{"id":219021,"date":"2026-04-13T07:00:09","date_gmt":"2026-04-13T05:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=219021"},"modified":"2026-04-13T11:59:21","modified_gmt":"2026-04-13T09:59:21","slug":"oesterreich-muss-sparen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/04\/oesterreich-muss-sparen\/","title":{"rendered":"\u00d6sterreich muss sparen"},"content":{"rendered":"<p>\u00d6sterreich steht finanzpolitisch unter Druck: Ende 2024 lag die Bruttoschuldenquote des Gesamtstaats nach Maastricht-Definition bei 81,8 Prozent des BIP, das \u00f6ffentliche Defizit bei 4,7 Prozent. Zum Vergleich: In der Schweiz lag die Maastricht-Schuldenquote 2024 bei 24 Prozent (siehe Abbildung 1), und der Gesamtstaat erzielte einen \u00dcberschuss von 0,4 Prozent.<\/p>\n<p>Dass \u00d6sterreich nur selten schwarze Zahlen schrieb, zeigt der Blick zur\u00fcck. Denn schon vor der Pandemie tat sich \u00d6sterreich schwer, seine Budgets dauerhaft ins Lot zu bringen; die \u00dcbersch\u00fcsse von 2018 und 2019 blieben die Ausnahme. Ab 2020 versch\u00e4rfte sich die Lage dann deutlich. Wesentliche Gr\u00fcnde waren grossz\u00fcgige Hilfspakete zur Abfederung negativer \u00f6konomischer und sozialer Effekte der Coronapandemie, die krisenbedingten automatischen Mehrausgaben und Mindereinnahmen sowie die 2022 einsetzenden Energiepreis- und Teuerungskrisen infolge des Ukraine-Kriegs. Hinzu kamen eine umfangreiche Steuersenkung im Rahmen der \u00f6kosozialen Steuerreform 2022\/24, nicht gegenfinanzierte Massnahmen wie etwa ausserplanm\u00e4ssige Pensionserh\u00f6hungen sowie die deutliche Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Situation, die seit 2023 zur bisher l\u00e4ngsten Rezession der Nachkriegszeit f\u00fchrte.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Maastricht-Schuldenquote in \u00d6sterreich und der Schweiz (1990\u20132024)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"SCHRATZENSTALLER_04-2026_ABB1_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#SCHRATZENSTALLER_04-2026_ABB1_DE').highcharts({     \n\n chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: \n        [\n1990,1991,1992,1993,1994,1995,1996,1997,1998,1999,2000,2001,2002,2003,2004,2005,2006,2007,2008,2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023,2024,2025\n]\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Schuldenquote, Anteil am BIP'\n        },\n        labels: {\n                format: '{value}%'\n            },\n       \n    },\n     tooltip: {\n     headerFormat: '<b>{point.x} <\/b><br>',\n     valueSuffix: '%'\n   \n   \n        },\n    plotOptions: {\n        line: {\n    \n\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n            enableMouseTracking: true\n        },\n        series: {\nmarker: {\nenabled: false\n}\n}\n    },\n    series: [{\n        name: '\u00d6sterreich',\n        data: [null,null,null,null,null,68.3,68.3,63.6,64,66.8,66.3,66.9,67,66,65.4,69,67.7,65.4,69.1,80.3,83.1,82.8,82.4,81.7,84.4,85.1,83,78.6,74.2,70.7,83.1,82.6,78.5,77.9,80.2,82.6],color: '#ff730D'\n    }, {\n        name: 'Schweiz',\n        data: [25.7,27.7,32,36.4,38.5,40.6,42.3,44.5,46.7,44.1,43.4,42.2,45.3,45.9,45.2,42.8,37.7,34,32,30.4,29,28.4,29,28.9,29,28.5,27.5,27.1,25.1,24.6,27.1,25.6,24.5,24.4,24.1,24.2],color: '#4b83c9'\n       \n           }\n                \n           ]\n});\n\n\n\n\n});\n\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Finanzstatistik der Schweiz, Schuldenquote gem\u00e4ss Maastricht-Definition von OECD Economic Outlook (Datenstand: 09.12.2025) | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Verschuldung nimmt zu<\/h2>\n<p>Ohne Gegenmassnahmen w\u00e4re das \u00f6sterreichische gesamtstaatliche Defizit 2025 auf \u20135,8 Prozent des BIP und der Schuldenstand bis 2029 auf 96,5 Prozent des BIP gestiegen. Da das \u00f6sterreichische Defizit 2025 zum zweiten Mal in Folge deutlich die erlaubte Maastricht-Obergrenze f\u00fcr EU-Staaten von 3 Prozent zu \u00fcberschreiten drohte, wurde Mitte 2025 ein EU-Defizitverfahren gegen \u00d6sterreich eingeleitet.<\/p>\n<p>Bereits im Fr\u00fchjahr 2025 beschloss die neue Bundesregierung, bestehend aus den Sozialdemokraten (SP\u00d6) und den beiden Mitteparteien, den Neos und der \u00d6sterreichischen Volkspartei (\u00d6VP), deshalb ein umfangreiches Konsolidierungsprogramm. Es sollte das Maastricht-Defizit von \u20134,7 Prozent des BIP im Jahr 2024 bis 2028 auf knapp unter 3 Prozent senken. Die Schuldenquote sollte nach diesen Pl\u00e4nen bis 2028 weiter bis auf 87 Prozent des BIP zunehmen und erst 2029 wieder leicht zur\u00fcckgehen (siehe Abbildung 2).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Entwicklung der Verschuldung 2024 bis 2029 gem\u00e4ss Budgetplanung der \u00f6sterreichischen Bundesregierung<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"SCHRATZENSTALLER_04-2026_ABB2_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#SCHRATZENSTALLER_04-2026_ABB2_DE').highcharts({     \n\n\n    chart: {\n    type: 'column', \nmarginBottom: 80\n  },\n  title: {\n    text: ''\n  },\n  xAxis: [{\n    categories: [\n      2024, 2025, 2026, 2027, 2028, 2029\n    ],\n    reversed: false,\n    labels: {\n      style: {\n        fontSize: '13px'\n      }\n    }\n  }, {\n    \/\/ Rechte Seite (Schulden), ohne Labels\n    opposite: true,\n    reversed: false,\n    categories: [],\n    linkedTo: 0,\n    labels: {\n      enabled: false\n    }\n  }],\n  yAxis: { title: { text: '' }, labels: { formatter: function () { return Math.abs(this.value) + '%'; } }, min: -20, max: 100,\nplotLines: [{\n    value: 60,\n    color: '\t#66b6bc',\n    dashStyle: 'Dash',\n    width: 1,\n    zIndex: 5\n  }, {\n    value: -3,\n    color: '\t#ffcf54',\n    dashStyle: 'Dash',\n    width: 1,\n    zIndex: 5\n  }]\n\n },\n  tooltip: {\n  formatter: function () {\n    return '<b>' + this.series.name + '<\/b><br\/>' +\n      this.point.category + ': <b>' + this.point.y + '%<\/b>';\n  }\n},\n  plotOptions: {\n  series: {\n    stacking: 'normal',\n    dataLabels: {\n      enabled: true,\n      inside: false,\n      crop: false,\n      overflow: 'allow',\n      formatter: function () {\n        return this.y + '%';\n      },\n      \n      style: {\n        color: '#000000',\n        fontWeight: 'bold'\n      }\n    }\n  }\n},\n  series: [{\n  name: 'Schulden',\n  data: [81.8, 84.7, 86.2, 86.9, 87.0, 86.9],\n  color: '#4b83c9'\n}, {\n  name: 'Maastricht-Schuldenobergrenze: 60%',\n  type: 'line',\n  data: [null, null, null, null, null, null],\n  color: '#66b6bc',\n  dashStyle: 'Dash',\n  marker: {\n    enabled: false\n  },\n  enableMouseTracking: false,\n  showInLegend: true\n},{\n  name: 'Defizit',\n  data: [-4.7, -4.5, -4.2, -3.5, -3.0, -2.8],\n  color: '#ff730D',\ndataLabels: {\n    enabled: true,\n    inside: false,\n    crop: false,\n    overflow: 'allow',\n    y: -4,\n    formatter: function () {\n      return this.y + '%';\n    },\n    style: {\n      color: '#000000',\n      fontWeight: 'bold'\n    }\n}\n},{\n  name: 'Maastricht-Defizitobergrenze: -3%',\n  type: 'line',\n  data: [null, null, null, null, null, null],\n  color: '#ffcf54',\n  dashStyle: 'Dash',\n  marker: {\n    enabled: false\n  },\n  enableMouseTracking: false,\n  showInLegend: true\n}]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Bundesministerium f\u00fcr Finanzen (2025), eigene Darstellung der Autorin | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">So will die Regierung sparen<\/h2>\n<p>Gem\u00e4ss dem Konsolidierungspaket der neuen Bundesregierung sollen die angestrebten Bruttokonsolidierungsvolumen von 7 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 16,5 Milliarden Euro im Jahr 2029 steigen. Das Konsolidierungspaket besteht prim\u00e4r aus Ausgabenk\u00fcrzungen in unterschiedlichen Bereichen: der Abschaffung des Klimabonus, der die Einnahmen aus der CO<sub>2<\/sub>-Bepreisung an die Haushalte zur\u00fcckverteilt, sowie weniger Verwaltungsausgaben in den Bundesressorts, beim Arbeitsmarkt (Bildungskarenz<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>) und bei den Altersrenten (Massnahmen zur Erh\u00f6hung des effektiven Pensionsantrittsalters). Hinzu kommen Einsparungen bei Subventionen sowie bei L\u00e4ndern, Gemeinden und Sozialversicherungen.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzend werden einnahmenseitig auch Steuern und Abgaben sowie Geb\u00fchren und Dividenden der staatsnahen Betriebe erh\u00f6ht. Ein einnahmenseitiger Beitrag ist angesichts des hohen Konsolidierungsbedarfs unverzichtbar. Denn der Spielraum f\u00fcr Ausgabensenkungen ist in der kurzen Frist begrenzt. Zudem sind die erg\u00e4nzenden Mehreinnahmen insgesamt relativ konjunkturvertr\u00e4glich und helfen, die Konsolidierungslasten breiter zu verteilen.<\/p>\n<p>Unter den Konsolidierungsmassnahmen befinden sich auch erste Ans\u00e4tze f\u00fcr strukturelle Reformen: Subventionsk\u00fcrzungen, st\u00e4rkere Betrugsbek\u00e4mpfung bei Steuern und Abgaben sowie Massnahmen zur Anhebung des effektiven Pensionsantrittsalters. Die Strukturmassnahmen werden abgefedert durch Offensivmassnahmen wie etwa die Ausweitung der Mittel f\u00fcr die aktive Arbeitsmarktpolitik, die Impulse f\u00fcr eine sozial ausgewogene wirtschaftliche Entwicklung geben sollen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">N\u00f6tige Reformen im \u00f6ffentlichen Sektor<\/h2>\n<p>Das im Fr\u00fchjahr 2025 beschlossene Doppelbudget 2025\/26 und die mittelfristige Finanzplanung mussten vor dem Hintergrund des abzusehenden EU-Defizitverfahrens unter grossem Zeitdruck erstellt werden. Daher beinhalten sie nur ansatzweise auch strukturelle Reformen im \u00f6ffentlichen Sektor. Solche sind allerdings unverzichtbar, um mittelfristig wieder Zukunftsinvestitionen und Ausgabensteigerungen zu erm\u00f6glichen, die demografiebedingt n\u00f6tig werden k\u00f6nnten. Zudem w\u00fcrde dies die Situation in einer etwaigen n\u00e4chsten Krise verbessern.<\/p>\n<p>Solche Strukturreformen sollten mehrere Bereiche umfassen. Einer ist das Gesundheitswesen. Hier sollte beispielsweise der ambulante gegen\u00fcber dem station\u00e4ren Bereich weiter gest\u00e4rkt und die Spezialisierung im Spitalwesen vertieft werden. Zudem w\u00fcrde eine bessere bundesl\u00e4nder\u00fcbergreifende Koordination der Spitalkapazit\u00e4ten kosteng\u00fcnstigere Leistungen erm\u00f6glichen \u2013 ohne Qualit\u00e4tseinbussen.<\/p>\n<p>Ausserdem sollten s\u00e4mtliche F\u00f6rderaktivit\u00e4ten bei Bund, L\u00e4ndern und Gemeinden evaluiert sowie Doppelgleisigkeiten identifiziert und abgebaut werden. Anpassungsbedarf gibt es auch beim <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/?p=218447&amp;v\">F\u00f6deralismus<\/a>. Die bereits begonnenen Gespr\u00e4che zwischen Bund, L\u00e4ndern und Gemeinden sollten das Ziel haben, Aufgaben-\/Ausgaben- und Finanzierungsverantwortung besser in \u00dcbereinstimmung zu bringen. Dasselbe gilt f\u00fcr die geplante Reform des Finanzausgleichs. Hier sollte es darum gehen, Aufgaben so weit wie m\u00f6glich zu entflechten und die Abgabenautonomie auf Ebene von L\u00e4ndern und Gemeinden zu st\u00e4rken. Nicht zuletzt werden die bisher gesetzten Schritte zur Anhebung des faktischen Pensionsantrittsalters l\u00e4ngerfristig durch eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters zu erg\u00e4nzen sein.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Klimawandel mitdenken und Arbeit belohnen<\/h2>\n<p>Da sich eine nachhaltige Budgetpolitik an der Zukunft orientieren muss, m\u00fcssen auch \u00f6kologische Aspekte mitgedacht werden. Vers\u00e4umnisse in der Klimapolitik, auch auf der nationalen Ebene, ziehen langfristige Folgekosten nach sich, die h\u00f6her sein d\u00fcrften als die Kosten f\u00fcr eine entschlossene nationale Klimapolitik. Eine konsequente Klimapolitik beinhaltet deshalb unter anderem den Abbau \u00f6kologisch sch\u00e4dlicher Subventionen, etwa des Diesel- oder des Dienstwagenprivilegs. Zudem m\u00fcssen die Umweltsteuern an die Inflation angepasst werden, um deren Lenkungswirkung zu erhalten. Aber auch Investitionen in eine \u00f6kologische Infrastruktur, in die Dekarbonisierung der Industrie sowie in Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel sind unverzichtbar.<\/p>\n<p>Die Abgabenquote, welche die fiskalische Belastung der B\u00fcrger und Unternehmen misst, ist in \u00d6sterreich hoch. Im Jahr 2024 betrug sie 43,5 Prozent gemessen am BIP. In der Schweiz sind es 27,4 Prozent. Dennoch besteht derzeit wenig Spielraum f\u00fcr eine Reduktion. Deshalb sollten bestehende Spielr\u00e4ume st\u00e4rker genutzt werden, um budgetneutrale strukturelle Verbesserungen zu erm\u00f6glichen. Denn das Abgabensystem kann auch ohne Budgetbelastung wachstums- und besch\u00e4ftigungsfreundlicher ausgestaltet werden, wie dies internationale Organisationen wie die OECD oder der IWF empfehlen. Etwa mithilfe einer aufkommensneutralen Abgabenstrukturreform: Eine solche w\u00fcrde Umweltsteuern besser nutzen, umweltsch\u00e4dliche Subventionen abbauen, die Grundsteuer erh\u00f6hen sowie wieder eine Erbschaftssteuer einf\u00fchren.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde die Abgabenquote insgesamt zwar nicht senken, aber die nach wie vor hohen Abgaben auf Arbeit f\u00fcr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Unternehmen entlasten.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">M\u00f6glichkeit f\u00fcr Arbeitnehmer, sich f\u00fcr eine bestimmte Zeit von der Arbeit freistellen zu lassen, um eine Aus- oder Weiterbildung zu absolvieren.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00d6sterreich steht finanzpolitisch unter Druck: Ende 2024 lag die Bruttoschuldenquote des Gesamtstaats nach Maastricht-Definition bei 81,8 Prozent des BIP, das \u00f6ffentliche Defizit bei 4,7 Prozent. 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