{"id":220605,"date":"2026-06-03T07:00:05","date_gmt":"2026-06-03T05:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=220605"},"modified":"2026-06-03T09:46:33","modified_gmt":"2026-06-03T07:46:33","slug":"wie-viele-pflichten-gelten-fuer-unternehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/06\/wie-viele-pflichten-gelten-fuer-unternehmen\/","title":{"rendered":"Wie viele Pflichten gelten f\u00fcr Unternehmen?"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber die wachsende Regulierungsbelastung wird viel gesprochen. Viele Unternehmen sp\u00fcren sie im Alltag, doch wie stark sie tats\u00e4chlich zugenommen hat, liess sich bisher kaum beziffern. Oft blieb es beim Bauchgef\u00fchl oder beim Z\u00e4hlen von Seiten oder Artikeln in Gesetzen und Verordnungen. Wie relevant die jeweiligen Pflichten f\u00fcr Unternehmen sind, wird dabei aber nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Genau hier setzt das Unternehmensentlastungsgesetz (UEG)\u00a0an. Seit Herbst 2024 ist es in Kraft und verpflichtet den Bund, neue Erlasse vorg\u00e4ngig auf Entlastungsm\u00f6glichkeiten und Regulierungskosten zu pr\u00fcfen. Zudem wurde der Bund beauftragt, die Regulierungsbelastung f\u00fcr Unternehmen systematisch zu beobachten. Das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) hat das Basler Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Economics mit diesem Monitoring betraut. Das Projektteam mit Mitarbeitenden von BAK und Seco hat rund ein halbes Jahr an dieser Analyse gearbeitet; der so entstandene <a href=\"https:\/\/regmonitor.ch\/\">Regulierungsmonitor<\/a> ist seit Ende M\u00e4rz 2026 online und wird laufend aktualisiert.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Regulierungsbelastung messen \u2013 aber wie?<\/h2>\n<p>Die zentrale Herausforderung f\u00fcr das Projektteam war: Wie l\u00e4sst sich Regulierungsbelastung \u00fcberhaupt messen? Denn eine Pflicht kann je nach Unternehmen sehr unterschiedliche Kosten verursachen. Ein Beispiel: Eine Firma muss eine Maschine wegen strengerer Sicherheits- oder Umweltauflagen bereits fr\u00fcher ersetzen als urspr\u00fcnglich geplant. Die neue Maschine verursacht zwar h\u00f6here Kosten, bietet zugleich aber eine h\u00f6here Kapazit\u00e4t. In diesem Fall ist nicht eindeutig, welcher Teil der Investitionskosten der Pflicht zuzuschreiben ist.<\/p>\n<p>Bereits bei konkreten F\u00e4llen ist es oft nicht m\u00f6glich, diese Kosten zu berechnen; auf gesamtwirtschaftlicher Ebene ist dies erst recht ein Ding der Unm\u00f6glichkeit.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Wie viele Pflichten gibt es?<\/h2>\n<p>Wenn der Wirkungspfad einer Regulierung gesamtwirtschaftlich also nicht mehr nachvollziehbar ist, liegt es nahe, an ihrem Ausgangspunkt anzusetzen: der Pflicht selbst. Die leitende Frage lautet dann zun\u00e4chst: Wie viele Pflichten m\u00fcssen Unternehmen eigentlich erf\u00fcllen?<\/p>\n<p>Wie konkret diese Frage werden kann, zeigen zwei Beispiele: Wie viele Pflichten betreffen ein Unternehmen, das eine Rohrleitung zur Bef\u00f6rderung fl\u00fcssiger oder gasf\u00f6rmiger Brenn- oder Treibstoffe bauen oder betreiben will? Und wie viele Auflagen gelten im Bereich Banken und Sparkassen?<\/p>\n<p>Um solche Fragen systematisch beantworten zu k\u00f6nnen, hat das Projektteam s\u00e4mtliche Gesetze und Verordnungen auf Bundesebene seit 2005 erfasst. Anschliessend wurde ein Tool entwickelt, das mithilfe eines KI-basierten Sprachmodells alle unternehmerischen Pflichten aus diesen Rechtstexten extrahiert, kategorisiert und zeitlich verfolgt. Das Ergebnis ist eine strukturierte Datenbank, in der jede Pflicht bis auf den Ursprungsartikel zur\u00fcckverfolgt werden kann.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Pflichten definieren<\/h2>\n<p>So einfach die Grundidee, so anspruchsvoll ist ihre Umsetzung. Denn zuerst musste das Projektteam festlegen, was \u00fcberhaupt als Pflicht gez\u00e4hlt werden soll. Eine Vorschrift kann mehrere Pflichten enthalten, wobei nicht jede rechtliche Pr\u00e4zisierung automatisch eine zus\u00e4tzliche Belastung f\u00fcr Unternehmen bedeutet. Genau hier liegt die konzeptionelle Herausforderung. Zwei Beispiele verdeutlichen das:<\/p>\n<p>Ist die Vorschrift, rund um Rohrleitungsanlagen Sicherheitsabst\u00e4nde einzurichten, eine einzige Pflicht, oder z\u00e4hlt jede Pr\u00e4zisierung zur Gr\u00f6sse dieses Sicherheitsabstands (gegen\u00fcber Strassen, Geb\u00e4uden, Eisenbahnschienen oder B\u00e4umen) als zus\u00e4tzliche Pflicht? Und wenn eine Bank einen Jahresbericht erstellen muss, dessen Inhalt gesetzlich detailliert festgelegt ist: Handelt es sich um eine Pflicht mit vielen Anforderungen oder um viele einzelne Pflichten?<\/p>\n<p>Die Definition von \u00abPflicht\u00bb muss mehrere Kriterien gleichzeitig erf\u00fcllen: Erstens soll sie die unternehmerische Realit\u00e4t abbilden, also alles erfassen, was f\u00fcr ein Unternehmen tats\u00e4chlich Aufwand bedeutet. Zweitens soll sie hinreichend granular sein, um Ver\u00e4nderungen im Zeitverlauf sichtbar zu machen. Drittens muss sie klar genug sein, um dem KI-Modell eindeutige Regeln vorzugeben, und viertens muss sie verst\u00e4ndlich genug sein, um gegen\u00fcber einem breiten Fachpublikum nachvollziehbar zu sein.<\/p>\n<p>Das Projektteam hat die Definition deshalb schrittweise entwickelt: Die finale Definition z\u00e4hlt alles als separate Pflicht, was im Rechtstext explizit spezifiziert ist und f\u00fcr Unternehmen einen zus\u00e4tzlichen finanziellen, personellen oder materiellen Aufwand bedeutet. Diese Definition wurde an ausgew\u00e4hlten Regulierungen getestet, \u00fcberpr\u00fcft und verfeinert. Anschliessend wandte ein KI-Modell diese Regeln auf s\u00e4mtliche erfassten Rechtstexte an. Der Vorteil \u2013 gerade gegen\u00fcber einer Analyse durch Menschen: Die einmal festgelegten Kriterien wendet die KI \u00fcber alle Jahre und Rechtsbereiche hinweg einheitlich an.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Was das Monitoring zeigt<\/h2>\n<p>Die Ergebnisse lassen sich gut an den eingangs genannten Beispielen illustrieren: Im Bereich Rohrleitungsanlagen ist die Zahl der unternehmerischen Pflichten in den vergangenen zehn Jahren um rund 25 Prozent gesunken. Im Bereich Banken und Sparkassen hat sie sich im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt (siehe Abbildung). Zwei Bereiche, zwei gegens\u00e4tzliche Entwicklungen \u2013 und ein erster Hinweis darauf, wie unterschiedlich die Regulierungsbelastung je nach Bereich ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Das Gesamtbild zeigt jedoch einen klaren Trend zur Zunahme. Die Zahl der unternehmerischen Pflichten auf Bundesebene ist von rund 24\u2019000 im Jahr 2005 auf rund 36\u2019000 im Jahr 2025 gestiegen \u2013 ein Anstieg von etwa 50 Prozent (siehe Abbildung). Dies kann auf eine tats\u00e4chliche Zunahme der Regulierungsdichte f\u00fcr Unternehmen zur\u00fcckzuf\u00fchren sein, aber auch eine Verlagerung von kantonalen und anderen Zust\u00e4ndigkeiten zum Bund ist eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung. Es kann auch sein, dass bereits bestehende Pflichten aus Vollzugshilfen, Wegleitungen oder Branchenstandards in Verordnungen \u00fcbergef\u00fchrt und so erstmals mitgez\u00e4hlt wurden. Denn gez\u00e4hlt werden lediglich nationale Gesetze und Verordnungen.<\/p>\n<p>Rund 90 Prozent der 36\u2019000 Pflichten sind Handlungspflichten \u2013 am weitesten verbreitet sind dabei Informationspflichten, das sind beispielsweise Meldepflichten oder Pflichten zur Berichterstattung. An zweiter Stelle folgen Konformit\u00e4tspflichten, die Anforderungen an Produkte, Dienstleistungen, Prozesse oder Systeme betreffen. Der Rest sind Duldungs- oder Unterlassungspflichten. Unternehmen m\u00fcssen also etwa Kontrollen zulassen oder bestimmte Handlungen vermeiden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Bundesgesetze und -verordnungen: 50 Prozent mehr Pflichten f\u00fcr Unternehmen seit 2005<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"SCHINNER-STREICH_06-2026_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#SCHINNER-STREICH_06-2026_DE').highcharts({     \n\n chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: [\n        \n2005,2006,2007,2008,2009,2010,2011,2012,2013,2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023,2024,2025, 2026],\n\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Unternehmenspflichten (Index 2005=100)'\n        },\n        labels: {\n                format: '{value}'\n            },\n       \n    },\n     tooltip: {\n     headerFormat: '<b>{point.x} <\/b><br>',\n     valueSuffix: ''\n   \n   \n        },\n    plotOptions: {\n        line: {\n    \n\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n            enableMouseTracking: true\n        },\n        series: {\nmarker: {\nenabled: false\n}\n}\n    },\n    series: [{\n        name: 'Banken und Versicherungen (952)',\n        data: [100,105.56,136.81,138.19,137.5,133.33,133.33,113.89,161.81,161.81,174.31,185.42,189.58,195.83,202.08,284.72,290.28,277.78,292.36,290.97,472.92,465.28],color: '#66b6bc'\n       \n           },{\n        name: 'Alle Rechtsbereiche',\n        data: [100,102,106.68,104.05,106.34,109.88,112.5,114.88,118.09,119.22,122.57,124.35,126.13,133.72,135.41,139.59,141.69,142.81,144.09,148.78,150.51,150.52],color: '#5a7298'\n    }, {\n        name: 'Rohrleitungen (746)',\n        data: [100,100,154.55,154.55,154.55,154.55,154.55,154.55,159.6,159.6,159.6,176.77,176.77,176.77,176.77,153.54,104.04,104.04,117.17,132.32,121.21,90.91\n],color: '#f07c2c'\n       \n           }\n       \n           \n           ]\n});\n\n\n\n\n});\n\n<\/script>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Die Grafik zeigt die Entwicklung der Pflichten als Index. Das Jahr 2005 ist die Basis. Die Zahlen in Klammern bezeichnen die jeweiligen Rechtsbereiche gem\u00e4ss Systematischer Rechtssammlung des Bundes.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: BAK Economics, Fedlex, <a href=\"https:\/\/regmonitor.ch\/group\/OBLNUM\">Regmonitor.ch<\/a> | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Vom Bauchgef\u00fchl zur Messung<\/h2>\n<p>Durch die systematische Auflistung von Pflichten nach Rechtsbereichen entstand auf <a href=\"https:\/\/regmonitor.ch\/\">Regmonitor.ch<\/a> eine datenbasierte Kartografie der Regulierungslandschaft auf Bundesebene. Wo bisher oft nur ein ungef\u00e4hres Gef\u00fchl oder das Z\u00e4hlen von Seiten oder Artikeln stand, gibt es nun erstmals objektive Zahlen zu den regulatorischen Anforderungen an Unternehmen. Das bietet eine Grundlage f\u00fcr Diskussionen, die bisher mangels Datenbasis kaum m\u00f6glich waren: Wie hat sich die Regulierung in einzelnen Rechtsbereichen entwickelt? Und wo w\u00e4ren vertiefte Analysen n\u00fctzlich?<\/p>\n<p>Dank den Ergebnissen kann die Verwaltung ihren Auftrag gem\u00e4ss Unternehmensentlastungsgesetz nun besser wahrnehmen. Sie kann gezielter nach Entlastungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Unternehmen suchen und beispielsweise mittels Bereichsstudien zweckm\u00e4ssige und effiziente Massnahmen identifizieren. Verb\u00e4nde und Unternehmen k\u00f6nnen branchenspezifische Entwicklungen erstmals mit Zahlen belegen.<\/p>\n<p>Die eigentlich relevante Folgefrage bleibt (vorerst) aber noch offen: Wie hoch ist der Aufwand f\u00fcr Unternehmen tats\u00e4chlich, alle geltenden Pflichten zu erf\u00fcllen? Und welche Branchen sind besonders stark betroffen? Das Fundament ist gelegt: f\u00fcr eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Messung und f\u00fcr evidenzbasierte Entscheide dar\u00fcber, wo Handlungsbedarf besteht und wie er ausgestaltet werden soll.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die wachsende Regulierungsbelastung wird viel gesprochen. Viele Unternehmen sp\u00fcren sie im Alltag, doch wie stark sie tats\u00e4chlich zugenommen hat, liess sich bisher kaum beziffern. Oft blieb es beim Bauchgef\u00fchl oder beim Z\u00e4hlen von Seiten oder Artikeln in Gesetzen und Verordnungen. Wie relevant die jeweiligen Pflichten f\u00fcr Unternehmen sind, wird dabei aber nicht ber\u00fccksichtigt. 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