{"id":216767,"date":"2026-01-29T06:41:12","date_gmt":"2026-01-29T05:41:12","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=216767"},"modified":"2026-01-29T10:58:14","modified_gmt":"2026-01-29T09:58:14","slug":"der-wettbewerb-in-der-schweiz-funktioniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/01\/der-wettbewerb-in-der-schweiz-funktioniert\/","title":{"rendered":"Der Wettbewerb in der Schweiz funktioniert"},"content":{"rendered":"<p>Der Wettbewerb ist das Herz einer funktionierenden Marktwirtschaft. Er f\u00fchrt zu tiefen Preisen und treibt Innovationen voran. Unternehmen stehen unter Druck, effizient zu produzieren und ihr Angebot laufend zu verbessern. Jedoch ist im internationalen Vergleich die Entwicklung sogenannter Megafirmen \u2013 einzelner Konzerne mit zunehmender Marktmacht \u2013 zu beobachten.<\/p>\n<p>Das Berliner Beratungsunternehmen DIW Econ hat im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) im Rahmen einer <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/Publikationen_Dienstleistungen\/Publikationen_und_Formulare\/Wettbewerb_Service_Public\/staat-und-wettbewerb\/entwicklung_wettbewerbs-intensitaet_schweiz.html\">Studie<\/a> untersucht, wie intensiv der Wettbewerb in der Schweiz ist. Betrachtet wurde der Zeitraum 2009 bis 2020.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wenige Anbieter bedeuten nicht weniger Wettbewerb<\/h2>\n<p>Wie intensiv der Wettbewerb ist, l\u00e4sst sich nicht direkt messen. In der Praxis nutzt man daher Indikatoren. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Marktkonzentration: Diese zeigt auf, wie viele Unternehmen auf einem Markt aktiv sind. Je weniger Unternehmen sich dort finden, desto h\u00f6her ist die Marktkonzentration und desto geringer der Wettbewerb.<\/p>\n<p>Ein solcher Indikator ist der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI). Er ber\u00fccksichtigt die Marktanteile aller Unternehmen. Ein Wert von null bedeutet vollkommenen Wettbewerb. H\u00f6here Werte bedeuten eine gr\u00f6ssere Marktkonzentration, und ein Wert von 10\u2019000 weist auf ein Monopol hin. Die so gemessene Marktkonzentration ist in der Schweiz mit 300 Punkten im Jahr 2020 eher gering und vergleichbar mit anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wie D\u00e4nemark oder den Niederlanden (siehe Abbildung 1).<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Das ist ein Indiz f\u00fcr einen funktionierenden Wettbewerb.<\/p>\n<p>In kleinen offenen Volkswirtschaften wie der Schweiz greift die herk\u00f6mmliche Berechnung von Konzentrationsmassen wie dem Herfindahl-Hirschman-Index jedoch zu kurz. In vielen Branchen gibt es aufgrund der geringen Marktgr\u00f6sse nur wenige inl\u00e4ndische Anbieter. Diese k\u00f6nnen aber im intensiven internationalen Wettbewerb stehen. Ausl\u00e4ndische Anbieter fliessen jedoch nicht in den HHI ein. F\u00e4llt der Index dennoch tief aus, ist dies ein positives Zeichen f\u00fcr einen intensiven Wettbewerb.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Die Konzentration einheimischer Firmen in der Schweiz ist \u00e4hnlich hoch wie in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern (2009\u20132020)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class=\"chart chart--normal\" id=\"DANNE-PRIEM-SOHRWEIDE-WAIGHTS_02-2026_ABB1_DE\"><\/div>\n<script>\n$(function () {\n  $('#DANNE-PRIEM-SOHRWEIDE-WAIGHTS_02-2026_ABB1_DE').highcharts({\n    chart: {\n      type: 'line'\n    },\n    title: {\n      text: ''\n    },\n    subtitle: {\n      text: ''\n    },\n    xAxis: {\n      title: {\n        text: ''\n      },\n      categories: [2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020]\n    },\n    yAxis: {\n      title: {\n        text: 'Durchschnittlicher HHI-Index'\n      }\n    },\n    tooltip: {\n      headerFormat: '<b>{point.x}<\/b><br>',\n      valueDecimals: 2\n    },\n    plotOptions: {\n      line: {\n        dataLabels: {\n          enabled: false\n        },\n        enableMouseTracking: true\n      },\n      series: {\n        marker: {\n          enabled: false\n        }\n      }\n    },\n    series: [{\n      name: 'D\u00e4nemark',\n      data: [359.33,369.39,339.56,364.58,374.21,390.74,383.43,390.00,359.97,315.73,336.15,287.29],\n      color: '#666666'\n    }, {\n      name: 'Frankreich',\n      data: [186.26,182.63,162.70,168.13,171.97,169.70,157.57,147.79,151.12,145.46,143.29,137.56],\n      color: '#9bbcbc'\n    }, {\n      name: 'Deutschland',\n      data: [110.29,117.34,101.99,105.45,111.43,112.48,104.92,97.45,100.95,108.60,109.77,104.99],\n      color: '#b4a9ce'\n    }, {\n      name: 'Niederlande',\n      data: [338.56,386.23,372.23,391.48,391.15,380.87,373.41,370.90,356.62,353.88,352.51,281.21],\n      color: '#cccccc'\n    }, {\n      name: 'Schweiz',\n      data: [343.07,335.38,352.34,359.12,340.27,331.52,321.99,306.39,313.44,312.70,307.80,299.64],\ncolor: '#327775'\n    }, {\n      name: 'CompNet Durchschnitt (ohne Schweiz)',\n      data: [321.12,394.93,386.37,391.63,390.06,390.86,376.28,367.75,360.18,348.02,338.83,329.12],\ncolor: '#655c99'\n    }]\n  });\n});\n<\/script>\n<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: CompNet (2025), DIW Econ Berechnungen | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Schweizer Preise sind 20 Prozent \u00fcber den Produktionskosten<\/h2>\n<p>Ein weiterer Indikator daf\u00fcr, wie intensiv der Wettbewerb ist, sind Preisaufschl\u00e4ge. Diese sogenannten Mark-ups zeigen, wie stark Unternehmen ihre Preise \u00fcber die Produktionskosten hinaus anheben k\u00f6nnen. Im Gegensatz zum HHI ber\u00fccksichtigen Mark-ups auch den Einfluss ausl\u00e4ndischer Wettbewerber: Je mehr Anbieter, egal ob inl\u00e4ndisch oder ausl\u00e4ndisch, in einem Markt t\u00e4tig sind, desto st\u00e4rker m\u00fcssen inl\u00e4ndische Anbieter ihre Preisaufschl\u00e4ge nach unten korrigieren.<\/p>\n<p>Im Jahr 2020 lagen die Schweizer Mark-ups durchschnittlich bei knapp unter 1,2 (siehe Abbildung 2). Das heisst, die Schweizer Preise liegen etwa 20 Prozent \u00fcber den Produktionskosten, im europ\u00e4ischen Durchschnitt sogar \u00fcber 50 Prozent. Zudem sind die europ\u00e4ischen Mark-ups seit 2009 um rund 10 Prozent gestiegen, w\u00e4hrend die Schweizer Mark-ups stabil blieben. Dies deutet darauf hin, dass der Wettbewerb in der Schweiz im internationalen Vergleich intensiver ist.<\/p>\n<p>Um die niedrigeren Mark-ups der Schweiz zu erkl\u00e4ren, gibt es zwei M\u00f6glichkeiten. Ein Grund k\u00f6nnte der Struktureffekt sein. Dies w\u00e4re der Fall, wenn die Schweiz verst\u00e4rkt in Branchen produziert, die grunds\u00e4tzlich niedrigere Preisaufschl\u00e4ge aufweisen. Der andere Erkl\u00e4rungsansatz w\u00e4re ein sektorinterner Effekt. Dabei w\u00fcrde die Schweiz innerhalb vergleichbarer Branchen tats\u00e4chlich niedrigere Mark-ups aufweisen als andere europ\u00e4ische L\u00e4nder. Die erhebliche Heterogenit\u00e4t der Mark-ups zwischen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern spricht jedoch daf\u00fcr, dass es nicht nur um unterschiedliche Branchenstrukturen geht. Vielmehr d\u00fcrften l\u00e4nderspezifische Faktoren wie wettbewerbspolitische Rahmenbedingungen oder die starke Aussenhandelsorientierung der Schweiz eine wichtige Rolle spielen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Die Mark-ups von Schweizer Unternehmen sind vergleichsweise tief (2009\u20132020)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class=\"chart chart--normal\" id=\"DANNE-PRIEM-SOHRWEIDE-WAIGHTS_02-2026_ABB2_DE\"><\/div>\n<script>\n$(function () {\n  $('#DANNE-PRIEM-SOHRWEIDE-WAIGHTS_02-2026_ABB2_DE').highcharts({\n    lang: {\n      decimalPoint: ','\n    },\n    chart: {\n      type: 'line'\n    },\n    title: {\n      text: ''\n    },\n    subtitle: {\n      text: ''\n    },\n    xAxis: {\n      title: {\n        text: ''\n      },\n      categories: [2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020]\n    },\n    yAxis: {\n      title: {\n        text: 'Durchschnittlicher Mark-up'\n      },\n      labels: {\n        formatter: function () {\n          return Highcharts.numberFormat(this.value, 1, ',', '');\n        }\n      }\n    },\n    tooltip: {\n      headerFormat: '<b>{point.x}<\/b><br>',\n      valueDecimals: 2,\n      decimalPoint: ','\n    },\n    plotOptions: {\n      line: {\n        dataLabels: {\n          enabled: false\n        },\n        enableMouseTracking: true\n      },\n      series: {\n        marker: {\n          enabled: false\n        }\n      }\n    },\n    series: [{\n      name: 'D\u00e4nemark',\n      data: [1.11,1.13,1.15,1.15,1.14,1.16,1.17,1.18,1.17,1.17,1.17,1.18],\n      color: '#666666'\n    }, {\n      name: 'Deutschland',\n      data: [1.31,1.28,1.28,1.29,1.31,1.35,1.32,1.32,1.31,1.30,1.30,1.29],\n      color: '#b4a9ce'\n    }, {\n      name: 'Niederlande',\n      data: [1.21,1.22,1.23,1.24,1.26,1.29,1.33,1.34,1.33,1.33,1.32,1.31],\n      color: '#cccccc'\n    }, {\n      name: 'Schweiz',\n      data: [1.16,1.18,1.18,1.17,1.21,1.19,1.22,1.22,1.20,1.19,1.18,1.19],\n      color: '#327775'\n    }, {\n      name: 'CompNet Durchschnitt (ohne Schweiz)',\n      data: [1.38,1.36,1.36,1.36,1.41,1.41,1.47,1.48,1.46,1.46,1.46,1.49],\n      color: '#655c99'\n    }]\n  });\n});\n<\/script>\n<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: CompNet (2025), DIW Econ Berechnungen | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Weniger Wettbewerb bei ehemaligen Staatsmonopolen<\/h2>\n<p>Gesamthaft deuten der Herfindahl-Hirschman-Index und die Mark-ups auf einen funktionierenden Wettbewerb in der Schweiz hin. Bei detaillierterer Betrachtung zeigen sich jedoch Unterschiede: Einige Branchen erleben einen intensiveren Wettbewerb als andere. Dabei spielt die Art der angebotenen Waren und Dienstleistungen eine entscheidende Rolle. Branchen wie die Gastronomie und das Baugewerbe sind naturgem\u00e4ss auf regionale M\u00e4rkte beschr\u00e4nkt. Indikatoren auf regionaler Ebene deuten dennoch auf eine eher geringe Marktkonzentration hin.<\/p>\n<p>Ehemalige Staatsmonopole hingegen weisen auch nach der Liberalisierung eine erh\u00f6hte Marktkonzentration auf. Das gilt etwa f\u00fcr die Telekommunikation. Zwar f\u00fchrten neue Anbieter anfangs zu sinkenden Preisen, mehr Innovationen und einem gr\u00f6sseren Angebot. Dennoch ist der Markt immer noch hoch konzentriert.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Interessanterweise liegen die Mark-ups im Telekommunikationssektor trotz eingeschr\u00e4nktem Wettbewerb nicht erheblich \u00fcber denen anderer Sektoren. Das kann ein Zeichen f\u00fcr eine effiziente Regulierung sein.<\/p>\n<p>Noch ausgepr\u00e4gter ist die Marktkonzentration im Postwesen: Die Schweizerische Post hat weiterhin einen Marktanteil von \u00fcber 70 Prozent \u2013 trotz der schrittweisen Liberalisierung seit den 1990er-Jahren und dem Markteintritt internationaler Mitbewerber.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Informationsdienstleistungen wie Suchmaschinenportale, Datenverarbeitung und Hosting sind ebenfalls stark konzentriert. Anders als bei ehemaligen Staatsmonopolen erkl\u00e4ren hier vor allem Netzwerkeffekte und Skalenvorteile die hohe Marktkonzentration: Grosse Anbieter sind im Vorteil, weil sie gr\u00f6ssere Netzwerke, sprich mehr Kundinnen und Kunden haben oder sie dank ihrer Gr\u00f6sse g\u00fcnstiger produzieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Exportorientierte Branchen wie die chemisch-pharmazeutische oder die Maschinenbauindustrie bilden eine besondere Gruppe. Trotz weniger einheimischer Anbieter stehen sie im intensiven internationalen Wettbewerb. Sie orientieren sich an den internationalen M\u00e4rkten und richten sich nach den dort herrschenden Preisen. Firmen in diesen Branchen k\u00f6nnen keine auffallend hohen Mark-ups verlangen, obwohl die gemessene Konzentration der einheimischen Anbieter verh\u00e4ltnism\u00e4ssig hoch ist. Das verdeutlicht die Bedeutung der Aussenhandelsorientierung f\u00fcr den Wettbewerb in der Schweiz.<\/p>\n<p>Die Analyse f\u00fchrt zu drei zentralen Erkenntnissen. Erstens ist die Konzentration einheimischer Firmen in der Schweiz \u00e4hnlich hoch wie in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Zweitens sind die Preisaufschl\u00e4ge von Schweizer Firmen vergleichsweise gering. Drittens sorgt die starke Aussenhandelsorientierung der Schweizer Wirtschaft daf\u00fcr, dass internationaler Wettbewerb auch in M\u00e4rkten mit wenigen heimischen Anbietern f\u00fcr ein kompetitives Umfeld sorgt. Demnach weist die Schweiz im europ\u00e4ischen Vergleich eine hohe Wettbewerbsintensit\u00e4t aus.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Die hier verwendete Einteilung fasst Unternehmen in breite Wirtschaftszweige zusammen und berechnet gewichtete Durchschnitte auf nationaler Ebene, was die tats\u00e4chliche Marktkonzentration verzerren kann. In der Realit\u00e4t findet Wettbewerb h\u00e4ufig auf deutlich detaillierteren Ebenen statt \u2013 etwa zwischen spezifischen Produkten oder auf lokalen M\u00e4rkten. Die hier berechnete Marktkonzentration kann daher untersch\u00e4tzt sein, wenn innerhalb der breiten Wirtschaftszweige mehrere separate M\u00e4rkte mit jeweils unterschiedlichen Konzentrationsverh\u00e4ltnissen existieren.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe <a href=\"https:\/\/www.preisueberwacher.admin.ch\/pue\/de\/home\/themen\/infrastruktur\/telekommunikation.html\">Website<\/a> des Preis\u00fcberwachers.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe <a href=\"https:\/\/www.postcom.admin.ch\/de\/dokumentation\/jahresberichte\">Jahresberichte<\/a> der Postcom.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wettbewerb ist das Herz einer funktionierenden Marktwirtschaft. 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