{"id":221369,"date":"2026-07-07T07:00:39","date_gmt":"2026-07-07T05:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=221369"},"modified":"2026-07-07T15:23:36","modified_gmt":"2026-07-07T13:23:36","slug":"was-sich-versichern-laesst-und-was-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/07\/was-sich-versichern-laesst-und-was-nicht\/","title":{"rendered":"Was sich versichern l\u00e4sst \u2013 und was nicht"},"content":{"rendered":"<p>Europa weist bei Naturgefahren eine grosse Deckungsl\u00fccke auf.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a> Nur rund ein Viertel der wetterbedingten Sch\u00e4den ist versichert, und mit dem Klimawandel nimmt dieser Anteil weiter ab. Zugleich steigen die Pr\u00e4mien, und in \u00fcberschwemmungs- oder sturmgef\u00e4hrdeten Lagen wird die Deckung knapper. Die Schweiz steht hier gut da: Dank der gesetzlich verankerten, solidarisch finanzierten Elementarschadenversicherung sind Geb\u00e4ude fast vollst\u00e4ndig gegen Naturgefahren gedeckt. Doch auch dieses Modell st\u00f6sst dort an Grenzen, wo Sch\u00e4den alle gleichzeitig treffen. Das zeigte die Pandemie bei den Betriebsunterbr\u00fcchen: Die weltweiten wirtschaftlichen Verluste werden auf \u00fcber 14 Billionen Dollar gesch\u00e4tzt, und als sie eintraten, sprangen viele Staaten mit riesigen Hilfspaketen ein. Diese Erfahrung stellt eine alte \u00f6konomische Frage neu: Welche Risiken lassen sich sinnvoll versichern und welche nicht? Und wer soll jene Risiken tragen, die der Markt nicht abdeckt?<\/p>\n<h2>Wann ein Risiko versicherbar ist<\/h2>\n<p>Versicherung beruht auf einem einfachen Prinzip: Viele Versicherte zahlen einen kleinen Beitrag als Pr\u00e4mie, damit sie im Schadenfall abgesichert sind. Da aber nur ein kleiner Teil der Versicherten tats\u00e4chlich einen Schaden erleidet, k\u00f6nnen Versicherungen die Sch\u00e4den aus den Beitr\u00e4gen der anderen finanzieren. Das gelingt, solange die Einzelrisiken weitgehend unabh\u00e4ngig voneinander eintreten. Ein Beispiel ist ein Wohnungsbrand, der nur einen einzigen Haushalt betrifft und sich meist auf diesen beschr\u00e4nkt. Solche Risiken sind problemlos versicherbar, denn der Versicherer kann sie gut absch\u00e4tzen und die H\u00f6he der Pr\u00e4mie verl\u00e4sslich berechnen.<\/p>\n<p>Schwierig wird es, wenn Sch\u00e4den gleichzeitig eintreten: Ein Erdbeben, ein schwerer Sturm oder ein grosser fl\u00e4chendeckender Brand treffen eine ganze Region auf einmal. Die Versicherung muss dann viele und nicht nur einzelne Sch\u00e4den begleichen. Um auch in einem solchen Extremfall zahlungsf\u00e4hig zu bleiben, muss sie vorg\u00e4ngig finanzielle Reserven aufbauen. Dieses Kapital kostet, und diese Kosten bestimmen den gr\u00f6ssten Teil der Pr\u00e4mie f\u00fcr die Versicherten. Je seltener und je gr\u00f6sser der m\u00f6gliche Schaden, desto teurer wird es, ihn zu versichern. Irgendwann wird die Versicherung so teuer, dass sie kaum noch nachgefragt oder angeboten wird.<\/p>\n<h2>Wo der Markt an Grenzen st\u00f6sst<\/h2>\n<p>In der Forschung unterscheiden wir vier Stufen der Versicherbarkeit (siehe Tabelle). Lokale Risiken wie Br\u00e4nde sind voll ausgleichbar, wie bereits erl\u00e4utert.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>\u00a0Auch h\u00e4ufige Naturereignisse bleiben f\u00fcr die Branche tragbar, solange sie regional begrenzt sind. Schwieriger sind Spitzenrisiken wie schwere Wirbelst\u00fcrme. Um solche Risiken tragen zu k\u00f6nnen, versichern sich Versicherungen wiederum bei sogenannten R\u00fcckversicherern. Diese \u00fcbernehmen einen Teil der Sch\u00e4den.<\/p>\n<p>Doch auch R\u00fcckversicherer k\u00f6nnen an ihre Grenzen stossen, wenn die Verluste sehr hoch sind, wie beispielsweise beim Hurrikan Andrew im Jahr 1992. In solchen F\u00e4llen springt der Kapitalmarkt ein: \u00dcber sogenannte Katastrophenanleihen wird ein Teil des Risikos an Pensionskassen oder andere Investoren \u00fcbertragen. Diese erhalten eine Rendite, wenn keine Katastrophe eintritt. Falls es zu einer Katastrophe kommt, verlieren sie einen Teil ihres Geldes, das genutzt wird, um die Sch\u00e4den zu decken. So bleibt die Versicherungsdeckung privat finanzierbar.<\/p>\n<p>Die oberste Stufe \u2013 nicht diversifizierbare Risiken \u2013 sprengt diesen Rahmen. Pandemien, globale Cyberattacken oder Megakatastrophen treffen die Wirtschaft als Ganzes. Ihre Sch\u00e4den fallen genau dann an, wenn auch die Kapitalm\u00e4rkte einbrechen. Damit l\u00e4sst sich das Risiko nicht mehr verteilen \u2013 niemand \u00fcbernimmt eine Deckung, die gerade dann versagt, wenn alle sie zugleich brauchen. Solche Risiken sind privat kaum versicherbar, und auch die R\u00fcckversicherung hilft kaum.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Vier Stufen der Versicherbarkeit von Risiken<\/h2>\n<table class=\"content-table\" style=\"height: 142px;\">\n<tbody>\n<tr style=\"height: 23px;\">\n<td style=\"width: 25%; height: 23px; text-align: left;\"><strong>Lokal versicherbar<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 23px; text-align: left;\"><strong>Global versicherbar<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 23px; text-align: left;\"><strong>Global diversifizierbar<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 23px; text-align: left;\"><strong>Nicht diversifizierbar<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 119px;\">\n<td style=\"width: 25%; height: 119px; text-align: left;\">Unabh\u00e4ngige Einzelsch\u00e4den wie Br\u00e4nde \u2013 voll im Kollektiv ausgleichbar<\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 119px; text-align: left;\">H\u00e4ufige, regional begrenzte Naturereignisse \u2013 von der Branche tragbar<\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 119px; text-align: left;\">Seltene Spitzenrisiken wie schwere Wirbelst\u00fcrme \u2013 zu gross f\u00fcr die R\u00fcckversicherung, aber \u00fcber Katastrophenanleihen am Kapitalmarkt platzierbar<\/td>\n<td style=\"width: 25%; height: 119px; text-align: left;\">Pandemien, globale Cyberattacken, Megakatastrophen \u2013 verbunden mit Einbr\u00fcchen der Gesamtwirtschaft und daher privat kaum versicherbar<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Boonen et al. (2026), Cummins (2006)<\/div>\n<h2>Der Staat als Partner, nicht als Ersatz<\/h2>\n<p>Hier kommt der Staat ins Spiel \u2013 wie in der Schweiz w\u00e4hrend der Pandemie. Wie genau er eingreift, entscheidet dar\u00fcber, wie teuer der Eingriff f\u00fcr den Staat wird. Reagiert er erst nach dem Schaden mit Hilfsgeldern, schw\u00e4cht das den Anreiz, sich vorab zu versichern. So zahlt die \u00f6ffentliche Hand schlussendlich am meisten. Unsere Modellrechnungen<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> zeigen einen wirksameren Weg: Der Staat sichert im Voraus nur die h\u00f6chsten Deckungsschichten zu und zahlt nur bei extremen Sch\u00e4den, die Versicherungen, R\u00fcckversicherungen und Kapitalmarkt nicht mehr tragen k\u00f6nnen. So bleibt der Anreiz, sich zu versichern, erhalten. Auch begrenzt der Staat das Restrisiko der Unternehmen und macht sie damit \u00fcberhaupt erst versicherbar. Der Staat verdr\u00e4ngt die Versicherungen somit nicht, sondern erweitert ihren Spielraum \u2013 und das zu den geringsten Kosten f\u00fcr die Steuerzahlenden. Genau hier liegt der Vorteil gegen\u00fcber nachtr\u00e4glicher Nothilfe. Wer die Versicherungsl\u00fccke schliessen will, sollte also die Rollen zwischen Markt und Staat vorab kl\u00e4ren, statt im Ernstfall zu improvisieren. Versicherbarkeit ist keine feste Eigenschaft eines Risikos, sondern das Ergebnis kluger Zusammenarbeit \u2013 und vorausschauender Politik.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe European Central Bank (2026).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Boonen et al. (2026) und Cummins (2006).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Boonen et al. (2026).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europa weist bei Naturgefahren eine grosse Deckungsl\u00fccke auf. Nur rund ein Viertel der wetterbedingten Sch\u00e4den ist versichert, und mit dem Klimawandel nimmt dieser Anteil weiter ab. Zugleich steigen die Pr\u00e4mien, und in \u00fcberschwemmungs- oder sturmgef\u00e4hrdeten Lagen wird die Deckung knapper. 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(2006). <a href=\"https:\/\/files.stlouisfed.org\/files\/htdocs\/conferences\/policyconf\/papers2005\/cummins.pdf\">Should the Government Provide Insurance for Catastrophes?<\/a> Federal Reserve Bank of St. Louis Review, 88(4).<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">European Central Bank (2026). <a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/ecb\/climate\/climate\/html\/index.de.html\">The Climate Insurance Protection Gap.<\/a><\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":[222068,222071],"serie_email":"","frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[9757],"korrektor":5357,"planned_publication_date":"2026-07-07 05:00:39","original_files":null,"external_release_for_author":"20260701","external_release_for_author_time":"00:02:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/exedit\/6a1d566811d2d"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/221369"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=221369"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/221369\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":222167,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/221369\/revisions\/222167"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5357"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9757"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4502"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/222071"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/222068"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/222094"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=221369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=221369"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=221369"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=221369"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=221369"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=221369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}