{"id":216772,"date":"2026-01-29T06:58:34","date_gmt":"2026-01-29T05:58:34","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=216772"},"modified":"2026-01-29T10:57:52","modified_gmt":"2026-01-29T09:57:52","slug":"tiefere-preise-dank-abschaffung-der-industriezoelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/01\/tiefere-preise-dank-abschaffung-der-industriezoelle\/","title":{"rendered":"Tiefere Preise dank Abschaffung der Industriez\u00f6lle"},"content":{"rendered":"<p>Bis Ende 2023 erhob die Schweiz Z\u00f6lle auf Industrieprodukte \u2013 also auf s\u00e4mtliche G\u00fcter, die nicht Agrar- oder Fischereierzeugnisse sind. Diese Z\u00f6lle lieferten dem Bund j\u00e4hrliche Einnahmen von rund 680 Millionen Franken, verteuerten jedoch Produkte wie Bekleidung oder M\u00f6bel. Per 1. Januar 2024 wurden diese Z\u00f6lle abgeschafft. Gleichzeitig wurden die Einfuhrformalit\u00e4ten vereinfacht. Das Ziel waren tiefere Preise f\u00fcr Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten sowie ein gest\u00e4rkter Wirtschaftsstandort Schweiz dank besserem Zugang zu internationalen Vorprodukten.<\/p>\n<p>Der Wegfall der Z\u00f6lle f\u00fcr Industrieprodukte wirkt gesamtwirtschaftlich \u00fcber drei Kan\u00e4le: erstens direkte Kosteneinsparungen f\u00fcr importierende Unternehmen, weil keine Z\u00f6lle mehr anfallen. Zweitens administrative Entlastung beim Import: Um eine Zollbefreiung im Rahmen von Freihandelsabkommen zu erhalten, m\u00fcssen Firmen etwa nachweisen, aus welchem Land die Ware stammt. Diese sogenannten Ursprungsnachweise fallen nun meist weg.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>\u00a0Zudem k\u00f6nnen die importierten G\u00fcter nun mit einer vereinfachten Produktsystematik deklariert werden. Drittens verst\u00e4rkt sich durch den Wegfall der Handelsschranken der Wettbewerb zwischen in- und ausl\u00e4ndischen Anbietern, was weitere Wohlfahrtsgewinne erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Doch hat die Reform gewirkt? Das Basler Beratungsunternehmen BSS ist dieser Frage im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) nachgegangen. Eine solche Analyse ist herausfordernd, weil die Z\u00f6lle im Verh\u00e4ltnis zum Warenwert meist gering waren. Parallel wirkten weitere Faktoren wie die Mehrwertsteuererh\u00f6hung, die Inflation, Wechselkursschwankungen und pandemiebedingte Entwicklungen auf die Preise. Deswegen waren die Effekte der Zollabschaffung schwierig zu isolieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Einsparpotenzial bei Bekleidung und Schuhen am gr\u00f6ssten<\/h2>\n<p>Daten des Bundesamts f\u00fcr Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) zeigen, dass vor dem Zollabbau insbesondere Bekleidung und Schuhe hohe Zolleinnahmen generierten (siehe Abbildung). Mit \u00fcber 300 Millionen Franken lagen sie 2022 deutlich vor anderen Waren wie Autos und Motorr\u00e4dern mit 42 Millionen Franken. Weil f\u00fcr Bekleidung und Schuhe die Zollbelastung sowohl absolut als auch relativ am h\u00f6chsten war, bestand hier das gr\u00f6sste Entlastungspotenzial f\u00fcr die Konsumentinnen und Konsumenten.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Von allen Konsumg\u00fctern generierten Bekleidung und Schuhe die h\u00f6chsten Zolleinnahmen (2022)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"MERGELE-WEHRLI-LEHMANN-SAURE_02-2026_DE\"><\/div>\n<script>\n$(function () {\n\n  const raw = [\n    { name: 'Bekleidung und Schuhe', value: 311714749 },\n    { name: 'Personenautomobile und Motorr\u00e4der', value: 41504988 },\n    { name: 'Haushaltgegenst\u00e4nde', value: 35678252 },\n    { name: '\u00dcbrige nichtdauerhafte Konsumg\u00fcter', value: 31769082 },\n    { name: 'Wohnungseinrichtungen', value: 24438575 },\n    { name: 'Spiel-, Sport- und Freizeitger\u00e4te', value: 18253372 },\n    { name: 'Unterhaltungselektronik', value: 7038923 },\n    { name: 'Haushaltapparate', value: 5631456 },\n    { name: 'Uhren, Bijouterie und Optik', value: 5624944 },\n    { name: 'Drucksachen', value: 2969390 },\n    { name: 'Musikinstrumente und Zubeh\u00f6r', value: 714629 }\n  ];\n\n  \/\/ Nach Wert absteigend sortieren\n  raw.sort((a, b) => b.value - a.value);\n\n  const categories = raw.map(d => d.name);\n  const data = raw.map(d => Math.round(d.value \/ 1000000));\n\n  $('#MERGELE-WEHRLI-LEHMANN-SAURE_02-2026_DE').highcharts({\n    chart: {\n      type: 'bar'\n    },\n    title: {\n      text: ''\n    },\n    xAxis: {\n      categories: categories,\n      reversed: true\n    },\n    yAxis: {\n      min: 0,\n      title: {\n        text: 'Zollertrag in Millionen Franken'\n      },\n      labels: {\n        format: '{value}'\n      }\n    },\n    legend: {\n      enabled: false\n    },\n    tooltip: {\n      pointFormat: 'Zollertrag: <b>{point.y} Mio. 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Diese Analyse zeigt einen statistisch gesicherten Preisr\u00fcckgang im Vergleich zur potenziellen Preisentwicklung ohne Zollabbau. Die genaue H\u00f6he des Preisr\u00fcckgangs ist unsicher. Die Studie sch\u00e4tzt, dass die Preise f\u00fcr Konsumg\u00fcter in der Schweiz im ersten Jahr nach dem Zollabbau durchschnittlich um 1,15 Prozent sanken. Dieser R\u00fcckgang zeigt sich relativ zur Preisentwicklung in den europ\u00e4ischen Vergleichsl\u00e4ndern ohne Zollabbau. \u00dcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum k\u00f6nnten die Preise noch st\u00e4rker sinken, da die initialen Senkungen weitere Kettenreaktionen ausl\u00f6sen. Das heisst, Unternehmen in der Schweiz senken ihre Preise als Reaktion auf die Preissenkungen anderer Unternehmen, um wettbewerbsf\u00e4hig zu bleiben.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Warenkorb eines durchschnittlichen Schweizer Haushalts ergibt sich im Vergleich zur potenziellen Preisentwicklung ohne Zollabbau eine j\u00e4hrliche Entlastung von rund 180 Franken, wobei die Kategorie Bekleidung und Schuhe am meisten beitr\u00e4gt. Hochgerechnet auf alle Haushalte der Schweiz, entspricht dies einer Gesamtersparnis von rund 724 Millionen Franken pro Jahr.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Unternehmen bewerten Zollabbau mehrheitlich positiv<\/h2>\n<p>Eine durch BSS durchgef\u00fchrte Befragung von 705 Schweizer Unternehmen im Handel und im verarbeitenden Gewerbe etwa ein halbes Jahr nach der Zollabschaffung best\u00e4tigt diese positiven Wirkungen. Rund ein Viertel der befragten Firmen berichtete von tieferen Einkaufskosten, besonders im Grosshandel. Zumeist lagen die Ersparnisse unter 3 Prozent der Einkaufskosten. Einzelne Unternehmen berichteten jedoch von deutlich h\u00f6heren Ersparnissen.<\/p>\n<p>\u00dcber zwei Drittel der Unternehmen gaben an, die entstandenen Kostenvorteile teilweise oder vollst\u00e4ndig an ihre Kunden weitergegeben zu haben. F\u00fcr eine unvollst\u00e4ndige Weitergabe nannten sie zwei Gr\u00fcnde: einerseits gestiegene Preise bei anderen Produktionsfaktoren wie zum Beispiel L\u00f6hnen. Andererseits die Erh\u00f6hung der Mehrwertsteuer um 0,4 Prozentpunkte, die ebenfalls per 1. Januar 2024 in Kraft trat. Der Zollabbau erm\u00f6glichte damit nicht nur direkte Preissenkungen, sondern trug auch dazu bei, drohende Preiserh\u00f6hungen abzuwenden oder abzuschw\u00e4chen. Auch die administrativen Erleichterungen wurden \u00fcberwiegend positiv bewertet, insbesondere der Wegfall von Ursprungsnachweisen. Rund ein Viertel der Unternehmen verzeichnete dadurch Einsparungen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig berichtete \u00fcber ein Viertel der befragten Unternehmen von einer versch\u00e4rften Wettbewerbssituation. Ohne Z\u00f6lle haben ausl\u00e4ndische Anbieter tiefere Kosten, und ihr b\u00fcrokratischer Aufwand ist geringer. Das senkt die Kosten f\u00fcr ihren Eintritt in den Schweizer Markt. Weil die Z\u00f6lle nicht auf den Warenwert, sondern pro Kilogramm Gewicht erhoben wurden, waren g\u00fcnstige Produkte relativ st\u00e4rker belastet als hochpreisige Waren. Daher profitieren vom Wegfall der Z\u00f6lle insbesondere g\u00fcnstige Anbieter aus dem Ausland. F\u00fcr inl\u00e4ndische Unternehmen bedeutet mehr Wettbewerb eine Herausforderung, weil sie m\u00f6glicherweise die Preise senken m\u00fcssen, um wettbewerbsf\u00e4hig zu bleiben. Konsumentinnen und Konsumenten hingegen profitieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Branchenspezifische Unterschiede<\/h2>\n<p>Vertiefende Fallstudien in der Textil- und Bekleidungsbranche sowie im Automobilsektor zeigen ausgepr\u00e4gte branchenspezifische Unterschiede. In der Bekleidungsbranche sind die Margen tief und der Preiswettbewerb intensiv. Wenn ein Unternehmen seine Kundschaft nicht an g\u00fcnstigere Konkurrenten verlieren will, muss es die Zolleinsparungen schneller und umfangreicher an die Konsumentinnen und Konsumenten weitergeben.<\/p>\n<p>Im Automobilsektor hingegen zeigte sich ein anderes Bild. Dort bestehen hohe Fixkosten, lange Lieferketten und Z\u00f6lle, die im Verh\u00e4ltnis zum Fahrzeugpreis kaum ins Gewicht fielen. Preis\u00e4nderungen waren hier deshalb statistisch nicht festzustellen. Profitiert haben jedenfalls die freien Importeure, die Fahrzeuge unabh\u00e4ngig von den offiziellen Vertriebsstrukturen einf\u00fchren. Diese waren f\u00fcr einen zollfreien Import bisher auf Ursprungszeugnisse der Hersteller angewiesen, was h\u00e4ufig zu Komplikationen f\u00fchrte \u2013 dieser Aufwand entf\u00e4llt nun.<\/p>\n<p>Die Konsumentenpreise sind infolge des Zollabbaus gesunken, und der intensivere Wettbewerb d\u00fcrfte anhaltende Preissenkungen beg\u00fcnstigen. Unternehmen berichten von tieferen Einkaufskosten und administrativen Entlastungen, was ihre internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit st\u00e4rkt. Der Bund verzichtet zwar auf Einnahmen, doch der Abbau der Industriez\u00f6lle hat seine zentralen Ziele damit erreicht.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe auch Zimmermann (2023). <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/12\/wie-die-schweiz-vom-abbau-der-industriezoelle-profitiert\/\">Wie die Schweiz vom Abbau der Industriez\u00f6lle profitiert.<\/a> Die Volkswirtschaft, 4. Dezember.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis Ende 2023 erhob die Schweiz Z\u00f6lle auf Industrieprodukte \u2013 also auf s\u00e4mtliche G\u00fcter, die nicht Agrar- oder Fischereierzeugnisse sind. Diese Z\u00f6lle lieferten dem Bund j\u00e4hrliche Einnahmen von rund 680 Millionen Franken, verteuerten jedoch Produkte wie Bekleidung oder M\u00f6bel. Per 1. Januar 2024 wurden diese Z\u00f6lle abgeschafft. Gleichzeitig wurden die Einfuhrformalit\u00e4ten vereinfacht. 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