{"id":221642,"date":"2026-07-09T07:00:36","date_gmt":"2026-07-09T05:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=221642"},"modified":"2026-07-09T10:03:33","modified_gmt":"2026-07-09T08:03:33","slug":"exportrisikoversicherung-im-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/07\/exportrisikoversicherung-im-wandel\/","title":{"rendered":"Exportrisikoversicherung im Wandel"},"content":{"rendered":"<p>Die Weltwirtschaft wird unsicherer: Geopolitische Spannungen, bewaffnete Konflikte und protektionistische Tendenzen erschweren den internationalen Handel und verringern die Planbarkeit f\u00fcr Unternehmen. Als offene und stark exportorientierte Volkswirtschaft trifft diese Entwicklung die Schweiz im Kern.<\/p>\n<p>Auch im internationalen Umfeld der Exportkreditversicherungen ist ein tiefgreifender Wandel zu beobachten. Zahlreiche staatliche Export Credit Agencies (ECAs) dehnen ihr T\u00e4tigkeitsfeld weit \u00fcber die klassische Absicherung einzelner Exportgesch\u00e4fte hinaus aus. Sie verfolgen zunehmend industrie- und geopolitische Ziele mit strategischen Programmen, Rohstoff- und Importfinanzierungen sowie mit ungebundenen Finanzierungen, die nicht direkt an Exportgesch\u00e4fte gekoppelt sind. Dies f\u00fchrt zu einer wachsenden Erosion des \u00abOECD-Konsens\u00bb f\u00fcr Exportkredite.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a> Das ist eine freiwillige und nicht bindende \u00dcbereinkunft der OECD-Mitgliedsstaaten, die einen unfairen Subventionswettbewerb verhindern soll. Wer sich daran h\u00e4lt, steht im Einklang mit den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO). Erschwerend kommt hinzu, dass wichtige globale Wettbewerber ausserhalb der OECD, wie zum Beispiel China, nicht an dieses Regelwerk gebunden sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr Schweizer Exporteure versch\u00e4rft sich dadurch der internationale Wettbewerb erheblich. Sie konkurrieren direkt mit Unternehmen aus anderen Industrienationen, deren Angebote h\u00e4ufig durch umfassende staatliche Finanzierungs- und Absicherungsl\u00f6sungen unterst\u00fctzt werden. Dabei entscheidet heute oft nicht mehr allein die Qualit\u00e4t des Produkts, sondern die F\u00e4higkeit, dem K\u00e4ufer ein konkurrenzf\u00e4higes Finanzierungspaket anzubieten. Die Schweizerische Exportrisikoversicherung (Serv) versteht sich ausdr\u00fccklich nicht als industriepolitisches Instrument des Bundes. Dennoch braucht es im Ergebnis gleich lange Spiesse f\u00fcr Schweizer Exporteure.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Serv als Exportf\u00f6rderinstrument des Bundes<\/h2>\n<p>Zahlreiche Exportgesch\u00e4fte k\u00e4men ohne die Serv gar nicht erst zustande. Die Serv ist die staatliche Exportrisikoversicherung der Schweiz. Sie versichert die Exportgesch\u00e4fte von Schweizer Unternehmen, also Waren und Dienstleistungen, gegen politische Risiken und Zahlungsausf\u00e4lle. Das heisst, sie entsch\u00e4digt eine versicherte Exporteurin oder eine finanzierende Bank, wenn ein K\u00e4ufer im Ausland aus politischen oder wirtschaftlichen Gr\u00fcnden nicht zahlen kann oder will.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: Um dem Klimawandel entgegenzuwirken, m\u00fcssen sich die Staaten von fossilen Energietr\u00e4gern schrittweise l\u00f6sen. Das gilt auch f\u00fcr den Kosovo: Um die Abh\u00e4ngigkeit von Kohle zu reduzieren, wird dort ein Windpark gebaut, der die Stromversorgung f\u00fcr rund 50\u2019000 Personen sicherstellen soll. Realisiert wird das Projekt von der Calik Enerji Swiss als Generalunternehmerin. Erg\u00e4nzend kommen acht Schweizer Unternehmen als Zulieferfirmen dazu. Die Serv sichert die Transaktion mit einer K\u00e4uferkreditversicherung<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><\/a> f\u00fcr eine Laufzeit von 15 Jahren ab. Es ist das erste Windkraftprojekt, das die Serv unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel: Die CD Group setzt auf die Spitzenqualit\u00e4t der Schweizer Schokolade. Aus Le Locle NE exportiert das familiengef\u00fchrte KMU seine typisch schweizerischen Produkte in zahlreiche L\u00e4nder und beliefert sowohl Duty-free-Shops weltweit als auch Grossh\u00e4ndler und lokale Gesch\u00e4fte. Auch wenn diese Exporte oft in begrenzten Mengen und mit kurzen Lieferfristen erfolgen, sind sie dennoch mit einem erheblichen Zahlungsausfallrisiko verbunden. Um ihre Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit abzusichern, arbeitet die CD Group seit vielen Jahren eng mit der Serv zusammen. Mithilfe von Lieferantenkreditversicherungen kann das Unternehmen seine Bestellungen versichern, insbesondere in Schwellenl\u00e4ndern. Falls die ausl\u00e4ndischen K\u00e4ufer nicht zahlen, springt die Serv ein und entsch\u00e4digt die CD Group f\u00fcr den Zahlungsausfall.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Subsidiarit\u00e4t als oberstes Gebot<\/h2>\n<p>Die Serv ist subsidi\u00e4r t\u00e4tig, das heisst, sie bietet ihre Versicherungen in Erg\u00e4nzung zu den Leistungen privater Versicherer an. Sie versichert Risiken, die nicht marktf\u00e4hig sind oder f\u00fcr die keine ad\u00e4quate private Versicherungsangebote verf\u00fcgbar sind. Es handelt sich tendenziell um Versicherungen f\u00fcr kleinere Gesch\u00e4fte mit bonit\u00e4tsm\u00e4ssig schwachen Gegenparteien oder um Gesch\u00e4fte mit einer Dauer von bis zu 22 Jahren.<\/p>\n<p>Bei der Unterscheidung von marktf\u00e4higen und nicht marktf\u00e4higen Risiken orientiert sich die Serv an der Europ\u00e4ischen Kommission: Die EU definiert kurzfristige Exportkredite mit einer Dauer von unter zwei Jahren f\u00fcr Exporte in EU-L\u00e4nder und in bestimmte OECD-Mitgliedsstaaten mit hohem Einkommen als marktf\u00e4hige Risiken. In diesen F\u00e4llen versichert die Serv nur dann, wenn die Exporteure zwei Absagen des privaten Versicherungsmarkts vorlegen. Mit anderen Worten: Die Serv springt dort ein, wo private Anbieter das Risiko nicht tragen wollen oder k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Versicherungssumme der Serv nahm seit 2024 sprunghaft zu<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class='chart chart--normal' id='SCHULZE-BERGMANN_07-2026'><\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n\n$('#SCHULZE-BERGMANN_07-2026').highcharts({\n\ncolors: [ \"#5a7298\", \"#f07c2c\", \"#66b6bc\", \"#fbc65f\", \"#8a2a1d\", \"#2d5b52\"],\n\nchart: {\n    type: 'column'\n},\n\ntitle: {\n    text: ''\n},\n\nsubtitle: {\n    text: ''\n},\n\nlegend: {\n    enabled: false\n},\n\nxAxis: {\n    categories: [2017, 2018, 2019, 2020, 2021, 2022, 2023, 2024, 2025],\n    title: {\n        text: ''\n    }\n},\n\nyAxis: {\n    title: {\n        text: 'Versicherungssumme in Millionen Franken'\n    },\n    labels: {\n        formatter: function () {\n            return Highcharts.numberFormat(this.value, 0, ',', \"'\");\n        }\n    }\n},\n\ntooltip: {\n    useHTML: true,\n    formatter: function () {\n        return '<b>' + this.x + '<\/b><br>' +\n               Highcharts.numberFormat(this.y, 0, ',', \"'\") + ' Mio. 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Gerade in L\u00e4ndern mit hohen Zinsen oder eingeschr\u00e4nktem Zugang zu Kapital kann dies den Ausschlag geben, ob ein Schweizer Unternehmen \u2013 egal ob KMU oder Grossunternehmen \u2013 einen Auftrag gewinnt.<\/p>\n<p>Die Serv ist nicht steuerfinanziert und arbeitet eigenwirtschaftlich. Sie deckt sowohl ihre Betriebskosten als auch ihre Schadenaufw\u00e4nde \u00fcber die Einnahmen aus risikogerechten Versicherungspr\u00e4mien. Das \u00fcbergeordnete Ziel des Serv-Mandats ist es, Arbeitspl\u00e4tze in der Schweiz zu schaffen und zu erhalten sowie die Teilnahme der Schweizer Exportwirtschaft am internationalen Wettbewerb zu f\u00f6rdern. Eine <a href=\"https:\/\/www.serv-ch.com\/de\/ueber-uns\/news\/detail\/serv-schafft-und-erhaelt-bis-zu-21000-arbeitsplaetze-in-der-schweiz\/\">Studie<\/a> aus dem Jahr 2023 zeigte auf, dass die Serv j\u00e4hrlich bis zu 21\u2019000 Arbeitspl\u00e4tze in der Schweiz schafft und sichert. Zudem erm\u00f6glicht sie zus\u00e4tzliche Exporte, insbesondere in von der OECD als risikoreich eingestufte Regionen. Ende 2025 belief sich das gesamte Versicherungsvolumen der Serv auf rund 11,4 Milliarden Franken (siehe Abbildung). Die Versicherungssumme f\u00fcr eine einzelne Exporttransaktion kann zwischen mehreren Tausend Franken und mehreren Hundert Millionen Franken gross sein. Ein Mindestvolumen f\u00fcr eine Serv-Versicherung gibt es nicht. Die Maximalgr\u00f6sse h\u00e4ngt von den verbundenen Risiken ab.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Teilrevision des Serv-Gesetzes<\/h2>\n<p>Der Bundesrat hat im Oktober 2025 beschlossen, eine Teilrevision des Exportrisikoversicherungsgesetzes (ServG) in Auftrag zu geben. Damit will er die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Schweizer Exportwirtschaft in einem anspruchsvolleren internationalen Umfeld sichern. Die Vernehmlassung ist f\u00fcr das laufende Jahr vorgesehen.<\/p>\n<p>Die Teilrevision verfolgt zwei Ziele: Einerseits sollen insbesondere KMU einfacher und mit geringerem administrativem Aufwand Zugang zu den Leistungen der Serv erhalten. Andererseits soll die Revision mehr gesetzliche Flexibilit\u00e4t schaffen, damit die Serv ihre Versicherungsprodukte schneller an neue Marktbedingungen und internationale Entwicklungen anpassen kann. Vor dem Hintergrund der aktuellen Krisen und Herausforderungen und angesichts des zunehmend intensiven Wettbewerbs gewinnt diese Weiterentwicklung der Serv als Instrument zur Sicherung von Schweizer Wertsch\u00f6pfung und Arbeitspl\u00e4tzen zus\u00e4tzlich an Bedeutung.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe die <a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/en\/topics\/arrangement-and-sector-understandings.html\">Website<\/a> der OECD.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Da der ausl\u00e4ndische K\u00e4ufer die Maschinen nicht sofort bezahlt oder bezahlen kann, leiht er sich das Geld bei einer Bank mit einem K\u00e4uferkredit. Die Bank hat nun das Risiko, dass der ausl\u00e4ndische K\u00e4ufer das Geld nicht zur\u00fcckzahlt. Genau gegen dieses Risiko versichert sich die Bank mit einer K\u00e4uferkreditversicherung bei der Serv. Siehe auch die <a href=\"https:\/\/www.serv-ch.com\/de\/leistungen\/fuer-finanzinstitute\/kaeuferkreditversicherung\/\">Website<\/a> der Serv.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Weltwirtschaft wird unsicherer: Geopolitische Spannungen, bewaffnete Konflikte und protektionistische Tendenzen erschweren den internationalen Handel und verringern die Planbarkeit f\u00fcr Unternehmen. Als offene und stark exportorientierte Volkswirtschaft trifft diese Entwicklung die Schweiz im Kern. Auch im internationalen Umfeld der Exportkreditversicherungen ist ein tiefgreifender Wandel zu beobachten. 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