{"id":218814,"date":"2026-04-14T06:45:14","date_gmt":"2026-04-14T04:45:14","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=218814"},"modified":"2026-04-14T08:37:09","modified_gmt":"2026-04-14T06:37:09","slug":"warum-waechst-die-schweizer-wirtschaft-dynamischer-als-die-oesterreichische","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/04\/warum-waechst-die-schweizer-wirtschaft-dynamischer-als-die-oesterreichische\/","title":{"rendered":"Warum w\u00e4chst die Schweizer Wirtschaft dynamischer als die \u00f6sterreichische?"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen der Schweiz und \u00d6sterreich besteht seit je eine freundschaftliche Rivalit\u00e4t. Nicht nur im Skisport oder im Fussball ist ein Kr\u00e4ftemessen spannend, auch wirtschaftlich lohnt sich ein Vergleich. Schon ein Blick auf bekannte Unternehmen zeigt: Beide L\u00e4nder sind international erfolgreich, aber nicht auf dieselbe Weise.<\/p>\n<p>Auf Schweizer Seite stehen etwa Roche, Nestl\u00e9 oder Swatch f\u00fcr hoch spezialisierte Industrie oder Swiss Re f\u00fcr globale Dienstleistungen. Auf \u00f6sterreichischer Seite sind es der Stahl- und Technologiekonzern Voestalpine, der Erd\u00f6l- und Erdgaskonzern OMV, der Maschinen- und Anlagebauer Andritz oder Red Bull, die f\u00fcr eine breit abgest\u00fctzte Industrie- und Markenwirtschaft stehen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">BIP pro Kopf im internationalen Vergleich (2006 \u2013 2025)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"POCHON-WEGM\u00dcLLER_4-2026_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#POCHON-WEGM\u00dcLLER_4-2026_DE').highcharts({     \n\n chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: [\n        \n2006,2007,2008,2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023,2024,2025\n\n\n],\n\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Index (2006=100)'\n        },\n        labels: {\n                formatter: function () {\n            return Highcharts.numberFormat(this.value, 0);\n        }\n            },\n       \n    },\n     tooltip: {\n     headerFormat: '<b>{point.x} <\/b><br>',\n     valueSuffix: ''\n   \n   \n        },\n    plotOptions: {\n        line: {\n    \n\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n            enableMouseTracking: true\n        },\n        series: {\nmarker: {\nenabled: false\n}\n}\n    },\n    series: [{\n        name: '\u00d6sterreich',\n        data: [\n       100,103.36,104.43,100.48,101.96,104.7,105,104.02,104.13,104.39,105.32,107.17,109.2,110.55,103.05,107.79,112.37,110.66,109.17,109.72\n\n], color: '#ff730D'\n    },{\n        name: 'Deutschland',\n        data: [\n       100,103.23,104.16,98.78,102.99,106.95,107.5,107.87,109.89,110.64,112.28,115.52,116.68,117.79,112.61,117.15,118.59,116.72,115.85,116.09\n\n], color: '#ffcf54'\n    }, {\n        name: 'Euroraum',\n        data: [\n       100,102.48,102.33,97.52,99.26,100.84,99.77,99.56,100.89,102.69,104.26,107,108.68,110.24,103.36,109.94,113.49,113.43,113.96,115.3\n\n],color: '#4b83c9'\n       \n           },  \n           {\n        name: 'Schweiz',\n        data: [\n     100,103.32,104.4,101.32,103.2,104.32,104.18,105.12,106.18,106.75,107.32,108.18,110.65,111.41,108.06,113.54,116.09,115.98,116.16,116.78\n\n\n],color: '#94001b'\n       \n           }\n           ]\n});\n\n\n\n});\n\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Reales BIP pro Kopf, in konstanten Kaufkraftparit\u00e4ten.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quellen: Nationale Statistik\u00e4mter, OECD | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<p>Beide L\u00e4nder sind klein, exportorientiert und z\u00e4hlen gemessen am BIP pro Kopf zur weltweiten Spitzengruppe. Gem\u00e4ss Zahlen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds belegt die Schweiz beim kaufkraftbereinigten BIP pro Kopf im Jahr 2025 Rang 8 mit rund 97\u2019500 Dollar. \u00d6sterreich liegt auf Rang 21 mit rund 75\u2019000 Dollar.<\/p>\n<p>Doch trotz der Gemeinsamkeiten hat sich ihre Einkommensentwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten auseinanderentwickelt: Zwischen 2006 und 2025 nahm das reale BIP pro Kopf in der Schweiz um rund 17 Prozent zu, in \u00d6sterreich dagegen nur um knapp 10 Prozent (siehe Abbildung 1).<\/p>\n<p>\u00d6sterreich blieb aber nicht nur hinter der Schweiz zur\u00fcck, sondern auch hinter Deutschland und dem Euroraum insgesamt.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Besonders einschneidend f\u00fcr \u00d6sterreich war die Pandemie: 2025 lag das BIP pro Kopf in der Schweiz rund 5 Prozent \u00fcber dem Vorkrisenniveau von 2019, in \u00d6sterreich lag es noch immer knapp unter dem Wert von 2019.<\/p>\n<p>Das wirft eine zentrale Frage auf: Warum entwickelte sich das reale Einkommen pro Kopf in der Schweiz deutlich dynamischer?<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">\u00c4hnliche Struktur, unterschiedliche Spezialisierung<\/h2>\n<p>Ein Blick auf die sektorale Zusammensetzung ergibt zun\u00e4chst keine klaren Antworten. Im Jahr 2024 entfielen in beiden L\u00e4ndern deutlich \u00fcber 60 Prozent der Bruttowertsch\u00f6pfung auf Dienstleistungen. Doch entscheidend ist weniger die Gr\u00f6sse eines Sektors als seine Zusammensetzung und die Wertsch\u00f6pfungsst\u00e4rke der gewichtigen Branchen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in \u00d6sterreich dem Tourismussektor und den Transportdiensten ein gr\u00f6sseres Gewicht zuf\u00e4llt, \u00fcberwiegen in der Schweiz produktivere Branchen wie der Finanz- und Versicherungssektor oder der Handel inklusive Rohstoffhandel. Der Industrieanteil liegt in beiden L\u00e4ndern bei rund einem F\u00fcnftel. Im internationalen Vergleich ist das hoch, und man kann nicht von einer ausgepr\u00e4gten Deindustrialisierung sprechen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die unterschiedliche wirtschaftliche Dynamik ist aber vor allem die industrielle Spezialisierung interessant. \u00d6sterreich ist auf mittlere Technologien spezialisiert. Dazu geh\u00f6ren insbesondere der Maschinenbau sowie energieintensive Metallerzeugnisse oder Fahrzeugteile. Die Schweizer Industrie konzentriert sich st\u00e4rker auf hochproduktive, forschungsintensive Branchen wie Pharma, Chemie, Pr\u00e4zisionsinstrumente, Uhren oder spezialisierte Maschinen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Exporte zentral, Diversifizierung entscheidend<\/h2>\n<p>Als kleine offene Volkswirtschaften sind sowohl die Schweiz als auch \u00d6sterreich stark exportorientiert: 2025 entsprachen die Exporte von G\u00fctern und Dienstleistungen in der Schweiz 78 Prozent des BIP, in \u00d6sterreich 55 Prozent. Im internationalen Vergleich sind das sehr hohe Anteile. Doch auch hier gibt es entscheidende strukturelle Unterschiede.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich ist stark auf den europ\u00e4ischen Raum ausgerichtet und historisch eng mit Mittel- und Osteuropa verflochten. Das Land profitiert von der industriellen Arbeitsteilung im Euroraum und von der geografischen N\u00e4he zu wichtigen Absatzm\u00e4rkten. Zugleich macht diese Ausrichtung die \u00f6sterreichische Wirtschaft anf\u00e4lliger f\u00fcr Konjunkturschw\u00e4chen in Europa. Zuletzt wurde dies im Nachgang zur Pandemie deutlich, als \u00d6sterreich in den Sog der industriellen Rezession in Deutschland geriet (siehe Abbildung 1). Zudem f\u00fchrten die steigenden Energiepreise infolge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine ab 2022 zu Problemen in den energieintensiven \u00f6sterreichischen Industriezweigen.<\/p>\n<p>Die Schweiz weist dagegen ein st\u00e4rker spezialisiertes Exportprofil auf, in global stark nachgefragten Nischen mit hoher Wissensintensit\u00e4t. Diese G\u00fcter sind weniger preissensitiv. Das erlaubt h\u00f6here Margen und f\u00fchrt zu einer \u00fcberdurchschnittlichen Wertsch\u00f6pfung pro Besch\u00e4ftigten und damit zu h\u00f6herer Produktivit\u00e4t. OECD-Daten zeigen, dass die Produktivit\u00e4t in der Schweiz in den vergangenen zwei Jahrzehnten st\u00e4rker zunahm als in \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Auch hinsichtlich der Absatzm\u00e4rkte unterscheiden sich die Schweizer Exporte: Die Schweiz ist breiter aufgestellt und st\u00e4rker in globale M\u00e4rkte integriert. Neben Europa spielen Nordamerika und Asien eine gr\u00f6ssere Rolle. Diese st\u00e4rkere geografische Diversifizierung d\u00fcrfte dazu beigetragen haben, dass die Schweiz weniger stark von der zuletzt schw\u00e4cheren Industriekonjunktur im Euroraum gebremst wurde.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der Franken zwingt zur Innovation<\/h2>\n<p>F\u00fcr exportierende L\u00e4nder stellen Wechselkursschwankungen eine grosse Herausforderung dar. \u00d6sterreich profitiert vom Euro: Er reduziert Wechselkursrisiken mit den meisten EU-L\u00e4ndern und erleichtert somit die Integration in europ\u00e4ische Wertsch\u00f6pfungsketten.<\/p>\n<p>Die Schweiz operiert dagegen mit einer eigenst\u00e4ndigen W\u00e4hrung. Der Franken ist f\u00fcr Exportunternehmen eine dauerhafte Herausforderung. Gest\u00fctzt durch die hohe wirtschaftliche Stabilit\u00e4t und die anhaltenden Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse der Schweiz, steht er auf der einen Seite seit Jahren unter Aufwertungsdruck gegen\u00fcber dem Euro. Auf der anderen Seite wirkt der starke Franken auch als Disziplinierungsmechanismus: Wer unter Aufwertungsdruck erfolgreich exportieren will, muss besonders innovative, hochwertige oder schwer ersetzbare Produkte anbieten. Der Wechselkurs beg\u00fcnstigt damit langfristig Branchen mit hoher Produktivit\u00e4t und starker Marktposition.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Enge wirtschaftliche Verflechtung<\/h2>\n<p>\u00d6sterreich und die Schweiz sind nicht nur Konkurrenten auf den globalen M\u00e4rkten, sondern profitieren von engen bilateralen Wirtschaftsbeziehungen. Aus Sicht \u00d6sterreichs ist die Schweiz die viertwichtigste Partnerin im Bereich des Warenhandels und die zweitwichtigste Abnehmerin \u00f6sterreichischer Dienstleistungen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Aus Sicht der Schweiz ist \u00d6sterreich unter den zw\u00f6lf wichtigsten Handelspartnern sowohl f\u00fcr Waren als auch f\u00fcr Dienstleistungen.<\/p>\n<p>Im bilateralen Warenhandel dominieren vor allem chemisch-pharmazeutische Produkte und G\u00fcter aus der Maschinen-, Elektronik- und Metallbranche. Beim Dienstleistungshandel \u00fcberwiegen Tourismus und Transportdienstleistungen. Interessant ist dabei, dass \u00d6sterreich gegen\u00fcber der Schweiz Jahr f\u00fcr Jahr einen Handelsbilanz\u00fcberschuss erzielt \u2013 sowohl bei den Dienstleistungen als auch bei den Waren.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> F\u00fcr viele Schweizer Unternehmen fungiert \u00d6sterreich als attraktiver Markt f\u00fcr den Einstieg in den EU-Binnenmarkt. So ist die Schweiz denn auch der drittgr\u00f6sste Investor in \u00d6sterreich.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wie im Spitzensport: Zwei starke Konkurrenten<\/h2>\n<p>Was im Spitzensport gilt, gilt auch wirtschaftlich: Konkurrenz spornt an. Die Schweiz und \u00d6sterreich spielen seit Langem in der Spitzenklasse, doch derzeit hat die Schweiz die Nase vorn. Sie verdankt dies ihrer st\u00e4rkeren Spezialisierung auf Branchen und Produkte mit hoher Produktivit\u00e4t und Wertsch\u00f6pfung pro Kopf sowie einer breiteren geografischen Diversifizierung der Exporte.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Zum Vergleich \u00d6sterreichs mit anderen EU-Staaten siehe auch den Artikel \u00ab<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/?p=219055&v\">\u00d6sterreich: Reiches Land f\u00e4llt wirtschaftlich zur\u00fcck<\/a>\u00bb in diesem <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/?p=219185&v\">Schwerpunkt<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/Aussenwirtschaftspolitik_Wirtschaftliche_Zusammenarbeit\/Wirtschaftsbeziehungen\/laenderinformationen\/europa_zentralasien\/westeuropa\/oesterreich.html\">Wirtschaftsbericht<\/a> \u00d6sterreich 2025 der Schweizerischen Botschaft in Wien.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Pochon, V. und C. Schmidt (2018). <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/07\/europaeische-union-pochon-schmidt-08-09-2018\/\">Kein Ausdruck von Schw\u00e4che: Das Handelsdefizit der Schweiz mit der EU<\/a>, in: \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb 19. Juli.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen der Schweiz und \u00d6sterreich besteht seit je eine freundschaftliche Rivalit\u00e4t. Nicht nur im Skisport oder im Fussball ist ein Kr\u00e4ftemessen spannend, auch wirtschaftlich lohnt sich ein Vergleich. Schon ein Blick auf bekannte Unternehmen zeigt: Beide L\u00e4nder sind international erfolgreich, aber nicht auf dieselbe Weise. 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