{"id":221785,"date":"2026-07-14T07:00:43","date_gmt":"2026-07-14T05:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=221785"},"modified":"2026-07-14T09:14:47","modified_gmt":"2026-07-14T07:14:47","slug":"die-elementarschadenversicherung-vereint-solidaritaet-und-wettbewerb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/07\/die-elementarschadenversicherung-vereint-solidaritaet-und-wettbewerb\/","title":{"rendered":"Die Elementarschadenversicherung vereint Solidarit\u00e4t und Wettbewerb"},"content":{"rendered":"<p>Die Elementarschadenversicherung existiert schon seit der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Sie sichert Sch\u00e4den durch Naturereignisse m\u00f6glichst fl\u00e4chendeckend und zu bezahlbaren Pr\u00e4mien ab. Versichert sind neun klar definierte Naturgefahren: Hochwasser, \u00dcberschwemmung, Sturm, Hagel, Lawinen, Schneedruck, Felssturz, Steinschlag und Erdrutsch. F\u00fcr diese Gefahren gelten schweizweit dieselben Deckungen und Bedingungen. Nicht fl\u00e4chendeckend versichert sind hingegen Erdbeben, auch wenn diese trotz unterschiedlichem Risikoprofil als zehnte Gefahr in die bestehende Elementarschadenversicherung eingeschlossen werden k\u00f6nnten. F\u00fcr die Erdbebenversicherung steht allerdings eine breite Palette freiwilliger Versicherungsl\u00f6sungen zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Ziel der Elementarschadenversicherung ist es, die finanziellen Folgen von Naturkatastrophen nicht prim\u00e4r dem Staat zu \u00fcberlassen, sondern sie \u00fcber ein solidarisch organisiertes Versicherungssystem, den Elementarschadenpool, zu tragen. Dank der privatwirtschaftlichen Versicherungsl\u00f6sung k\u00f6nnen die finanziellen Auswirkungen grosser Naturereignisse weitgehend von den hierzulande t\u00e4tigen Versicherungsgesellschaften \u00fcbernommen werden. Nur so kann eine fl\u00e4chendeckende Versicherungsdurchdringung bei Naturgefahren erreicht werden. Voraussetzung daf\u00fcr ist einerseits die Solidarit\u00e4t der Versicherten untereinander, andererseits die Solidarit\u00e4t zwischen den Versicherern.<\/p>\n<p>Die Solidarit\u00e4t unter den Versicherten zeigt sich darin, dass die Pr\u00e4mien der Elementarschadenversicherung schweizweit einheitlich sind \u2013 unabh\u00e4ngig von der regional unterschiedlichen Gef\u00e4hrdungslage. So ist die Pr\u00e4mie f\u00fcr eine Eigentumswohnung in Genf mit einer Versicherungssumme von 500\u2019000 Franken gleich hoch wie jene eines landwirtschaftlichen Geb\u00e4udes im Urserntal im Kanton Uri mit gleicher Versicherungssumme, obwohl das Naturgefahrenrisiko im Kanton Uri deutlich h\u00f6her ist als dasjenige in Genf. Dadurch bleibt die Jahrespr\u00e4mie \u2013 in diesem Beispiel 160 Franken \u2013 f\u00fcr alle tragbar.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Die Solidarit\u00e4t unter den Versicherten zeigt sich darin, dass die Pr\u00e4mien der Elementarschadenversicherung schweizweit einheitlich sind.<\/span><\/p>\n<p>Die Solidarit\u00e4t zwischen den Versicherungsgesellschaften erfolgt \u00fcber einen Schadenausgleich im erw\u00e4hnten Elementarschadenpool. Gesellschaften mit \u00fcberdurchschnittlich hohen Sch\u00e4den werden von weniger stark betroffenen Gesellschaften entsch\u00e4digt. Der Pool selbst tr\u00e4gt kein eigenes Risiko, sondern dient ausschliesslich dem Ausgleich zwischen den Gesellschaften. Zus\u00e4tzlich kauft der Pool R\u00fcckversicherungsschutz auf dem globalen R\u00fcckversicherungsmarkt ein. Derzeit besteht dieser aus einer sogenannten Stop-Loss-Deckung mit einer Limite von 1,25 Milliarden Franken und einem Selbstbehalt von 550 Millionen Franken. Damit profitieren Bev\u00f6lkerung und Wirtschaft von den Effizienzvorteilen der globalen Risikostreuung.<\/p>\n<p>Diese doppelte Solidarit\u00e4t entstand nicht prim\u00e4r aus ethischen \u00dcberlegungen, sondern aus versicherungstechnischer Notwendigkeit. Gleichzeitig f\u00fcgt sie sich nahtlos in die politische und gesellschaftliche Kultur der Schweiz ein, die von F\u00f6deralismus, sprachlicher und regionaler Vielfalt, Minderheitenschutz sowie einem ausgepr\u00e4gten Verst\u00e4ndnis von Eigenverantwortung gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Die Elementarschadenversicherung deckt Risiken von Privatpersonen und Unternehmen in der ganzen Schweiz. Bei den Geb\u00e4uden besteht dabei ein f\u00f6deral gepr\u00e4gtes System: In den sogenannten Gustavo-Kantonen \u2013 Genf, Uri, Schwyz, Tessin, Appenzell Innerrhoden, Wallis und Obwalden \u2013 wird die Geb\u00e4udeversicherung von privaten Versicherern angeboten. In den \u00fcbrigen Kantonen sind daf\u00fcr die kantonalen Geb\u00e4udeversicherungen zust\u00e4ndig. Die Versicherung beweglicher Sachen wie Hausrat, Betriebseinrichtungen oder Waren wird jedoch nahezu schweizweit von privaten Versicherern angeboten.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Alles, was gegen Feuer versichert ist, ist automatisch auch gegen Elementarsch\u00e4den gedeckt.<\/span><\/p>\n<p>Sowohl die Pr\u00e4mien als auch die Versicherungsleistungen sind einheitlich geregelt. Der Deckungsumfang der Elementarschadenversicherung ist gesetzlich festgelegt, insbesondere im Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG Art. 33) sowie in der Aufsichtsverordnung (AVO Art. 171\u2013181). Die Eidgen\u00f6ssische Finanzmarktaufsicht (Finma) \u00fcberwacht die Tarife und achtet darauf, dass diese kostengerecht ausgestaltet sind. Der Staat beteiligt sich weder am Risiko, noch stellt er Garantien bereit. Seine Aufgabe beschr\u00e4nkt sich darauf, den gesetzlichen Rahmen f\u00fcr die Elementarschadenversicherung festzulegen. Alles, was gegen Feuer versichert ist, ist automatisch auch gegen Elementarsch\u00e4den gedeckt. Durch diese obligatorische Kopplung der Elementarschaden- an die Feuerversicherung wird eine fl\u00e4chendeckende Abdeckung erreicht: In Deutschland beispielsweise muss die Elementarschadendeckung meist freiwillig als Zusatzbaustein abgeschlossen werden, weshalb insbesondere bei Hochwassern eine erhebliche Versicherungsl\u00fccke besteht.<\/p>\n<p>Gleichzeitig bleibt der Wettbewerb erhalten. Da die Feuerversicherung nicht reguliert ist und die Elementarschadenversicherung obligatorisch mit ihr gekoppelt wird, k\u00f6nnen die Versicherten ihre Anbieter frei w\u00e4hlen. Sie profitieren von unterschiedlichen Pr\u00e4mienraten, Dienstleistungen und Zusatzdeckungen im Rahmen der kombinierten Feuer- und Elementarschadenversicherung.<\/p>\n<p>Das Schweizer Versicherungssystem gegen Naturgefahren vereint damit, was oft als Gegensatz erscheint: Solidarit\u00e4t und Wettbewerb. Gerade diese Kombination ist der Schl\u00fcssel zu seiner fl\u00e4chendeckenden Versicherungsdurchdringung, seiner finanziellen Effizienz und seiner internationalen Vorbildfunktion. Das macht das Schweizer Versicherungssystem f\u00fcr Naturkatastrophen weltweit einzigartig.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Elementarschadenversicherung existiert schon seit der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Sie sichert Sch\u00e4den durch Naturereignisse m\u00f6glichst fl\u00e4chendeckend und zu bezahlbaren Pr\u00e4mien ab. 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