{"id":222222,"date":"2026-08-28T07:00:32","date_gmt":"2026-08-28T05:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=222222"},"modified":"2026-08-28T16:53:36","modified_gmt":"2026-08-28T14:53:36","slug":"versicherungen-regulierung-muss-verhaeltnismaessig-und-wirksam-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/08\/versicherungen-regulierung-muss-verhaeltnismaessig-und-wirksam-sein\/","title":{"rendered":"Versicherungen: Regulierung muss verh\u00e4ltnism\u00e4ssig und wirksam sein"},"content":{"rendered":"<p>Seien es EU-Vorschriften wie das Aufsichtsregime f\u00fcr Versicherungen Solvency II, die Versicherungsvertriebsrichtlinie und Anforderungen an die digitale Resilienz oder Schweizer Vorgaben zum Datenschutz oder zur Nachhaltigkeitsberichterstattung: Seit rund zehn Jahren haben die regulatorischen Anforderungen an Versicherungsunternehmen im deutschsprachigen Raum deutlich zugenommen. Das zeigt eine neue Befragung von 51 Versicherungsunternehmen aus der Schweiz, Deutschland und \u00d6sterreich, die auf den Zeitraum von 2014 bis 2024 fokussiert. Knapp 70 Prozent der befragten Unternehmen stammen aus der Schweiz. Aus Deutschland und \u00d6sterreich sind es je 15 Prozent.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Erg\u00e4nzt wurde die Befragung durch eine Analyse der Aufsichtskosten der Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) sowie ihrer Schwesterorganisationen, der deutschen Bundesanstalt f\u00fcr Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und der \u00f6sterreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA). Die Analyse der Aufsichtskosten umfasst die Zeit von 2002 bis 2024.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Bei der Befragung f\u00e4llt insbesondere auf: Kein einziges der befragten Unternehmen berichtet von einer abnehmenden regulatorischen Last in den vergangenen f\u00fcnf Jahren. Und auch f\u00fcr die Zukunft erwarten die Befragten eine weitere Zunahme \u2013 insbesondere bei den Themen k\u00fcnstliche Intelligenz, Cybersicherheit und Nachhaltigkeitsberichterstattung. Zwar hat die EU mit den Omnibus-Paketen erste Vereinfachungen angek\u00fcndigt, in der Praxis sind diese Entlastungen bei den Versicherern aber noch nicht sp\u00fcrbar.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Stark steigende Aufsichtskosten<\/h2>\n<p>Hinter den d\u00fcsteren Zukunftseinsch\u00e4tzungen der Unternehmen stecken messbare Zahlen. So stiegen etwa die Ausgaben der deutschen Bafin, welche die Einhaltung der entsprechenden Regulierungen in der Banken- und Versicherungsbranche \u00fcberwacht, zwischen 2013 und 2024 um durchschnittlich 7,6 Prozent pro Jahr. Die Kosten der \u00f6sterreichischen FMA wuchsen im selben Zeitraum um 4,7 Prozent. Deutlich moderater, aber dennoch klar steigend war das Kostenwachstum der Schweizer Finma mit 2,3 Prozent. Die Aufsichtskosten und ihr Wachstum betreffen nicht nur die Versicherungsbranche, sondern auch Banken und Wertpapiere.<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen der Schweiz und den beiden anderen deutschsprachigen L\u00e4ndern ist kein Zufall: Um sicherzustellen, dass Versicherer auch schwere Krisen mit gen\u00fcgend Kapital \u00fcberleben und die Finanzstabilit\u00e4t nicht gef\u00e4hrden, wenden Deutschland und \u00d6sterreich das regelbasierte Solvency-II-Modell an, das aufwendige Berichte und Dokumentationspflichten verlangt. Hinzu kommen in den beiden L\u00e4ndern vielf\u00e4ltige weitere EU-Regulierungen wie die zu Beginn erw\u00e4hnten. Die dadurch entstehenden Kosten tragen letztlich die Versicherten \u00fcber steigende Pr\u00e4mien.<\/p>\n<p>Auch die Schweiz will das Insolvenzrisiko der Versicherer reduzieren und die Finanzstabilit\u00e4t sichern. Allerdings hat sie daf\u00fcr einen anderen Weg gew\u00e4hlt: Mit dem Swiss Solvency Test (SST) setzt sie auf einen prinzipienbasierten Ansatz. Der Unterschied: Der SST l\u00e4sst den Unternehmen mehr Eigenverantwortung, wie sie die Anforderungen umsetzen wollen. Die Berichterstattung ist weniger schematisch als unter Solvency II; im Zentrum steht der j\u00e4hrliche SST-Bericht, erg\u00e4nzt durch allf\u00e4llige Zusatzberichte. Die Schweizer Aufsicht gilt gegen\u00fcber der EU als \u00e4quivalent. Nur EU-Gesellschaften von Schweizer Versicherungsgruppen m\u00fcssen die Solvency-II-Regulierung befolgen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Kleinversicherer werden st\u00e4rker belastet<\/h2>\n<p>Bemerkenswert ist auch, wie ungleich die Kosten zur Einhaltung der Pflichten sind. Kleine Versicherungsunternehmen tragen laufende Compliancekosten von rund 40\u2019600 Franken<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> pro 100 Millionen Franken Pr\u00e4mienvolumen. Grosse Unternehmen kostet die Pflichterf\u00fcllung nur etwa 7400 Franken f\u00fcr dasselbe Pr\u00e4mienvolumen \u2013 also rund ein F\u00fcnftel. Der Grund: Viele Anforderungen sind auf grosse, international t\u00e4tige Konzerne zugeschnitten. F\u00fcr einen kleinen regionalen Versicherer bedeutet das umfangreiche Pflichtenheft im Verh\u00e4ltnis zu seiner Gr\u00f6sse einen deutlich gr\u00f6sseren Aufwand \u2013 selbst wenn es gewisse Abstufungen nach Unternehmensgr\u00f6sse gibt.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnism\u00e4ssigkeitsprinzip, das sowohl in der EU- wie auch in der Schweizer Regulierung verankert ist, entfaltet in der Praxis offenbar nur wenig Wirkung. Dieses Ungleichgewicht besteht seit Jahren und hat sich nicht verbessert. Die Schweizer Finma hat mit dem sogenannten Kleinversicherungsregime und einem eigens eingerichteten Kleinversicherungssymposium zwar erste Schritte unternommen, um kleinere Unternehmen gezielt zu entlasten. Ob diese Massnahmen greifen, wird sich aber erst zeigen m\u00fcssen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Schweizer Vorteil droht zu erodieren<\/h2>\n<p>Im L\u00e4ndervergleich steht die Schweiz klar besser da. Schweizer Versicherungsunternehmen bewerten die Regulierungsqualit\u00e4t im Mittel mit 3,4 von 5 Punkten; Deutschland erreicht 2,6. \u00d6sterreich ist mit 3,3 Punkten zwar fast gleichauf, aber nur in der Schweiz ist das Kosten-Nutzen-Verh\u00e4ltnis positiv. In Deutschland und \u00d6sterreich ist es negativ. Besonders deutsche Unternehmen beurteilen die Auswirkungen der Regulierung auf die Wettbewerbsf\u00e4higkeit mit dem schlechtestm\u00f6glichen Wert von minus zwei auf einer Skala von minus zwei bis plus zwei.<\/p>\n<p>Der Vorteil der Schweiz geht unter anderem auf den Swiss Solvency Test zur\u00fcck. Dieser ist prinzipienbasiert, das heisst, er erlaubt es den Unternehmen, ihre Risiken mit eigenen Modellen abzubilden, statt starre Vorgaben zu befolgen. Das setzt Eigenverantwortung voraus und schafft Raum f\u00fcr Innovation \u2013 etwa bei der Bepreisung neuer Cyberrisiken oder bei innovativen Produkten wie parametrischen Deckungen, die bei einem definierten Ereignis automatisch auszahlen. Allerdings beobachten auch Schweizer Versicherer eine zunehmende Formalisierung: Complianceteams halten sich lieber an explizite Vorgaben, als eigene L\u00f6sungen zu entwickeln. Die urspr\u00fcngliche Philosophie des Swiss Solvency Test droht dadurch in der Praxis teilweise ausgeh\u00f6hlt zu werden.<\/p>\n<p>Der Schweizer Vorteil ist eng mit der Standortattraktivit\u00e4t verbunden. Allerdings beurteilen Schweizer Versicherer die Auswirkungen der Regulierung auf den Finanzplatz gerade noch knapp positiv. In Deutschland und \u00d6sterreich ist das Urteil klar negativ. Das sind Signale, die \u00fcber die Versicherungsbranche hinausgehen: Wenn Regulierung als Standortnachteil wahrgenommen wird, leidet die Wettbewerbsf\u00e4higkeit des gesamten Finanzplatzes.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Standortvorteil halten \u2013 aber wie?<\/h2>\n<p>Aus den Ergebnissen der Analyse lassen sich drei Handlungsempfehlungen ableiten. Erstens: Die Aufsichtsbeh\u00f6rden aller drei L\u00e4nder sollten den Umfang und die Tiefe der Pr\u00fcfungen sowie die Meldepflichten noch st\u00e4rker am tats\u00e4chlichen Risikogehalt ausrichten. Das heisst konkret: Versicherer mit einfachem, risikoarmem Gesch\u00e4ftsmodell sollten weniger h\u00e4ufig und weniger detailliert berichten m\u00fcssen. Intensive Pr\u00fcfungen sollten sich auf Unternehmen konzentrieren, deren Schieflage die Versicherten oder die Finanzstabilit\u00e4t ernsthaft treffen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Zweitens braucht es bessere Konsultationsverfahren: Wenn Beh\u00f6rden neue Vorgaben erarbeiten, kann die Branche heute zwar Stellung nehmen, sie erf\u00e4hrt aber oft nicht, was mit ihren Eingaben geschieht. Verbindliche Antworten auf diese Eingaben und transparent begr\u00fcndete Entscheide st\u00e4rken das Vertrauen und die Qualit\u00e4t der Regulierung. Und drittens: Neue Regulierungen brauchen von Anfang an messbare Ziele, damit nach einigen Jahren auch gepr\u00fcft werden kann, ob der Aufwand gerechtfertigt war.<\/p>\n<p>Gute Regulierung sch\u00fctzt die Versicherten und st\u00e4rkt die Finanzstabilit\u00e4t. Aber: Sie sollte verh\u00e4ltnism\u00e4ssig sein \u2013 und regelm\u00e4ssig auf ihre Wirksamkeit hin \u00fcberpr\u00fcft werden. Im Vergleich zu Deutschland und \u00d6sterreich zeigt die Schweiz dabei die beste Ausgangslage. Diesen Standortvorteil zu erhalten, ist die gemeinsame Aufgabe von Aufsichtsbeh\u00f6rden, Gesetzgeber und Versicherern. Der Vorteil h\u00e4ngt davon ab, ob sie die Prinzipienlogik konsequent leben und weiterentwickeln. Unsere Analyse legt nahe, dass insbesondere eine verh\u00e4ltnism\u00e4ssigere Aufsicht je nach Unternehmensgr\u00f6sse und die Wirkungsevaluation noch mehr Aufmerksamkeit verdienen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">L\u00e4ndervergleiche sind daher als Tendenzaussagen zu verstehen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">F\u00fcr die vollst\u00e4ndige Analyse siehe Oertle, D. und M. Eling (2026). <a href=\"https:\/\/www.ivw.unisg.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Studie_Wirksame-regulierung_Martin-Eling.pdf\">Wirksamkeit und Effizienz der Versicherungsregulierung in der deutschsprachigen Assekuranz<\/a>. I.VW Schriftenreihe, Band 74. Universit\u00e4t St. Gallen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Die Angaben zu den Kosten nach Unternehmensgr\u00f6sse beruhen auf einer kleineren Teilstichprobe und sind entsprechend vorsichtig zu interpretieren.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seien es EU-Vorschriften wie das Aufsichtsregime f\u00fcr Versicherungen Solvency II, die Versicherungsvertriebsrichtlinie und Anforderungen an die digitale Resilienz oder Schweizer Vorgaben zum Datenschutz oder zur Nachhaltigkeitsberichterstattung: Seit rund zehn Jahren haben die regulatorischen Anforderungen an Versicherungsunternehmen im deutschsprachigen Raum deutlich zugenommen. 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