{"id":220298,"date":"2026-06-01T07:00:01","date_gmt":"2026-06-01T05:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=220298"},"modified":"2026-06-01T16:41:47","modified_gmt":"2026-06-01T14:41:47","slug":"innovation-grosse-spruenge-sind-in-der-schweiz-selten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/06\/innovation-grosse-spruenge-sind-in-der-schweiz-selten\/","title":{"rendered":"Innovation: Grosse Spr\u00fcnge sind in der Schweiz selten"},"content":{"rendered":"<p>Einst leisteten Schweizer Pionierarbeit in der R\u00fcckversicherung oder bei der Behandlung von Knochenbr\u00fcchen. Fragt man heutzutage eine Schweizer F\u00fchrungskraft nach der wichtigsten Innovation ihres Unternehmens im letzten Jahr, f\u00e4llt die Antwort oft ern\u00fcchternd aus: keine Marktneuheit, kein Paradigmenwechsel, nur eine moderate Verbesserung eines bestehenden Produkts und damit ein weiterer Schritt vorw\u00e4rts auf einem bekannten Pfad.<\/p>\n<p>Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage unter \u00fcber 1100 Unternehmen aus den Bereichen Chemie und Pharmazie, Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), Medizintechnik, Metalle, Elektronik, Maschinen (MEM), Lebensmittel sowie Finanzen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Das Staatssekretariat f\u00fcr Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) hat sie in Auftrag gegeben, um die Innovationsaktivit\u00e4ten in der Schweiz zu untersuchen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Viele kleine Schritte statt grosser Neuerungen<\/h2>\n<p>Praktisch in allen untersuchten Branchen zeigt sich dieselbe schleichende Entwicklung: Innovation besteht immer h\u00e4ufiger aus kleinen Verbesserungen. Unternehmen passen bestehende Produkte, Prozesse oder Gesch\u00e4ftsmodelle nur geringf\u00fcgig an, statt grundlegend neue L\u00f6sungen zu schaffen. Im MEM-Sektor, einem R\u00fcckgrat der technologiegest\u00fctzten Schweizer Exportindustrie, dominiert inkrementelle Innovation in mehr als der H\u00e4lfte der befragten Unternehmen. Selbst in der Chemie- und Pharmabranche, die traditionell stark bei Innovationen ist und viel f\u00fcr Forschung und Entwicklung aufwendet<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>, sind radikale Produktinnovationen relativ selten.<\/p>\n<p>Die Forschung spricht von Pfadabh\u00e4ngigkeit:<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Unternehmen investieren viel in bestimmte Technologien und bleiben diesen deshalb treu. Neue Herausforderungen wie Digitalisierung oder regulatorische Vorgaben integrieren sie in bestehende Strukturen, statt diese zu ver\u00e4ndern. Auf Unternehmensebene ist dies ein rationales Verhalten. Auf \u00fcbergeordneter nationaler Ebene bleiben deshalb grosse technologische Spr\u00fcnge aus.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Vier Faktoren, die die Schweiz zur\u00fcckhalten<\/h2>\n<p>Die Studie identifiziert vier sich verst\u00e4rkende Faktoren, die radikale Innovationen in der Schweiz besonders erschweren. Erstens sehen fast alle Branchen Regulierung als Hindernis. Unternehmen aus den Bereichen Pharmazie, Medizintechnik und Finanzen berichten, dass der hohe Compliance-Druck sie zu risikoscheuen, inkrementellen Anpassungen zwingt. Ein erheblicher Anteil der Unternehmen gibt an, dass sie wegen zunehmender Regulierungsanforderungen insgesamt weniger radikale Innovationen verfolgen. Unterschiedliche Vorschriften in unterschiedlichen M\u00e4rkten und die hohe Rechtsunsicherheit bei Neuentwicklungen machen ambitionierte Innovationsprojekte teuer oder schlicht unattraktiv. Zwar hat die Schweiz einen stabilen inl\u00e4ndischen Regulierungsrahmen, der aber in vielen Bereichen sehr kleinteilig ist. Beispielsweise bestehen kantonal unterschiedliche Vorschriften im Krankenhausbereich, im Bildungsbereich und bei der Infrastruktur (Strassen, Energie, Wasser\/Abwasser). Dazu kommen die Komplexit\u00e4t und die Unvorhersehbarkeit internationaler regulatorischer Rahmenbedingungen, denen sich die Schweizer Exporteure nicht entziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zweitens gibt es eine Finanzierungsl\u00fccke, die Talente und Ideen ins Ausland treibt. So stossen Start-ups in verschiedenen Entwicklungsphasen auf Kapitalengp\u00e4sse und haben einen Anreiz, in andere L\u00e4nder abzuwandern. Diese bieten umfassendere F\u00f6rderung von Forschung und Entwicklung (F&amp;E), Zugang zu Risikokapital, ausreichend qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte und einen leichteren Zugang zu grossen Absatzm\u00e4rkten. Die vergleichsweise tiefen Steuern, das hohe Bildungsniveau und die hochwertige Infrastruktur in der Schweiz gleichen diese Nachteile nicht immer aus.<\/p>\n<p>Drittens richten sich manche Schweizer Unternehmen in ihrer geringeren Innovationsdynamik ein. Sie nehmen, verglichen mit innovativen Unternehmen, weniger technologische Ver\u00e4nderungen in ihrer Branche wahr und glauben seltener, dass Kunden neue L\u00f6sungen wollen (siehe Abbildung). Entsprechend gehen sie eher davon aus, dass sich Innovationen nicht lohnen. Wenn sich eine solche Abneigung gegen Ver\u00e4nderungen verfestigt, kann das die Wachstumsdynamik wesentlich verringern.<\/p>\n<p>Viertens erschwert digitaler R\u00fcckstand Innovation. W\u00e4hrend grosse, forschungsaktive Unternehmen in den Bereichen IKT, Finanzen und Pharmazie stark auf datenbasierte Anwendungen setzen, wie zum Beispiel Mustererkennung (\u00abpattern recognition\u00bb) zur Betrugserkennung bei Finanztransaktionen, pr\u00e4diktive Modellierung von IT-Service-Aufw\u00e4nden oder Kundennachfrage und digitale Zwillinge zur Simulation und Planung von Abl\u00e4ufen, bleiben viele KMU zur\u00fcck. Ihnen fehlen Ressourcen und das Bewusstsein f\u00fcr digitale Transformation.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Forschende Unternehmen nehmen ihre Umgebung dynamischer wahr als Unternehmen ohne Innovationen (2024\/2025)<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"BARJAK-FORAJ-WOERTER_06-2026\"><\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#BARJAK-FORAJ-WOERTER_06-2026').highcharts({\n\n        chart: {\n            type: 'bar'\n        },\n\n        colors: [\n            \"#5a7298\",\n            \"#f07c2c\",\n            \"#66b6bc\",\n            \"#fbc65f\",\n            \"#8a2a1d\",\n            \"#2d5b52\"\n        ],\n\n        title: {\n            text: ''\n        },\n\n        xAxis: {\n            categories: [\n                'Innovatoren ohne F&E',\n                'Innovatoren mit F&E',\n                'Nicht-Innovatoren'\n            ]\n        },\n\n        yAxis: {\n            title: {\n                text: 'Mittlerer Faktorwert'\n            }\n        },\n\n        tooltip: {\n            headerFormat: '<b>{point.x}<\/b><br>',\n            pointFormat: '{series.name}: {point.y:.3f}'\n        },\n\n        plotOptions: {\n            bar: {\n                grouping: true\n            }\n        },\n\n        series: [{\n            name: 'Technologische Dynamik',\n            data: [0.041, 0.415, -1.910]\n        }, {\n            name: 'Wettbewerbsintensit\u00e4t',\n            data: [0.122, -0.132, 0.093]\n        }, {\n            name: 'Dynamik der Kundenbed\u00fcrfnisse',\n            data: [0.084, 0.078, -0.820]\n        }]\n\n    });\n});\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Der mittlere Faktorwert zeigt, ob Unternehmen Ver\u00e4nderungen in ihrem Umfeld st\u00e4rker oder schw\u00e4cher wahrnehmen als der Durchschnitt. Technologische Dynamik beschreibt, wie Unternehmen technologische Ver\u00e4nderungen in ihrer Branche wahrnehmen. Wettbewerbsintensit\u00e4t misst, wie intensiv Unternehmen den preislichen Wettbewerb in ihrer Branche wahrnehmen. Dynamik der Kundenbed\u00fcrfnisse erfasst, wie stark und h\u00e4ufig sich W\u00fcnsche und Erwartungen der Kunden aus Sicht der Unternehmen \u00e4ndern.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Barjak et al. (2026) | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die politische Diskrepanz<\/h2>\n<p>Die Schweizer Innovationspolitik setzt stark auf Kooperation zwischen Wissenschaft und Industrie. Das funktioniert gut f\u00fcr Chemie, Pharma, IKT und Hightech-Fertigung. Finanzunternehmen hingegen arbeiten in erster Linie mit Technologiedienstleistern zusammen, nicht mit Universit\u00e4ten. Lebensmittelunternehmen und viele der kleinen Medizintechnikfirmen innovieren weitgehend ohne F&amp;E. Dar\u00fcber hinaus nehmen viele Unternehmen schlichtweg nicht am staatlich unterst\u00fctzten Innovationssystem teil. Laut der j\u00fcngsten Schweizer Innovationsumfrage f\u00f6rdert die Innovationspolitik 11,6 Prozent der innovativen Unternehmen.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Das Bewusstsein der Unternehmen f\u00fcr \u00f6ffentliche F\u00f6rderinstrumente, Forschungskompetenz oder potenzielle Partner ist \u00fcberraschend gering. Infolgedessen wird die Zusammenarbeit insbesondere von KMU nach wie vor zu wenig genutzt, obwohl sie ein wichtiger Innovationsmotor sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>All dies bedeutet nicht, dass sich die Schweiz in einer unmittelbaren Krise befindet. Die Kernbranchen bleiben global wettbewerbsf\u00e4hig, und F&amp;E-aktive Unternehmen zeigen sich widerstandsf\u00e4hig. Trotzdem ist die Entwicklung ernst zu nehmen: Innovation findet zunehmend in kleinen Schritten statt. Wenn die Schweiz gegensteuern m\u00f6chte, dann sollten die hier beschriebenen Einfl\u00fcsse auf die Innovationst\u00e4tigkeit ber\u00fccksichtigt werden.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Barjak, F. et al. (2026).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Bundesamt f\u00fcr Statistik (2025).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Barnes et al. (2004) und David (1985).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Siehe Spescha et al. (2025).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst leisteten Schweizer Pionierarbeit in der R\u00fcckversicherung oder bei der Behandlung von Knochenbr\u00fcchen. Fragt man heutzutage eine Schweizer F\u00fchrungskraft nach der wichtigsten Innovation ihres Unternehmens im letzten Jahr, f\u00e4llt die Antwort oft ern\u00fcchternd aus: keine Marktneuheit, kein Paradigmenwechsel, nur eine moderate Verbesserung eines bestehenden Produkts und damit ein weiterer Schritt vorw\u00e4rts auf einem bekannten Pfad. 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(2025). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.71668\/qdr9-sc23\">Forschung und Entwicklung in der Schweiz 2023 Finanzen und Personal.<\/a><\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">David, P. A. (1985). Clio and the Economics of QWERTY. American Economic Review, 75(2), 332\u2013337.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Spescha, A., Tran, S. und M. W\u00f6rter (2025). Innovation und Digitalisierung in der Schweizer Privatwirtschaft \u2013 Ergebnisse der Innovationserhebung 2023. KOF Studies (Vol. 182). ETH Z\u00fcrich.<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":"","serie_email":"","frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[9757],"korrektor":5357,"planned_publication_date":"2026-06-01 05:00:01","original_files":null,"external_release_for_author":"20260531","external_release_for_author_time":"00:03:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/69ef62bf2b932"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/220298"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10508"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=220298"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/220298\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":221259,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/220298\/revisions\/221259"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9757"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3015"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4394"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10508"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/221169"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=220298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=220298"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=220298"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=220298"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=220298"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=220298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}