{"id":216595,"date":"2026-01-29T06:55:54","date_gmt":"2026-01-29T05:55:54","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=216595"},"modified":"2026-01-29T10:58:10","modified_gmt":"2026-01-29T09:58:10","slug":"staatsnahe-unternehmen-kommen-guenstiger-an-kapital","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/01\/staatsnahe-unternehmen-kommen-guenstiger-an-kapital\/","title":{"rendered":"Staatsnahe Unternehmen kommen g\u00fcnstiger an Kapital"},"content":{"rendered":"<p>Staatsunternehmen \u2013 also Unternehmen, die ganz oder mehrheitlich in Staatsbesitz sind \u2013 haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten weltweit an Bedeutung gewonnen: Zwischen 2000 und 2023 ist ihr Anteil an den 500 umsatzst\u00e4rksten Unternehmen der Welt von 7 auf 25 Prozent gestiegen. In der Schweiz gibt es zahlreiche bedeutende staatsnahe Unternehmen, darunter die Post, die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), die Swisscom sowie diverse Kantonalbanken.<\/p>\n<p>Viele dieser Unternehmen erf\u00fcllen \u00f6ffentliche Aufgaben, stehen aber auch im Wettbewerb mit privaten Unternehmen. Daher stellt sich die Frage, wie faire Wettbewerbsbedingungen gew\u00e4hrleistet werden k\u00f6nnen. Dabei ist nicht nur der grunds\u00e4tzliche Zugang zu Eigen- und Fremdkapital von Bedeutung, sondern auch die damit verbundenen Finanzierungskonditionen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">\u00d6konomische Bedeutung von Finanzierungsvorteilen<\/h2>\n<p>Die Finanzierungskonditionen eines Unternehmens \u2013 insbesondere die Kosten und die Verf\u00fcgbarkeit des Kapitals \u2013 sind zentral f\u00fcr seine Investitions- und Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Bef\u00fcrchten private Marktteilnehmer, dass Staatsunternehmen dank enger institutioneller Verbindungen zum Staat g\u00fcnstigere Kreditkonditionen erhalten, kann dies private Unternehmen davon abhalten, im gleichen Sektor zu investieren.<\/p>\n<p>Bei staatsnahen Betrieben kann zu g\u00fcnstiges Kapital zudem Investitionen in Projekte lenken, die unter Marktbedingungen nicht rentabel w\u00e4ren. Auch besteht weniger Druck f\u00fcr staatsnahe Unternehmen, effizient zu sein, weil sie weniger stark von den Kapitalm\u00e4rkten abh\u00e4ngig und weniger der disziplinierenden Wirkung externer Investoren ausgesetzt sind. Auch die Erwartung, dass der Staat im Krisenfall eingreifen w\u00fcrde, mag risikoreicheres Verhalten von Staatsunternehmen beg\u00fcnstigen und die impliziten Haftungsrisiken f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Diese Risiken d\u00fcrfen jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Staatsunternehmen verfolgen nicht nur wirtschaftliche Ziele, sondern erf\u00fcllen auch \u00f6ffentliche Auftr\u00e4ge. Diese staatliche Pr\u00e4senz in der Wirtschaft wird mit sozialen, wirtschaftlichen oder strategischen Zielsetzungen begr\u00fcndet, etwa dem Streben nach einer h\u00f6heren Besch\u00e4ftigung oder der Sicherstellung von Service-public-Leistungen. Die Bewertung von Finanzierungsvorteilen erfordert deshalb eine Gesamtbetrachtung, in der \u00f6konomische und institutionelle Aspekte gleichermassen ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Vorteile beim Eigenkapital<\/h2>\n<p>In unserer <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/Publikationen_Dienstleistungen\/Publikationen_und_Formulare\/Wettbewerb_Service_Public\/staat-und-wettbewerb\/finanzierungsvorteile_staatsunternehmen.html\">Studie<\/a> untersuchen wir, ob Postfinance, Post, SBB und Swisscom tiefere Eigen- und Fremdkapitalkosten aufweisen als private Unternehmen. Die Eigenkapitalkosten lassen sich dabei nicht direkt beobachten. Sie m\u00fcssen anhand des sogenannten Betas errechnet werden: Diese Kennzahl gibt an, wie stark die Rendite eines Unternehmens auf Bewegungen des Gesamtmarkts reagiert. Ein hohes Beta bedeutet beispielsweise, dass die Rendite des Unternehmens w\u00e4hrend einer Wirtschaftskrise st\u00e4rker sinkt als jene des Gesamtmarkts. Das bedeutet wiederum mehr Risiko f\u00fcr Investoren, wof\u00fcr diese eine entsprechend h\u00f6here Eigenkapitalrendite verlangen. Je geringer das Beta ist, desto tiefer ist das systematische Risiko und desto weniger Eigenkapitalrendite fordern die Investoren.<\/p>\n<p>Die berechneten Betas der vier betrachteten Schweizer Staatsunternehmen liegen alle unter jenen von vergleichbaren privaten Unternehmen. Das f\u00fchrt zu gesch\u00e4tzten Kostenvorteilen von 0,5 bis 3,3 Prozentpunkten. Die empirischen Ergebnisse zeigen also, dass die untersuchten Unternehmen im Durchschnitt tiefere Eigenkapitalkosten aufweisen als die privaten Unternehmen aus den jeweiligen Vergleichsgruppen. Zum Vergleich: W\u00e4hrend der Untersuchungsperiode betrug die mittlere erwartete Eigenkapitalrendite aller in der Schweiz kotierten Unternehmen 7,6 Prozent.<\/p>\n<p>Bei der Swisscom zeigt sich dabei ein heterogeneres Bild. Die Eigenkapitalkosten des Unternehmens lagen je nach Jahr teilweise \u00fcber und teilweise unter denen der Vergleichsgruppe. F\u00fcr die Post, die Postfinance und die SBB liefern die Sch\u00e4tzungen eine grobe Orientierung, wobei die fehlende B\u00f6rsenkotierung die Bestimmung der Eigenkapitalkosten erschwert.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Vorteile auch beim Fremdkapital<\/h2>\n<p>Zur Bestimmung der Fremdkapitalkosten vergleichen wir die von den Ratingagenturen ausgewiesenen Stand-alone-Ratings ohne staatliche Unterst\u00fctzung mit den effektiven Ratings. Die Differenz erlaubt es, den staatlich bedingten Bonit\u00e4tsaufschlag und die daraus resultierenden Renditevorteile zu quantifizieren (siehe Tabelle). Je nach Unternehmen und Zeitraum ergeben sich Vorteile zwischen 18 und 41 Basispunkten. Damit bewegen sich diese am unteren Rand der in der internationalen Literatur ausgewiesenen Bandbreite, die im Durchschnitt Renditevorteile von rund 100 Basispunkten zeigt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig unterliegen die betrachteten Unternehmen jedoch strengen Vorgaben. Die Swisscom agiert marktnah, muss sich jedoch an definierte Verschuldungsgrenzen halten. Die Post darf kaum Fremdkapital aufnehmen und kann Finanzierungen nur \u00fcber Privatplatzierungen t\u00e4tigen. Die SBB st\u00fctzen sich haupts\u00e4chlich auf Bundesdarlehen, sind aber durch politische Zielvorgaben und langfristige Infrastrukturprogramme stark gebunden. Damit bestehen f\u00fcr die Unternehmen zwar tiefere Kapitalkosten. Aufgrund der eingeschr\u00e4nkten unternehmerischen Flexibilit\u00e4t k\u00f6nnen sie hiervon jedoch nur in begrenztem Umfang profitieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Gesch\u00e4tzte Fremdkapitalkostenvorteile staatsnaher Unternehmen (2024)<\/h2>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\" border=\"1\">\n<tbody>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<th style=\"width: 20%; height: 24px; text-align: left; background-color: #9bbcbc; border-color: #666666; border-style: none;\"><\/th>\n<th style=\"width: 20%; height: 24px; text-align: center; background-color: #9bbcbc; border-color: #666666; border-style: none;\">Postfinance<\/th>\n<th style=\"width: 20%; height: 24px; text-align: center; background-color: #9bbcbc; border-color: #666666; border-style: none;\">Post<\/th>\n<th style=\"width: 20%; height: 24px; text-align: center; background-color: #9bbcbc; border-color: #666666; border-style: none;\">SBB<\/th>\n<th style=\"width: 20%; height: 24px; text-align: center; background-color: #9bbcbc; border-color: #666666; border-style: none;\">Swisscom<\/th>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666;\">Bonit\u00e4tsaufschlag durch staatliche Eigent\u00fcmerschaft (Notches \u2013 Stufen innerhalb eines Kreditratings)<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">2<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">5<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">4 *<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">1,5<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666;\">Differenz in Fremdkapitalkosten*<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">21\u201337 Basispunkte<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">35\u201341 Basispunkte<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">28\u201332 Basispunkte<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">18\u201327 Basispunkte<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666;\">Verzinsliches Fremdkapital (Mio. CHF)<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">9439<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">1216<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">12\u2019280<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">13\u2019899<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 24px;\">\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666;\">Finanzierungsvorteil<br \/>\n(Mio. CHF\/Jahr)<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">19,5\u201334,9<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">4,2\u20134,9<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">34,2\u201339,8<\/td>\n<td style=\"width: 20%; height: 24px; border-color: #666666; text-align: center;\">25,5\u201337,7<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<div class=\"diagram-legend\">* Gesch\u00e4tzt auf der Grundlage vergleichbarer Bahnunternehmen<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Lesehilfe: Dank der Staatsn\u00e4he hat die Postfinance ein um zwei Stufen h\u00f6heres Kreditrating. Die Fremdkapitalkosten sind 21\u201337 Basispunkte tiefer als jene vergleichbarer privater Unternehmen. Auf das verzinsliche Fremdkapital von 9439 Millionen Franken spart die Postfinance gesch\u00e4tzte 19,5\u201334,9 Millionen Franken an Kosten pro Jahr.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Swiss Economics<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Reformoptionen im internationalen Vergleich<\/h2>\n<p>Viele Staaten \u2013 darunter auch die Schweiz \u2013 haben Mechanismen entwickelt, um die Wettbewerbsneutralit\u00e4t zu sichern. Die Leitlinien der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) setzen hohe Standards hinsichtlich Transparenz, Risikoabgrenzung und Gleichbehandlung von staatlichen und privaten Unternehmen. In der EU m\u00fcssen staatliche Unternehmen bei Kapitalaufnahmen nachweisen, dass diese zu markt\u00fcblichen Bedingungen erfolgen. Australien geht mit seiner Debt Neutrality Charge noch einen Schritt weiter: Mit dieser Ausgleichsgeb\u00fchr werden jene Zinsvorteile abgesch\u00f6pft, die staatliche Unternehmen allein aufgrund der erwarteten staatlichen Unterst\u00fctzung gegen\u00fcber privaten Wettbewerbern erzielen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Schweiz ergeben sich daraus mehrere Ansatzpunkte f\u00fcr Optimierungen. Eine noch konsequentere buchhalterische Trennung zwischen Monopol- und Wettbewerbsaktivit\u00e4ten seitens der betroffenen Unternehmen w\u00fcrde die Transparenz erh\u00f6hen. Einheitliche Offenlegungsstandards f\u00fcr Finanzierungsbedingungen k\u00f6nnten die Vergleichbarkeit verbessern. Eine st\u00e4rker ratingorientierte Kapitalstrukturpolitik w\u00fcrde langfristige Stabilit\u00e4t f\u00f6rdern. Denkbar w\u00e4re zudem ein Monitoring der Finanzierungskonditionen oder \u2013 wo sinnvoll \u2013 die teilweise Absch\u00f6pfung systematischer Vorteile.<\/p>\n<p>Insgesamt zeichnet die Analyse ein differenziertes Bild: Die Finanzierungsvorteile sind real und empirisch nachweisbar, fallen aber \u2013 wie internationale Vergleiche zeigen \u2013 zumindest beim Fremdkapital moderater aus als in vielen anderen L\u00e4ndern. Zugleich begrenzen regulatorische bzw. Governance-Vorgaben die praktische Bedeutung dieser Vorteile. F\u00fcr die wirtschaftspolitische Diskussion bedeutet dies, dass Finanzierungskonditionen, Governance und Service-public-Auftr\u00e4ge nur im Zusammenspiel verstanden und beurteilt werden k\u00f6nnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Staatsunternehmen \u2013 also Unternehmen, die ganz oder mehrheitlich in Staatsbesitz sind \u2013 haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten weltweit an Bedeutung gewonnen: Zwischen 2000 und 2023 ist ihr Anteil an den 500 umsatzst\u00e4rksten Unternehmen der Welt von 7 auf 25 Prozent gestiegen. 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