{"id":222441,"date":"2026-09-03T07:00:38","date_gmt":"2026-09-03T05:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=222441"},"modified":"2026-09-03T16:20:39","modified_gmt":"2026-09-03T14:20:39","slug":"was-ist-an-der-nachhaltigkeit-oekonomisch-mehr-als-man-denkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/09\/was-ist-an-der-nachhaltigkeit-oekonomisch-mehr-als-man-denkt\/","title":{"rendered":"Was ist an der Nachhaltigkeit \u00f6konomisch? Mehr, als man denkt"},"content":{"rendered":"<p>2015 verabschiedeten alle 193 Mitgliedsstaaten der UNO auf ihrem Nachhaltigkeitsgipfel in New York die Agenda 2030 f\u00fcr nachhaltige Entwicklung. Kernst\u00fcck sind die 17 Nachhaltigkeitsziele oder \u00abSustainable Development Goals\u00bb (SDGs), wie man sie auf Englisch nennt. Diese beinhalten insgesamt 169 Unterziele, welche bis 2030 erreicht werden sollen.<\/p>\n<p>Nachhaltigkeit bezieht sich dabei nicht nur auf Umweltthemen, sondern auf alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit: \u00f6kologische, gesellschaftliche und \u00f6konomische Nachhaltigkeit. Die \u00f6kologische Nachhaltigkeit fordert einen schonenden Umgang mit der Natur. Dazu geh\u00f6ren insbesondere Klimaschutz, der Erhalt der Biodiversit\u00e4t und die nachhaltige Nutzung nat\u00fcrlicher Ressourcen. Die gesellschaftliche Nachhaltigkeit zielt darauf ab, allen Menschen ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe zu erm\u00f6glichen. Zentrale Themen sind Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit, Armutsbek\u00e4mpfung und soziale Sicherheit, um langfristige gesellschaftliche Stabilit\u00e4t zu sichern. Die \u00f6konomische Dimension schliesslich soll die wirtschaftlichen Grundlagen k\u00fcnftigen Wohlstands sichern. Im Mittelpunkt stehen produktive Investitionen, solide \u00f6ffentliche Finanzen und der effiziente Einsatz von Arbeit, Kapital und nat\u00fcrlichen Ressourcen.<\/p>\n<p>Die Schweiz hat f\u00fcr die nationale Umsetzung der Agenda 2030 im Jahr 2021 ihre aktualisierte <a href=\"https:\/\/www.are.admin.ch\/de\/sne\">Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030<\/a> (SNE 2030) verabschiedet. Die SNE 2030 b\u00fcndelt die drei Nachhaltigkeitsdimensionen in drei Schwerpunkten: nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion; Klima, Energie und Biodiversit\u00e4t; sowie Chancengleichheit und sozialer Zusammenhalt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der grosse Irrtum<\/h2>\n<p>Nachhaltigkeit im Allgemeinen und die Agenda 2030 im Speziellen werden h\u00e4ufig als gesellschafts- und umweltpolitisches Projekt verstanden, das Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft in Einklang bringen soll. Dahinter steht die verbreitete Vorstellung, wirtschaftliche Interessen st\u00fcnden im Widerspruch zu \u00f6kologischen und sozialen Zielen. Wenn zum Beispiel \u00fcber strengere Klimaziele diskutiert wird, lautet ein h\u00e4ufiges Argument, dass dies zwar gut sei f\u00fcr das Klima, aber schlecht f\u00fcr die Wirtschaft.<\/p>\n<p>Aus \u00f6konomischer Sicht ist diese Sichtweise jedoch \u00fcberraschend un\u00f6konomisch. Denn die Wirtschaftswissenschaften sind eben nicht nur der \u00f6konomischen Dimension der Nachhaltigkeit zuzuordnen. Als Wissenschaft bietet die \u00d6konomie vielmehr eine Methodik, um die Zielkonflikte zwischen teilweise unvereinbaren Zielen zu analysieren.<\/p>\n<p>Die Kernaufgabe der \u00d6konomik besteht darin, knappe Ressourcen effizient einzusetzen. Zugleich liefert sie die Werkzeuge, um zu analysieren, wer von einer Verteilung profitiert oder ihre Kosten tr\u00e4gt \u2013 welche Verteilung gesellschaftlich gew\u00fcnscht ist, entscheidet letztlich die Politik, nicht die \u00d6konomik selbst. Das zeigte sich am Schweizer CO<sub>2<\/sub>-Gesetz: Die Stimmbev\u00f6lkerung lehnte es 2021 auch deshalb ab, weil die vorgesehene R\u00fcckverteilung der Abgabe als zu wenig greifbar galt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Effiziente Nutzung und Verteilung des CO<sub>2<\/sub>-Budgets<\/h2>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr, wie die \u00d6konomie als Analyseinstrument dienen kann, ist das Nachhaltigkeitsziel Nummer 13 zum Klimaschutz. Der menschengemachte Klimawandel ist zun\u00e4chst ein klassisches Externalit\u00e4tenproblem: Die CO<sub>2<\/sub>-Emittenten tragen die von ihnen verursachten Klimasch\u00e4den nicht vollst\u00e4ndig. Aus diesem Grund stossen sie mehr CO<sub>2<\/sub> aus, als gesellschaftlich optimal w\u00e4re.<\/p>\n<p>Weil sich Klimasch\u00e4den aus dem kumulativen CO<sub>2<\/sub>-Bestand in der Atmosph\u00e4re ergeben, l\u00e4sst sich das Problem zus\u00e4tzlich als Bewirtschaftung eines knappen, sich ersch\u00f6pfenden Emissionsbudgets verstehen. Dieses bezeichnet die Menge an Emissionen, die noch mit einem bestimmten Klimaziel vereinbar ist. Wie gross dieses Budget ausf\u00e4llt, ist keine feste Gr\u00f6sse: Das Pariser Abkommen begn\u00fcgt sich mit einer Temperaturspanne von 1,5 bis 2 Grad, und je nach gew\u00e4hlter Grenze und Erfolgswahrscheinlichkeit ergeben sich stark unterschiedliche Restbudgets. Die Effizienzfrage lautet dann: Wie l\u00e4sst sich dieses Budget mit m\u00f6glichst geringen volkswirtschaftlichen Kosten einhalten?<\/p>\n<p>Bei der Verteilung des CO<sub>2<\/sub>-Budgets sind zwei Ebenen zu unterscheiden: Erstens geht es darum, wie gross das Emissionsbudget sein soll und welches Klimarisiko die heutige Generation damit k\u00fcnftigen Generationen zumutet. Zweitens stellt sich die Frage, wie das Budget zwischen Haushalten, Unternehmen und L\u00e4ndern aufgeteilt wird. In \u00e4hnlicher Weise lassen sich nahezu alle Nachhaltigkeitsziele als Kombination aus Effizienz- und Verteilungsproblemen interpretieren (siehe Tabelle).<\/p>\n<p>Ein Beispiel aus der gesellschaftlichen Nachhaltigkeit ist die Bildung. Sie erzeugt positive externe Effekte, weshalb ohne staatliche F\u00f6rderung tendenziell zu wenig investiert wird \u2013 das ist die Effizienzfrage. Wer trotz gleicher Begabung schlechteren Zugang zu Bildung hat, verliert Chancen unabh\u00e4ngig von eigener Leistung \u2013 das ist die Verteilungsfrage.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit und ihre \u00f6konomischen Implikationen<\/h2>\n<table class=\"content-table\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><strong>Dimension<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><strong>Typisches Effizienzproblem<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><strong>Typische Verteilungsfrage<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><strong>Umwelt<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\">Umwelt- und Ressourcen-externalit\u00e4ten<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\">Wie gross soll das Emissionsbudget sein, und wie viel Klimarisiko schieben wir auf k\u00fcnftige Generationen?<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><strong>Gesellschaft<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\">Unterinvestitionen in Bildung, Gesundheit und Institutionen<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\">Wer hat bei gleicher Begabung Zugang zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe \u2013 und wer nicht?<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><strong>Wirtschaft<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\">Ineffiziente Nutzung von Arbeit, Kapital und nat\u00fcrlichen Ressourcen<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\">Wie sollen Einkommen und Verm\u00f6gen zwischen Haushalten und Generationen verteilt werden?<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Eine \u00f6konomische Agenda<\/h2>\n<p>Die Agenda 2030 ist in diesem Sinne h\u00f6chst \u00f6konomisch: Sie fragt, wie knappe Ressourcen so eingesetzt werden k\u00f6nnen, dass gesellschaftliche Ziele m\u00f6glichst effizient erreicht werden, und wie die damit verbundenen Kosten und Nutzen verteilt werden.<\/p>\n<p>Unter diesem Blickwinkel erscheinen die UNO-Nachhaltigkeitsziele auch nicht mehr als ein rein willk\u00fcrliches Sammelsurium von 17 politischen Wunschzielen. Vielmehr betreffen sie gerade jene Bereiche, in denen Effizienz- und Verteilungsprobleme in modernen Gesellschaften besonders ausgepr\u00e4gt sind, wie beispielsweise in der Klima- oder der Bildungspolitik.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Der \u00f6konomische Blick hilft<\/h2>\n<p>Was bringt der \u00f6konomische Blick auf die Agenda 2030? Nat\u00fcrlich l\u00f6sen sich die Zielkonflikte zwischen \u00abWirtschaft\u00bb und \u00abNachhaltigkeit\u00bb nicht in Luft auf. Die \u00d6konomik hilft jedoch, sie zu pr\u00e4zisieren. Die relevante Frage lautet dann nicht mehr: Wirtschaft oder Nachhaltigkeit? Sondern: Welche Ressourcen sind knapp? Wo lieget ein Marktversagen vor? Welche Verteilung wird angestrebt? Und mit welchen Instrumenten lassen sich die Ziele m\u00f6glichst effizient erreichen?<\/p>\n<p>Bei einer strengeren Klimapolitik kann die \u00d6konomie beispielsweise aufzeigen, welche Sektoren wie rasch dekarbonisieren sollen und wer wie viel der Kosten der Energiewende tr\u00e4gt. Der vermeintliche Konflikt zwischen Wirtschaft und Klima entpuppt sich dabei nicht als Widerspruch zwischen \u00d6konomie und \u00d6kologie, sondern als Verteilungskonflikt \u2013 zwischen heutigen und k\u00fcnftigen Generationen, zwischen Sektoren sowie zwischen den Tr\u00e4gern der Kosten und den Nutzniessern der Energiewende.<\/p>\n<p>Damit kehren wir zu den beiden Ausgangsfragen zur\u00fcck: Wie nutzen wir knappe Ressourcen effizient? Und wie verteilen wir die damit verbundenen Kosten und Nutzen? Wirtschaft und Nachhaltigkeit stehen sich dabei nicht gegen\u00fcber. Sie sind Teil derselben Aufgabe \u2013 und bis 2030 bleiben uns nur noch vier Jahre.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2015 verabschiedeten alle 193 Mitgliedsstaaten der UNO auf ihrem Nachhaltigkeitsgipfel in New York die Agenda 2030 f\u00fcr nachhaltige Entwicklung. Kernst\u00fcck sind die 17 Nachhaltigkeitsziele oder \u00abSustainable Development Goals\u00bb (SDGs), wie man sie auf Englisch nennt. Diese beinhalten insgesamt 169 Unterziele, welche bis 2030 erreicht werden sollen. 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