-die-produktive-provokation\/","title":{"rendered":"Wettbewerb: Die produktive Provokation"},"content":{"rendered":"<p>\u00abWir wollen frei sein, wie unsere V\u00e4ter waren \u2013 Kampf dem Bierkartell!\u00bb Mit diesem Zeitungsinserat schockte der Discounter Denner am 22. Februar 1985 die Schweizer Brauereien.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Jede Brauerei hatte damals ihr Absatzgebiet, wo die Konkurrenz ausgesperrt war. Restaurants waren verpflichtet, ihr Bier von einer bestimmten Brauerei zu beziehen, die Preise wurden zentral festgelegt.<\/p>\n<p>Die Eint\u00f6nigkeit des Bierangebots passte auch schlecht zur kulturellen Vielfalt der Schweiz. Dennoch hielt sich das Bierkartell noch bis 1991. Die Vielfalt kam erst mit dem Wettbewerb: 1990 gab es schweizweit 32 Brauereien, heutzutage sind es \u00fcber 1000. Bei den meisten handelt es sich um Kleinstbrauereien, die eine Nische abdecken.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">\u00abWir irren uns empor\u00bb<\/h2>\n<p>Der deutsche Rechtswissenschaftler Franz B\u00f6hm (1895\u20131977), ein Mitbegr\u00fcnder der sozialen Marktwirtschaft, hat es einpr\u00e4gsam formuliert: \u00abWettbewerb ist das grossartigste und genialste Entmachtungsinstrument der Geschichte.\u00bb Mit anderen Worten: Niemand kann sich seiner privilegierten Stellung sicher sein. Denn der Wettbewerb motiviert dazu, immer wieder nach u\u0308berlegenen L\u00f6sungen zu suchen. Wem dies gelingt, der oder die wird belohnt. Doch nicht nur der Urheber einer Neuerung profitiert, sondern wir alle \u2013 man denke in ju\u0308ngerer Zeit nur schon an das Smartphone oder neue Krebstherapien. Auf die Wirtschaft l\u00e4sst sich deshalb u\u0308bertragen, was der Philosoph und Physiker Gerhard Vollmer 1995 u\u0308ber die Wissenschaft gesagt hat: \u00abWir irren uns empor.\u00bb<\/p>\n<p>Dieser Erfolgsgeschichte zum Trotz war Wettbewerb in der Schweiz lange Zeit verp\u00f6nt: \u00abDie Schweiz ist seit einem halben Jahrhundert das \u2039kartellreichste\u203a Land der Erde\u00bb, heisst es in einem wissenschaftlichen Artikel aus dem Jahr 1957. Das war so gewollt. Die Eidgen\u00f6ssische Preisbildungskommission hatte damals argumentiert, dass hinter den Schweizer Kartellen nicht monopolistische Profitgelu\u0308ste steckten, sondern Existenzsorgen, die sich aus ruin\u00f6ser Konkurrenz erg\u00e4ben.<\/p>\n<p>\u00abSchutz vor ruin\u00f6ser Konkurrenz\u00bb ist ein klassisches Argument der Wettbewerbsgegner, das auch die Bierbrauer bemu\u0308ht hatten. Kartelle mit ihren u\u0308berh\u00f6hten Preisen helfen zwar allen, die Teil des Kartells sind, aber nicht allen gleich viel. Gerade die kleinen Kartellmitglieder bleiben mit der Zeit auf der Strecke, da sie von den grossen Firmen geschluckt werden. Damit nimmt die Marktkonzentration zu, und die Innovationsleistung sinkt. Die grossen Verlierer sind die Konsumentinnen und Konsumenten: Sie zahlen nicht nur hohe Preise, sondern mu\u0308ssen sich mit geringer Vielfalt und Qualit\u00e4t zufriedengeben \u2013 wer zu Zeiten des Bierkartells ein Pale Ale trinken wollte, blieb durstig.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">EWR-Abstimmung als Wendepunkt<\/h2>\n<p>Die Zeiten des Bierkartells scheinen l\u00e4ngst vergangen. Der Wendepunkt in der Schweiz kam mit der Abstimmung \u00fcber den Europ\u00e4ischen Wirtschaftsraum (EWR) im Jahr 1992. Der Beitritt wurde knapp abgelehnt. Die Schweizer Wirtschaft steckte damals in einer Rezession. Die Bereitschaft zu Reformen stieg \u2013 Wirtschaftskapit\u00e4ne forderten 1995 \u00abMut zum Aufbruch\u00bb. Das Buch mit dem gleichnamigen Titel fiel trotz anf\u00e4nglicher Anfeindungen auf fruchtbaren Boden.<\/p>\n<p>In den 1990er-Jahren erhielt die Schweiz endlich ein Kartellgesetz, das diesen Namen verdient. Und auch Sozialdemokraten wie Tony Blair, Gerhard Schr\u00f6der oder in der Schweiz Bundesrat Moritz Leuenberger pl\u00e4dierten pl\u00f6tzlich fu\u0308r Liberalisierungen. Unter Leuenberger wurden 1998 die staatlichen Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) in die Schweizerische Post und die Swisscom aufgespaltet sowie der Telekommarkt ge\u00f6ffnet. Der Erfolg setzte rasch ein. W\u00e4re die Swisscom eine Verwaltungsabteilung des Bundes geblieben, h\u00e4tte die Schweiz noch lange keine Mobiltelefone gehabt, sagte Leuenberger vor einigen Jahren in einem Interview.<\/p>\n<p>Die Ablehnung des EWR hatte vor 30 Jahren in breiten Kreisen Energien fu\u0308r Reformen freigesetzt. Derzeit fehlt es an einem solchen Elan. Vielmehr gibt es Bestrebungen, die inl\u00e4ndische Wirtschaft st\u00e4rker zu schu\u0308tzen. Zwei F\u00e4lle seien hier exemplarisch genannt.<\/p>\n<p>Die Schweiz hat ihr \u00f6ffentliches Beschaffungswesen zwar zun\u00e4chst liberalisiert, doch 2019 wurde im entsprechenden Gesetz festgehalten, dass die Nachhaltigkeit und besonders das unterschiedliche Preisniveau bei Ausschreibungen ber\u00fccksichtigt werden sollten. Das ist problematisch, weil damit ausl\u00e4ndische Unternehmen, die deutlich g\u00fcnstiger w\u00e4ren, das Nachsehen haben k\u00f6nnten. Immerhin gilt dieses Zuschlagskriterium nur f\u00fcr Auftr\u00e4ge unterhalb bestimmter Schwellenwerte, die in Staatsvertr\u00e4gen festgelegt sind. Die Kantone haben in ihrer interkantonalen Vereinbarung das Kriterium \u00abunterschiedliches Preisniveau\u00bb ohnehin nicht \u00fcbernommen, da sie es als praxisfern und rechtlich problematisch einstuften.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Schweiz ist nur Mittelmass<\/h2>\n<p>Das zweite Beispiel stammt aus dem Transportgewerbe. Das deutsche Fernbus-Unternehmen Flixbus darf keine Passagiere von Bern nach Zu\u0308rich bef\u00f6rdern. Der Transportmarkt innerhalb der Schweiz ist fu\u0308r ausl\u00e4ndische Verkehrsunternehmen n\u00e4mlich tabu. Diese Art der Marktabschottung wird Kabotageverbot genannt.<\/p>\n<p>Die Haltung in der Binnenwirtschaft ist somit nicht immer wettbewerbsfreundlich. Gleichzeitig gibt es viele Firmen, die sich jeden Tag dem globalen Wettbewerb aussetzen. Dass die Schweiz hochproduktiv ist, obwohl Teile der Wirtschaft lange Zeit durchkartellisiert waren, ist dieser internationalen Verflechtung zu verdanken.<\/p>\n<p>Wie kann man den Wettbewerbsgedanken auch im Inland wieder st\u00e4rker verankern? Hierzu zwei Gedankenanst\u00f6sse: Erstens sollte die Wettbewerbsl\u00f6sung in wirtschaftspolitischen Debatten stets den Ausgangspunkt bilden. Die Begr\u00fcndungspflicht l\u00e4ge also bei denjenigen, die den Wettbewerb einschr\u00e4nken m\u00f6chten \u2013 nicht bei denen, die offene M\u00e4rkte verteidigen.<\/p>\n<p>Damit sich in der Schweiz etwas bewegt, braucht es zweitens ein konkretes Ziel. Ein Vorschlag w\u00e4re, dass die Schweiz innerhalb von fu\u0308nf Jahren im OECD-Ranking zur Regulierung der Produktm\u00e4rkte in die Spitzengruppe aufsteigt \u2013 heute liegt das Land n\u00e4mlich nur auf Rang 23 von 47 Staaten. Dieses Ranking spiegelt zum einen, wie gross die Marktzugangshindernisse in Form von Bewilligungen, Konzessionen oder Anforderungen an eine Firmengru\u0308ndung sind. Zum anderen wird einbezogen, wie stark der Staat selbst in die Wirtschaft eingreift, etwa durch Staatsgarantien oder eigene Firmen.<\/p>\n<p>Einen Sprung wu\u0308rde die Schweiz im OECD-Ranking schon machen, wenn sie die in den 1990er-Jahren begonnenen Liberalisierungen vollenden wu\u0308rde. Derzeit sind zum Beispiel kleinere Stromkunden immer noch in ihrem lokalen Monopol gefangen, und die Post beherrscht den Briefmarkt \u2013 Mut zum Aufbruch ist hier nicht einmal n\u00f6tig, denn andere L\u00e4nder haben diese Bereiche l\u00e4ngst dem Wettbewerb ausgesetzt und das fu\u0308r gut befunden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Bei diesem Artikel handelt es sich um ein gek\u00fcrztes Kapitel aus dem Buch \u00abAntifragile Schweiz \u2013 17 Strategien f\u00fcr eine Welt der Unordnung\u00bb, Versus-Verlag 2025.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abWir wollen frei sein, wie unsere V\u00e4ter waren \u2013 Kampf dem Bierkartell!\u00bb Mit diesem Zeitungsinserat schockte der Discounter Denner am 22. Februar 1985 die Schweizer Brauereien. 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Wettbewerbspolitik im Gegenwind. Die Volkswirtschaft, 23. September 2019.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Kru\u0308ger, N. (2022). Bier als Spiegel. Schweizerisches Nationalmuseum.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">OECD (2024). Product Market Regulation (PMR) Indicators: How Does Switzerland Compare?<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">R\u00fchli, L. et al. (2023). Vermessenes Staatswachstum. Avenir Suisse, Z\u00fcrich.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Schmutz, Ch. (2023). Einheitspfu\u0308tze fu\u0308r alle: Ein Kartell hat den Schweizern jahrzehntelang den Biergenuss verdorben. Neue Zu\u0308rcher Zeitung, 5. Dezember 2023.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Schweizerische Eidgenossenschaft und Interkantonales Organ fu\u0308r das \u00f6ffentliche Beschaffungswesen (2020). Ein Gemeinschaftsprojekt von Bund und Kantonen. Vergleichsdokument zur Revision des Beschaffungsrechts.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Soiron, R., Scheu, R. und B. Affentranger (2015). \u00abDas ist Zeitgeist\u00bb. Schweizer Monat.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Stoffel, W. (2019). Das Wunder des Wettbewerbsrechts. Schweizer Monat.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Stu\u0308ssi, F. (2021). 25 Jahre fit dank Wettbewerb. Die Volkswirtschaft, 22. Juli 2021.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Vollmer, G. (1995). Wir irren uns empor. Zum Tode des Philosophen Karl Raimund Popper. 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