{"id":221219,"date":"2026-07-08T07:00:26","date_gmt":"2026-07-08T05:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=221219"},"modified":"2026-07-08T07:00:30","modified_gmt":"2026-07-08T05:00:30","slug":"was-passiert-bevor-zwei-versicherer-fusionieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/07\/was-passiert-bevor-zwei-versicherer-fusionieren\/","title":{"rendered":"Was passiert, bevor zwei Versicherer fusionieren"},"content":{"rendered":"<p>Im April 2025 k\u00fcndigten Baloise und Helvetia an, was der Schweizer Versicherungsmarkt seit Jahren nicht mehr erlebte: Zwei der gr\u00f6ssten Versicherungsgruppen des Landes \u2013 die eine in Basel verwurzelt, die andere in St. Gallen \u2013 beschlossen zu fusionieren. Beide Unternehmen sind in den meisten Versicherungssparten t\u00e4tig, von der Lebensversicherung \u00fcber die Motorfahrzeugversicherung bis hin zur Transportversicherung. Allein in der Schweiz nehmen sie zusammen Pr\u00e4mien von \u00fcber 8,7 Milliarden Franken ein. Damit entsteht hinter Swiss Life die neue Nummer zwei des Schweizer Versicherungsgesch\u00e4fts und ein Fall f\u00fcr die Wettbewerbskommission (Weko).<\/p>\n<p>Denn durch die Fusion \u00e4ndert sich der Markt dauerhaft, weil ein eigenst\u00e4ndiger Wettbewerber verschwindet und das neue Unternehmen an Marktmacht gewinnt. Im Extremfall erlangt es eine marktbeherrschende Stellung, und in der Folge k\u00f6nnen die Preise steigen, die Innovation zur\u00fcckgehen oder die Produktvielfalt abnehmen. Der Weko kommt daher die Aufgabe zu, grosse Fusionen vor dem Vollzug zu pr\u00fcfen und einzuschreiten, wenn sie den wirksamen Wettbewerb beseitigen w\u00fcrden (siehe Kasten).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Hinter den Kulissen der Pr\u00fcfung<\/h2>\n<p>Im Fall Baloise und Helvetia begann die Arbeit der Weko lange vor der formellen Meldung von Anfang August 2025. Bereits im Fr\u00fchjahr 2025 nahmen die beiden Unternehmen Kontakt mit dem Sekretariat der Weko auf und kl\u00e4rten, welche Informationen f\u00fcr die Pr\u00fcfung ben\u00f6tigt werden. Das Sekretariat der Weko seinerseits suchte den Austausch mit der Finanzmarktaufsicht (Finma). Gleichzeitig versandte es Frageb\u00f6gen an sieben grosse Versicherungsunternehmen und vier Branchenverb\u00e4nde \u2013 denn die Einsch\u00e4tzung der Marktteilnehmer ist f\u00fcr die Beurteilung eines Zusammenschlusses oft ebenso aufschlussreich wie die Angaben der fusionierenden Unternehmen.<\/p>\n<p>Was die Fusionspr\u00fcfung im Versicherungsbereich besonders anspruchsvoll macht, ist die Vielzahl an relevanten M\u00e4rkten. Ein Versicherungsmarkt als solcher existiert wettbewerbsrechtlich nicht. Massgebend ist, was aus Kundensicht austauschbar ist: Eine Lebensversicherung ersetzt keine Schadenversicherung, und selbst innerhalb der Schadenversicherung haben eine Motorfahrzeug- und eine Luftfahrtversicherung wenig gemeinsam. Jeder Markt hat eine eigene Kundschaft mit eigenen Risiken und eine eigene Anbieterstruktur. Entsprechend unterscheidet sich auch der Wettbewerbsdruck, und die Weko muss jeden dieser M\u00e4rkte einzeln untersuchen.<\/p>\n<p>Dabei geht sie schrittweise vor. Zun\u00e4chst identifiziert sie jene M\u00e4rkte, die eine vertiefte Analyse erfordern. Also M\u00e4rkte, in denen die Unternehmen zusammen einen Marktanteil von mehr als 20 Prozent erreichen oder eines der Unternehmen einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent innehat. Bei Baloise und Helvetia fiel das Ergebnis eindeutig aus: In der grossen Mehrheit der Versicherungsm\u00e4rkte erreichten sie die Schwellen nicht. Vertiefen musste die Weko ihre Analyse in drei Bereichen \u2013 den Kollektiv-Lebensversicherungen, den Transportversicherungen und den Feuer- und Sachversicherungen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Ein Markt im Wandel: Die Kollektiv-Lebensversicherung<\/h2>\n<p>Besonders aufschlussreich gestaltete sich die Pr\u00fcfung der Kollektiv-Lebensversicherungen. Diese sichern die berufliche Vorsorge von Unternehmen und ihren Mitarbeitenden ab. Hier stehen sich zwei Modelle gegen\u00fcber, die unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnten: Bei der Vollversicherung tr\u00e4gt ein Versicherer s\u00e4mtliche Risiken, einschliesslich der Anlagerisiken. Damit bietet er eine vollumf\u00e4ngliche Garantie. Bei der teilautonomen L\u00f6sung hingegen \u00fcbernimmt die Vorsorgeeinrichtung einen Teil der Risiken selbst, profitiert daf\u00fcr auch von Gewinnen an den Kapitalm\u00e4rkten.<\/p>\n<p>Die entscheidende Frage f\u00fcr die Wettbewerbsanalyse lautete: Bildet die Vollversicherung einen eigenen Markt? Falls ja, w\u00fcrden sich zwei bedeutende Anbieter in einem oligopolistischen Markt mit wenigen, an einer Hand abz\u00e4hlbaren Anbietern zusammenschliessen. Es w\u00fcrden komplexe Fragen einer kollektiv marktbeherrschenden Stellung aufgeworfen. Falls nein, relativiert sich das Bild deutlich.<\/p>\n<p>Bei der Beantwortung dieser Frage half ein konkreter Erfahrungswert, der einem nat\u00fcrlichen Experiment nahekommt: Als der Versicherungskonzern AXA 2018 aus dem Vollversicherungsgesch\u00e4ft ausstieg, wechselten praktisch alle seine Kunden in eine teilautonome L\u00f6sung \u2013 und eben nicht zu einem Vollversicherer. Dieses beobachtete Nachfrageverhalten spricht daf\u00fcr, dass die beiden Modelle aus Sicht der Vorsorgeeinrichtungen weitgehend substituierbar sind.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Zusammenschluss genehmigt<\/h2>\n<p>Am 3. September 2025 genehmigte die Weko den Zusammenschluss von Baloise und Helvetia. In keinem der untersuchten M\u00e4rkte fanden sich Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass durch die Fusion eine marktbeherrschende Stellung entsteht, die den wirksamen Wettbewerb beseitigen k\u00f6nnte. Die befragten Konkurrenten und Verb\u00e4nde best\u00e4tigten diese Einsch\u00e4tzung. Manche von ihnen erwarten sogar eine Intensivierung des Wettbewerbs, weil ein neuer starker Akteur n\u00e4her an die jeweiligen Marktf\u00fchrer heranr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Der Zusammenschluss bot der Weko einen willkommenen Anlass, die eigene Praxis der Marktabgrenzung im Versicherungsbereich zu \u00fcberpr\u00fcfen. Sie kommt zum Schluss, dass sie an der bew\u00e4hrten Grundstruktur festh\u00e4lt. Sie k\u00fcndigt aber an, in k\u00fcnftigen F\u00e4llen genauer zu pr\u00fcfen, ob die bisherigen \u2013 teils weit gefassten \u2013 Marktabgrenzungen die tats\u00e4chlichen Wettbewerbsverh\u00e4ltnisse noch zutreffend abbilden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im April 2025 k\u00fcndigten Baloise und Helvetia an, was der Schweizer Versicherungsmarkt seit Jahren nicht mehr erlebte: Zwei der gr\u00f6ssten Versicherungsgruppen des Landes \u2013 die eine in Basel verwurzelt, die andere in St. Gallen \u2013 beschlossen zu fusionieren. 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BBL 2026 18.<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Die Zusammenschlusskontrolle der Wettbewerbskommission","kasten_box":"\u00dcberschreiten die beteiligten Unternehmen bei einem Zusammenschluss bestimmte Umsatzschwellen, m\u00fcssen sie den Zusammenschluss der Weko melden. Bei Versicherungen bemisst sich diese Schwelle anhand der eingenommenen Pr\u00e4mien. Nach Eingang der Meldung f\u00fchrt die Weko eine vorl\u00e4ufige Pr\u00fcfung durch. Sie pr\u00fcft w\u00e4hrend eines Monats, ob durch den Zusammenschluss eine marktbeherrschende Stellung entsteht oder verst\u00e4rkt wird. Finden sich entsprechende Anhaltspunkte, folgt eine viermonatige vertiefte Pr\u00fcfung.\r\n\r\nDie Eingriffsschwelle ist hoch: Ein Zusammenschluss kann gem\u00e4ss geltendem Recht nur untersagt werden, wenn die entstehende Marktbeherrschung den wirksamen Wettbewerb zu beseitigen droht \u2013 ein qualifizierter Marktbeherrschungstest, der bewusst nur extreme Konzentrationen erfasst. Dies wird sich \u00e4ndern. Das Parlament verabschiedete am 19. Dezember 2025 eine Revision des Kartellgesetzes. K\u00fcnftig gilt der Significant-Impediment-to-Effective-Competition-Test (Siec-Test), der die Eingriffsschwelle senkt und einen \u00f6konomisch fundierteren Massstab anlegt als der bisherige Marktbeherrschungstest. Damit gleicht sich die Zusammenschlusskontrolle der internationalen Praxis an."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":[222068,222071],"serie_email":"","frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":"","korrektor":5357,"planned_publication_date":"2026-07-08 05:00:26","original_files":null,"external_release_for_author":"20260703","external_release_for_author_time":"00:02:00","link_for_external_authors":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/221219"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5025"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=221219"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/221219\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":222170,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/221219\/revisions\/222170"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5025"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/222071"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/222068"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/222092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=221219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=221219"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=221219"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=221219"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=221219"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=221219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}