{"id":217065,"date":"2026-02-17T07:00:25","date_gmt":"2026-02-17T06:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=217065"},"modified":"2026-02-17T10:42:06","modified_gmt":"2026-02-17T09:42:06","slug":"warum-entschleunigte-finanzmaerkte-guttun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/02\/warum-entschleunigte-finanzmaerkte-guttun\/","title":{"rendered":"Warum entschleunigte Finanzm\u00e4rkte guttun"},"content":{"rendered":"<p>Zweck der B\u00f6rse ist es, Liquidit\u00e4t zu schaffen und so Kapital f\u00fcr die Weiterentwicklung von Unternehmen bereitzustellen. Doch auf heutigen Finanzm\u00e4rkten herrscht inzwischen ein intensives Rennen um Geschwindigkeit.<\/p>\n<p>Die Rede ist vom sogenannten Hochfrequenzhandel. Bei dieser Form des automatisierten B\u00f6rsenhandels kaufen und verkaufen Handelsfirmen und Banken mittels Algorithmen in Sekundenbruchteilen Wertpapiere. Die Systeme analysieren laufend Kursdaten und platzieren automatisch Auftr\u00e4ge \u2013 oft \u00fcber verschiedene Handelspl\u00e4tze hinweg. Gewinne entstehen dabei meist nicht durch grosse Kursbewegungen, sondern durch minimale Preisunterschiede, kurze Haltezeiten und das schnelle Reagieren auf neue Informationen.<\/p>\n<p>Informationsvorspr\u00fcnge spielten schon immer eine Rolle, doch seit den fr\u00fchen 2000er-Jahren wird dieser Wettbewerb auf immer k\u00fcrzeren Zeitskalen ausgetragen.\u00a0Ein fr\u00fches Symbol dieses Rennens war eine 2010 verlegte Glasfaserverbindung zwischen New York und Chicago, um wenige Millisekunden \u00dcbertragungszeit einzusparen. Bereits ab 2011 ersetzte Mikrowellenfunk Teile der Strecke, da sich Signale durch Luft noch schneller bewegen.\u00a0Gleichzeitig begannen die B\u00f6rsen, Rechenzentren direkt neben ihren Handelssystemen zu betreiben, sodass zeitliche Vorteile nicht mehr von Geografie, sondern von Rechenpower und Algorithmen abh\u00e4ngen. Heute findet dieser Wettbewerb an physikalischen Grenzen statt: Spezialisierte Chips und optimierter Code sparen mittlerweile Nanosekunden ein \u2013 Zeitr\u00e4ume, in denen Licht kaum einen Meter zur\u00fccklegt. Selbst die Kabell\u00e4nge im Serverraum wird so zum entscheidenden Faktor.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">J\u00e4ger und Gejagte im Orderbuch<\/h2>\n<p>Doch was bringen diese minimalen Geschwindigkeitsvorteile eigentlich? Profiteure des Hochfrequenzhandels sind einerseits die B\u00f6rsen. Sie erwirtschaften durch das gesteigerte Handelsvolumen und die verkauften Highspeed-Verbindungen mehr Einnahmen. Aber auch sogenannte Market-Maker, typischerweise Banken oder Handelsfirmen, profitieren. Diese fungieren als die modernen Zwischenh\u00e4ndler der B\u00f6rsen. Ihre Algorithmen ver\u00f6ffentlichen fortlaufend Kauf- und Verkaufskurse, und sie verdienen an der Spanne dazwischen. Geschwindigkeit entscheidet hier \u00fcber den Marktzugang: Da an B\u00f6rsen Zeitpriorit\u00e4t gilt, garantiert schon ein minimaler zeitlicher Vorsprung den Zuschlag.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist Geschwindigkeit auch der entscheidende Schutzschild gegen Verluste. Sobald neue Informationen eintreffen, werden bestehende Preisangebote obsolet. Nun beginnt ein Wettlauf gegen aggressive H\u00e4ndler, die versuchen, diese Fehlbepreisung auszunutzen. F\u00fcr Market-Maker entscheidet Geschwindigkeit, ob sie die Quoten noch anpassen k\u00f6nnen. Wer schneller ist, steht folglich vorne f\u00fcr die profitablen Gesch\u00e4fte und entzieht sich rechtzeitig den toxischen. Das zahlt sich aus: Der Branchenprimus Citadel Securities erwirtschaftete 2024 einen Nettohandelsertrag von rund 9,7 Milliarden Dollar, eine Steigerung um 55 Prozent verglichen mit dem Jahr davor.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Zwischen Wettr\u00fcsten und Liquidit\u00e4t<\/h2>\n<p>Marktteilnehmer investieren Unsummen in Infrastruktur, um schneller als die Konkurrenz zu sein und nicht leer auszugehen. Kritiker sehen darin ein klassisches Wettr\u00fcsten, das kaum die fundamentale Wertsch\u00f6pfung verbessert. Stattdessen fliessen enorme Ressourcen in eine Infrastruktur, deren einziger Zweck die Umverteilung von bestehendem Wert ist.<\/p>\n<p>Doch eine pauschale Verurteilung greift zu kurz. Market-Maker erf\u00fcllen n\u00e4mlich eine vitale Funktion: Sie stellen sicher, dass Investoren jederzeit eine Gegenpartei finden. Dadurch garantieren sie stetige Liquidit\u00e4t, und sie verringern durch ihren Wettbewerb die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufskursen. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob wir diese Akteure brauchen, sondern ob die notwendige Liquidit\u00e4t auch ohne permanentes, teures R\u00fcstungswettrennen m\u00f6glich ist.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Frequent Batch Auctions: Die Revolution im Wimpernschlag<\/h2>\n<p>Ein minimalinvasiver L\u00f6sungsansatz sind die sogenannten Frequent Batch Auctions (FBAs). Statt kontinuierlichen Handels, bei dem jeweils das schnellste Angebot den Zuschlag erh\u00e4lt, werden Auftr\u00e4ge in winzigen Intervallen \u2013 etwa alle 100 Millisekunden (0,1 Sekunden) \u2013 geb\u00fcndelt. Dadurch verliert der Nanosekunden-Zeitvorteil seine Relevanz, und es entscheidet wieder der Preis \u00fcber den Zuschlag. Die Folge: Das technologische Wettr\u00fcsten verliert seinen \u00f6konomischen Wert, der Markt gewinnt an Stabilit\u00e4t. Die Preisvolatilit\u00e4t sinkt, und der Mechanismus beg\u00fcnstigt nicht mehr das hektische Zirkulieren zwischen den schnellsten H\u00e4ndlern, sondern teilt das Asset dem zu, der es im momentanen Zeitfenster am h\u00f6chsten wertsch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Dass dies funktioniert, best\u00e4tigt etwa die EU-Wertpapier- und Marktaufsichtsbeh\u00f6rde (Esma): Sie beobachtet eine Zunahme dieser FBA-Mechanismen auf Handelspl\u00e4tzen, weil Investoren hier Schutz vor Algorithmen finden, die veraltete Preise im Millisekundenbereich gegen sie ausnutzen. Dass sich FBA-Mechanismen noch nicht fl\u00e4chendeckend durchgesetzt haben, liegt an harten Verteilk\u00e4mpfen. Denn die schnellsten H\u00e4ndler m\u00fcssten auf Gewinne aus ihrem Zeitvorsprung verzichten und die B\u00f6rsen auf Geb\u00fchren f\u00fcr Highspeed-Zug\u00e4nge. Zudem wagt in einem fragmentierten Markt keine B\u00f6rse den Alleingang und riskiert dabei, Liquidit\u00e4t an die Konkurrenz zu verlieren. Diese m\u00e4chtigen Interessen zementieren also den Status quo.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Als die B\u00f6rse noch Pausen kannte<\/h2>\n<p>Ein historischer R\u00fcckblick zeigt, dass der heute dominierende kontinuierliche Handel keineswegs der Normalzustand ist. \u00dcber Jahrhunderte hinweg waren Finanzm\u00e4rkte diskret organisiert, das heisst: K\u00e4ufe und Verk\u00e4ufe waren nur zu gewissen Zeitpunkten m\u00f6glich. Im 18. und 19. Jahrhundert etwa fanden Wertpapierauktionen typischerweise nur ein- oder zweimal t\u00e4glich statt. Erst das 20. Jahrhundert beschleunigte diesen Rhythmus bis hin zur v\u00f6lligen Kontinuit\u00e4t w\u00e4hrend der B\u00f6rsen\u00f6ffnungszeiten durch elektronische Systeme ab den 1990er-Jahren.<\/p>\n<p>Die Idee, den Handel zeitlich zu b\u00fcndeln \u2013 wie es die FBAs vorschlagen \u2013, w\u00e4re folglich keine radikale Neuerung, sondern die R\u00fcckkehr zu einem jahrhundertelang bew\u00e4hrten Prinzip der Marktorganisation.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Auf der Suche nach dem perfekten Takt<\/h2>\n<p>Doch wie h\u00e4ufig sollte ein Verm\u00f6genswert gehandelt werden? F\u00fcr hochliquide Standardwerte wie etwa Aktien von Nestl\u00e9 oder Novartis gen\u00fcgt eine Taktung im Millisekundenbereich, um das technische Wettr\u00fcsten zu neutralisieren.\u00a0Komplexer ist es bei illiquiden M\u00e4rkten wie etwa b\u00f6rsenkotierten Immobilienfonds und anderen Nebenwerten. Ist die Frequenz hier zu hoch, verfehlen sich Angebot und Nachfrage oft zeitlich. Um eine Gegenpartei zu finden, m\u00fcssten Akteure ein leeres Orderbuch permanent \u00fcberwachen. Erst die B\u00fcndelung l\u00f6st dies: Sie signalisiert verl\u00e4sslich, wann Liquidit\u00e4t anwesend ist. Diese Koordination steigert das Handelsvolumen, da sich K\u00e4ufer und Verk\u00e4ufer gezielt treffen, statt sich im zeitlichen Leerraum zu verpassen. Doch ist die Frequenz zu tief, drohen Preisabschl\u00e4ge wegen mangelnder Flexibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Kunst des Marktdesigns liegt also darin, genau den richtigen Mittelweg zu finden. Die Londoner B\u00f6rse etwa setzt dies bereits um, indem sie den Handel von wenig liquiden Wertpapieren im Segment SETSqx statt im Dauerbetrieb auf f\u00fcnf t\u00e4gliche Auktionen konzentriert.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Mut zur Langsamkeit<\/h2>\n<p>Durch die Tokenisierung werden zunehmend reale, oft illiquide Verm\u00f6genswerte wie Immobilien, Kunst oder Unternehmensbeteiligungen digital handelbar. Doch nicht jede neue Anlageklasse profitiert von der pauschalen Logik des kontinuierlichen Handels; ein Immobilien-Token folgt einer v\u00f6llig anderen Informationsdynamik als eine Apple-Aktie. Statt \u00abEchtzeit\u00bb zum Dogma zu erheben, gilt es daher, die Frequenz neu zu definieren, die einem Verm\u00f6genswert tats\u00e4chlich gerecht wird.<\/p>\n<p>Die Suche nach diesem richtigen Takt ist die eigentliche Schicksalsfrage f\u00fcr die Finanzm\u00e4rkte der Zukunft. Wom\u00f6glich liegt der Schl\u00fcssel zu effizienteren M\u00e4rkten n\u00e4mlich nicht in der weiteren Beschleunigung, sondern in einer bewussten, assetspezifischen Entschleunigung.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe <a href=\"https:\/\/www.londonstockexchange.com\/equities-trading\/asset-classes\/shares-trading\/setsqx-and-seaq\">Stock Exchange Electronic Trading Service: Quotes and Crosses (SETSqx)<\/a>&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweck der B\u00f6rse ist es, Liquidit\u00e4t zu schaffen und so Kapital f\u00fcr die Weiterentwicklung von Unternehmen bereitzustellen. Doch auf heutigen Finanzm\u00e4rkten herrscht inzwischen ein intensives Rennen um Geschwindigkeit. Die Rede ist vom sogenannten Hochfrequenzhandel. 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In: European Securities and Markets Authority, ESMA70-156-1035.<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":"","serie_email":"","frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[4306],"korrektor":5357,"planned_publication_date":"2026-02-17 06:00:25","original_files":null,"external_release_for_author":"20260217","external_release_for_author_time":"00:05:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/696e335a6a913"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/217065"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13305"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=217065"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/217065\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":217916,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/217065\/revisions\/217916"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4306"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13261"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13305"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/217875"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=217065"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=217065"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=217065"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=217065"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=217065"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=217065"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}