{"id":221801,"date":"2026-07-28T05:00:40","date_gmt":"2026-07-28T03:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=221801"},"modified":"2026-07-28T05:00:47","modified_gmt":"2026-07-28T03:00:47","slug":"coopetition-skigebiete-sollten-mehr-zusammenarbeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/07\/coopetition-skigebiete-sollten-mehr-zusammenarbeiten\/","title":{"rendered":"Coopetition: Skigebiete sollten mehr zusammenarbeiten"},"content":{"rendered":"<p>Wettbewerb wird in der Wirtschaft oft mit Kampfbegriffen beschrieben. Von \u00abKampf um Kunden\u00bb, \u00abVerdr\u00e4ngungswettbewerb\u00bb oder \u00abPreiskampf\u00bb ist die Rede. Der Grund: In einer klassischen Marktwirtschaft agieren die Unternehmen meist gegeneinander. Dahinter steht die Vorstellung, dass Unternehmen prim\u00e4r ihre eigenen Interessen verfolgen \u2013 und der Wettbewerb daf\u00fcr sorgt, dass Ressourcen m\u00f6glichst effizient eingesetzt werden.<\/p>\n<p>Wirtschaftliche Beziehungen lassen sich aber nicht nur \u00fcber Wettbewerb organisieren. Die Transaktionskostentheorie zeigt, dass Kooperationen \u2013 verstanden als gemeinsame Aktivit\u00e4ten, um eine Strategie zu verfolgen \u2013 \u00f6konomisch sinnvoll sein k\u00f6nnen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Wenn zum Beispiel ein Skigebiet ein Gesamtangebot aus Ticket und Skischule anbieten m\u00f6chte, stehen grunds\u00e4tzlich zwei Optionen offen: Entweder kooperiert das Skigebiet mit einer Skischule und \u00abkauft\u00bb die Leistungen auf dem Markt ein. Oder das Skigebiet rekrutiert eigene Skilehrerinnen und Skilehrer. W\u00e4hrend die Kosten f\u00fcr den Unterricht bei beiden Optionen vielleicht gleich hoch ausfallen, verursachen im zweiten Fall Suche, Verhandlung, Qualit\u00e4tskontrolle und Abrechnung Transaktionskosten, die h\u00f6her sind als bei einer Marktl\u00f6sung.<\/p>\n<p>In der wirtschaftlichen Realit\u00e4t l\u00e4sst sich zudem ein weiteres Ph\u00e4nomen beobachten: Organisationen, die gleichzeitig konkurrieren und kooperieren. In der Fachliteratur spricht man dabei von \u00abCoopetition\u00bb \u2013 einem Kofferwort aus den englischen Begriffen \u00abCooperation\u00bb und \u00abCompetition\u00bb. Beispielsweise stehen Apple und Samsung in einem solchen paradoxen Verh\u00e4ltnis zueinander. Die beiden Unternehmen konkurrenzieren sich im Smartphone-Markt. Dennoch ist Samsung ein wichtiger Lieferant f\u00fcr iPhone-Displays.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Coopetition-Konstellationen finden sich auch bei grossen Bauvorhaben, vielfach erkennbar an der Bezeichnung \u00abArge\u00bb (Arbeitsgemeinschaft). Hier spannen verschiedenen Unternehmen f\u00fcr ein einzelnes Bauprojekt zusammen, weil diese Firmen allein nicht \u00fcber die ben\u00f6tigten Mitarbeitenden, Fahrzeuge, Materialien, Bauger\u00e4te etc. verf\u00fcgen. So kommt es vor, dass ein Bauunternehmen mit einem anderen einen Autobahnabschnitt saniert und beide zur gleichen Zeit um einen Bauauftrag f\u00fcr ein Mehrfamilienhaus k\u00e4mpfen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Theorie dahinter<\/h2>\n<p>Wissenschaftlich bekannt wurde das Coopetition-Konzept vor allem durch das 1996 erschienene Buch von Adam Brandenburger und Barry Nalebuff. Basierend auf der Spieltheorie beschreiben die Autoren<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>, wie mehrere Akteure (\u00abSpieler\u00bb) gemeinsam mehr Marktwachstum erzielen und die daraus generierte Wertsch\u00f6pfung (\u00abMehrwert\u00bb) untereinander aufteilen.<\/p>\n<p>Die Forschung nennt sowohl Potenziale als auch Risiken des Konzepts.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Positive Effekte sind typischerweise sich erg\u00e4nzende Ressourcen. Gemeint sind etwa Maschinen, Personal, Finanzen oder Know-how, die von mehreren Unternehmen genutzt werden, um Produkte oder Dienstleistungen besser oder g\u00fcnstiger zu entwickeln, zu produzieren, zu vermarkten und zu verkaufen. Bei Coopetition-Projekten von Skigebieten sind dies oft Kombitickets f\u00fcr mehrere Destinationen (zum Beispiel Arosa und Lenzerheide seit 2014 oder der \u00abAlpspass\u00bb von Adelboden-Lenk, Aletsch-Arena, Engelberg-Titlis und der Jungfrau-Ski-Region seit 2025). Gleichzeitig kann Coopetition auch Kosten verursachen: etwas durch Interessenskonflikte, Misstrauen und opportunistisches Verhalten der Akteure.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Coopetition im Schweizer Wintertourismus<\/h2>\n<p>Im Rahmen einer qualitativen Studie haben wir an der Z\u00fcrcher Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Potenzial und Risiken von Coopetition im Schweizer Wintersporttourismus untersucht. Trotz der volkswirtschaftlich hohen Bedeutung f\u00fcr die Schweiz hat Coopetition im Tourismus bislang wenig Beachtung erhalten. Jeder f\u00fcnfte Franken wird in den Bergregionen direkt oder indirekt durch den Tourismus erwirtschaftet, und jede vierte Person ist dort in der Branche besch\u00e4ftigt.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Die wirtschaftliche Relevanz zeigt sich auch am Umsatz der Seilbahnunternehmen von \u00fcber 900 Millionen Schweizer Franken im Winter 2024\/2025.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> Im Weiteren verdeutlichen die \u00dcbernachtungen den Stellenwert des Wintersporttourismus: In der Wintersaison 2025\/2026 verzeichneten Hotels mit 18,7 Millionen Logiern\u00e4chten einen neuen Rekord.<a href=\"#footnote_8\" id=\"footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Doch viele Betriebe im Wintersporttourismus stehen vor einer ungewissen Zukunft. Denn aufgrund des Klimawandels nimmt die Schneesicherheit kontinuierlich ab, wodurch Destinationen unter 1500 Metern \u00fcber Meer in ihrer Existenz gef\u00e4hrdet sind.<a href=\"#footnote_9\" id=\"footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor\">[9]<\/a> Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, setzen viele Skigebiete auf technische Beschneiung. Allerdings: Diese Investitionskosten f\u00fchren wiederum zu einer erheblichen wirtschaftlichen Belastung f\u00fcr die Destinationen.<\/p>\n<p>Zudem ver\u00e4ndert die Digitalisierung das Verhalten der G\u00e4ste. Sie vergleichen Angebote einfacher, buchen kurzfristiger und erwarten aktuelle Informationen zu Wetter, Schnee, Preisen und Verf\u00fcgbarkeiten. F\u00fcr einzelne Skigebiete ist es aufwendig, solche digitalen Angebote allein bereitzustellen. Gemeinsame L\u00f6sungen k\u00f6nnen deshalb attraktiver werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Neue Strategien erforderlich<\/h2>\n<p>Deshalb m\u00fcssen sich die Destinationen mit Strategien auseinandersetzen, die \u00fcber die klassische Wachstumslogik hinausgehen.<a href=\"#footnote_10\" id=\"footnote-anchor_10\" class=\"inline-footnote__anchor\">[10]<\/a> Eine solche ist Coopetition. Gerade in der wettbewerbsintensiven Tourismusbranche sind die Marktteilnehmer stark abh\u00e4ngig voneinander. So ist etwa ein Skigebiet mit ausgezeichneten Pistenkilometern umso attraktiver f\u00fcr Kunden, wenn es \u00fcber gute Restaurants, Bars, Lebensmittell\u00e4den und weitere erg\u00e4nzende Angebote verf\u00fcgt. Hier kann Coopetition eine Schl\u00fcsselrolle spielen, um zukunftsf\u00e4hige Strukturen zu entwickeln.<a href=\"#footnote_11\" id=\"footnote-anchor_11\" class=\"inline-footnote__anchor\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Das Ziel unserer Studie war es, spezifische Potenziale und Risiken zu eruieren, die eine erfolgreiche Coopetition-Wertsch\u00f6pfung im Wintersporttourismus beeinflussen. Dazu f\u00fchrten wir zw\u00f6lf strukturierte Interviews mit Expertinnen und Experten aus der Branche, darunter Gesch\u00e4fts- und Verwaltungsratsmitglieder von Bergbahnen und Tourismusdestinationen. Insgesamt kommen wir zum Schluss, dass destinationsu\u0308bergreifende Angebote die Resilienz des Wintersporttourismus st\u00e4rken k\u00f6nnen. Ein Beispiel daf\u00fcr sind etwa Arosa und die Lenzerheide: Durch die Verkn\u00fcpfung zweier eigenst\u00e4ndiger Destinationen entstand ein gemeinsamer Erlebnisraum mit gr\u00f6sserer Angebotsvielfalt, einer erh\u00f6hten internationalen Sichtbarkeit und einer breiteren Risikostreuung. Gleichzeitig bleiben beide Destinationen eigenst\u00e4ndige Wettbewerber. Das macht die Kooperation zu einem typischen Coopetition-Beispiel.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Erfolgreiche Coopetition-Strategie: So gehts<\/h2>\n<p>Aus den Gespr\u00e4chen haben wir Handlungsempfehlungen abgeleitet, welche zentral sind f\u00fcr eine erfolgreiche Coopetition.<\/p>\n<p>Im Kern steht der Mehrwert f\u00fcr die G\u00e4ste. Durch die B\u00fcndelung komplement\u00e4rer Leistungen, etwa bei Bergbahnen, Infrastruktur, Beherbergung, Gastronomie und Freizeitangeboten, entsteht ein integriertes Destinationserlebnis, das f\u00fcr G\u00e4ste attraktiver ist als die isolierten Angebote einzelner Player. Gleichzeitig erm\u00f6glicht die Zusammenarbeit, dass das Angebot strategisch erweitert wird. Gemeinsame Produkte und Leistungen wie etwa regions\u00fcbergreifende Skip\u00e4sse, vernetzte Skigebiete oder abgestimmte Marketingkampagnen vergr\u00f6ssern den Erlebnisraum f\u00fcr G\u00e4ste und st\u00e4rken die Wettbewerbsf\u00e4higkeit beider Destinationen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus kann Coopetition die Innovationsf\u00e4higkeit von Wintersportorten erh\u00f6hen. Herausforderungen wie etwa die Digitalisierung betreffen viele Destinationen gleichzeitig. Beispiele sind etwa gemeinsame Buchungs- und G\u00e4stekartenplattformen oder die Entwicklung von gemeinsamen Mobilit\u00e4ts- und Ticketingsystemen. Sie lassen sich gemeinsam oft effizienter angehen. Durch geb\u00fcndelte Ressourcen und Know-how k\u00f6nnen L\u00f6sungen entwickelt werden, die wirksamer sind als isolierte Einzelinitiativen.<\/p>\n<p>Die langj\u00e4hrige Zusammenarbeit zwischen Arosa und der Lenzerheide zeigt exemplarisch, dass eine klare Governance, gegenseitiges Vertrauen und die bewusste Wahrung der jeweiligen Identit\u00e4ten entscheidende Erfolgsfaktoren sind, um durch Coopetition nachhaltigen Mehrwert f\u00fcr G\u00e4ste und Partner zu schaffen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Williamson (1981).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Brandenburger und Nalebuff (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Brandenberger und Nalebuff (1996).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Siehe Gernsheimer et al. (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Siehe Gernsheimer et al. (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Siehe Swissinfo (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Siehe Seilbahnen Schweiz (2025).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_8\" class=\"footnote--item\">Siehe BFS (2026).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_9\" class=\"footnote--item\">Siehe NZZ (2024).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_10\" class=\"footnote--item\">Siehe Egger (2024).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_10\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_11\" class=\"footnote--item\">Siehe Chim-Miki und Batista-Canino (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_11\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wettbewerb wird in der Wirtschaft oft mit Kampfbegriffen beschrieben. 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International Business Review, 26(6), 1208\u20131217.<\/li>\r\n \t<li>Egger, T. (2024). Beyond Snow \u2013 Zukunft des alpinen Tourismus. Swissfuture 51(1), 25\u201328.<\/li>\r\n \t<li>Gernsheimer, O., D. K. Kanbach und J. Gast (2021). Coopetition Research \u2013 A Systematic Literature Review on Recent Accomplishments and Trajectories. Industrial Marketing Management, 96, 113\u2013134.<\/li>\r\n \t<li>NZZ (2024). Klimawandel im Alpenraum: Wie Skigebiete unter 1500 m \u00fcberleben k\u00f6nnten. 12. November.<\/li>\r\n \t<li>Seilbahnen Schweiz (2025). <a href=\"https:\/\/www.seilbahnen.org\/service\/publikationen\">Fakten und Zahlen<\/a>.<\/li>\r\n \t<li>Swissinfo (2020). <a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/wirtschaft\/tourismus-und-wintersport_das-weisse-gold-schwergewicht-der-alpinen-wirtschaft\/46226838\">Das \u00abweisse Gold\u00bb, Schwergewicht der alpinen Wirtschaft<\/a>.<\/li>\r\n \t<li>Williamson, O. E. (1981). 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