{"id":220292,"date":"2026-05-21T07:00:48","date_gmt":"2026-05-21T05:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=220292"},"modified":"2026-05-21T11:53:21","modified_gmt":"2026-05-21T09:53:21","slug":"eine-umweltkrise-zwei-perspektiven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/05\/eine-umweltkrise-zwei-perspektiven\/","title":{"rendered":"Eine Umweltkrise, zwei Perspektiven"},"content":{"rendered":"<p>Wer in einer umweltpolitischen Fachkommission sitzt, stellt mitunter fest: \u00d6kologie- und Wirtschaftsforschende reden zwar \u00fcber denselben Planeten, aber nicht immer \u00fcber dieselben Probleme und L\u00f6sungsans\u00e4tze. Eine neue Studie<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a> zeigt, dass diese Beobachtung kein Zufall ist.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Studie wurden weltweit 2365 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befragt, die in f\u00fchrenden Wirtschafts- oder Umweltzeitschriften publizieren. Jede Person wurde gebeten, bis zu neun Umweltprobleme zu nennen, die sie heute f\u00fcr besonders relevant h\u00e4lt. Das Ergebnis: Grunds\u00e4tzlich haben \u00d6konomie- und Umweltforschende einen gemeinsamen Nenner, nannten aber manche Umweltprobleme unterschiedlich h\u00e4ufig. Dies bedeutet, dass sie diverse Herausforderungen unterschiedlich wahrnehmen. Diese unterschiedliche Wahrnehmung k\u00f6nnte beeinflussen, welche L\u00f6sungen sie bevorzugen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Klimabezogene Probleme dominieren, aber nicht f\u00fcr alle gleich<\/h2>\n<p>Der Klimawandel ist \u00fcber alle Befragten hinweg das meistgenannte Thema: Rund 70 Prozent erw\u00e4hnen ihn. Auf Platz zwei folgt der Verlust biologischer Vielfalt mit etwa 51 Prozent. Dieser Befund \u00fcberrascht wenig. Auff\u00e4lliger ist, was die Gruppen unterscheidet (siehe Abbildung 1).<\/p>\n<p>Umweltforschende nannten im Durchschnitt mehr und thematisch breitere Problemkategorien. Dies ist erkennbar bei Umweltproblemen, die nicht direkt mit dem Kohlenstoffkreislauf zusammenh\u00e4ngen: Dort klaffen die Antworten h\u00e4ufig auseinander. Neuartige Substanzen wie Ewigkeitschemikalien und Mikroplastik wurden von rund 43 Prozent aller Befragten genannt, unter \u00d6konominnen und \u00d6konomen aber deutlich seltener als unter Umweltforschenden. Auch Themen wie Biodiversit\u00e4t, Umwandlung nat\u00fcrlicher \u00d6kosysteme, ver\u00e4nderte biogeochemische Kreisl\u00e4ufe (etwa durch \u00dcberd\u00fcngung) oder Ver\u00e4nderungen im S\u00fcsswasserbereich wurden von Umweltforschenden h\u00e4ufiger genannt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Die befragten Umweltforschenden erw\u00e4hnten manche Umweltprobleme h\u00e4ufiger als die \u00d6konomieforschenden (2026)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"SUTER_06-2026_ABB1_de\"><\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#SUTER_06-2026_ABB1_de').highcharts({\n        chart: {\n            type: 'bar'\n        },\n\n        colors: [\"#5a7298\", \"#f07c2c\", \"#66b6bc\", \"#fbc65f\", \"#8a2a1d\", \"#2d5b52\"],\n\n        title: {\n            text: ''\n        },\n\n        xAxis: {\n            categories: [\n                'Klimawandel',\n                'Biosph\u00e4renintegrit\u00e4t',\n                'Landnutzungswandel',\n                'Neuartige Substanzen',\n                'Allgemeine Verschmutzung',\n                'S\u00fcsswasserver\u00e4nderung',\n                'Luftverschmutzung',\n                'Treibhausgasemissionen',\n                'Soziale Gerechtigkeit',\n                'Gesundheit',\n                'Ozeanversauerung',\n                'Biogeochemische Fl\u00fcsse',\n                '\u00dcberbev\u00f6lkerung',\n                'Abbau der Ozonschicht',\n                'Atmosph\u00e4rische Aerosolbelastung'\n            ],\n            labels: {\n                style: {\n                    fontSize: '12px',\n                    fontFamily: 'Helvetica'\n                }\n            }\n        },\n\n        yAxis: {\n            title: {\n                text: ''\n            },\n            labels: {\n                formatter: function () {\n                    return Highcharts.numberFormat(this.value, 0, ',', '.') + '%';\n                }\n            }\n        },\n\n        tooltip: {\n            formatter: function () {\n                return '<b>' + this.x + '<\/b><br\/>' +\n                    this.series.name + ': ' +\n                    Highcharts.numberFormat(this.y, 1, ',', '.') + '%';\n            }\n        },\n\n        plotOptions: {\n            series: {\n                dataLabels: {\n                    enabled: false\n                }\n            }\n        },\n\n        series: [{\n            name: '\u00d6konomie',\n            data: [68.0, 45.1, 40.1, 38.9, 32.5, 27.7, 27.2, 19.6, 10.6, 10.2, 5.9, 5.8, 3.2, 2.3, 2.2],\n            color: '#5a7298'\n        }, {\n            name: 'Umweltwissenschaften',\n            data: [71.6, 55.1, 51.9, 46.0, 38.8, 34.4, 25.6, 18.3, 16.0, 13.5, 8.9, 11.7, 9.7, 2.2, 3.1],\n            color: '#f07c2c'\n        }]\n    });\n});\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Anteil der Forschenden, der eine bestimmte Umweltproblem-Kategorie aufgelistet haben. * kennzeichnet statistisch signifikante Unterschiede.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: <a href=\"https:\/\/iopscience.iop.org\/article\/10.1088\/2515-7620\/ae3a49\">Suter et al. (2026)<\/a> | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Problemwahrnehmung pr\u00e4gt L\u00f6sungspr\u00e4ferenz<\/h2>\n<p>Die Studie zeigt einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Problemwahrnehmung und L\u00f6sungspr\u00e4ferenzen: Wer eine gr\u00f6ssere Bandbreite an Umweltproblemen benennt, neigt auch dazu, umfassendere L\u00f6sungsstrategien mit einem h\u00f6heren Potenzial zur Eind\u00e4mmung von Umweltproblemen zu bewerten. Wer sich prim\u00e4r auf den Klimawandel konzentriert, h\u00e4lt marktbasierte Instrumente \u2013 zum Beispiel eine CO\u2082-Steuer \u2013 h\u00e4ufiger f\u00fcr besonders wirkungsvoll. Wer zus\u00e4tzlich weitere Umweltprobleme wie Biodiversit\u00e4tsverlust oder Landnutzungswandel als zentrale Herausforderungen einschliesst, sieht auch gr\u00f6sseres Potenzial in regulatorischen Eingriffen, in einer Schrumpfung der globalen Wirtschaft oder in gewaltfreiem zivilem Ungehorsam wie friedlichen Sitzblockaden oder Demonstrationen ohne Bewilligung.<\/p>\n<p>\u00dcber alle Teilnehmenden hinweg wird das gr\u00f6sste Potenzial dem technologischen Fortschritt und Umweltregulierungen zugeschrieben (siehe Abbildung 2). \u00d6konominnen und \u00d6konomen bewerten das Potenzial von marktbasierten Instrumenten und technologischem Fortschritt h\u00f6her als Umweltforschende. Umweltforschende sehen hingegen bei gewaltfreiem zivilem Ungehorsam und der Schrumpfung der globalen Wirtschaft gr\u00f6sseres Potenzial als Wirtschaftsforschende.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Wirtschaftsforschende sch\u00e4tzen das Potenzial marktbasierter L\u00f6sungen h\u00f6her ein (2026)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"SUTER_06-2026_ABB2_de\"><\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    Highcharts.chart('SUTER_06-2026_ABB2_de', {\n\n        chart: {\n            type: 'boxplot'\n        },\n\n        colors: [\"#5a7298\", \"#f07c2c\"],\n\n        title: {\n            text: ''\n        },\n\n        xAxis: {\n            categories: [\n                'Technologischer Fortschritt',\n                'Schrumpfen der Weltwirtschaft',\n                'Umweltregulierung',\n                'Freiwillige Konsumreduktion von Endnutzenden',\n                'Soziale Innovation',\n                'Gewaltfreier ziviler Ungehorsam',\n                'Marktbasierte L\u00f6sungen'\n            ],\n            labels: {\n                style: {\n                    fontSize: '12px',\n                    fontFamily: 'Helvetica'\n                }\n            }\n        },\n\n        yAxis: {\n            title: {\n                text: ''\n            },\n            min: 1,\n            max: 7,\n            tickInterval: 1\n        },\n\n        tooltip: {\n            formatter: function () {\n                return '<b>' + this.key + '<\/b><br\/>' +\n                    this.series.name + '<br\/>' +\n                    'Q1: ' + Highcharts.numberFormat(this.point.low, 0, ',', '.') + '<br\/>' +\n                    'Median: ' + Highcharts.numberFormat(this.point.median, 0, ',', '.') + '<br\/>' +\n                    'Q3: ' + Highcharts.numberFormat(this.point.q3, 0, ',', '.');\n            }\n        },\n\n        plotOptions: {\n            boxplot: {\n                medianColor: '#000000',\n                lineWidth: 1\n            }\n        },\n\n        series: [{\n            name: '\u00d6konomie',\n            data: [\n                [6, 6, 7, 7, 7], \/\/ Technologischer Fortschritt\n                [2, 2, 4, 5, 5], \/\/ Schrumpfung\n                [5, 5, 6, 7, 7], \/\/ Umweltregulierung\n                [3, 3, 5, 6, 6], \/\/ Konsumreduktion\n                [4, 4, 5, 6, 6], \/\/ Soziale Innovation\n                [2, 2, 4, 5, 5], \/\/ Ziviler Ungehorsam\n                [5, 5, 6, 7, 7]  \/\/ Marktbasierte L\u00f6sungen\n            ],\n            color: '#5a7298',\n  fillColor: '#5a7298'\n        }, {\n            name: 'Umweltwissenschaften',\n            data: [\n                [5, 5, 6, 7, 7],\n                [4, 4, 5, 7, 7],\n                [5, 5, 6, 7, 7],\n                [3, 3, 5, 6, 6],\n                [5, 5, 6, 6, 6],\n                [3, 3, 4, 5, 5],\n                [3, 3, 5, 6, 6]\n            ],\n            color: '#f07c2c',\n  fillColor: '#f07c2c'\n        }]\n    });\n});\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Die Forschenden wurden gebeten, das Potenzial von sieben Ans\u00e4tzen zur Eind\u00e4mmung von Umweltproblemen zu bewerten auf einer Skala von 1 (\u00fcberhaupt kein Potenzial) bis 7 (sehr grosses Potenzial).<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: <a href=\"https:\/\/iopscience.iop.org\/article\/10.1088\/2515-7620\/ae3a49\">Suter et al. (2026)<\/a> | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Warum Fachleute andere Schwerpunkte setzen<\/h2>\n<p>Ein naheliegender Erkl\u00e4rungsansatz liegt in der disziplin\u00e4ren Sozialisation: \u00d6konominnen und \u00d6konomen lernen, Probleme mit den Werkzeugen ihrer Disziplin zu analysieren: Preise, Anreize, Marktversagen. Der Klimawandel f\u00fcgt sich gut in diesen Rahmen. Er l\u00e4sst sich als klassische negative Externalit\u00e4t verstehen, die durch eine Bepreisung von CO\u2082-Emissionen korrigiert werden kann. Umweltforschende hingegen befassen sich beruflich tendenziell eher mit dem Zustand von \u00d6kosystemen in ihrer ganzen Komplexit\u00e4t. Das sch\u00e4rft naturgem\u00e4ss den Blick f\u00fcr Probleme, die \u00fcber Kohlenstoffemissionen hinausgehen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt wom\u00f6glich ein Publikationseffekt: Wer in einem Fachjournal f\u00fcr Umwelt\u00f6konomie ver\u00f6ffentlicht, bearbeitet tendenziell Fragen, f\u00fcr die \u00f6konomische Methoden passen. Das r\u00fcckt bestimmte Probleme in den Vordergrund.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist dabei der Befund zur Technologie: Wer weniger Umweltprobleme nennt, h\u00e4lt technologischen Fortschritt tendenziell f\u00fcr besonders wirksam. Das ist nicht unbegr\u00fcndet, denn Technologien wie erneuerbare Energien k\u00f6nnen spezifische Probleme effektiv adressieren. Allerdings k\u00f6nnen sie auch neue Belastungen erzeugen: Solaranlagen und Windparks beeintr\u00e4chtigen unter Umst\u00e4nden die lokale Biodiversit\u00e4t. Auch der Rohstoffabbau f\u00fcr die Energiewende ist mit sozialen Risiken verbunden: zum Beispiel Kinderarbeit beim Kobaltabbau oder Wasserknappheit f\u00fcr die lokale Bev\u00f6lkerung durch den hohen Wasserverbrauch der Minen. Wer von vornherein ein breiteres Spektrum an Umweltproblemen im Blick hat, kommt deshalb wom\u00f6glich eher zum Schluss, dass technologische L\u00f6sungen allein nicht ausreichen, und sieht bei systemischeren und transformativeren Ans\u00e4tzen gr\u00f6sseres Potenzial.<\/p>\n<p>Unsere Forschungsgruppe untersuchte auf Basis derselben Umfragedaten auch, was Forschende von der Idee des \u00abgr\u00fcnen Wachstums\u00bb halten \u2013 also der These, dass L\u00e4nder ihr Bruttoinlandprodukt weiter steigern k\u00f6nnen, w\u00e4hrend sie gleichzeitig die Umweltbelastung reduzieren.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Auch hier zeigen sich systematische Unterschiede: \u00d6konominnen und \u00d6konomen sind optimistischer, dass gr\u00fcnes Wachstum gelingen kann, als Kolleginnen aus den Geowissenschaften, der Biologie oder den Agrarwissenschaften.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Was folgt f\u00fcr die Politikberatung?<\/h2>\n<p>Die Studie zeigt: Wenn Fachleute aus verschiedenen Disziplinen mit unterschiedlichen Problemlandkarten in Politikprozesse gehen, reden sie wom\u00f6glich in Debatten aneinander vorbei. Und zwar wegen strukturell unterschiedlicher Ausgangspunkte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Praxis der Politikberatung bedeutet das: Es lohnt sich, interdisziplin\u00e4re Fachgremien nicht nur als Addition verschiedener Kompetenzen zu begreifen, sondern als Orte, an denen zun\u00e4chst Einigkeit \u00fcber die Problemdiagnose angestrebt wird. Denn wer auf verschiedene Karten schaut, kann sich \u00fcber den Weg kaum einigen, auch wenn das Ziel dasselbe ist.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Suter et al. (2026).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Suter et al. (2025).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer in einer umweltpolitischen Fachkommission sitzt, stellt mitunter fest: \u00d6kologie- und Wirtschaftsforschende reden zwar \u00fcber denselben Planeten, aber nicht immer \u00fcber dieselben Probleme und L\u00f6sungsans\u00e4tze. Eine neue Studie zeigt, dass diese Beobachtung kein Zufall ist. Im Rahmen der Studie wurden weltweit 2365 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befragt, die in f\u00fchrenden Wirtschafts- oder Umweltzeitschriften publizieren. 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