{"id":217895,"date":"2026-03-05T07:00:13","date_gmt":"2026-03-05T06:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=217895"},"modified":"2026-03-05T13:47:41","modified_gmt":"2026-03-05T12:47:41","slug":"bestandesmieten-regulieren-schutz-mit-nebenwirkungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/03\/bestandesmieten-regulieren-schutz-mit-nebenwirkungen\/","title":{"rendered":"Bestandesmieten regulieren: Schutz mit Nebenwirkungen"},"content":{"rendered":"<p>Die Mieten der neu ausgeschriebenen Wohnungen in der Schweiz steigen seit Jahren, die Zahl leer stehender Wohnungen sinkt. Vielerorts ist es schwierig, eine neue Wohnung zu finden. In der gesellschaftlichen Debatte liegt der Fokus h\u00e4ufig auf dem Bau neuer Wohnungen. Doch obwohl in den vergangenen Jahrzehnten viel gebaut wurde, sind die Mieten weiter gestiegen. Es lohnt sich daher, eine andere Frage zu stellen: Wird der bestehende Wohnraum effizient genutzt?<\/p>\n<p>In einem freien Markt sorgt das Preissignal f\u00fcr eine effiziente Allokation von Ressourcen. F\u00fcr den Wohnungsmarkt w\u00fcrde das bedeuten, dass Wohnungen den Haushalten zugeteilt werden, die den gr\u00f6ssten Nutzen daraus ziehen. Auf dem Schweizer Mietmarkt greift dieser Mechanismus jedoch nur teilweise. Das Mietrecht begrenzt die Anpassung der Bestandsmieten auf wenige gesetzlich definierte Kostenfaktoren. Nur bei Neuvermietungen kann sich die Miete de facto am Markt orientieren.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Was h\u00e4ufig als \u00abMarktmiete\u00bb bezeichnet wird, ist daher genauer eine Angebotsmiete \u2013 die Miete, die sich ohne Bestandsmietregulierung ergeben w\u00fcrde, beobachten wir nicht.<\/p>\n<p>Wird Mietpreisregulierung kritisiert, geht es meist um die Frage, ob dadurch weniger gebaut wird. Im Schweizer System greift dieses Argument nur bedingt: Neubauten sind de facto von der Regulierung ausgenommen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><sup>\u00a0<\/sup>Weniger Beachtung finden die Fehlallokationseffekte im Bestand \u2013 obwohl diese gem\u00e4ss Glaeser und Luttmer (2003) sogar h\u00f6here volkswirtschaftliche Kosten verursachen k\u00f6nnen als verzerrte Investitionsanreize.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Tiefere Mieten f\u00fcr langj\u00e4hrige Mietende<\/h2>\n<p>Wie beschrieben k\u00f6nnen Bestandsmieten nur entlang gesetzlich definierter Kostenfaktoren angepasst werden, w\u00e4hrend bei Neuvermietungen die Miete weitgehend frei festgelegt werden kann. Diese Segmentierung erzeugt einen sogenannten Verweilbonus: Mit zunehmender Mietdauer entsteht eine L\u00fccke zwischen der bezahlten Bestandsmiete und der Angebotsmiete, die Neumietende f\u00fcr eine vergleichbare Wohnung zahlen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Unsere Daten zeigen ein klares Muster: Nach zehn Jahren Mietdauer entspricht der Verweilbonus rund 20 Prozent der aktuellen Miete, nach dreissig Jahren sogar \u00fcber 40 Prozent.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Entsprechend korreliert der Verweilbonus stark mit dem Alter der Mietenden. W\u00e4hrend ein 25-j\u00e4hriger Haushalt im Durchschnitt einen Verweilbonus von rund 10 Prozent aufweist, liegt dieser bei einem 70-j\u00e4hrigen Haushalt bei \u00fcber 35 Prozent (siehe Abbildung).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">\u00c4ltere Mietende profitieren von tieferen Mieten (2010-2022)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='HAUCK-STALDER-VONEHRLICH_03-2026_DE'><\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n\n    Highcharts.setOptions({\n        lang: {\n            decimalPoint: ',',\n            thousandsSep: ' '\n        }\n    });\n\n    $('#HAUCK-STALDER-VONEHRLICH_03-2026_DE').highcharts({\n\n        chart: {\n            type: 'spline'\n        },\n\n        title: {\n            text: ''\n        },\n\n        subtitle: {\n            text: ''\n        },\n\n        plotOptions: {\n            spline: {\n                marker: {\n                    enabled: false\n                }\n            }\n        },\n\n        xAxis: {\n            title: {\n                text: 'Alter der Mietenden'\n            },\n            categories: [\n                '25','26','27','28','29','30','31','32','33','34','35','36','37','38','39','40','41','42','43','44','45','46','47','48','49','50','51','52','53','54','55','56','57','58','59','60','61','62','63','64','65','66','67','68','69','70','71','72','73','74','75','76','77','78','79','80'\n            ]\n        },\n\n        tooltip: {\n            shared: true,\n            formatter: function () {\n                if (this.points) {\n                    for (var i = 0; i < this.points.length; i++) {\n                        if (this.points[i].series.name === 'Verweilbonus') {\n                            return this.x + ' Jahre: <b>' +\n                                   Highcharts.numberFormat(this.points[i].y, 2) +\n                                   '%<\/b>';\n                        }\n                    }\n                }\n            }\n        },\n\n        yAxis: {\n            min: 0,\n            title: {\n                text: 'Mittlerer Verweilbonus pro Altersklasse in Prozent der aktuellen Miete'\n            },\n            labels: {\n                formatter: function () {\n                    return Highcharts.numberFormat(this.value, 0) + '%';\n                }\n            }\n        },\n\n        series: [\n\n            {\n                name: 'Konfidenzintervall',\n                type: 'arearange',\n                data: [\n                    [10.91,12.01],[9.95,10.97],[8.82,9.81],[8.40,9.32],[8.27,9.11],\n                    [8.43,9.29],[8.66,9.51],[9.05,9.86],[9.47,10.32],[9.86,10.73],\n                    [10.30,11.21],[10.73,11.58],[11.24,12.21],[12.24,13.23],[12.77,13.82],\n                    [13.91,15.04],[14.84,15.94],[15.17,16.32],[15.87,17.05],[16.77,17.96],\n                    [17.40,18.58],[17.70,18.86],[18.09,19.22],[18.26,19.53],[19.29,20.52],\n                    [19.82,21.17],[20.05,21.30],[21.49,22.75],[21.38,22.72],[22.08,23.38],\n                    [21.84,23.16],[22.43,23.84],[23.61,24.98],[23.67,25.19],[24.71,26.18],\n                    [25.01,26.59],[26.02,27.68],[26.67,28.28],[27.34,29.05],[27.36,29.13],\n                    [29.75,31.56],[31.31,33.25],[32.12,34.04],[31.68,33.52],[33.07,35.00],\n                    [34.04,36.05],[34.54,36.61],[35.09,37.20],[34.81,36.92],[35.20,37.28],\n                    [36.45,38.57],[35.42,37.63],[36.90,39.29],[37.78,40.24],[37.62,40.04],\n                    [37.09,39.90]\n                ],\n                color: '#eef4fb',\n                fillOpacity: 1,\n                lineWidth: 0,\n                enableMouseTracking: false,\n                marker: {\n                    enabled: false\n                }\n            },\n\n            {\n                name: 'Verweilbonus',\n                data: [\n                    11.48,10.46,9.33,8.85,8.68,8.85,9.10,9.45,9.89,10.30,\n                    10.76,11.16,11.71,12.74,13.30,14.49,15.38,15.75,16.46,17.35,\n                    18.00,18.27,18.67,18.91,19.92,20.50,20.68,22.12,22.07,22.73,\n                    22.50,23.14,24.28,24.39,25.43,25.82,26.86,27.50,28.21,28.24,\n                    30.65,32.26,33.13,32.56,34.09,35.05,35.59,36.14,35.88,36.23,\n                    37.54,36.55,38.08,39.02,38.82,38.48\n                ],\n                color: '#4b83c9',\n                zIndex: 1\n            }\n\n        ]\n    });\n});\n<\/script>\n\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Hauck et al. (2025) <span style=\"font-family: Arial; font-size: 10pt;\">| <\/span>Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Lock-in treibt Angebotsmieten in die H\u00f6he<\/h2>\n<p>Wer lange in seiner Wohnung bleibt, profitiert also von einer zunehmenden impliziten Ersparnis. Wer umzieht, verliert diesen Vorteil und muss zu deutlich h\u00f6heren Mieten eine neue Wohnung suchen. Der Verweilbonus setzt damit einen starken Anreiz, in der bestehenden Wohnung zu bleiben, selbst wenn diese nicht mehr zur aktuellen Lebenssituation passt. Unsere Sch\u00e4tzungen zeigen, dass der durchschnittliche Verweilbonus nach zehn Jahren die Umzugswahrscheinlichkeit um rund 12 Prozent reduziert.<\/p>\n<p>Dieser Lock-in-Effekt entzieht einen grossen Teil des Wohnungsbestands dem offenen Markt und erzeugt damit einen Lock-out f\u00fcr andere: Haushalte mit wachsendem Bedarf finden kaum passende Angebote. Ohne Regulierung w\u00fcrde die steigende Nachfrage den gesamten Wohnungsbestand treffen, da Bestandsmietende aufgrund des Preissignals Wohnraum freigeben w\u00fcrden. Mit Regulierung trifft dieselbe Nachfrage nur auf frei werdende und neu gebaute Wohnungen \u2013 ein deutlich kleineres Angebot. Das treibt die Angebotsmieten \u00fcber das Niveau, das sich ohne Regulierung einstellen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Analyse ist diese Erkenntnis entscheidend: Der h\u00e4ufig berechnete Verweilbonus (siehe Abbildung) \u00fcbersch\u00e4tzt den tats\u00e4chlichen Vorteil der Regulierung f\u00fcr Bestandsmietende systematisch. Ohne Regulierung l\u00e4ge die einheitliche Miete zwischen der heutigen Bestands- und der Angebotsmiete. Bestandsmietende w\u00fcrden zwar mehr zahlen, Neumietende aber weniger. Die hier beschriebenen Verteilungswirkungen verlaufen also nicht zwischen Vermietenden und Mietenden, sondern innerhalb der Mieterschaft. Um zu beziffern, wer tats\u00e4chlich profitiert und wer draufzahlt, muss diese hypothetische Gleichgewichtsmiete ohne Regulierung bestimmt werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Simulationen best\u00e4tigen Fehlallokation<\/h2>\n<p>Um diese Fehlallokation zu quantifizieren, entwickeln wir ein strukturelles Modell, das simuliert, wie sich Haushalte und Wohnungen ohne Bestandsmietregulierung einander zuordnen w\u00fcrden. Die Ergebnisse best\u00e4tigen die erwarteten Effekte: Die simulierte Gleichgewichtsmiete liegt deutlich unter den beobachteten Angebotsmieten \u2013 insbesondere in Regionen mit starkem Nachfragewachstum. J\u00fcngere Haushalte w\u00fcrden ohne Regulierung tiefere Mieten zahlen, w\u00e4hrend \u00e4ltere Mietende netto von der Regulierung profitieren und daher aktuell tiefere Mieten zahlen als in einem Szenario ohne Regulierung.<\/p>\n<p>Diese Preiseffekte spiegeln sich im Wohnfl\u00e4chenkonsum wider: \u00c4ltere Haushalte konsumieren mehr Wohnfl\u00e4che, als sie ohne Regulierung w\u00e4hlen w\u00fcrden, w\u00e4hrend j\u00fcngere Haushalte auf ein verknapptes Angebot angewiesen sind und weniger Wohnfl\u00e4che beziehen.<\/p>\n<p>Die durch die Regulierung h\u00f6heren Angebotsmieten senden zudem ein verzerrtes Signal an den Baumarkt: Er orientiert sich an diesen h\u00f6heren Mieten und erh\u00e4lt dadurch einen st\u00e4rkeren Anreiz f\u00fcr Neubau, als ihn ein Markt ohne Bestandsregulierung liefern w\u00fcrde. Die effizientere Nutzung des bestehenden Wohnraums w\u00fcrde Fl\u00e4chen freisetzen, die heute durch den Lock-in-Effekt gebunden sind, dass heisst Wohnraum, der nicht neu gebaut werden m\u00fcsste.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Entlastungspotenzial durch effizientere Allokation<\/h2>\n<p>Um auf die Ausgangsfrage zur\u00fcckzukommen: Der bestehende Wohnraum wird in der Schweiz nicht effizient genutzt, und die Bestandsmietregulierung tr\u00e4gt wesentlich dazu bei. Unsere Ergebnisse zeigen, dass durch eine effizientere Allokation des Bestands erhebliches Entlastungspotenzial besteht, auch ohne zus\u00e4tzlichen Neubau. Die Regulierung bietet zwar Planungssicherheit und \u00fcbertr\u00e4gt damit in gewisser Weise die Logik des Eigentumsmarkts auf den Mietmarkt. Doch sie erh\u00f6ht die Transaktionskosten eines Umzugs und schw\u00e4cht damit einen zentralen Vorteil des Mietens: die Mobilit\u00e4t. Mieten ist besonders f\u00fcr Haushalte attraktiv, deren Bedarf sich noch ver\u00e4ndert. Die Regulierung macht diesen eigentlich flexibleren Markt unflexibel.<\/p>\n<p>Was als Schutz vor Verdr\u00e4ngung gedacht ist, f\u00fchrt so zu einer systematischen Fehlallokation von Wohnraum. Will die Politik diese Fehlallokation beheben, sind Massnahmen geeignet, die das Preissignal auf dem Mietmarkt st\u00e4rken, die korrekten Anreize setzen und den bestehenden Wohnraum effizienter verteilen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Als Neuvermietungen gelten Erst- und Wiedervermietungen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Eine Ausnahme bildet beispielsweise Basel, wo auch bei Erstvermietungen strengere Regeln gelten. Dort zeigt sich, dass solche weiter gehenden Eingriffe tats\u00e4chlich zu einem R\u00fcckgang der Neubaut\u00e4tigkeit f\u00fchren. Siehe Schl\u00e4pfer und Truffer (2025).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Hauck et al. (2025).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mieten der neu ausgeschriebenen Wohnungen in der Schweiz steigen seit Jahren, die Zahl leer stehender Wohnungen sinkt. Vielerorts ist es schwierig, eine neue Wohnung zu finden. In der gesellschaftlichen Debatte liegt der Fokus h\u00e4ufig auf dem Bau neuer Wohnungen. Doch obwohl in den vergangenen Jahrzehnten viel gebaut wurde, sind die Mieten weiter gestiegen. 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(2025). <a href=\"https:\/\/ideas.repec.org\/p\/ube\/dpvwib\/dp2507.html\">\u00abIncidence, Allocation, and Efficiency Costs of Tenancy Rent Control\u00bb.<\/a> <a href=\"https:\/\/ideas.repec.org\/s\/ube\/dpvwib.html\">Diskussionsschriften<\/a>\u00a0dp2507, Universit\u00e4t Bern, Departement Volkswirtschaft.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Schl\u00e4pfer, J. und M. Truffer (2025). <a href=\"https:\/\/www.wuestpartner.com\/ch-de\/2025\/01\/21\/wirkung-eines-mietpreisdeckels-auf-die-neubautaetigkeit\/\">Wirkung eines Mietpreisdeckels auf die Neubaut\u00e4tigkeit<\/a>: Empirische Evidenz aus dem Kanton Basel-Stadt. 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