{"id":219061,"date":"2026-04-02T07:00:21","date_gmt":"2026-04-02T05:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=219061"},"modified":"2026-04-02T15:21:38","modified_gmt":"2026-04-02T13:21:38","slug":"qualitaet-vor-quantitaet-oesterreich-richtet-seinen-tourismus-neu-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/04\/qualitaet-vor-quantitaet-oesterreich-richtet-seinen-tourismus-neu-aus\/","title":{"rendered":"Qualit\u00e4t vor Quantit\u00e4t: \u00d6sterreich richtet seinen Tourismus neu aus"},"content":{"rendered":"<p>Skifahren in Ischgl, Gem\u00fctlichkeit in Wiener Kaffeeh\u00e4usern, Schlendern durch Museen oder Radeln durch Weinberge: Wer an \u00d6sterreich denkt, denkt oft an Aktivferien oder kulturelle St\u00e4dtetrips. Zu Recht. Denn der Tourismus pr\u00e4gt die \u00f6sterreichische Wirtschaftsstruktur seit Jahrzehnten.<\/p>\n<p>Bereits in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Tourismus in \u00d6sterreich \u2013 insbesondere in alpinen Regionen \u2013 zu einer tragenden S\u00e4ule regionaler Wertsch\u00f6pfung. In vielen T\u00e4lern ersetzte er industrielle Arbeitspl\u00e4tze oder erg\u00e4nzte eine kleinteilige Landwirtschaft.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie in der Schweiz entstand ein stark tourismusabh\u00e4ngiger Alpenraum, in dem der Sektor nicht nur Einkommen generiert, sondern ganze Regionen pr\u00e4gt: In Tirol und Salzburg etwa sichern Hotels, Seilbahnen, Gastronomie und Freizeitangebote den Grossteil der lokalen Besch\u00e4ftigung. W\u00e4hrend die Schweiz fr\u00fch auf eine hochpreisige Ferienwirtschaft setzte, zielte \u00d6sterreich auf breite Bev\u00f6lkerungsschichten und baute ein st\u00e4rker volumenorientiertes Tourismusmodell auf. Die Anzahl \u00dcbernachtungen macht das deutlich: 2024 verzeichnete \u00d6sterreich 154 Millionen touristische \u00dcbernachtungen, w\u00e4hrend es in der Schweiz nur rund 60 Millionen waren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Tourismus in \u00d6sterreich und der Schweiz im Vergleich<\/h2>\n<p>Gesamtwirtschaftlich ist der Tourismus f\u00fcr \u00d6sterreich wichtiger als f\u00fcr die Schweiz: Vor der Pandemie lag der direkte Beitrag zum Bruttoinlandprodukt in \u00d6sterreich stabil bei rund 4,4 Prozent. In den Pandemiejahren 2020\/21 fiel er krisenbedingt deutlich unter 3 Prozent, bevor er 2023 wieder gut 4 Prozent erreichte. In der Schweiz betrug der Anteil 2023 2,7 Prozent (siehe Abbildung 1).<\/p>\n<p>Doch der Sektor ist nicht nur ein bedeutender direkter Arbeitgeber, er hat auch indirekt erhebliche regionale Hebelwirkung \u2013 insbesondere in alpinen und peripheren Regionen. Denn vom Tourismus profitieren indirekt auch andere Branchen wie die Lebensmittelproduktion, der Handel, der Bau und das Handwerk. Rechnet man solche indirekten Effekte entlang der Wertsch\u00f6pfungsketten hinzu, steigt der Anteil 2023 auf 7,3 Prozent des BIP. Der indirekte Anteil in der Schweiz betr\u00e4gt 2023 rund 4,6 Prozent.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: In \u00d6sterreich hat der Tourismus den gr\u00f6sseren Anteil am BIP als in der Schweiz (2018-2023)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"EGGER_4-2026_ABB1_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#EGGER_4-2026_ABB1_DE').highcharts({     \n\n chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: [\n        \n2018,2019,2020,2021,2022,2023],\n\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        labels: {\n                format: '{value}%'\n            },\n       \n    },\n     tooltip: {\n     headerFormat: '<b>{point.x} <\/b><br>',\n     valueSuffix: '%'\n   \n   \n        },\n    plotOptions: {\n        line: {\n    \n\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n            enableMouseTracking: true\n        },\n        series: {\nmarker: {\nenabled: false\n}\n}\n    },\n    series: [{\n        name: '\u00d6sterreich direkt',\n        data: [4.4,4.4,2.7,2.2,3.8,4.2],color: '#4b83c9'\n    }, {\n        name: '\u00d6sterreich indirekt',\n        data: [7.6,7.6,4.66,3.8,6.56,7.25],color: '#66b6bc'\n       \n           },  \n           {\n        name: 'Schweiz direkt',\n        data: [2.9,2.9,1.9,2.9,2.3,2.7],color: '#ff730D'\n       \n           },\n{\n        name: 'Schweiz indirekt',\n        data: [4.93,4.93,3.23,4.93,3.91,4.59], color: '#ffcf54'\n    }\n           \n           \n           \n           \n           ]\n});\n\n\n\n\n});\n\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Statistik Austria, Bundesamt f\u00fcr Statistik | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<p>In \u00d6sterreich machte die Pandemie deutlich sichtbar, wie abh\u00e4ngig der Tourismus von G\u00e4sten aus dem Ausland ist. Der Einbruch des BIP-Anteils war in \u00d6sterreich n\u00e4mlich deutlich st\u00e4rker als in der Schweiz. Denn w\u00e4hrend in der Schweiz die einheimischen G\u00e4ste rund die H\u00e4lfte der \u00dcbernachtungen ausmachen, ist es in \u00d6sterreich nur rund ein Viertel (siehe Abbildung 2).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ganzj\u00e4hrig lautet die Devise<\/h2>\n<p>Gleichzeitig versch\u00e4rfen Klimawandel und Arbeitskr\u00e4ftemangel den Anpassungsdruck auf Tourismusdestinationen im gesamten Alpenraum. Und auch das Reiseverhalten ver\u00e4ndert sich: G\u00e4ste reisen h\u00e4ufiger, aber k\u00fcrzer und interessieren sich st\u00e4rker f\u00fcr Natur-, Wellness- oder Kulturangebote ausserhalb klassischer Wintersportferien. Die Zahl der klassischen Skiferien nimmt langfristig eher ab. Dadurch steigt der Wettbewerb zwischen den Destinationen \u2013 auch zwischen \u00f6sterreichischen und schweizerischen Wintersportorten.<\/p>\n<p>Die strategische Antwort \u00d6sterreichs lautet deshalb: Transformation hin zu einem ganzj\u00e4hrig ausgerichteten Qualit\u00e4tstourismus. Ziel ist es, zus\u00e4tzliche Nachfrage ausserhalb der klassischen Hochsaisonen zu schaffen und die wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit vom Wintersport zu reduzieren.<\/p>\n<p>Ein Kernziel dieser Strategie ist es, die \u00dcbernachtungszahlen unabh\u00e4ngiger zu machen von Winter- und Sommersaison. Immer wichtiger wird die Zwischensaison: Die vier Monate April, Mai, Oktober und November, die insgesamt ein Drittel des Jahres ausmachen, sind heute erst f\u00fcr rund 20 Prozent der gesamten \u00dcbernachtungen in \u00d6sterreich verantwortlich.<\/p>\n<p>Eine wichtige Rolle in der Zwischensaison spielt der Kongress- und Tagungstourismus: Mit rund 27\u2019000 gr\u00f6sseren und kleineren Veranstaltungen pro Jahr \u2013 darunter fallen Kongresse, Fachmessen oder Konferenzen \u2013 wirkt dieser Sektor stabilisierend, da viele Events bewusst ausserhalb der Hochsaison Wertsch\u00f6pfung generieren.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Mehr Qualit\u00e4t und Wertsch\u00f6pfung<\/h2>\n<p>Doch letztlich bleibt der Winter (Dezember\u2013M\u00e4rz) zentral mit 55 bis 60 Prozent Wertsch\u00f6pfungsanteil am Gesamttourismus. Die Ausgaben pro Gast sind im Winter deutlich h\u00f6her als im Sommer. Studien zeigen, dass Winterg\u00e4ste im Schnitt rund 185 Euro pro Tag ausgeben, w\u00e4hrend es im Sommer etwa 160 Euro sind. Ziel ist es daher, Angebote abseits des klassischen Wintersports zu st\u00e4rken, die ganzj\u00e4hrig m\u00f6glich sind. Diese Diversifikation ist nicht nur aus Klimasicht sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich: Hotels, Bergbahnen und touristische Infrastruktur lassen sich so besser \u00fcber das ganze Jahr auslasten.<\/p>\n<p>Parallel dazu will \u00d6sterreich den Fokus von Volumen hin zu Qualit\u00e4t verschieben. Konkret soll die Wertsch\u00f6pfung pro Gast erh\u00f6ht werden, statt prim\u00e4r die Anzahl \u00dcbernachtungen zu maximieren. G\u00e4ste aus den USA oder Teilen Asiens weisen deutlich h\u00f6here Tagesausgaben auf als G\u00e4ste aus europ\u00e4ischen Nahm\u00e4rkten. W\u00e4hrend G\u00e4ste aus Europa bei ihrem Aufenthalt in \u00d6sterreich durchschnittlich 171 Euro pro Tag ausgeben, geben G\u00e4ste aus Nordamerika rund 340 Euro und G\u00e4ste aus Asien im Durchschnitt sogar 392 Euro pro Tag aus. Der Anteil der G\u00e4ste aus diesen Regionen soll also gesteigert werden. Auch dynamische Preismodelle im Wintersport gewinnen an Bedeutung, um die G\u00e4stezahl besser verteilen zu k\u00f6nnen, anstatt m\u00f6glichst viele anzulocken.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Regional verankert<\/h2>\n<p>Diese st\u00e4rkere internationale Ausrichtung ist jedoch umstritten. Einerseits wird die Qualit\u00e4tsstrategie \u00d6sterreichs kritisiert, weil h\u00f6here Pro-Kopf-Ausgaben h\u00e4ufig mit einer st\u00e4rkeren Ausrichtung auf wirtschaftlich attraktive Fernm\u00e4rkte verbunden sind und die Anreise aus diesen L\u00e4ndern einen h\u00f6heren \u00f6kologischen Fussabdruck verursacht.<\/p>\n<p>Andererseits bleibt der \u00f6sterreichische Zielmarkt stark im deutschsprachigen Raum verankert. Rund zwei Drittel aller \u00dcbernachtungen entfielen 2024 auf G\u00e4ste aus Deutschland, \u00d6sterreich oder der Schweiz (siehe Abbildung 2). Das stabilisiert die Nachfrage, weil diese G\u00e4ste kurzfristiger und konjunkturunabh\u00e4ngiger reisen. Gleichzeitig reagieren sie jedoch st\u00e4rker auf Preis\u00e4nderungen als Fernreisende im hochpreisigen Segment.<\/p>\n<p>In der Schweiz herrscht vielerorts ein strukturell h\u00f6heres Preisniveau. Diese klare Premiumpositionierung spricht tendenziell weniger preissensible G\u00e4ste an, setzt jedoch entsprechend hohe Produktivit\u00e4t voraus. \u00d6sterreich hingegen ist breiter aufgestellt und damit marktf\u00e4hig in mehreren Segmenten, wenn auch weniger verankert im oberen Preissegment. Dieses diversifiziertere Modell mit gr\u00f6sserer Marktabdeckung hat auch Vorteile, selbst wenn im mittleren Segment der Wettbewerbsdruck h\u00f6her ist.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Anteil Logiern\u00e4chte in \u00d6sterreich nach Herkunftsland (2025)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='EGGER_4-2026_ABB2_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#EGGER_4-2026_ABB2_de').highcharts({ \n\n      chart: {\n        plotBackgroundColor: null,\n        plotBorderWidth: null,\n        plotShadow: false,\n        type: 'pie'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '{series.name} <b>{point.percentage:.1f}%<\/b>'\n    },\n    accessibility: {\n        point: {\n            valueSuffix: '%'\n        }\n    },\n    plotOptions: {\n        pie: {\n        size: 300,\n        \n            allowPointSelect: true,\n            cursor: 'pointer',\n            dataLabels: {\n                enabled: true,\n                padding: 2,\n      style: {\n        fontSize: '10px'\n      },\n                format: '<b>{point.name}<\/b> <br>{point.y}%',\n            }\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: '',\n        colorByPoint: true,\n        data: [{\n            name: 'Deutschland',\n            y: 37.2,\ncolor: '#94001b',\n            sliced: false,\n            selected: false\n        }, {\n            name: '\u00d6sterreich',\n            y: 25.7,color: '#ff730D'\n        }, {\n            name: 'Niederlande',\n            y: 7.2,color: '#66b6bc'\n          }, {\n            name: 'Schweiz und Liechtenstein',\n            y: 2.8,color: '#ffcf54'\n        }, {\n            name: 'Tschechien',\n            y: 2.6,color: '#4b83c9'\n          }, {\n            name: '\u00fcbrige L\u00e4nder',\n            y: 24.6,color: '#21704d'\n          }]\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Statistik Austria Austria | Grafik: Die Volkwirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Produktivit\u00e4t steigern<\/h2>\n<p>Anpassungsdruck im \u00f6sterreichischen Tourismus besteht auch beim Arbeitsmarkt. Kurzfristige Massnahmen gegen den Fachkr\u00e4ftemangel wie erweiterte Saisonkontingente f\u00fcr ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte schaffen zwar Entlastung, l\u00f6sen jedoch nicht die grundlegende Produktivit\u00e4tsfrage.<\/p>\n<p>Diese besteht n\u00e4mlich darin, mit begrenzten Arbeitskr\u00e4ften mehr Wertsch\u00f6pfung zu generieren. Betriebe m\u00fcssen ihre Abl\u00e4ufe effizienter organisieren, st\u00e4rker digitalisieren und ihre Mitarbeitenden besser qualifizieren. Dass dies m\u00f6glich ist, zeigt die Schweiz: Dort haben hohe Lohnkosten seit Jahren dazu gef\u00fchrt, dass Betriebe st\u00e4rker auf Effizienz und Produktivit\u00e4t achten. Im Alpenraum entscheidet heute nicht mehr die sch\u00f6nere Landschaft, sondern das tragf\u00e4higere Modell.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich richtet seinen Tourismus neu aus \u2013 mit dem Anspruch, Wertsch\u00f6pfung, Nachhaltigkeit und Akzeptanz in der Bev\u00f6lkerung langfristig zu verbinden. Ob dieser Weg erfolgreich ist, wird sich nicht an Rekord\u00fcbernachtungen zeigen, sondern daran, wie resilient das System auf externe Krisen reagiert und wie produktiv es in einem Umfeld mit zunehmendem Wettbewerbsdruck bleibt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Skifahren in Ischgl, Gem\u00fctlichkeit in Wiener Kaffeeh\u00e4usern, Schlendern durch Museen oder Radeln durch Weinberge: Wer an \u00d6sterreich denkt, denkt oft an Aktivferien oder kulturelle St\u00e4dtetrips. Zu Recht. Denn der Tourismus pr\u00e4gt die \u00f6sterreichische Wirtschaftsstruktur seit Jahrzehnten. Bereits in der zweiten H\u00e4lfte des 20. 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