{"id":215551,"date":"2026-01-29T07:00:49","date_gmt":"2026-01-29T06:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=215551"},"modified":"2026-01-29T08:13:19","modified_gmt":"2026-01-29T07:13:19","slug":"wie-viel-staat-steckt-in-schweizer-preisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/01\/wie-viel-staat-steckt-in-schweizer-preisen\/","title":{"rendered":"Wie viel Staat steckt in Schweizer Preisen?"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweiz ist eine <a href=\"https:\/\/www.preisueberwacher.admin.ch\/pue\/de\/home\/themen\/hochpreisinsel---preispolitik.html\">Hochpreisinsel<\/a>. Gr\u00fcnde daf\u00fcr gibt es viele: L\u00f6hne und Mieten sind h\u00f6her als in anderen L\u00e4ndern. Tarif\u00e4re Handelshemmnisse wie Agrarz\u00f6lle oder nicht tarif\u00e4re Handelshemmnisse wie Einfuhrregeln und Schutzbestimmungen verteuern Importe. Ausl\u00e4ndische Hersteller schotten den Schweizer Markt ab, indem sie beispielsweise H\u00e4ndlern verbieten, Produkte g\u00fcnstiger im Ausland einzukaufen, um sie in der Schweiz zu vertreiben. All dies tr\u00e4gt zum hohen Preisniveau bei.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/Publikationen_Dienstleistungen\/Publikationen_und_Formulare\/Wettbewerb_Service_Public\/staat-und-wettbewerb\/administrierte_preise.html\">Studie<\/a> zum Postulat 24.3157 Silberschmidt widmet sich in diesem Zusammenhang der Rolle administrierter Preise in der Schweiz.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a> Administrierte Preise heissen so, weil sie staatlich festgelegt oder reguliert werden. So etwa im Gesundheitswesen, wo Tarife bestimmen, wie viel ein Arztbesuch kosten darf. Im \u00f6ffentlichen Verkehr m\u00fcssen Billettpreise und Abonnemente von Bund und Kantonen genehmigt werden. Ebenso existieren administrierte Preise im Energie-, im Post- oder im Telekommunikationsmarkt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Administrierte Preise in der Theorie<\/h2>\n<p>Warum entscheidet sich der Staat daf\u00fcr, in die Preisbildung einzugreifen? Einerseits aus sozialpolitischen Gr\u00fcnden, um beispielsweise den Zugang zu wichtigen Leistungen zu sichern. Denn alle Menschen sollen sich eine medizinische Grundversorgung, Strom und \u00f6ffentlichen Verkehr leisten k\u00f6nnen. Ebenso dienen administrierte Preise dazu, starke und pl\u00f6tzliche Preisspr\u00fcnge zu vermeiden. Andererseits gestaltet der Staat Preise mit, wenn es in bestimmten M\u00e4rkten zu Marktversagen kommt. Das ist bei \u00f6ffentlichen G\u00fctern, nat\u00fcrlichen Monopolen, externen Effekten und Informationsasymmetrien der Fall.<\/p>\n<p>Besonders deutlich zeigt sich das im Gesundheitsbereich: Hersteller von Medikamenten sichern sich durch Patente eine zeitlich begrenzte Monopolstellung. Diese Patente werden gew\u00e4hrt, um die enormen Kosten und Risiken der Entwicklung neuer Medikamente zu decken und somit Innovationsanreize zu schaffen. Denn ohne Patente w\u00fcrden konkurrenzierende Unternehmen die Medikamente kopieren und g\u00fcnstiger auf den Markt bringen. Die Monopolstellung der Hersteller f\u00fchrt jedoch dazu, dass Medikamentenpreise zu hoch angesetzt werden k\u00f6nnten. Dadurch w\u00e4re die gesundheitliche Grundversorgung nicht mehr gesichert. Aus diesem Grund interveniert der Staat und legt die Preise f\u00fcr kassenzul\u00e4ssige Medikamente fest.<\/p>\n<p>Werden Preise in funktionierenden M\u00e4rkten allerdings unangemessen beeinflusst, verlieren Marktmechanismen ihre Wirksamkeit oder werden verzerrt. Um diese m\u00f6glichen Wirkungen und Ausmasse administrierter Preise in der Schweiz abzusch\u00e4tzen, nahm BSS Volkswirtschaftliche Beratung eine neue Inventarisierung vor (siehe Tabelle). Diese erfasst systematisch, in welchen Bereichen der Staat Preise beeinflusst, und st\u00fctzt sich auf die Methodik des Preis\u00fcberwachers aus dem Jahr 2005.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Beh\u00f6rden k\u00f6nnen Preise auf vier Arten beeinflussen<\/h2>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\" border=\"1\">\n<tbody>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; text-align: left; background-color: #9bbcbc; border-color: #666666; border-style: none; vertical-align: middle;\"><strong>Kategorie<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; background-color: #9bbcbc; border-color: #666666; border-style: none; text-align: left; vertical-align: middle;\"><strong>Definition<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; background-color: #9bbcbc; border-color: #666666; border-style: none; text-align: left; vertical-align: middle;\"><strong>Beispiele<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; border-color: #666666;\">Direkt administrierte Preise<\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: left;\">Preise, bei denen staatliche Stellen unmittelbar in die Preisfestlegung oder -genehmigung eingreifen, etwa durch verbindliche Vorgaben oder explizite Genehmigungspflichten.<\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: left;\">Kassenpflichtige Medikamente, Grundversorgung Telekom, Grundversorgung Post, Stromverteilnetz<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; border-color: #666666;\">Preise von \u00f6ffentlichen Monopolen<\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: left;\">Preise, die von Unternehmen festgelegt werden, die sich vollst\u00e4ndig oder mehrheitlich in \u00f6ffentlichem Eigentum befinden und in einem rechtlich oder faktisch monopolistischen Marktsegment t\u00e4tig sind.<\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: left;\">Salzregal, Flugsicherung (Skyguide), kantonale Geb\u00e4udeversicherungen, Fernw\u00e4rmeverteilnetz<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; border-color: #666666;\">Fiskalisch beeinflusste Preise<\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: left;\">Preise, die durch gezielte staatliche Eingriffe wesentlich ver\u00e4ndert werden, etwa durch Lenkungsabgaben, Zwecksteuern oder Subventionen.<\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: left;\">Nationalstrassenabgabe, Tabaksteuer, individuelle Pr\u00e4mienverbilligungen, Mineral\u00f6lsteuer<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 25%; border-color: #666666;\">Indirekt regulatorisch beeinflusste Preise<\/td>\n<td style=\"width: 25%; border-color: #666666; text-align: left;\">Preise, die aufgrund marktspezifischer regulatorischer Rahmenbedingungen erheblich beeinflusst werden, ohne dass eine direkte Preisfestsetzung erfolgt.<\/td>\n<td style=\"width: 25%; border-color: #666666; text-align: left;\">Notariatswesen, Finanzdienstleistungen, Wohnungsmarkt, Bildungswesen, Taximarkt<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Inventar BSS (2025) basierend auf der Kategorisierung des Preis\u00fcberwachers (2005)<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Europ\u00e4ischer Vergleich<\/h2>\n<p>Anhand des Inventars l\u00e4sst sich jedoch nicht ableiten, wie stark Schweizer Preise im Verh\u00e4ltnis administriert sind. Ein europ\u00e4ischer Vergleich schafft Abhilfe. Eurostat, das statistische Amt der Europ\u00e4ischen Union, weist administrierte Preise in der Schweiz und in 32 weiteren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern aus.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Als Grundlage dient der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI), der die Preisentwicklung von G\u00fctern und Dienstleistungen erfasst, die private Haushalte f\u00fcr Konsumzwecke erwerben.<\/p>\n<p>Im Jahr 2024 unterlagen in der Schweiz knapp 29 Prozent aller Konsumausgaben der privaten Haushalte einer direkten oder teilweisen staatlichen Regulierung (siehe Abbildung). In der EU sind es im Durchschnitt nur 12 Prozent.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Bei den teilweise administrierten Preisen bestehen grosse Unterschiede<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class=\"chart chart--normal\" id=\"MERGELE-WINISTOERFER-WEHRLI_02-2026_DE\"><\/div>\n<script>\n$(function () {\n  $('#MERGELE-WINISTOERFER-WEHRLI_02-2026_DE').highcharts({\n    chart: {\n      type: 'line'\n    },\n    title: { text: '' },\n    subtitle: { text: '' },\n\n    xAxis: {\n      title: { text: '' },\n      categories: [\n        2017, 2018, 2019, 2020, 2021, 2022, 2023, 2024\n      ]\n    },\n\n    yAxis: {\n      title: {\n        text: 'Anteil am Warenkorb eines Durchschnittshaushalts'\n      },\n      labels: {\n        format: '{value}%'\n      }\n    },\n\n    tooltip: {\n      headerFormat: '<b>{point.x}<\/b><br>',\n      pointFormatter: function () {\n        \/\/ 1 Nachkommastelle, Komma statt Punkt, kein Leerzeichen vor %\n        var v = Highcharts.numberFormat(this.y, 1, ',', '');\n        return '<span style=\"color:' + this.series.color + '\">\\u25CF<\/span> ' +\n               this.series.name + ': <b>' + v + '%<\/b><br>';\n      },\n      shared: true\n    },\n\n    plotOptions: {\n      line: {\n        dataLabels: { enabled: false },\n        enableMouseTracking: true\n      },\n      series: {\n        marker: { enabled: false }\n      }\n    },\n\n    series: [{\n      name: 'EU (direkt administriert)',\n      data: [9.3, 9.2, 8.6, 8.6, 9.2, 9.5, 9.2, 9.0],\n      color: '#327775'\n    }, {\n      name: 'EU (teilweise administriert)',\n      data: [7.4, 7.2, 7.2, 7.4, 7.9, 8.0, 7.7, 7.9],\n      color: '#9bbcbc',\n      dashStyle: 'dash'\n    }, {\n      name: 'Schweiz (direkt administriert)',\n      data: [9.7, 9.8, 9.1, 9.2, 9.2, 8.8, 8.7, 8.4],\n      color: '#655c99'\n    }, {\n      name: 'Schweiz (teilweise administriert)',\n      data: [16.8, 16.5, 17.0, 17.4, 21.1, 19.9, 18.8, 20.1],\n      color: '#b4a9ce',\n      dashStyle: 'dash'\n    }]\n  });\n});\n<\/script>\n<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: BSS-Berechnungen basierend auf Eurostat \u00a0| Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<p>Dieser Unterschied ist prim\u00e4r auf den stark regulierten Gesundheitsbereich zur\u00fcckzuf\u00fchren. Hier betr\u00e4gt der Anteil administrierter Preise in der Schweiz rund 95 Prozent, in der EU ca. 80 Prozent.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Gleichzeitig fliessen die Gesundheitsausgaben in der Schweiz st\u00e4rker in den HVPI ein, da Schweizerinnen und Schweizer einen grossen Teil \u00fcber ihre Krankenkassenpr\u00e4mien bezahlen. In anderen L\u00e4ndern hingegen finanziert der Staat die Gesundheitsausgaben h\u00e4ufig \u00fcber allgemeine Steuern, weswegen ihr Gewicht im Index tiefer ist. Der hohe Schweizer Wert ist somit weniger Ausdruck einer dirigistischen Wirtschaftspolitik als vielmehr prim\u00e4r eine Folge der spezifischen Finanzierungsstruktur des Sozialstaats.<\/p>\n<p>Die Antwort auf die Frage nach dem Staatsanteil in den Preisen ist somit keine rein quantitative. Entscheidend ist nicht allein die Quote der administrierten Preise, sondern die Qualit\u00e4t der Regulierung. Vor diesem Hintergrund r\u00fccken alternative Regulierungsformen in den Fokus. Im Gesundheitsbereich etwa w\u00e4ren nach Ablauf des Patentschutzes von Arzneimitteln vermehrt wettbewerbliche Ans\u00e4tze wie Ausschreibungsmodelle denkbar. Bei diesen legt der Staat oder ein Versicherer nicht mehr den Preis fest, sondern schreibt ein Versorgungsziel aus. Die Hersteller m\u00fcssen sich gegenseitig unterbieten, um den Zuschlag f\u00fcr die Belieferung zu erhalten. Solche Modelle ersetzen starre staatliche Preisvorgaben durch wettbewerbsn\u00e4here Mechanismen und werden in anderen L\u00e4ndern wie zum Beispiel Norwegen bereits erfolgreich praktiziert.<\/p>\n<p>Ein staatlicher Eingriff erfordert daher stets eine differenzierte Beurteilung: Er sollte dort steuernd wirken, wo keine funktionsf\u00e4higen M\u00e4rkte bestehen, aber dort Raum f\u00fcr Marktmechanismen lassen, wo diese die Versorgung effizienter organisieren k\u00f6nnen als eine rein administrative Festlegung.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Postulat 24.3157 von Silberschmidt Andri: <a href=\"https:\/\/www.parlament.ch\/de\/ratsbetrieb\/suche-curia-vista\/geschaeft?AffairId=20243157\">Sch\u00e4digen administrierte Preise die Kaufkraft?<\/a>&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Eurostat (2024). Harmonised Index of Consumer Prices (HICP) Methodological Manual 2024 Edition.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Die Gesundheitsausgaben fallen im HVPI-Index unter die teilweise administrierten Preise.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweiz ist eine Hochpreisinsel. Gr\u00fcnde daf\u00fcr gibt es viele: L\u00f6hne und Mieten sind h\u00f6her als in anderen L\u00e4ndern. Tarif\u00e4re Handelshemmnisse wie Agrarz\u00f6lle oder nicht tarif\u00e4re Handelshemmnisse wie Einfuhrregeln und Schutzbestimmungen verteuern Importe. 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