{"id":221633,"date":"2026-07-14T07:00:53","date_gmt":"2026-07-14T05:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=221633"},"modified":"2026-07-14T09:14:45","modified_gmt":"2026-07-14T07:14:45","slug":"mehr-eigenverantwortung-fuer-versicherer-mehr-schutz-fuer-versicherte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/07\/mehr-eigenverantwortung-fuer-versicherer-mehr-schutz-fuer-versicherte\/","title":{"rendered":"Mehr Eigenverantwortung f\u00fcr Versicherer, mehr Schutz f\u00fcr Versicherte"},"content":{"rendered":"<p>Versicherungen werden streng \u00fcberwacht, um Versicherte vor Verlust und Missbrauch zu sch\u00fctzen. Versicherte m\u00fcssen darauf vertrauen k\u00f6nnen, dass sie beispielsweise fair beraten werden oder das Unternehmen finanziell solide ist. In der Schweiz ist die Eidgen\u00f6ssische Finanzmarktaufsicht (Finma) f\u00fcr die \u00dcberwachung der Versicherungen zust\u00e4ndig. Sie verfolgt einen prinzipien- und risikobasierten Ansatz.<\/p>\n<p>Dazu werden Versicherungsunternehmen in f\u00fcnf Kategorien eingeteilt (siehe Tabelle). Im Grundsatz gilt: Je gr\u00f6sser und komplexer ein Unternehmen, desto risikoreicher ist es und desto intensiver die Aufsicht. Im Gegensatz zu den Banken gibt es bei den Versicherungen keine Unternehmen in der Kategorie 1 \u2013 jene Kategorie mit der intensivsten \u00dcberwachung. Prinzipienbasiert bedeutet: Die Finma setzt nicht auf starre Regeln, sondern auf grundlegende Leitlinien mit Fokus auf das Ergebnis: Versichertenschutz.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Aufsichtskategorien bei Versicherungen unterscheiden sich nach Bilanzsumme und Komplexit\u00e4t<\/h2>\n<table class=\"content-table\">\n<tbody>\n<tr style=\"height: 23px;\">\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px;\"><strong>Anzahl Institute<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px; text-align: left;\"><strong>Kriterium<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px; text-align: left;\"><strong>2025<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 23px;\">\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px;\">Kategorie 1<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px; text-align: left;\">&#8211;<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px; text-align: left;\">&#8211;<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 47px;\">\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 47px;\">Kategorie 2<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 47px; text-align: left;\">Bilanzsumme &gt; 50 Milliarden Franken oder Komplexit\u00e4t<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 47px; text-align: left;\">3<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 47px;\">\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 47px;\">Kategorie 3<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 47px; text-align: left;\">Bilanzsumme &gt; 1 Milliarde Franken oder Komplexit\u00e4t<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 47px; text-align: left;\">42<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 23px;\">\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px;\">Kategorie 4<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px; text-align: left;\">Bilanzsumme &gt; 0,1 Milliarden Franken oder Komplexit\u00e4t<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px; text-align: left;\">65<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 23px;\">\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px;\">Kategorie 5<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px; text-align: left;\">Bilanzsumme &lt; 0,1 Milliarden Franken oder Komplexit\u00e4t<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px; text-align: left;\">82<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"height: 23px;\">\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px;\"><strong>Total<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px; text-align: left;\"><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; height: 23px; text-align: left;\"><strong>192<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Finma<\/div>\n<p>Die Aufsicht der Versicherungen ist im Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) und in der Aufsichtsverordnung (AVO) geregelt. Seit Inkrafttreten im Jahr 2006 hat sich der Markt grundlegend ver\u00e4ndert, ebenso die Bed\u00fcrfnisse und Erwartungen der Versicherten. Versicherungsprodukte sind komplexer geworden, insbesondere Lebensversicherungen. Diese enthalten heute h\u00e4ufiger Anlageelemente, bei denen Versicherungsnehmende selbst Risiken tragen. Gleichzeitig sind Kapitalanlagen komplexer geworden. Starre Vorschriften stossen in einem solchen Umfeld an Grenzen.<\/p>\n<p>Die Teilrevisionen des Versicherungsaufsichtsgesetzes (VAG) und der Aufsichtsverordnung (AVO) im Jahr 2024 adressieren genau das. Sie bringen Ver\u00e4nderungen f\u00fcr Versicherer sowie f\u00fcr Vermittlerinnen und Vermittler in der Schweiz. Im Zentrum stehen ein verst\u00e4rkter Versichertenschutz, eine st\u00e4rker prinzipienbasierte Regulierung sowie neue Pflichten f\u00fcr Versicherer bei Anlageentscheiden, Beratung und Verg\u00fctung.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Prinzipienbasierte Aufsicht der Verm\u00f6gensanlagen<\/h2>\n<p>Mit der Revision wurde die Aufsicht \u00fcber die Verm\u00f6gensanlagen der Versicherer ausgebaut. Es gilt das Prudent Person Principle (PPP): Versicherer d\u00fcrfen gem\u00e4ss diesem Grundsatz ausschliesslich in Verm\u00f6genswerte investieren, deren Risiken sie hinreichend beurteilen, bewerten, \u00fcberwachen, steuern und in ihre Berichterstattung einbeziehen k\u00f6nnen. So ist zum Beispiel eine kotierte Bundesobligation f\u00fcr einen Versicherer meist gut einsch\u00e4tzbar. Schwieriger ist eine Beteiligung an einem nicht b\u00f6rsenkotierten Infrastrukturprojekt. Dort muss der Versicherer einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, wie gut sich die Anlage verkaufen l\u00e4sst und welche Risiken durch Bauverz\u00f6gerungen, Regulierung oder Zins\u00e4nderungen entstehen.<\/p>\n<p>\u00c4nderungen gab es auch beim sogenannten gebundenen Verm\u00f6gen eines Versicherers. Dieses dient dazu, die Anspr\u00fcche der Versicherten sicherzustellen. Wenn ein Versicherer beispielsweise Renten oder Schadenleistungen zahlen muss, sollen daf\u00fcr gen\u00fcgend geeignete Verm\u00f6genswerte vorhanden sein. Vor der Revision gab eine detaillierte Liste vor, welche Anlagen geeignet sind und welche nicht. Neu stehen Aspekte wie Sicherheit, Qualit\u00e4t, Liquidit\u00e4t, Rentabilit\u00e4t und Diversifikation des Portfolios als Ganzes im Vordergrund. Ausserdem muss die Anrechnung von komplexen Anlagen zum gebundenen Verm\u00f6gen von der Finma genehmigt werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Neuer Standard f\u00fcr qualifizierte Lebensversicherungen<\/h2>\n<p>Eine weitere wichtige Neuerung betrifft die Angemessenheits&shy;pr\u00fcfung bei qualifizierten Lebensversicherungen \u2013 also bei Produkten, bei denen Versicherungsnehmende ein Verlustrisiko tragen. Versicherer, Vermitt&shy;lerinnen und Vermittler m\u00fcssen vor dem Abschluss abkl\u00e4ren, ob das angestrebte Versicherungsprodukt f\u00fcr die Versicherungsnehmenden angemessen ist. Konkret bedeutet das, dass sie pr\u00fcfen m\u00fcssen, ob ihre Kundinnen und Kunden die Risiken der Anlage verstehen und diese tragen k\u00f6nnen und ob die Laufzeit des Vertrags mit den Anlagezielen \u00fcbereinstimmt.<\/p>\n<p>Eine fondsgebundene Lebensversicherung kann zum Beispiel f\u00fcr eine j\u00fcngere Person mit langem Anlagehorizont geeignet sein. F\u00fcr eine Person kurz vor der Pensionierung, die ihr Kapital bald ben\u00f6tigt und Verluste vermeiden m\u00f6chte, kann dasselbe Produkt unangemessen sein. Diese Angemessenheitspr\u00fcfung muss l\u00fcckenlos dokumentiert werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Strengere Anforderungen f\u00fcr Versicherungsvermittler<\/h2>\n<p>Vermittlerinnen und Vermittler sind h\u00e4ufig die wichtigste Ansprechperson beim Abschluss einer Versicherung. Darum versch\u00e4rft die Revision auch die Anforderungen an deren Aus- und Weiterbildung. So m\u00fcssen sie \u00fcber h\u00f6here berufliche F\u00e4higkeiten und Kenntnisse verf\u00fcgen. Alle Mitarbeitenden m\u00fcssen sich immer wieder weiterbilden, um auf dem neusten Stand der Versicherungsprodukte und der gesetzlichen Anforderungen zu bleiben. Das verbessert Fachkenntnisse und Beratungsqualit\u00e4t. Alle zwei Jahre m\u00fcssen Vermittlerinnen und Vermittler einen schriftlichen Onlinetest absolvieren und sich rezertifizieren lassen. Das kommt auch den Versicherungsnehmenden zugute.<\/p>\n<p>Ein weiterer Punkt betrifft die Verg\u00fctung der Vermittlerinnen und Vermittler im Bereich der Zusatzversicherung bei der Krankenkasse. Provisionen k\u00f6nnen Fehlanreize schaffen, wenn sie dazu f\u00fchren, dass nicht das passende, sondern das besonders gut entsch\u00e4digte Produkt empfohlen wird. Seit September 2024 sind zentrale Bestimmungen der Branchenvereinbarung \u00abVermittler\u00bb allgemeinverbindlich. Vermittlungsentsch\u00e4digungen d\u00fcrfen grunds\u00e4tzlich h\u00f6chstens 16 Nettomonatspr\u00e4mien pro Abschluss betragen. Zudem werden interne und externe Vermittler gleichbehandelt. Damit soll verhindert werden, dass Entsch\u00e4digungen anders deklariert und die Vorgaben umgangen werden.<\/p>\n<p>Die Revision von VAG und AVO st\u00e4rkt so den Schutz der Versicherungsnehmenden. Gleichzeitig gibt sie den Versicherungen mehr Eigenverantwortung. Das geht Hand in Hand mit h\u00f6heren Anforderungen an Transparenz, Sorgfalt und Beratung. Entscheidend ist nun die konsequente Umsetzung \u2013 denn sie bestimmt, ob der Kundenschutz im Alltag tats\u00e4chlich sp\u00fcrbar wird. Daf\u00fcr braucht es den Aufbau von Praxiserfahrung sowie einen aktiven Austausch mit der Versicherungsbranche.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Versicherungen werden streng \u00fcberwacht, um Versicherte vor Verlust und Missbrauch zu sch\u00fctzen. Versicherte m\u00fcssen darauf vertrauen k\u00f6nnen, dass sie beispielsweise fair beraten werden oder das Unternehmen finanziell solide ist. 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