{"id":219028,"date":"2026-04-14T07:00:09","date_gmt":"2026-04-14T05:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=219028"},"modified":"2026-04-14T08:38:15","modified_gmt":"2026-04-14T06:38:15","slug":"oesterreich-als-drehscheibe-im-handel-mit-osteuropa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/04\/oesterreich-als-drehscheibe-im-handel-mit-osteuropa\/","title":{"rendered":"\u00d6sterreich als Drehscheibe im Handel mit Osteuropa"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweiz und \u00d6sterreich verbindet mehr als die Flaggenfarben und die Alpen. Auch was den internationalen Handel angeht, gibt es \u00c4hnlichkeiten: Beide L\u00e4nder sind kleine offene Volkswirtschaften. Das zeigt sich auf der einen Seite an einem hohen Anteil der Waren- und Dienstleistungsexporte gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP). 2024 betrug die sogenannte Exportquote in der Schweiz 72,5 Prozent, in \u00d6sterreich 52 Prozent.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite zeigt sich die Offenheit aber auch an einem hohen Anteil importierter Vorleistungen zur Produktion von G\u00fctern und Exportprodukten. Ein typisches Beispiel f\u00fcr die Schweiz sind etwa Kakaoimporte zur Herstellung von Schokolade, in \u00d6sterreich sind es beispielsweise technische Vorprodukte in der Automobilproduktion oder elektronische Bauteile in der Elektronikindustrie.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Welche inl\u00e4ndische Wertsch\u00f6pfung steckt in Exporten?<\/h2>\n<p>M\u00f6chte man nun wissen, wie wichtig ein Exportland ist, ist die Exportquote allerdings irref\u00fchrend. Denn sie stellt den Wert der Exporte der inl\u00e4ndischen Wertsch\u00f6pfung gegen\u00fcber, die das BIP misst. In den exportierten G\u00fctern und Dienstleistungen steckt jedoch nicht nur inl\u00e4ndische Wertsch\u00f6pfung, sondern eben auch ausl\u00e4ndische Wertsch\u00f6pfung in Form von importierten Vorleistungen. Aussagekr\u00e4ftiger als die Exportquote ist daher der \u00abWertsch\u00f6pfungsgehalt\u00bb der Exporte.<\/p>\n<p>Gem\u00e4ss dieser Kennzahl werden in der Schweiz fast 50 Prozent des BIP im Ausland erwirtschaftet, nicht 72,5 Prozent, wie es die Exportquote suggeriert. In \u00d6sterreich sind es rund 30 Prozent anstatt der 52 Prozent (siehe Abbildung 1). <a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Dennoch: Mit diesem Wertsch\u00f6pfungsanteil der Exporte liegt die Schweiz weit vor ihren Nachbarl\u00e4ndern. Zum Vergleich: Frankreich und Italien erwirtschaften etwa 22 Prozent des BIP mit Exporten, Deutschland etwa 27 Prozent. Die Schweiz positioniert sich damit aber auch vor den osteurop\u00e4ischen Nachbarl\u00e4ndern \u00d6sterreichs: In Slowenien sind es 39 Prozent, in der Slowakei 38 Prozent, in Ungarn 37 Prozent und in Tschechien 35 Prozent. \u00d6sterreich ist beim Wertsch\u00f6pfungsanteil der Exporte immerhin vor seinen Nachbarn Italien und Deutschland.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Unter den Nachbarstaaten \u00d6sterreichs ist die Schweiz drittgr\u00f6sster Handelspartner<\/h2>\n<p>\u00d6sterreich und auch die Schweiz sind beim Handel stark in europ\u00e4ische Wertsch\u00f6pfungsketten integriert. Im Falle \u00d6sterreichs wird oft die Verflechtung mit den osteurop\u00e4ischen Nachbarl\u00e4ndern betont. Gemessen an den Wertsch\u00f6pfungsexporten rangiert die Schweiz jedoch vor diesen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Insgesamt ist die Schweiz der drittwichtigste Handelspartner unter den \u00f6sterreichischen Nachbarl\u00e4ndern \u2013 nach Deutschland und Italien. 5,4 Prozent der \u00f6sterreichischen Exporte gehen in die Schweiz. Zum Vergleich: Kumuliert gehen 8,7 Prozent der \u00f6sterreichischen Exporte in die vier osteurop\u00e4ischen Nachbarn \u00d6sterreichs: Ungarn (3,7%), Tschechien (2,4%), Slowakei (1,5%) und Slowenien (1,1%). Auch beim Exportanteil ist die Schweiz f\u00fcr \u00d6sterreich also bedeutend.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Wertsch\u00f6pfungsanteil der Exporte je Land (2023)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"STEHRER_4-2026_ABB1_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n$(function () {\n    $('#STEHRER_4-2026_ABB1_DE').highcharts({     \n\nchart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\nlegend: {\n    enabled: false\n},\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n        categories: [\n            'Irland','Luxemburg','<b>Schweiz<\/b>','Malta','Bulgarien','Norwegen','<b>Slowenien<\/b>','Lettland','<b>Slowakei<\/b>','Niederlande','<b>Ungarn<\/b>','Zypern','Estland','Polen','<b>Tschechien<\/b>','D\u00e4nemark','Belgien','Litauen','Schweden','\u00d6sterreich','<b>Deutschland<\/b>','Rum\u00e4nien','Finnland','Spanien','Portugal','Grossbritannien','Frankreich','<b>Italien<\/b>','Kroatien','Griechenland','Japan','China','USA'\n\n     \n        ],\n        crosshair: true\n    },\n    yAxis: {\n        min: 0,\n        title: {\n            text: 'Wertsch\u00f6pfungsanteil am BIP'\n     },  labels: {format: '{value}%'},\n    },\n    tooltip: {\n        headerFormat: '<span style=\"font-size:10px\">{point.key}<\/span><table>',\n        pointFormat: '<tr><td style=\"color:{series.color};padding:0\">{series.name}: <\/td>' +\n            '<td style=\"padding:0\"><b> {point.y:.1f}%<\/b><\/td><\/tr>',\n        footerFormat: '<\/table>',\n        shared: true,\n        useHTML: true\n    },\n    plotOptions: {\n        column: {\n            pointPadding: 0.1,\n            borderWidth: 0,\ndataLabels: {\n            enabled: true,\n            format: '{y:.1f}',\nrotation: -45,\nalign: 'left',\n    y: -5,\nallowOverlap: true,\n    crop: false,\n    overflow: 'none',\n            style: {\n                fontSize: '10px'\n            }\n      }\n}\n    },\n    series: [{\n        name: 'Wertsch\u00f6pfungsanteil der Exporte',\n        data: [70.3,59.6,48.1,47.6,39.5,39.2,38.8,38.6,37.8,37.2,36.7,36.5,36.4,36.3,34.5,34.5,33.9,33.1,31,{ y: 30.6, color: '#f07c2c' },27.1,26.7,25.8,23.6,22.9,22.1,22,21.9,19.8,19.4,18.4,15.7,8],color: '#5a7298'\n\n    }\n   \n   ]\n});\n});\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Alle Nachbarstaaten \u00d6sterreichs sind fett markiert (f\u00fcr Liechtenstein sind dazu keine Daten verf\u00fcgbar).<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Lesebeispiel: Die Schweiz erwirtschaftet mit seinen Exporten knapp die H\u00e4lfte des BIP. In \u00d6sterreich betr\u00e4gt dieser Anteil 30 Prozent.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Eurostat\/Figaro, eigene Berechnungen des Autors | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<p>Umgekehrt machen Schweizer G\u00fcter und Dienstleistungen an den Gesamteinfuhren \u00d6sterreichs 5,9 Prozent aus. Die Schweiz kommt nach Deutschland und Italien an dritter Stelle. Die vier osteurop\u00e4ischen Nachbarn \u00d6sterreichs kommen kumuliert auf einen Anteil von 9,4 Prozent.<\/p>\n<p>Wie wichtig die Schweiz als Handelspartner f\u00fcr \u00d6sterreich ist, zeigt sich auch aus einer detaillierten Firmenanalyse. Insgesamt exportieren n\u00e4mlich mehr als 11\u2019000 \u00f6sterreichische Firmen des verarbeitenden Gewerbes in die Schweiz. Das sind deutlich mehr als die 7000 Unternehmen, die in den grossen Nachbarn Deutschland exportieren.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Anders sieht es allerdings bei den Importen nach \u00d6sterreich aus: Hier importieren rund 11\u2019300 Firmen aus Deutschland, w\u00e4hrend es nur 10\u2019500 sind, die aus der Schweiz importieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Gegenseitige Export-Booster<\/h2>\n<p>Unsere Kurzanalyse zeigt auch: Die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und \u00d6sterreich sind intensiv, mit tiefer gegenseitiger Einbindung in globale Wertsch\u00f6pfungsketten. Da beide L\u00e4nder stark exportorientiert sind, sind die beiden M\u00e4rkte f\u00fcreinander wichtiger, als man aufgrund ihrer kleinen Staats- und Bev\u00f6lkerungsgr\u00f6sse erwarten w\u00fcrde. Die Schweiz ist, gemessen am Wertsch\u00f6pfungsanteil ihrer Exporte, f\u00fcr \u00d6sterreich der \u00abglobalste\u00bb Nachbarstaat.<\/p>\n<p>Insgesamt steckten im Jahr 2023 3,4 Milliarden Euro \u00f6sterreichische Wertsch\u00f6pfung in den \u00f6sterreichischen Waren- und Dienstleistungsexporten in die Schweiz.<\/p>\n<p>Und auch umgekehrt stecken 3,8 Milliarden Euro Schweizer Wertsch\u00f6pfung in \u00f6sterreichischen Exporten und damit (teilweise) auch in osteurop\u00e4ischen M\u00e4rkten. Denn etwa ein Zehntel der Exporte gehen von \u00d6sterreich in die osteurop\u00e4ischen Nachbarl\u00e4nder.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Link zwischen Europ\u00e4ischer Werkbank und Blauer Banane<\/h2>\n<p>Doch die Bedeutung der beiden L\u00e4nder geht dar\u00fcber hinaus. Denn die Schweiz und \u00d6sterreich stellen durch ihren gegenseitigen Handel eine wichtige Verbindung her zwischen zwei europ\u00e4ischen Zonen: der sogenannten Blauen Banane, zu der die Schweiz geh\u00f6rt, und dem European Manufacturing Core, zu dem \u00d6sterreich gez\u00e4hlt wird (siehe Abbildung 2).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Schweiz und \u00d6sterreich: Verbindungsglied zweier Wirtschaftsr\u00e4ume<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/04\/DV_03-26_Stehrer_DE.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-219711\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/04\/DV_03-26_Stehrer_DE-1024x679.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"530\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/04\/DV_03-26_Stehrer_DE-1024x679.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/04\/DV_03-26_Stehrer_DE-300x199.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/04\/DV_03-26_Stehrer_DE-768x509.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/04\/DV_03-26_Stehrer_DE-1536x1019.png 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/04\/DV_03-26_Stehrer_DE.png 1735w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"diagram-legend\">Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<p>Die Blaue Banane beschreibt ein dicht besiedeltes und wirtschaftlich aktives europ\u00e4isches Zentrum, das sich bananenf\u00f6rmig von Nordengland \u00fcber die Benelux-Staaten bis nach Norditalien zieht. Der European Manufacturing Core bezeichnet ein daran angrenzendes Gebiet, bestehend aus Deutschland, \u00d6sterreich und den vier osteurop\u00e4ischen Visegrad-Staaten Polen, Ungarn, Tschechien und Slowakei. Dieses Gebiet steht f\u00fcr einen hohen Anteil an industrieller Wertsch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Durch die Handelsbeziehungen zwischen \u00d6sterreich und der Schweiz verbinden sich diese beiden Zonen. Das macht die beiden L\u00e4nder zu einem wichtigen Faktor f\u00fcr die Resilienz europ\u00e4ischer Lieferketten und der europ\u00e4ischen Industrie.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Berechnungen basierend auf den Figaro-Daten von Eurostat.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Stehrer, R. (2026). Struktur und Dynamik von Firmen und Produkten im \u00f6sterreichischen Aussenhandel, wiiw Research Report in German language, No. 34.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweiz und \u00d6sterreich verbindet mehr als die Flaggenfarben und die Alpen. Auch was den internationalen Handel angeht, gibt es \u00c4hnlichkeiten: Beide L\u00e4nder sind kleine offene Volkswirtschaften. 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