{"id":219530,"date":"2026-05-07T07:00:14","date_gmt":"2026-05-07T05:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=219530"},"modified":"2026-05-07T11:58:48","modified_gmt":"2026-05-07T09:58:48","slug":"die-besonderen-herausforderungen-bei-der-stromversorgungssicherheit-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/05\/die-besonderen-herausforderungen-bei-der-stromversorgungssicherheit-in-der-schweiz\/","title":{"rendered":"Die besonderen Herausforderungen bei der Stromversorgungssicherheit in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Ein Zusammenbruch der Stromversorgung, ein Blackout, ist mit einschneidenden Konsequenzen f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft verbunden. Je nach Sch\u00e4tzmethode wird f\u00fcr europ\u00e4ische L\u00e4nder der \u00f6konomische Schaden pro nicht gelieferter Energieeinheit auf 5000 bis 55\u2019000 Euro pro Megawattstunde (MWh)<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a> beziffert. Basierend auf makro\u00f6konomischen Daten sind es ungef\u00e4hr 5000 bis 15\u2019000 Euro. Aufgrund der relativ st\u00e4rkeren Wirtschaftsleistung d\u00fcrfte der Wert f\u00fcr die Schweiz etwas h\u00f6her sein.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Bislang blieb die Schweiz von einem grossfl\u00e4chigen Blackout verschont. Das hat auch damit zu tun, dass die Versorgung relativ resilient aufgestellt ist. Erstens verf\u00fcgt die Schweiz \u00fcber grosse Produktionskapazit\u00e4ten im Vergleich zum maximalen Verbrauch, der sogenannten Last, die rund 10 Gigawatt (GW) betr\u00e4gt. Allein die Leistung von Wasser- und Kernkraftwerken ist etwa doppelt so hoch. Beide Technologien sind im Betrieb nicht auf den Input fossiler Brennstoffe angewiesen, deren kurzfristige Verf\u00fcgbarkeit etwa mit der geopolitischen Situation variiert. Insgesamt ist die installierte Produktionskapazit\u00e4t unter Ber\u00fccksichtigung weiterer Technologien wie der Photovoltaik aktuell sogar rund dreimal so hoch wie die Maximallast.<\/p>\n<p>Zweitens ist ein grosser Teil dieser Produktion flexibel und kann kurzfristig an Bedarfsver\u00e4nderungen angepasst werden. So betr\u00e4gt die Leistung von Speicher- und Pumpspeicherkraftwerken etwa 11 GW. Drittens ist die Schweiz \u00fcber 41 grenz\u00fcberschreitende Leitungen sehr eng mit dem europ\u00e4ischen Verbundnetz verkn\u00fcpft \u2013 durchschnittlich w\u00e4ren Importe von etwa 6 GW m\u00f6glich.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Kritisches Winterende<\/h2>\n<p>Kraftwerkskapazit\u00e4ten sind aber nicht in jedem Fall f\u00fcr die Stromproduktion verf\u00fcgbar. Das ist offensichtlich bei Photovoltaikanlagen, die auf Sonnenlicht angewiesen und daher auch im Winter generell weniger verf\u00fcgbar sind. Auch Laufwasserkraftwerke produzieren vor allem im Sommer \u2013 weshalb die Schweiz im Winter meist Nettoimporteur von Strom ist (siehe Abbildung). Zudem variiert die Laufwasserproduktion stark mit der Witterung: Im Winter 2023\/24 lieferte sie rund 7600 Gigawattstunden (GWh), 2021\/22 rund 5200 GWh. Die Speicherkraftwerke werden zu grossen Teilen \u00fcber die Sommermonate gef\u00fcllt, sodass sie zu Beginn des Winters und damit der Periode mit h\u00f6heren Strommarktpreisen verf\u00fcgbar sind. Mit einem Volumen von knapp 9000 GWh k\u00f6nnen sie mehr als ein Viertel des Landesverbrauchs im Winter decken. Bis gegen Ende des Winters werden die Speicher zu grossen Teilen geleert, beziehungsweise deren Energie wird am Markt verkauft. Sind die Strompreise im fr\u00fchen Winter besonders hoch, bestehen Anreize, die Speicher rascher zu entleeren. Sollte am Winterende unerwartet erh\u00f6hter Strombedarf auftreten, k\u00f6nnte das Angebot knapp werden.<\/p>\n<p>Der Winter 2025\/26 illustriert die Bedeutung der Kernkraft. Aufgrund von Revisionsarbeiten und Reparaturen war das Kernkraftwerk G\u00f6sgen zwischen Mai 2025 und M\u00e4rz 2026 ausser Betrieb. Im Normalfall produziert das zweitgr\u00f6sste Schweizer Kernkraftwerk j\u00e4hrlich etwa 8000 GWh Strom, etwas mehr als die H\u00e4lfte davon im Winter. Der Ausfall einer so grossen Anlage f\u00e4llt in einem kleinen Land stark ins Gewicht: Die Schweiz importierte in diesem Winter netto rund 7000 GWh \u2013 aus Sicht der Versorgungssicherheit besteht daher eine Art Klumpenrisiko. Der Ausbau der erneuerbaren Energien tr\u00e4gt inzwischen zwar sp\u00fcrbar zur Winterversorgung bei. So war die Photovoltaikproduktion in den Wintern 2024\/25 und 2025\/26 bereits gr\u00f6sser als jene des Kernkraftwerks Beznau I, doch ist das noch immer weniger als die Schwankungen bei der gesamten Wasserkraftproduktion.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Stromproduktion und Nettoimporte in der Schweiz im Winterhalbjahr<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='MEISTER_05-2026_DE'><\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n\n$('#MEISTER_05-2026_DE').highcharts({\n\ncolors: [\"#4b83c9\", \"#ff730D\", \"#66b6bc\", \"#ffcf54\", \"#94001b\"],\n\nchart: {\n    type: 'column'\n},\n\ntitle: {\n    text: ''\n},\n\nsubtitle: {\n    text: ''\n},\n\nxAxis: {\n    categories: ['2017\/18','2018\/19','2019\/20','2020\/21','2021\/22','2022\/23','2023\/24','2024\/25','2025\/26'],\n    title: {\n        text: ''\n    }\n},\n\nyAxis: {\n    title: {\n        text: 'Terawattstunden'\n    },\n    labels: {\n        formatter: function () {\n            return Highcharts.numberFormat(this.value, 0, ',', '.');\n        }\n    }\n},\n\ntooltip: {\n    pointFormatter: function () {\n        return '<span style=\"color:' + this.color + '\">\\u25CF<\/span> ' +\n               this.series.name + ': <b>' +\n               Highcharts.numberFormat(this.y, 1, ',', '.') +\n               ' TWh<\/b><br>';\n    }\n},\n\nplotOptions: {\n    column: {\n        borderWidth: 0,\n        grouping: true\n    },\n    series: {\n        dataLabels: {\n            enabled: false\n        }\n    }\n},\n\nseries: [\n{\n    name: 'Wasserkraft',\n    data: [16.7,15.1,18.4,18.1,14.7,15.7,20.6,18.4,16.1]\n},\n{\n    name: 'Kernkraft',\n    data: [10.2,13.0,13.5,12.5,10.9,12.9,13.0,12.6,8.5]\n},\n{\n    name: 'Photovoltaik',\n    data: [0.5,0.6,0.7,0.7,1.0,1.1,1.4,1.8,2.4]\n},\n{\n    name: 'Andere',\n    data: [2.1,2.2,2.4,2.2,2.2,2.0,2.0,2.0,2.0]\n},\n{\n    name: 'Nettoimport',\n    data: [6.7,4.6,-0.5,1.8,7.8,3.6,-2.0,0.7,6.9]\n}\n]\n\n});\n\n});\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Bundesamt f\u00fcr Energie | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Stresssituationen absichern<\/h2>\n<p>Gerade f\u00fcr ein kleines Land sind Importe eine wichtige Absicherung f\u00fcr die Versorgungssicherheit. M\u00fcsste sich die Schweiz jederzeit selbst versorgen, br\u00e4uchte es weit gr\u00f6ssere Produktionskapazit\u00e4ten. Schliesslich m\u00fcsste der inl\u00e4ndische Produktionspark auch f\u00e4hig sein, ausserordentliche Situationen abzusichern, etwa den gleichzeitigen Ausfall eines oder mehrerer Kernkraftwerke w\u00e4hrend einer Trockenphase mit reduzierter Stromproduktion aus Wasserkraft. Dar\u00fcber hinaus zeigen Analysen, dass h\u00f6here Importkapazit\u00e4ten im Netz auch dann wesentlich zur Versorgungssicherheit im Inland beitragen, wenn Strom im Ausland ebenfalls knapp ist.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><\/a> Im europ\u00e4ischen Stromsystem mit wachsender Produktion aus erneuerbarer Energie bestehen auch in generell angespannten Versorgungssituationen immer wieder Phasen mit Produktions\u00fcbersch\u00fcssen. Die Schweiz mit ihrem flexiblen Kraftwerkspark kann aufgrund der hohen Importkapazit\u00e4ten flexibel eigene Produktion durch Importe ersetzen und ihre Speicher f\u00fcr kritischere Situationen schonen.<\/p>\n<p>Besonders kritisch f\u00fcr die Versorgungssicherheit sind Situationen, in denen sich unterschiedliche Ereignisse kumulieren. Mittel- und l\u00e4ngerfristig bestehen diesbez\u00fcglich grosse Unsicherheiten: Wie stark steigen Nachfragespitzen? Wie rasch kommt der Ausbau der erneuerbaren Energien voran? Wie lange bleiben die Kernkraftwerke in Betrieb? Zudem besteht\u00a0 das Risiko, dass ohne Stromabkommen mit der EU oder alternative technische Vereinbarung die Verf\u00fcgbarkeit der Importkapazit\u00e4ten signifikant abnimmt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Reserve als Versicherung<\/h2>\n<p>Mit der Winterreserve hat die Schweiz eine zus\u00e4tzliche Versicherung geschaffen. Sie kommt zum Einsatz, wenn das Angebot am Markt nicht ausreicht, um die Nachfrage zu decken. Die Winterreserve besteht aus einer Speicherreserve (Wasserkraftreserve), einer thermischen Reserve und einer \u2013 noch zu schaffenden \u2013 Verbrauchsreserve.<\/p>\n<p>Die Wasserkraftreserve verhindert, dass die Speicher bereits vor dem Winterende g\u00e4nzlich geleert werden. Betreiber halten einen Teil des Wassers zur\u00fcck und erhalten daf\u00fcr eine Entsch\u00e4digung. Dadurch soll auch in einer unerwarteten kritischen Situation am Winterende ausreichend Speicher verf\u00fcgbar sein, um die Versorgung w\u00e4hrend weniger Wochen zu \u00fcberbr\u00fccken. Die Wasserkraftreserve stellt jedoch keine zus\u00e4tzliche Energie zur Verf\u00fcgung \u2013 im Gegenteil: Sie entzieht dem Markt Energie. W\u00fcrde sie zu gross dimensioniert, k\u00f6nnte im Winter umso fr\u00fcher eine Knappheit auftreten, die durch Aufl\u00f6sung der Reserve adressiert werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzliche Energie kann die thermische Reserve in das System einbringen. Sie besteht aus Reservekraftwerken, die mit \u00d6l oder Gas betrieben werden k\u00f6nnen, sowie Notstromgruppen, die aggregiert als Reserven eingesetzt werden k\u00f6nnen. Bei solchen Anlagen sind die Fixkosten im Vergleich zu den Betriebskosten relativ tief. Weil aber die Anlagen ausserhalb des Markts und als Versicherung f\u00fcr Stresssituationen konzipiert sind, ist ihr Einsatz auf ein Minimum beschr\u00e4nkt \u2013 und damit auch die Betriebskosten sowie ihr CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Acer (2024), S. 13.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Bei einem mittleren t\u00e4glichen Stromendverbrauch in der Schweiz 2025 von rund 159\u2019000 MWh l\u00e4ge der Schaden pro Tag \u00fcber 2 Milliarden Franken. Siehe BFE (2026).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Swissgrid (2025).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Zusammenbruch der Stromversorgung, ein Blackout, ist mit einschneidenden Konsequenzen f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft verbunden. Je nach Sch\u00e4tzmethode wird f\u00fcr europ\u00e4ische L\u00e4nder der \u00f6konomische Schaden pro nicht gelieferter Energieeinheit auf 5000 bis 55\u2019000 Euro pro Megawattstunde (MWh) beziffert. Basierend auf makro\u00f6konomischen Daten sind es ungef\u00e4hr 5000 bis 15\u2019000 Euro. 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M\u00e4rz.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">European Union Aency for the Cooperation of Energy Regulators \u2013 Acer (2024). <a href=\"https:\/\/www.acer.europa.eu\/sites\/default\/files\/documents\/Publications\/Security_of_EU_electricity_supply_2024.pdf\">Security of EU Electricity Supply 2024 Monitoring Report.<\/a> 16 Dezember.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Swissgrid (2025). <a href=\"https:\/\/www.elcom.admin.ch\/dam\/de\/sd-web\/6QE7IJqI4ntz\/system-adequacy-2028-2023-2035.pdf\">System Adequacy 2028, 2030 und 2035, Technischer Bericht<\/a> \u2013 Analyse von Swissgrid im Auftrag von Eicom. 19. 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